Themen: Sicherheit
24. August 2016

Sicherheit im Schienenverkehr - So sicher ist der Zug

Bei dem tragischen Zusammenprall zweier Züge zwischen Andria und Corato in Italien kamen jüngst zahlreiche Menschen ums Leben. Und erst im Februar sorgte bei uns das schwere Zugunglück nahe dem bayerischen Bad Aibling für große Trauer und Anteilnahme. Unfälle im Schienenverkehr passieren im Gegensatz zu Unfällen auf der Straße wesentlich seltener, die Bilder der Zugunglücke allerdings begegnen uns prominent im Fernsehen und im Internet.

Wie sicher ist die Bahn also? Im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln zeigt sich, dass die Bahn die größte Sicherheit bietet. Eine Fahrt mit dem Auto ist 63 Mal gefährlicher, legt man die zurückgelegten Kilometer und die Zahl der bei Unfällen verunglücken Personen zugrunde. In diesem Artikel stellen wir Ihnen die wichtigsten Sicherheitssysteme im Schienenverkehr vor und erklären, warum der Zug nach wie vor das sicherste Verkehrsmittel in unserem Alltag ist.

Zuverlässig geprüft: Hohe Sicherheitsvorgaben für Züge

Sicherer Zug: Hier wird das Fahrwerk eines ICE gewartet
Regelmäßige Kontrolle: Hier wird das Fahrwerk eines ICE gewartet
Eisenbahnhersteller müssen hohe Sicherheitsauflagen beim Bau von Loks und Waggons einhalten, dies gilt insbesondere für die Wagenkästen, also für Rahmen und Fahrgestelle der Züge. Europaweit gilt seit dem Jahr 2008 die DIN 15227, die die Sicherheitsansprüche an Schienenfahrzeuge bei Zusammenstößen mit Gegenständen festlegt. Hierin werden zahlreiche bauliche Maßnahmen vorgeschrieben, die den Innenraum für Lokführer und Fahrgäste so sicher wie möglich machen, z.B. besonders steife Chassis und Absorber und Puffer, die die Aufprallenergie aufnehmen und ableiten. Je schneller ein Zug fahren kann, desto härter sind die Sicherheitsauflagen. Alle sicherheitsrelevanten Merkmale eines Zugs werden vor seiner Zulassung und danach regelmäßig geprüft.

Das Schienennetz und die Bahnen werden permanent überwacht

Schon bevor der Fahrgast in den Zug einsteigt, ist für die Sicherheit der Reise gesorgt. Jede Fahrt eines Zuges ist genau geplant und mit den Fahrplänen anderer Bahnen abgestimmt. Das Schienennetz in Deutschland hat derzeit eine Streckenlänge von knapp 38.000 Kilometern und wird nonstop überwacht, so dass stets gewährleistet ist, dass Eisenbahnen immer in einem ausreichend großen Sicherheitsabstand zueinander verkehren. Diese Überwachung findet mittels Sensoren statt, die in Zügen, Gleisen und Kontrollpunkten verbaut sind und ihre Daten an die Kontrollinstanzen senden.

Die Züge stets im Blick: Ein Experte in der Betriebsleitzentrale sorft für Sicherheit im Schienenverkehr
Die Züge stets im Blick: Ein Experte in der Betriebsleitzentrale der Deutschen Bahn

Geplant und überwacht werden Zugfahrten von der Transportleitung der Deutschen Bahn, die in Leitstellen aufgeteilt ist. In den Leitstellen laufen alle Informationen über Züge und Strecken zusammen. Die Bundeszentrale befindet sich in Frankfurt am Main, weitere Leitstellen sind z.B. in Hannover, Berlin, Duisburg und München eingerichtet. In Abstimmung mit den Fahrdienstleitern, die den Zugverkehr von Stellwerken, Bahnhöfen und weiteren Betriebsstellen vor Ort überwachen und koordinieren, erhalten die Lokführer dann ihre Fahrerlaubnis. Auch während der Fahrt steht der Lokführer in ständigem Kontakt zu den Leitstellen und erhält Anweisungen. Zusätzlich überwachen technische Systeme alle Schritte des Fahrdienstleiters und des Lokführers.

Lokführer und zahlreiche technische Systeme sorgen für Sicherheit

Grünes Licht: Signale entlang der Strecken informieren den Lokführer
Grünes Licht: Signale entlang der Strecken informieren den Lokführer
Auf der Fahrt orientiert sich der Lokführer an Signalen, die entlang der Strecke installiert sind. So erhält er Informationen über die vor ihm liegende Gleisabschnitte und mit welcher Geschwindigkeit er fahren darf. Neben den Licht- und Scheibensignalen gibt es elektronische Signale, die dem Lokführer in seinem Cockpit angezeigt werden. Die Signale selbst werden durch die Leitstellen gesteuert und kommunizieren auch untereinander.

Die elektronischen Signale sind Bestandteil von modernen Sicherungssystemen bzw. Zugbeeinflussungssystemen. Sie sorgen dafür, dass Züge zum Stehen kommen, wenn Signale nicht beachtet oder die zulässigen Geschwindigkeiten nicht eingehalten werden. Im Schienennetz der Deutschen Bahn sind alle Strecken mit einem Sicherungssystem ausgerüstet. Die beiden wichtigsten Zugbeeinflussungssysteme sind die Punktförmige Zugbeeinflussung (PZB) und die Linienzugbeeinflussung (LZB).

Unter Kontrolle: Züge werden automatisch abgebremst

Bei der Punktförmigen Zugbeeinflussung erfolgt die Überwachung des Zuges punktförmig durch Sensoren am Gleis und am Fahrzeug. Überfährt ein Zug ein haltzeigendes Signal, wird er automatisch gebremst. Außerdem überwacht das System, ob an einem bestimmten Punkt die zulässige Geschwindigkeit des Zuges überschritten wird. So sind an Stellen, an denen ein Zug seine Geschwindigkeit um mehr als 20 Prozent reduzieren muss, beispielsweise weil eine enge Kurve kommt, sogenannte Geschwindigkeitsprüfungen vorgeschrieben. Das heißt: Ist der Zug an den Messpunkten vor der Kurve zu schnell, wird der Zug automatisch gebremst.

Sicherheitssystem PZB: Ein Gleismagnet kann im Notfall eine Zwangsbremsung auslösen
Sicherheitssystem PZB: Ein Gleismagnet kann im Notfall eine Zwangsbremsung auslösen

Bei Geschwindigkeiten über 160 km/h kommt die Linienzugbeeinflussung zum Einsatz, dh. der Zug wird nicht nur punktförmig sondern permanent überwacht und geführt. Da sich aufgrund der höheren Geschwindigkeit auch der Bremsweg des Zuges erhöht, wird der Lokführer über die LZB frühzeitiger über die Signalstellung informiert und zum Bremsen aufgefordert. Gleichzeitig wird auch die Einhaltung der korrekten Geschwindigkeit technisch dauerhaft kontrolliert. Bei Überschreiten der zulässigen Geschwindigkeit greift die Technik automatisch ein und bremst den Zug ab. Doppelte Sicherheit: Wenn dieses System ausfällt, greift automatisch das nächste Sicherungssystem: die PZB. So wird die Sicherheit der Zugfahrt auch in Ausnahmefällen gewährleistet. Im Aufbau ist zur Zeit das europäisches Zugbeeinflussungssystem „European Train Control System“ (ETCS), das einmal die verschiedenen Zugsicherungssysteme in Europa ablösen soll.

Die Sicherheitsfahrschaltung (Sifa) ergänzt die Zugbeeinflussungssysteme PZB und LZB. Die Sifa sorgt dafür, dass ein Zug gebremst wird, wenn der Lokführer während der Fahrt handlungsunfähig wird. Dazu bedient der Lokführer während der Fahrt mindestens alle 30 Sekunden ein Pedal oder einen Taster. Bleibt die Bedienung aus, warnt das System den Lokführer zunächst optisch und akustisch bevor der Zug automatisch gebremst wird.

Sicherheit am Bahnübergang

Welche Sicherungssysteme kommen auf einem Bahnübergang zum Einsatz? Die Schranken an Bahnübergängen werden auf zwei unterschiedliche Arten gesteuert. Vollautomatisch werden sie durch einen Zug selbst bedient, der in einem Sicherheitsbereich rund um einen Bahnübergang Sensoren an den Gleisen passiert, die dann das Heben und Senken der Schranken auslösen. Der Lokführer kontrolliert den Vorgang aus dem fahrenden Zug. Bei der manuellen Steuerung werden die Schranken vom Personal der Stellwerke und der Schrankenposten bedient. Die Kontrolle erfolgt in diesem Fall per Überwachungskamera. Zusätzlich werden einige Bahnübergänge von Radar- und Infrarot-Sensoren (Gefahrenraum-Freimeldeanlage) überwacht. Sollte sich trotz geschlossener Schranke ein Objekt auf einem Bahnübergang befinden, erhält der Lokführer eine Warnung und kann den Zug rechtzeitig bremsen.

Viele Bahnübergänge, die automatisch gesteuert werden, sind durch Halbschranken gesichert. Halbschranken sperren einen Bahnübergang ab, lassen jedoch einen Fluchtweg offen. Allerdings wird dieser Fluchtweg von verantwortungslosen Autofahrern mitunter missbraucht, den Bahnübergang trotz geschlossener Schranken zu überqueren.

Die Ablösung steht bereit: Strikte Einsatzpläne geben Sicherheit

Im Gegensatz zum Straßenverkehr werden die Sicherheitsvorschriften für die Lokführer strikt eingehalten, die Kontrolle ist praktisch lückenlos. Lenk- und Ruhezeiten der Lokführer sind vorgegeben, Verstöße lässt die organisatorische Planung nicht zu. Anders als auf der Straße entscheidet somit letztlich nicht der einzelne Fahrer, wie lange er fährt. Noch ein großes Sicherheitsplus für den Schienenverkehr: Die Bahn ist spurgebunden, ein Abweichen von der Fahrstrecke gibt es nicht.

Unfallrisiko: Die Bahn ist am sichersten

Sicherheit im Zug: Das Verletzungsrisiko ist bei Fahrten mit der Eisenbahn am geringsten
Aufgrund der vielen Sicherheitsmechanismen und den weiteren Stärken des Systems Schiene ist die Bahn das sicherste Verkehrsmittel für unsere Mobilität im Alltag. Das belegen auch die jährlichen Unfallstudien des Statistischen Bundesamtes. Demnach ist das Risiko bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen bei einer Fahrt mit dem Auto 63 Mal höher als bei einer Fahrt mit dem Zug. Das Verletzungsrisiko bei einer Fahrt mit dem Auto ist im Vergleich zur Zugfahrt sogar 113 Mal so hoch. Auch das Flugzeug ist ein sehr sicheres Verkehrsmittel, wird von uns aber wesentlich weniger genutzt.

Hier finden Sie weitere Informationen zum Thema Sicherheit auf der Schiene

Im Video: Warum ist die Schiene so sicher? (2:50 min.)