Die Sieger – Alle auf einen Streich

Eisenbahner mit Herz sind zweifellos viele auf deutschen Schienen unterwegs, aber nur 18 tragen voller Stolz die Ehrennadel, mit der die offiziellen Sieger des Wettbewerbs ausgezeichnet werden. Ob Zugbegleiterin, Lokführer oder Mitarbeiterin der Bordgastronomie, hier sind alle Gewinner der letzten fünf Jahre porträtiert. Darunter auch Herbert Kusche, der jedes Jahr von „seinen“ Fahrgästen als Eisenbahner mit Herz vorgeschlagen wurde, und der sich damit an die Spitze der Nominierungs-Rangliste gesetzt hat.

Sieger 2016: Meister-Eisenbahner für Kunden in Not

Eine Zugbegleiterin, ein Lokführer und ein Reisecenter-Mitarbeiter gewinnen den Titel „Eisenbahner mit Herz 2016“. Erstmals würdigt die Jury auch die herausragenden Leistungen auch auf Landesebene: Acht Bundesländer stellen in diesem Jahr einen Landessieger.

Die Sieger-Gala

Eisenbahner mit Herz 2016 - Die Sieger-Gala

Rund 100 Gäste feierten im Restaurant "Two Buddhas" im Berliner Nordbahnhof die Preisträger der sechsten Auflage des Wettbewerbs "Eisenbahner mit Herz". Neben den drei Hauptsiegern wurden erstmals auch Landessieger gekürt und von ihren Bahnchefs geehrt. Der Gold-Gewinner von 2012, Peter Gitzen, gab ein Ständchen zum Besten.

Video: Eisenbahner mit Herz - Die Sieger-Gala (3:41 min.)

Nominierte 2016

Auch in seinem sechsten Jahr gewann der Wettbewerb weiter an Zuspruch. is zum Einsendeschluss am 31. Januar haben uns über 150 Bahnreisende ihre Geschichte geschickt. Fieberhaft haben die Bahnen ermittelt, die richtigen Mitarbeiter herauszufinden. Keine leichte Aufgabe bei rund 35.000 Angestellten, die in ganz Deutschland täglich im Kundendienst arbeiten. 48 Nominierte gingen im Jahr 2016 ins Rennen: Sie arbeiten in Bahnhöfen oder Zügen aus fast allen Bundesländern.

Um mehr über die Eisenbahner, ihre Geschichten und die Einsender zu erfahren, klicken Sie bitte auf die Bilder. Alle Kandidaten sind nach Bundesländern (alphabetisch) geordnet.

Gold: Lena-Sophia Nobbe

Lena-Sophia Nobbe - Eisenbahner mit Herz 2016 (Gold)
Auf dem Weg von Siegen nach Essen bewahrt Zugbegleiterin Lena-Sophia Nobbe eine Flüchtlingsfamilie vor rassistischen Anfeindungen eines Fahrgasts.
Beitrag lesen

Goldmedaille für Lena-Sophia Nobbe

Umgestiegen auf Zugbegleiterin

Lena-Sophia Nobbe (46) hat in ihrem Berufsleben schon viele Stationen gemeistert. Die gelernte Friseurin aus Castrop-Rauxel mit türkischen Wurzeln arbeitete an der Kasse eines Baumarkts und bei McDonald’s, bevor sie sich bei Abellio bewarb. Es war Liebe auf den ersten Blick, und das Jobangebot aus Hagen kam prompt. Dass sie mit dem neuen Arbeitsplatz auch gleich die Eisenbahn für sich entdeckte, freut die erklärte Autofahrerin besonders. Ihr Mann ist ihr darin gefolgt: Seit zwei Jahren ist er Lokführer im Güterverkehr. Lena-Sophia Nobbe fühlt sich trotzdem als Pionierin: „Ich bin die erste Eisenbahnerin in der Familie.“ Und die Beste.

Die Würdigung der Jury

Moralisches Stoppschild gegen Rassismus

Es ist sicher nicht die Aufgabe von Zugbegleitern, die eigenen Fahrgäste zu erziehen. Umso intelligenter die Reaktion von Lena-Sophia Nobbe. Ohne den Kunden vor den Kopf zu stoßen, hat sie ihm ein moralisches Stoppschild gesetzt. Dass der Einsender selbst nicht wusste, wie er damit umgehen sollte, zeigt die alltägliche Dimension der deutschen „Flüchtlingskrise“. Die Reaktion der Abellio-Mitarbeiterin steht dafür, dass jeder Mensch in unseren Zügen einen guten Platz findet. Die Jury meint: Gold für ein nachahmenswürdiges Verhalten.

Das Interview

„Da hat er sich selber bloßgestellt“

Frau Nobbe, gehen Sie immer so freundlich mit Rassisten um?
Privat wäre mir das nicht gelungen. Rassismus regt mich schrecklich auf. Mein Vater ist Türke, und ich fühle mich von solchen miesen Sprüchen persönlich angegriffen. Allerdings kann ich im Job nicht so reden, wie ich will. Den Fahrgast stellt man nicht bloß. Im Fall dieser syrischen Familie hat der Mann das außerdem schon selber erledigt.
 
Im Internet kursiert ein Video mit einer ähnlichen Szene: Eine Stewardess setzt einen Schwarzen, der schrecklich beschimpft wird, in die Business Class. Kannten Sie den Film?
Ja, und das war für mich auch eine Art Regieanweisung. Natürlich hätte ich nicht gedacht, dass ich mal in diese Lage kommen würde. Aber so wusste ich gleich, was zu tun war: Ich habe den Pöbler beim Wort genommen. Auch während der weiteren Fahrt habe ich alle Ausländer, die sich in seine Nähe setzen wollten, in die erste Klasse gebeten. So voll war es da noch nie. Ich habe gesagt: „Der Herr hier möchte seine Ruhe haben.“
 
Treffen Sie jetzt häufiger Flüchtlinge in Ihren Zügen?
Das spielt im Alltag schon eine Rolle. Erst vor kurzem hat mich ein Junkie angerempelt. Da kamen zwei Flüchtlinge dazu und fragten, ob ich Hilfe brauche. Oder ich hatte eine Gruppe von Marokkanern im Zug. Als ich die Fahrkarten sehen wollte, grinsten sie frech und sagten „Asyl“.
 
Waren die Fahrgäste dabei auch so schweigsam?
Nein, da gab es einen größeren Auflauf. Die einen meinten, das seien doch „arme Jungs“, ich solle die in Ruhe lassen. Andere sagten, ich sei eine „blöde Tussi“ und solle hart durchgreifen.
 
Der Ton unterwegs wird offenbar rauher?
Das kann ich auf jeden Fall beobachten. Und wenn es gar nicht anders geht, setze ich die Leute auch vor die Tür. Nicht jeder Fahrgast ist freundlich, das muss man wissen in meinem Job.
 
Was wäre denn Ihr Traumberuf gewesen?
Eigentlich wollte ich Psychologin werden.
 
Ein wenig klingen Ihren Erfahrungen doch auch jetzt schon nach praktischer Psychologie.
Oh ja. Für meine Fahrgäste bin ich Seelsorgerin und Mutti. Das war auch bei der syrischen Familie so, die ich aus dieser üblen Situation befreit habe. Sie nahmen später immer wieder meine Hand und nannten mich „Mama“.
 
Was bedeutet Ihnen der Titel „Eisenbahnerin mit Herz“?
Ein großes Glück, das ich noch nicht so ganz fassen kann. Aber eins weiß ich schon jetzt: Ich werde zum ersten Mal im Leben nach Berlin kommen.
 

Die Nominierung

"Sie bewies Zivilcourage"

„Eine sehr schöne Geschichte gegen Rassismus. Wir waren gerade in Siegen Richtung Essen losgefahren, als ein älterer Herr lautstark nach der Schaffnerin rief, und sich in Folge über eine Flüchtlingsfamilie ausließ, die in einer Sitzgruppe saß. Er fühle sich diskriminiert, wenn dieses „Pack“ hier sitzen dürfe und er müsse neben ihnen sitzen. Ich fand das total schlimm, hatte aber den Eindruck, mit dieser Meinung alleine zu sein. Die anderen Reisenden im gut gefüllten Zug schauten alle aus dem Fenster. Die Schaffnerin bewies Zivilcourage, als sie den Flüchtlingen, die ob des älteren Herrn schockiert und verängstigt reagierten, erklärte, dass solcherart Benehmen in Deutschland nicht normal sei, und dass es tatsächlich nicht zumutbar sei, neben solchen Leuten sitzen zu müssen. Dann platzierte sie die Familie in der ersten Klasse.“

Wolfram Alster (Frankfurt am Main)

Silber: Fatih Yilmazli

Fatih Yilmazli - Eisenbahner mit Herz 2016 (Silber)
Schützend stellt sich Lokführer Fatih Yilmazli vor seine weiblichen Fahrgäste, die von einem Betrunkenen sexuell belästigt werden.
Beitrag lesen

Silbermedaille für Fatih Yilmazli

Der gewissenhafte Frauenschwarm

In der Dienststelle von DB Regio Freudenstadt ist Fatih Yilmazli (25) der Jüngste. Seit vier Jahren fährt der gebürtige Dornstettener im zentralen Schwarzwald abwechselnd die Triebwagen der Albtal Verkehrsgesellschaft und der Deutschen Bahn. Seine Ausbilder seien „wie Eltern“ für ihn gewesen, sagt der junge Mann, der eigentlich Pilot werden wollte. Die Kollegen vor Ort verraten noch mehr: Ihr „Küken“ sei ein Muster an Gewissenhaftigkeit. Und das Zeug zum Frauenschwarm habe er außerdem. Während Fatih Yilmazli auf die „Richtige“ noch wartet, springt er für seine weiblichen Fahrgäste in die Bresche. Wenn das kein Glücksfall für die Bahn ist.

Die Würdigung der Jury

"Wie ein Ritter alter Schule"

„Fatih Yilmazli hat gehandelt wie ein Ritter alter Schule. Er hat sich zuerst bei den Reisenden erkundigt, ob sie Hilfe bräuchten. Dann hat er überlegt und effizient gehandelt. Ohne dass die Frauen erst den Notrufknopf drücken mussten, hatte der Lokführer jederzeit die Übersicht in seinem Zug. Seit den Silvester-Übergriffen auf der Kölner Domplatte wissen wir, dass solch ein Einsatz für Frauen in Not leider nicht selbstverständlich ist.“

Das Interview

„Ich mag nicht den großen Max spielen““

Herr Yilmazli, haben Sie Augen im Rücken?
Wenn ich auf der Karlsruher Stadtbahn fahre, sitze ich mit meinen Fahrgästen auf gleicher Höhe. Da sehe ich alles, was in meinem Zug passiert. Morgens spiegelt die Frontscheibe noch wunderbar nach hinten.
 
Haben Sie deshalb so schnell bemerkt, dass sich sexuelle Übergriffe in Ihrem Zug ereigneten?
Zuerst dachte ich, es ist ein Betrunkener, der durch den Zug torkelt. Aber dann sah ich, wie er an den Plätzen von verschiedenen Frauen niederkniete und sie bedrängte. Beim nächsten möglichen Haltpunkt bin ich nach hinten gegangen und habe meine Fahrgäste gefragt, ob sie sich belästigt fühlen.
 
Konnten Sie mit dem Mann sprechen?
Schwer, denn er verstand offenbar kein deutsch oder türkisch. Er war nicht nur betrunken, sondern wohl auch mit anderen Drogen abgefüllt. Er war aggressiv und hatte eine Flasche in der Hand.
 
Zu Silvester auf der Domplatte haben viele Passanten einfach weggeschaut. Was haben Sie getan?
Ich bin nicht der Typ, der gerne den großen Max macht, aber mein Vater ist Türke: Schon als kleiner Junge habe ich gelernt, dass Frauen beschützt werden müssen. Also habe ich die weiblichen Fahrgäste zu mir nach vorne in den ersten Wagen geholt. Danach habe ich dann die Polizei verständigt.
 
Passieren Ihnen solche Dinge häufiger?
Das war schon ein Höhepunkt. Meistens reicht es, wenn ich zu einem Störenfried sage: „Das war’s jetzt Freund, sonst kannst du laufen.“ Als der Kerl dann endlich in Handschellen abgeführt wurde, waren alle erleichtert.
 
Ihre Einsenderin attestiert Ihnen eine besonders ritterliche Ausstrahlung. Fühlen Sie sich wie der Kämpe für die Jungfrau in Not?
Ich bin da eher modern.
 
Modern?
Kinder, Jugendliche oder Alte hätte ich genauso beschützt. Ich trage einfach gerne Verantwortung. In unseren Zügen bin ich Lokführer und Zugführer in einem.
 
Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf besonders?
Wenn ich morgens meinen Zug vorbereite, und die Fahrt über zwei wunderschöne Viadukte geht, wenn der Nebel aufsteigt, und ich in die weite Landschaft schaue, dann weiß ich: Das ist Freiheit.

Die Nominierung

"Er hat auf uns aufgepasst"

„Es war an einem Sonntag gegen 6 Uhr als ich meine Reise in Richtung Karlsruhe antrat. Ich fuhr ein paar Stationen, als plötzlich ein stark alkoholisierter Mann in die Bahn stieg. Er lief immer wieder auf und ab und belästigte Frauen. Immer wieder kniete er sich neben diese und fasste sie an, redete auf sie ein und stolperte weiter. Irgendwann kam er auch zu mir und fiel durch das Ruckeln des Zuges fast auf mich drauf. Nach nur ein paar Haltestellen kam ein netter Zugführer und nahm mich und alle Frauen mit in den ersten Wagon, damit er auf uns aufpassen konnte. Er setzte sich mit Leidenschaft für uns Frauen ein und rief am Ende die Polizei, um den Störenfried aus dem Zug zu entfernen. Ich war so erleichtert und heilfroh, dass er mir geholfen hat. Ich will mir gar nicht ausmalen, was hätte passieren können, wenn er nicht da gewesen wäre.“

Lisa Baunack (Freudenstadt)

Bronze: Kevin-Matthew Hauseder

Kevin Hauseder - Eisenbahner mit Herz 2016 (Bronze)
Schon ein ganz Großer im Kundenkontakt. Der jüngste „Eisenbahner mit Herz“, DB-Reisecenter-Mitarbeiter Kevin-Matthew Hauseder, hat den Service-Instinkt.
Beitrag lesen

Bronzemedaille für Kevin-Matthew Hauseder

Schweizer Juniorchef im Reisecenter München

Gerade hat Kevin Hauseder (21) eine gute Nachricht bekommen: Seine Ausbildung bei DB Vertrieb geht bald zu Ende, nun bietet die Bahn ihm einen festen Arbeitsplatz. Kein Wunder: der Junge ist soeben zum jüngsten „Eisenbahner mit Herz“ aller Zeiten gekürt worden. Dass die Einsenderin Kevin Hauseder in ihrem Brief als „Chef des Reisencenters München“ vorgestellt
hat, amüsiert den gebürtigen Schweizer köstlich. „Vom Chef bin ich noch ein bisschen entfernt.“ Aber vorstellen kann er sich einiges: „Ich strebe einen Führungsposten in der Personalbetreuung
an.“ Ziele muss man haben.

Die Würdigung der Jury

Der jüngste "Eisenbahner mit Herz"

Der Auszubildende Kevin Hauseder hat ein getrenntes Liebespaar auf der Rückreise
von Italien mit vielen gekonnten Telefonaten wieder zusammengebracht, anstatt die Fahrgäste mit der Formel „Eigenverschulden“ abzuspeisen. Bronze für einen Service, der sogar einem langgedienten Vertriebsmitarbeiter zur Ehre gereichen würde. Wir prämieren damit den jüngsten „Eisenbahner mit Herz“ in der Geschichte unseres Wettbewerbs.

Das Interview

„Ich habe es einfach gemacht“

Herr Hauseder, wie kommt ein Junge aus den Schweizer Bergen zur Deutschen Bahn?
Von Winterthur, wo ich geboren bin, zum Arbeiten nach Zürich, das hat einfach nicht geklappt. Ich fühlte mich wie ein Landei in der Stadt. Außerdem wollte ich mit zehn noch Staatsanwalt werden. Das hat auch nicht geklappt.

Aber wie kamen Sie auf die Eisenbahn?
Als ich mit der Schule fertig war, nahm ich eine kleine Auszeit. Ich kaufte das Schweizer Genaralabo und fuhr monatelang durchs ganze Land. Jetzt kenne ich 80 Prozent des
Streckennetzes.

Ihre Lieblingsstrecke?
Mit dem Glacier Express nach Zermatt. Seit dieser Fahrt liebe ich die Eisenbahn. Ich bin rumgefahren und habe nicht mehr aufgehört rumzufahren. Das mache ich auch in Deutschland. Gerade war ich Fulda. Einfach so drauflos. Es war eine wunderbare Fahrt. Das Bier in Fulda ist
extrem lecker.

Und was sagt Ihre Familie, dass Sie nach Deutschland ausgewandert sind?
Sie waren entsetzt. „Was macht denn ein Schweizer in Deutschland?“ Wir kennen es ja nur andersrum. Aber für mich stellt sich die Frage nicht. Außer dass mein Schweizer Dialekt mir immer wieder dazwischen kommt, habe ich keine Schwierigkeiten. Meine Freunde sagen, ich sei
geizig wie ein Schwabe und meine Vermieterin in Augsburg hat einen Putzfimmel: Ich fühle mich also sehr wohl.

Und nun sind Sie auch noch „Eisenbahner mit Herz“ geworden.
Da steht mir immer noch der Mund offen. Im DB-Trainingscenter waren immer die Plakate von den Nominierten aufgehängt. Und sofort dachte ich mir: „Auf das Plakat will ich auch.“

Erinnern Sie sich noch an die Geschichte der Kundin?
Kurzfassung?

Ja, bitte.
Gardasee. Frau. Mann. Er: Suchtmensch, Raucher. Zug ist weg. Später: Er drin, ohne Fahrkarte. Sie draußen. Blöd. Ich am Empfang im Reisecenter. Sehe sofort: „Kundeneigenverschulden“.

Respekt: Das war wirklich kurz. Aber „Eigenverschulden“ war nicht Ihr letztes Wort. Dürfen Sie als Azubi überhaupt solche Milde walten lassen?
Ich habe es einfach gemacht. Nennen Sie es: Instinkt.E

Die Nominierung

"Schnell, freundlich und ohne großes Tamtam"

Martina Hiss-Nowacki ist mit ihrem Freund auf der Rückreise vom Gardasee. Weil ihr Liebster ein leidenschaftlicher Raucher ist, bereitet er das Gepäck schon in München Ostbahnhof vor, um
im Hauptbahnhof schnell aussteigen zu können. Das zumindest denkt die Einsenderin. Als der Eurocity in Ostbahnhof abfährt, sieht sie mit Entsetzen, wie ihr Mann bereits auf dem Bahnsteig steht. Am Münchner Hauptbahnhof wartet der Anschluss-ICE. Die Einsenderin wartet vor dem Zug, da ihr Mann telefonisch nicht zu erreichen ist. Gerade als die Türen des ICEs sich geschlossen haben, erreicht sie sein Anruf: „Ich habe es geschafft: Bin drin.“ Und sie? Steht draußen mit allen Fahrkarten und Bahncards, während diesmal er mit dem Zug an ihr vorbeifährt. An der Reisenden-Information sucht die Kundin Trost. DB-Mitarbeiter Kevin Hauseder hört sich amüsiert die Geschichte an, greift zum Telefon, informiert die Besatzung des
fahrenden ICE, hebt die Zugbindung der Tickets auf und organisiert, dass die Liebenden sich in Ingolstadt – diesmal gemeinsam – auf die Weiterreise nach Hamburg machen können. „In Ingolstadt ist dann auch wirklich die glückliche Zusammenführung geglückt, und wir haben Hamburg zwar mit einiger Verzögerung erreicht, die Lacher waren aber eindeutig auf unserer Seite. Ein Beweis, dass es wirklich tolle Mitarbeiter bei der Bahn gibt, die schnell und freundlich, ohne großes Tamtam helfen.“

Martina Hiss-Nowacki (Buxtehude)

Die Landessieger

Landessieger - Eisenbahner mit Herz 2016
Sie retten Hunde vorm Verdursten, Reisende vorm Erfrieren und Pendler vor der Verzweiflung: Auch auf Landesebene hat die Jury herausragende Leistungen gewürdigt.
Beitrag lesen

Baden-Württemberg

Maria Verna - DB Zug Bus RAB

Landessiegerin Baden-Württemberg - Maria Verna - Eisenbahner mit Herz 2016
Nächtliche Hilfe für Flüchtlingsfrau

Eine Reisende aus Somalia hat den falschen Zug erwischt und hätte eine gefahrvolle Nacht vor sich. Zugbegleiterin Maria Verna leiht ihr eine warme Jacke und beschützt die Frau vor
zweifelhaften Hilfsangeboten. Die Jury ist begeistert von diesem herzlichen Eingreifen.

Einsender: David Gaeckle

Bayern

Markus Schmidt - Bayerische Oberlandbahn

Landessieger Bayern - Markus Schmidt - Eisenbahner mit Herz 2016
Der Retter vom Tegernsee

Sturm Niklas wirbelt den Fahrplan durcheinander und schickt eine Gruppe von Asylbewerbern auf eine schier endlose Irrfahrt. BOB-Lokführer Markus Schmidt organisiert einen Ersatzverkehr,
damit die Menschen noch nachts in ihrer Unterkunft ankommen. Die Jury meint: Solch einen Helfer möchte man selber in der Not gern treffen.

Eindender: Erich Wagner

Berlin-Brandenburg

Enrico Gottwald - DB Fernverkehr

Landessieger Berlin-Brandenburg - Enrico Gottwald - Eisenbahner mit Herz 2016
Zauberei beim Rotwein

Wenn Enrico Gottwald im ICE in der ersten Klasse Dienst tut, bekommen viele Fahrgäste, die ihn schon kennen, einen ganz bestimmten Glanz in den Augen. Sogar eine Trainerin für Serviceerlebnisse ist sprachlos: „Der Mann ist ein Zauberer.“ Die Jury kann das aus eigener Erfahrung bestätigen.

Einsenderin: Ira Holl

Hamburg

Anne Feilke - DB Fernverkehr

Landessiegerin Hamburg - Anne Feilke - Eisenbahner mit Herz 2016
Sonderhalt in Fulda rettet Hund

Teurer Abschied von der Ehefrau: Auf einmal ist die Tür zu und der ICE fährt los. Und der Hund sitzt bei brütender Hitze allein im Auto. Zugchefin Anne Feilke hat Mitleid und organisiert einen
Sonderhalt. Den erschöpften Hund kann der Einsender kurz später in die Arme schließen. Der Jury gefällt diese professionelle Hilfestellung.

Einsender: Ernst Bretz

Hessen

Siegbert Giese - HLB Hessische Landesbahn

Landessieger Hessen - Siegbert Giese - Eisenbahner mit Herz 2016
Ein Engel auf Schienen

Wenn es auf den Strecken der HLB mal nicht so rund läuft, kennen die Pendler ein geheimes Gegenmittel: Die Handynummer des Zugbegleiters Siegbert Giese. Und wenn der Fahrplan nicht
hinhaut, kommt es auch vor, dass der Eisenbahner seine Reisenden von selber anruft. „Absolut außergewöhnlich“, lobt die Jury.

Einsender: Alexander Schmidt, Joachim Röser

Niedersachsen

Gero Müller - DB Station & Service Leer

Landessieger Niedersachsen - Gero Müller - Eisenbahner mit Herz 2016
Wenn die Rollstuhl-Rampe versagt

Eine Rollstuhlfahrerin strandet in Begleitung ihrer 80-jährigen Mutter am Bahnhof Leer, weil die Rollstuhlrampe des Zuges versagt. Doch statt Tränen bringt der Abend ein Happy End in Gestalt des Bahnhofsmitarbeiters Gero Müller. Für die Jury eine „reife Leistung“.

Einsender: Axel Röbig

Nordrhein-Westfalen

Werner van de Loo - NordWestBahn

Landessieger Nordrhein-Westfalen - Werner van de Loo - Eisenbahner mit Herz 2016
Siegreich gegen den Taschenräuber

Die Tasche ist weg, aber NordWestBahn-Lokführer Werner van de Loo hat eine Idee: Die Kundin soll ihr eigenes Telefon anrufen. Den Dieb kann er mit Hilfe des Klingelns inflagranti überführen und ihm die Tasche wieder entreißen. „Klug und mutig“, meint die Jury.

Einsenderin: Petra Schwaab-Sebastian

Sachsen-Anhalt

Lars Jaeger - HarzElbeExpress HEX

Landessieger Sachsen-Anhalt - Lars Jaeger - Eisenbahner mit Herz 2016
Handy in Zugverkleidung verschollen

Normalerweise sitzt er als Servicekraft im Bahnhof, aber als die Zugverkleidung das Handy der Kundin geschluckt hat, passt Lars Jaeger den Zug ab und holt das gute Stück höchstpersönlich wieder hervor. Die Jury ist angetan: „Das nennen wir ‚Ärmel hochkrempeln‘“.

Einsenderin: Mandy Wittenbecher

Sieger 2015: Vier Geschichten mit Herz

Zwei Zugbegleiter und zwei Lokführer gewinnen den Titel „Eisenbahner mit Herz 2015“. Die Jury hatte auch in diesem Jahr die Qual der Wahl: Sie kürte die Sieger aus einer Galerie von rund 30 Titel-Kandidaten, die aus fast allen Teilen Deutschlands stammen.

Gold: Ernst Dast

Eisenbahner mit Herz, Goldmedaille für Ernst Dast
Wie Ernst Dast von der Schönbuchbahn nach einem Sturm selbst Hand anlegt und die Strecke von herunter gefallenen Ästen freiräumt.
Beitrag lesen

Goldmedaille für Ernst Dast

Ein umgesattelter Lokführer

Ernst Dast (62) hat in seinem Leben schon einige Stürme überstanden. Mitten im Daimler-Stammland arbeitete der gelernte Automechaniker in einem Autosalon in Filderstadt und fühlte sich unwohl. Als er hörte, dass Bürgerinitiaven auf der Strecke Böblingen – Dettenhausen die stillgelegte Schönbuchbahn wiederbeleben wollten, sattelte der gebürtige Schwabe um und wurde Lokführer. Seine Entscheidung hat er nie bereut. Heute sind die Chefs der Schönbuchbahn auf ihren Ernst besonders stolz. Schließlich schrieb Stammkunde Josef Nickel bis zum denkwürdigen Sturmeinsatz regelmäßig gefürchtete Briefe mit zahllosen Verbesserungsvorschlägen. So ein Lob zählt natürlich doppelt und dreifach.

Die Würdigung der Jury

Gold für einen wahrgewordenen Traum

Störungen im Betriebsablauf“, diese Durchsage kennen Bahnfahrer so gut, dass sie den Text schon im Schlaf mitsingen können. Und während so ein Reisender dann ohnmächtig im Zug sitzt und wartet, dass es endlich weitergeht, wird nicht selten ein Wunschtraum wach: Was, wenn das Zugpersonal die Sache selbst in die Hand nähme und den Zug wieder flott machte? Der Lokführer Ernst Dast hat diesen Traum wahr werden lassen. Und er hat dabei auch noch umsichtig alle Sicherheitsvorschriften eingehalten, die im komplizierten System Eisenbahn natürlich immer zu beachten sind. Er hat der Betriebsleitung Bescheid gesagt, die Fahrgäste zur Ruhe ermahnt, hat seinen Blaumann angezogen und die verkanteten Äste vom Gleis geräumt. Mit solchen Lokführern will man im Sturm unterwegs sein. Kein Wunder, dass der Einsender begeistert war. Wir sind es auch.“

Das Interview

„Da bin ich eine schwarze Wand reingefahren“

Herr Dast, was zeichnet für Sie einen echten Schwaben aus?
Wir können nicht so gut aus uns heraus. Mit dem Ausgelassensein ist es so eine Sache. Aber mein Vorname ist nicht Programm: Ernst, das trifft zum Glück nicht immer zu.

Wie gut erinnern Sie sich noch an die Orkannacht im Oktober 2014?
Es war schon ein ordentlicher Wind an diesem Abend. Vor dem neuen Einkaufszentrum in Böblingen flogen die Plastikstühle durch die Luft. Kurz vor der Haltestelle Heusteigstraße fuhr ich dann in eine schwarze Wand rein. Es waren keine Schienen mehr zu sehen, denn bei einem Baum hatte es einen Teilabriss gegeben. Ich habe dann sofort eine Notbremsung eingeleitet.

Wollten die Fahrgäste nicht helfen?
Doch, einige wollten sofort mit raus. Aber wir standen an einem Bahngraben. Das war zu gefährlich. Ich habe zuerst der Zugleitung Bescheid gesagt, die haben die Feuerwehr gerufen. Leider hatte die an dem Abend viel zu tun. Also schärfte ich den Fahrgästen ein, sitzen zu bleiben, habe meinen Blaumann übergezogen und bin raus, um sehen, was da los war.

Und da lag ein ganzer Baum auf der Strecke.
Das hätte für ein Jahr Kaminholz gereicht. Das Problem war aber, dass das Holz sich unter den Rädern verkantet hatte. So einfach war das nicht wegzukriegen. Also habe ich den Zug zwei Mal vor- und wieder zurückgesetzt und immer neue Äste freigelegt, die ich dann rauszerren konnte.

Hatten Sie nicht zufällig eine Kettensäge in der Tasche?
Sie werden lachen: Als die Schönbuchbahn 1996 gerade wieder reaktiviert worden war, sind wir tatsächlich mit Kettensägen unterwegs gewesen. Ich war auch schon mit dabei, als die Bürger hier vor Ort die Gleise vom Gestrüpp befreit haben, damit das Bähnle wieder fahren kann. Das ist hier eine ländliche Gegend. Hier steht viel Wald an der Strecke.

Also trainieren Sie seit zwanzig Jahren für den heutigen Titel?
So kann man das sehen. Allerdings bin ich trotzdem ein wenig überrascht, dass ich mit so einem Einsatz gewonnen habe. Schließlich wollten nicht nur die Fahrgäste nach Hause. Ich wollte ja selber weiterfahren. Umso mehr freut mich so ein Lob.

Als Fahrgast fühlt man sich eben oft ohnmächtig. Schließlich sitzt ein anderer im Führerhaus.
Für mich sind die Fahrgäste vor allem wissensdurstig. Leider kann ich manchmal nicht selber die Ärmel hochkrempeln, aber dann sorge ich wenigstens für Information. Das ist oft schon sehr viel wert.

Was gefällt Ihnen am besten an Ihrem Job?
Hier auf der Schönbuchbahn sind wir mitten in der Natur: Da gibt es Wildschweinrotten an der Strecke, ich fahre in den schönsten Sonnenaufgang hinein oder sehe wunderbar glitzernde Winterlandschaften. Mit 20 hätte ich das gar nicht bemerkt. In meinem Alter schärft sich der Blick.

Die Nominierung

"Höchstes Lob für tollen Einsatz"

Überragender persönlicher Einsatz des Zugführers auf der Fahrt mit der Schönbuchbahn (WEG) von Böblingen nach Dettenhausen am stürmischen Abend 21.10.14. Zwischen den Haltestellen Böblingen Süd und Heusteigstraße stieß der Regioshuttle mit herabstürzenden Ästen zusammen. Es gab eine Notbremsung, bei der zwar niemand verletzt wurde, allerdings das Fahrzeug beschädigt wurde und zunächst nicht weiterfahren konnte. Sofort machte sich der Fahrer an die Aufräumarbeiten. Nach etwa 45 Minuten konnte die Bahn ihre Fahrt fortsetzen und alle Fahrgäste kamen wohlbehalten zu Hause an. Für diesen tollen Einsatz verdient der Fahrer höchstes Lob.“ 

Josef Nickel (Weil im Schönbuch)

Silber: Kornelia Scherer

Eisenbahner mit Herz 2015, Silbermedaille für Kornelia Scherer
Aus dem fernen England kam die Nominierung für DB-Zugbegleiterin Kornelia Scherer. Sie hatte einem britischen Ehepaar, das gesundheitlich schwer angeschlagen war, Pflege und Zuwendung angedeihen lassen.
Beitrag lesen

Silbermedaille für Kornelia Scherer

Stewardess mit Entertainment-Qualitäten

Bevor Kornelia Scherer (55) vor 15 Jahren den Quereinstieg bei der Deutschen Bahn wagte, war sie Hausfrau, Mutter und jobbte gelegentlich als Gastronomin. Doch die Personaler der Bahn-Tochter Mitropa erkannten seinerzeit das Talent der Frau aus dem niedersächsischen Stade. „Eine gute Bistro-Stewardess ist eine Entertainerin: Wenn es stressig wird, rockt Kornelia das Zugrestaurant“, sagt ihr Gruppenleiter. Kornelia Scherer formuliert es nüchterner: „Nach fast 15 Jahren in der Zuggastronomie gibt’s bei mir keinen Stress mehr. Ich habe zwei Hände, und die wissen, was sie zu tun haben.

Die Würdigung der Jury

Silber für ein Muster an Fürsorglichkeit

Eine erstklassige Gastronomie während der Zugreise gehört in Zeiten, in denen Mobilität oft nur nach dem kleinsten Preis bewertet wird, zur gehobenen Reisekultur. Hier hat die Eisenbahn vor ihren Konkurrenten, Auto und Fernbus, ganz klare Systemvorteile. Erst recht, wenn Gastronomen wie Kornelia Scherer an Bord sind, und ein waches Auge auf die Fahrgäste haben. Ohne dass die Reisenden die Bistro-Stewardess erst um Hilfe bitten mussten, erkannte sie die Notlage. Silber für Kornelia Scherer, die beim Service am Platz erstklassig unterwegs ist. Für so ein Muster an Fürsorglichkeit gibt es zu Recht Lob aus dem Ausland.

Das Interview

"Jetzt werde ich Krankenschwester"

Frau Scherer, was tun Sie, wenn eine Horde betrunkener Fußballfans ins Bordbistro einfällt?
Da gibt es kein Patentrezept. Einmal hatte ich Dienst, da haben Fußballfans das ganze Bistro verwüstet. Sie waren sauer, weil eine Kollegin ihnen kein Bier mehr ausschenken wollte. Die haben Zucker und Milch ausgekippt, die Speisekarten zerrissen, alles herum geschmissen, was nicht festgeschraubt war. Da sagte ich: „Jungs, ihr kriegt euer Bier, aber erst wird hier aufgeräumt.“ Ich habe Müllsäcke verteilt und ruckzuck war das Bistro wieder sauber. Man muss mit den Leuten umzugehen wissen.

Wenn ein Fahrgast die Zeche prellt, laufen Sie dann hinterher?
So schnell bin ich nicht zu Fuß. Aber es kommt schon vor, dass ich die Leute erinnern muss. Sie stehen schon am Ausgang und ich sage dann: „Haben Sie nix vergessen?“ Das ist dann schon ein wenig peinlich für beide Seiten.
 
Und Kunden, die nur einen Sitzplatz wollen, und im Restaurant nichts bestellen?
Die zwinge ich nicht. Ich frage freundlich nach, ob sie nicht ein schönes Frühstück oder einen Kaffee wünschen. Aber wenn das nicht hilft, bin ich kulant.

Als Sie das Ehepaar Gill auf dem Zug hatten, waren Sie aber etwas mehr als kulant.
Ich habe die Leute schon am Bahnsteig bemerkt. Ich stand in der Raucherecke und habe sofort gesehen, dass der Mann schwer krank war. Vielleicht weil mein Mann vor 18 Monaten an einem Herzinfarkt gestorben ist. Seitdem habe ich dafür einen besonderen Blick.

Die Frau hatte sich außerdem den Fuß verstaucht. Was haben Sie da getan?
Wir haben ja keine Notarztausrüstung im Bistro, aber der Knöchel war geschwollen und brauchte Kühlung. Also habe ich unsere guten DB-Papierservietten ins Eisfach gelegt und daraus perfekt anschmiegsame Kühlakus gebastelt. Da ich in der 1. Klasse auch für den Service am Platz zuständig bin, konnte ich dann immer wieder vorbeischauen und das Ehepaar ein wenig umsorgen.

Machen Sie häufiger Kühlakkus?
Einmal war ein Mädchen im Zug, das hatte schlimme Bauchschmerzen. Für sie habe ich aus einer Plastikflasche eine Wärmflasche hergestellt. Das hat wunderbar funktioniert. Von den Kollegen kriege ich dann manchmal schon einen Spruch zu hören. So etwa: „Du hast aber viel Zeit.“ Für mich gehört das zum Service.

Als Ihr Gruppenleiter Ihnen gesagt hat, dass Sie als erste Mitarbeiterin der Bordgastronomie den Titel „Eisenbahnerin mit Herz“ gewonnen haben, war das eine Überraschung?
Ehrlich gesagt ja. Die Berufsbezeichnungen für den Bistro-Bereich sind ja nicht nur schmeichelhaft: „Saft-Schubse“ oder „Teller-Taxi“, das klingt nicht nach dem großen Preis. Umso mehr habe ich mich über den Brief von Familie Gill gefreut. Das ist doch mal eine Karriere: Ab jetzt werde ich Krankenschwester.

Die Nominierungen

"Gastgeberin mit persönlicher Note"

Die Nominierung von Kornelia Scherer erreichte die Jury indirekt: Das Ehepaar Gill aus Großbritannien war von seiner Reise mit der Deutschen Bahn so begeistert, dass es seine Lobeshymne direkt an Frau Scherers Vorgesetzen schickte:

„Ich möchte die Bistro-Stewardess Frau Scherer loben, die uns bei der Reise im IC von Binz nach Hamburg über das normale hinaus geholfen hat. Anfangs erklärte ich ihr, dass wir unsere Koffer nicht in die obere Gepäckablage heben könnten, weil mein Mann kürzlich einen Herzinfarkt erlitten hatte. Ich war am Vortag hingefallen und ins Krankenhaus gebracht worden. Mein Fuß war schlimm angeschwollen, als ich am Morgen entlassen wurde, damit wir die Reise nach Hause antreten konnten. Frau Scherer sagte mir, ich solle meinen Fuß sofort ruhig ablegen. Kurz darauf kam sie mit Kühlakkus, die sie aus gefrorenen Servietten hergestellt hatte. Während der Reise kam sie noch weitere Male an unseren Platz, um die Kühlung fortzusetzen. Ich bin sicher, dass ihr schnelles Handeln meinen Fuß davor bewahrte, weiter anzuschwellen. Während der ganzen Reise kam sie mehrfach zu uns, um sich zu überzeugen, dass wir alles hatten. Kaffee bekamen wir sofort mit einem Lächeln und einer kleinen Plauderei serviert. Sie spendierte uns sogar Kuchen und half in Hamburg beim Aussteigen. Wir waren ihr unglaublich dankbar, gerade weil wir uns beide nicht wohl fühlten. Wir glauben, dass Frau Scherer für ihre außerordentliche Kundenfreundlichkeit belobigt werden sollte. Sie machte diese Reise zu etwas Besonderem für uns.“ Susan Gill (England)
 
– und dieser schloss sich an:

„In meiner Funktion als Gruppenleiter gebe ich Lob in der Regel direkt an die Mitarbeiter weiter. Ein Kundenlob an sich kommt schon sehr selten und ist immer ein tolles Feedback. Diese Zuschrift kam aus dem Ausland, der Sprachbarriere zum Trotz und ist ein wunderbares Beispiel, dass Service sich nicht nur auf den Speisewagen an sich beschränkt, sondern von Herzen kommt, dass die Gastgeberrolle gelebt wird und das Umsorgen in schwierigen Fällen keinesfalls selbstverständlich ist. Für Frau Scherer war das offensichtlich ein Tag wie jeder andere auch und dennoch hat sie sich vollkommen unkompliziert und fürsorglich um das Ehepaar Gill an Bord gekümmert. Es zeigt, dass Mitarbeiterinnen wie Frau Scherer neben einem schon sehr komplexen und physisch sehr anstrengenden Beruf auch ihre ganz persönliche Note einbringen. Den Gästen aus England blieb diese Reise sehr positiv im Gedächtnis.“ Markus Huke (Gruppenleiter Gastronomie, Deutsche Bahn Fernverkehr Hannover)

Bronze: Axel Schäfer

Eisenbahner mit Herz 2015, Bronzemedaille für Axel Schäfer
Triebfahrzeugführer Axel Schäfer von der Frankfurter S-Bahn rettet eine Brille aus dem Gleisbett und schickt sie der Besitzerin zurück.
Beitrag lesen

Bronzemedaille für Axel Schäfer

Ohne Brille wär' das nicht passiert

Axel Schäfer (48) ist ein typischer Lokführer: Der Mann steht nicht gern im Rampenlicht. Und wenn man ihn im Scherz fragt, ob es vielleicht der Blick seiner strahlend blauen Augen war, der die Kundin in Ohnmacht fallen ließ, schaut er regelrecht unglücklich drein. Trotzdem freut ihn der Titelgewinn. Schließlich fährt er seit 25 Jahren für die Deutsche Bahn und kennt das Frankfurter S-Bahn-Netz wie seine Westentasche. Wie er es denn geschafft hat, die gerettete Brille so liebevoll zu verpacken, dass seine Einsenderin noch heute gerührt ist? „Da hat meine Frau geholfen.“ Immer ehrlich. Und bloß nicht zu viel Scheinwerferlicht.

Die Würdigung der Jury

Bronze für Menschlichkeit in der Alltagshektik

Gerade im S-Bahn-Bereich von Großstädten werden Kunden oft zur anonymen Masse. Bahnmitarbeiter, die täglich Tausende von Pendlern abfertigen müssen, verlieren schnell den Blick für den Einzelfall. Nicht so Axel Schäfer. Sein Einsatz zeigt eine ganz persönliche Note, die bei der Kundin auch so angekommen ist. Spätestens als sie das liebevoll verpackte Paket auswickelte, das die Überreste ihrer Brille enthielt. Solch herzliche Anteilnahme macht aus Kunden dankbare Fahrgäste. Bronze für den S-Bahner, der sich seine Menschlichkeit in der Alltagshektik bewahrt hat.

Das Interview

„Das war ein Schock“

Herr Schäfer, Sie haben gewonnen. Wie fühlt sich das an?
Zuerst war es ein Schock, das muss ich zugeben. Aber inzwischen habe ich mich an die Aufmerksamkeit, die Fotos und die Filmaufnahmen gewöhnt. Jetzt finde ich es schön, wie dankbar die Menschen schon für kleine Dinge sind.

Sind Sie auch so ein Lokführer, der am liebsten einen dicken Maschinenraum zwischen sich und den Fahrgast bringt?
Nein, als Triebfahrzeugführer bei der Frankfurter S-Bahn könnte ich mir das gar nicht leisten. Im Berufsverkehr oder wenn Messe ist, muss ich dauernd den Bahnsteig im Auge behalten. So war es auch, als Frau Pauly um Hilfe rief, weil sie gestürzt war. Da überlege ich nicht lange, da springe ich raus.

Aber dass Sie dann auf der Rückfahrt im Schotter wühlen müssen, kommt nicht alle Tage vor?
Ich hatte mir die Stelle gemerkt. Schließlich wusste ich, dass es sehr teure Brillengläser waren. Da habe ich dann passgenau gehalten und die Teile der Brille geborgen. Die Gläser waren noch heil.

Wie haben Sie den Lokführerstreik erlebt? Hatten die Fahrgäste Verständnis?
Als Beamter habe ich nicht gestreikt. Einige Fahrgäste haben das honoriert. Aber es gab auch sehr grenzwertige Reaktionen. „Ihr kriegt den Hals nicht voll. Wir wünschen euch, dass ihr ins Krankenhaus kommt und die Ärzte streiken.“ So was tut schon weh. Schließlich gibt es in Deutschland ein Streikrecht.

Wann muss man fahren, um Sie im Zug zu treffen?
Ich bin immer in der Frühschicht unterwegs. Zwischen zwei und vier Uhr morgens stehe ich auf.

Das ist aber arg zeitig fürs erste Frühstück.
Meine Morgen-Stulle esse ich tatsächlich erst im Führerhaus. Trotzdem gefällt mir dieser Takt. So habe ich abends noch Zeit für meine Frau und meine beiden Töchter. Meine Zwillinge sind jetzt 18 Jahre alt.

Aber die Zwillingsschwestern, die sich zu Lokführerinnen haben umschulen lassen, sind nicht zufällig Ihre Töchter?
Nein, aber die beiden Kolleginnen wohnten bei mir in der Nachbarschaft. Meine Töchter wollen bis jetzt noch nicht zur Bahn. Aber wer weiß? Ich komme aus einer Bahnerfamilie. Als ich klein war, sagten alle: Du gehst mal zur Bahn. Und so ist es gekommen.

Die Nominierung

"Alle waren ganz begeistert"

Am 20.5.2014 kam ich mit dem ICE von Köln in Frankfurt Süd an. Ich musste weiter mit der S 5 nach Friedrichsdorf-Seulberg. Aus mir unerklärlichen Gründen bin ich mit dem Kopf gegen die S-Bahn gefallen, wobei erst das linke Glas aus meiner Brille auf das Gleis flog und danach der Rest der Brille. Da ich nicht alleine aufstehen konnte, rief ich um Hilfe. Der nette S-Bahn-Fahrer, Herr Axel Schäfer aus Schwalbach, und eine junge Dame halfen mir auf. Herr Schäfer fragte mich nach meiner Adresse und meiner Telefon-Nummer, da er nach seiner Rückfahrt nach Süd meine Brille aus dem Gleisbett holen wollte. Ich saß hinter ihm in der ersten Klasse, und nach zwei Stationen kam er ins Abteil, um sich zu erkundigen, ob es mir gut ginge.

Nach ein paar Tagen erhielt ich die Teile meiner Brille liebevoll verpackt per Post. Als ich mich bei ihm bedankte, meinte er, das wäre doch selbstverständlich, er wäre so erzogen und seine Töchter würden auch so erzogen. Als ich meinen Bekannten von dieser Hilfsbereitschaft erzählte, waren alle ganz begeistert.“ Elke Pauly (Friedrichsdorf)

Sonderpreis: Herbert Kusche

Eisenbahner mit Herz 2015, Sonderpreis: Herbert Kusche
Schon seit der ersten Auflage des Wettberwerbs im Jahr 2011 gehört Zugbegleiter Herbert Kusche jedes Jahr zu den Nominierten. Er hat treue Fans unter den Fahrgästen "seiner" Schwarzwaldbahn.
Beitrag lesen

Sonderpreis Kundenliebling

Der Eisenbahner mit den meisten Nominierungen

Zugbegleiter, Stellwerker, Fahrdienstleiter: in der DDR hat Herbert Kusche (58) alle Stationen der Eisenbahnerkarriere durchlaufen. Als nach dem Mauerfall seine Strecke abgebaut wurde, packte er die Koffer und zog nach Konstanz an den Bodensee. Gefremdelt hat Kusche keinen Augenblick: Die Kollegen auf der Schwarzwaldbahn nahmen ihn mit offenen Armen auf und die Fahrgäste lieben den Zugbegleiter mit dem trockenen Humor: Kein anderer Eisenbahner wurde von den Reisenden so oft nominiert wie der Star der Schwarzwaldbahn.

Die Würdigung der Jury

Tag für Tag herausragend

Viele Bahnkunden, die unseren Aufruf lesen, schreiben uns, dass sie die ganz große Geschichte nicht beisteuern können, aber etwas kennen, das in ihren Augen genauso viel wert ist: Die gleichbleibend herausragende Leistung eines bestimmten Mitarbeiters. Zum Jubiläum unseres Wettbewerbs haben wir dafür den richtigen Preisträger gefunden: Herbert Kusche von der Schwarzwaldbahn hat mehr Kundenbriefe bekommen, als jeder andere nominierte Zugbegleiter. Kein Jahr, in dem er nicht in der Galerie der Nominierten vertreten gewesen wäre. Wenn ein Mitarbeiter über so viele Jahre seine tägliche Arbeit mit so viel Können, Herzblut und Humor verrichtet wie Herbert Kusche, dann ist das ein Eisenbahner der Sonderklasse, der für alle Kollegen ein Vorbild sein sollte.

Das Interview

"Als Ossi fühle ich mich in Konstanz bestens aufgenommen"

Herr Kusche, wenn die Schwarzwaldbahn überfüllt ist, freuen sich die Reisenden schon auf Ihre Durchsage: „Heute haben wir es wieder schön kuschelig“: Ist der Satz Ihr Markenzeichen?
„Kuschelig“ sage ich tatsächlich gern. Aber das hat nichts mit meinem Namen zu tun. Eigentlich dürfte man für die Schwarzwaldbahn keine Werbung mehr machen, denn unsere Züge sind manchmal schon gut voll. Wenn der Gang dicht ist, sage ich zu den Fahrgästen: „Schön, dass Sie aufstehen, wenn ich komme. Soviel Respekt hat nicht mal meine Frau.“

Die Liste Ihrer Lobesbriefe ist lang: Sie trösten Fahrgäste, die aus Versehen die Notbremse gezogen haben, Sie sind so charmant, dass Damenclubs den Ausstieg versäumen. Sie haben alle Zugverbindungen im Kopf, Sie sind höchst witzig und sogar Skinheads ziehen vor Ihnen die Baseball-Kappe. Wie klingt das?
Das klingt toll und freut mich ungemein. Als Ossi im Wessiland fühle ich mich in Konstanz seit 24 Jahren bestens aufgenommen.

Sind Sie der Star der Schwarzwaldbahn?
Star, na ja. Ich habe mal Ahnenforschung betrieben. Meine Vorfahren waren Holzfäller. Aber im Ernst: Wir sind hier acht Kollegen auf der Schwarzwaldbahn, und wir haben alle ein ganz besonderes Verhältnis zu unseren Reisenden. Von uns könnte jeder auf dem Siegertreppchen stehen.

Ist die Strecke Konstanz – Offenburg eine Art Eisenbahnidyll?
Ich arbeite seit 24 Jahren an einem Ort, wo andere Urlaub machen, das ist schon großartig. Allerdings gibt es auch die Kehrseite. Einmal sagte ein Hooligan zu mir: „Alter Säckel, verpiss dich“. Am liebsten hätte ich den Zug angehalten.

Was haben Sie stattdessen getan?
Die Zähne zusammengebissen. Ängstliche Reisende, Frauen mit Kinderwagen, Schüler habe ich in die erste Klasse geschickt. Aber hilflos fühlt man sich dann schon.

Wie kamen Sie zur Eisenbahn?
Das war zu DDR-Zeiten nach meiner Armeezeit: meine Mutter war meine Ausbilderin. Das war hart. Sie fragte mich immer ab: „Wie lange gilt die Arbeiterrückfahrkarte?“

Und?
Hinfahrt vier Tage, Rückfahrt vier Wochen.

Das schrieben die Einsender

Fünf Jahre Lob für Herbert Kusche

2011 nominierte Dagmar Brand Herbert Kusche, weil er einen verzweifelten Fahrgast, der aus Versehen die Notbremse gezogen hatte, sehr sensibel tröstete.

2012 beschreibt Roswitha Uibel, wie Kusche auf der Fahrt so freundlich über die Sehenswürdigkeiten der Strecke informiert, dass der Damenclub weiter fährt als eigentlich geplant. Thilo Knöller beobachtet, wie mufflige Teenager die Füße vom Sitz nehmen, wenn Kusche erscheint. Monika Grom-Rocke gefällt, dass Kusche den gesamten Fahrplan im Kopf hat und Sandra Dogruer berichtet, noch keiner habe Kusche jemals schlecht gelaunt auf dem Zug erlebt.

2013 lobt Cornelius Berkmann den besonderen Charme, mit dem Kusche die Tickets einer Fahrradgruppe kontrolliert.Thomas Kalkkuhl erzählt, dass Herbert Kusche sogar Glatzen mit Springerstiefeln zur Räson bringt. Dieter Guthörlschildert im Wortlaut die berühmten Ansagen: „Heute ist es wieder kuschlig warm und eng auf unserer Fahrt.“

2014 freut sich auch Andreas Lange an der Ansage über die Kuschelzüge, während Katharina Schwanen resümiert: „Schön, dass es ihn gibt.“ Maria Wirtensohn betont, dass Kusche auch ein Meister der Früh- und Spätschicht ist.

2015 greift Daniel Rungenhagen zum Stift: Mit seinem Humor und seinen Scherzen bringt Herbert Kusche den ganzen Zug zum Lachen. Sein Engagement, sein Stolz auf die Schaffnermütze, sein ganzes Auftreten machen die Bahnfahrt zum Erlebnis. Der Einsender ist sicher: Dieser Mann soll den Titel Eisenbahner mit Herz gewinnen

Sieger 2014: Drei mit dem großen Herzen

Zwei Zugbegleiter und ein Lokführer gewinnen den Titel „Eisenbahner mit Herz 2014“. Die Jury hatte auch in diesem Jahr die Qual der Wahl: Sie kürte die Sieger aus einer Galerie von rund 30 Titel-Kandidaten, die aus fast allen Teilen Deutschlands stammen.

Gold: Dylan Bevers

Eisenbahner mit Herz 2014, Dylan Bevers
Wie Dylan Bevers von der NordWestBahn eine Reisende vom Verdacht des Schwarzfahrens freigesprochen und ihr dann das verlorene Monatsticket wiederbeschafft hat:
Beitrag lesen

Goldmedaille für Dylan Bevers

Smarter Kontrolleur

Dylan Bevers (24) ist der jüngste Eisenbahner mit Herz, den die Jury jemals aufs Podest geschickt hat. Erst seit zweieinhalb Jahren arbeitet der gebürtige Bremer mit niederländischen Wurzeln als Zugbegleiter für die NordWestBahn. Vielleicht weil er schon als Kind mit einer Lego-Eisenbahn gespielt hat, wollte er zunächst den Beruf des Lokführers lernen. Doch noch während der Ausbildung bei DB Schenker Rail hat er diese Wahl als Irrweg erkannt: „Zuwenig Menschenkontakt“, sagt der junge Mann, der seinen Titel mit Freude und genausoviel Selbstbewusstsein trägt. „Eisenbahner mit Herz: Da arbeiten viele drauf hin. Also? Ziehe ich vor mir den Hut.“

Die Würdigung der Jury

Gold für den Menschenkenner und Kundenfreund

Die Fahrkartenkontrolle gehört beim Bahnfahren zu den größten Stressfaktoren für die Fahrgäste: Zugbegleiter, die ungerührt warten, während der Reisende verzweifelt in der Tasche kramt, das kennt jeder Monatskarteninhaber aus eigenem Erleben. Und faktisch ist der „Kontrolleur“ alter Schule sogar im Recht: ein Fahrgast, der seine Siebensachen samt Ticket nicht zur Hand hat, ist ein Schwarzfahrer. Selbst wenn er „nur“ ein Opfer der eigenen Vergesslichkeit ist.

Umso vorbildlicher die Handlungsweise von Dylan Bevers: seine Menschenkenntnis sagt ihm, dass die Frau ihn nicht hinhält. Er lässt sie in Ruhe suchen und nimmt so den Druck aus der Situation. Und zuletzt bringt er das verlorene Portemonnaie auch noch zurück: Mehr Hilfe geht in dieser Situation nicht. Der Einsender ist begeistert, die Jury ist es auch.

Das Interview

„Vom Sicherheitsmann bis zum Seelsorger“

Herr Bevers, wenn Sie mit 24 schon „Eisenbahner mit Herz“ sind, was soll bis zur Rente noch kommen? Wollen Sie am Ende Bahnchef werden?
Bahnchef? Nein, das steht nicht auf meiner Agenda. Und bis zur Rente habe ich mein Leben auch noch nicht durchgeplant. Aber der Beruf des Zugbegleiters ist fordernd genug. So schnell wird einem da nicht langweilig.

Was müssen Sie denn so alles bewältigen?
Auf dem Zug mache ich das volle Programm, vom Sicherheitsmann bis zum Seelsorger. Neben all den vielen angenehmen Kontakten gibt es eben auch mal richtigen Stress. Wenn Graffiti-Sprayer während der Fahrt den Zug besprühren oder Fahrgäste ausfallend reagieren, bin ich zur Stelle. Wenn einer meiner Stammgäste gerade in einer Trennung steckt, habe ich immer ein offenes Ohr.

Und was machen Sie in solchen Situationen?
Augenkontakt suchen. Augenkontakt halten. Bis er lächelt.

Sind Schwarzfahrer ein Problem?
Manchmal ja. Glücklicherweise ist es selten, aber ich habe selbst schon Übergriffe erlebt. Ein Schwarzfahrer hat mir zum Beispiel nach der Kontrolle im Bahnhof aufgelauert.

Hatten Sie Angst?
Ich bin kein ängstlicher Typ. Und ich vertraue meinem Gewissen. Meistens lässt sich die Situation wieder beruhigen, wenn man einen kühlen Kopf behält. Heute grüßt mich der Mann, wenn ich ihn in der Bahn treffe.

Die Reisende, die ihr Portemonnaie nicht finden konnte, war keine Schwarzfahrerin. Woher wussten Sie das?
Menschenkenntnis. Die Mimik eines Schwarzfahrers ist anders. Er ist auch auf andere Weise nervös, als die Kundin mit der verlorenen Monatskarte. Die war völlig aufgelöst, weil wichtige Dokumente in ihrer Börse steckten. So etwas sehe ich sofort.

Aber Sie haben noch mehr getan: Sie haben Ihr Smartphone gezückt und die Recherche gestartet. Wie schnell sind Sie mit dem Gerät?
(Zieht sein Smartphone) Sehr schnell.

Ihr Einsender hat einen Satz von Ihnen aufgeschrieben: „Wir sind nicht hier, um Probleme zu schaffen, sondern um sie zu lösen.“
Dafür bin ich angetreten, das ist tatsächlich mein Motto. Probleme haben die Leute von alleine. Dazu brauchen sie uns nicht.

Verbraucherschutzminister Heiko Maas wird die Laudatio auf Sie und Ihre beiden Mitsieger halten. Wenn Sie ihm einen Hinweis für seine Arbeit geben könnten, was würden Sie ihm sagen?
Ich würde sagen: „Herr Minister, Sie sollten in Ihrem Amt mit vollem Herzen dabei sein.“

Die Nominierung

"Ich bin immer noch begeistert"

„Ich bin immer noch begeistert: Juli 2013. Unmittelbar nach Abfahrt der Regio-S-Bahn von Bremen Hauptbahnhof begann die Ticketkontrolle. Eine Dame wollte dem Prüfer die Fahrkarte zeigen und suchte in ihrer Tasche nach dem Portemonnaie. Dieses fand sie aber nicht und war ziemlich aufgeregt. Der Prüfer sagte, sie solle in Ruhe suchen und er käme gleich zurück. Die Dame leerte den gesamten Inhalt der Tasche auf dem gegenüberliegenden Sitz. Das Portemonnaie war nicht auffindbar.

Der Prüfer kehrte zurück und die Dame erklärte ihm, dass ihre Geldbörse inklusive Monatsticket nicht mehr in der Tasche sei. Zudem, dass sie in Eile vorher noch einkaufen war. Und nun kommt es: Zitat Prüfer: „Wir sind ja hier, um Probleme zu lösen und keine zu schaffen“. Das bedeutete, dass er mit Hilfe der Namensnennung des Geschäftes mit einem Mobilgerät die Telefonnummer des Geschäftes herausfand. Er wählte die Nummer und übergab der Dame das Gerät zum Telefonat.

Ergebnis: Das Portemonnaie befand sich noch im Geschäft (sie hatte es dort vergessen). Der Prüfer ließ sich telefonisch erklären, dass sich ein Monatsticket darin befindet. Damit war die Sache erledigt. (…) , der Prüfer erkannte, dass die Kundin keine Schwarzfahrerin ist und die Dame war überglücklich.

Nach meiner Wahrnehmung hat der sehr nette Prüfer (jung, blonde Haare, sehr gepflegtes Erscheinungsbild) deutlich souverän und äußerst kundenorientiert reagiert.“

Peter P. Buschmann (Bremen)

Silber: Gerard Versteeg

Eisenbahner mit Herz 2014, Gerard Versteeg
Metronom-Lokführer Gerard Versteeg ist nicht nur Meister der engergiesparenden Fahrweise. Er hält auch passgenau an einer strategisch wichtigen Treppe für einen Gehbehinderten:
Beitrag lesen

Silbermedaille für Gerard Versteeg

Der fliegende Holländer

Gerard Versteeg (54) sagt von sich, er sei der beste holländische Lokführer bei metronom. Bevor der Zuhörer angesichts solcher Unbescheidenheit eine Gänsehaut bekommt, fügt Versteeg hinzu: „Weil ich der einzige holländische Lokführer bei metronom bin.“ Humor ist ein Charakterzug des Niederländers, der seit zehn Jahren mit seinem markanten Akzent die deutschen Fahrgäste entzückt. Den „fliegenden Holländer“ nennen sie den Mann, der Verspätungen rausfährt und trotzdem die energiesparende Fahrweise pflegt. Dass der Schichtdienst manchmal hart ist, daraus macht Versteeg kein Geheimnis: „Meine Frau ist verheiratet – ich bin bei der Bahn.“

Die Würdigung der Jury

Silber für einen herausragenden Teamspieler

Die Eisenbahn ein Massenbetrieb? Der Fahrgast ein Sandkorn in einer anonymen Masse? Nicht wenn Gerard Versteeg im Führerhaus sitzt. Ein Lokführer, der für einen gehbehinderten Fahrgast passgenau an der strategisch wichtigen Treppe hält und damit dessen knappe Anschlüsse sichert, der ist nicht nur hilfsbereit, sondern auch ein Könner seines Faches.

Dass der Metronom-Mann neben der energiesparenden auch die fahrgastfreundliche Fahrweise beherrscht, hat der Jury gefallen.

Und ein Lokführer, der für Rollstuhlfahrer aussteigt und nicht erst auf den Fahrgastbetreuer wartet, hat die Jury überzeugt: Das System Eisenbahn wäre unschlagbar, wenn es noch mehr solcher Mitarbeiter gäbe.

Das Interview

"Das müssen wir auskaspern"

Herr Versteeg, wie fühlten Sie sich, als Sie erfahren haben, dass Sie „Eisenbahner mit Herz 2014“ geworden sind?
Ich hatte schon auf Ihren Anruf gewartet. Umso schöner, als er dann endlich kam. Nein, Spaß beiseite: Ich bin wahnsinnig glücklich und stolz. Mein Bruder ist auch Lokführer, allerdings in den Niederlanden. Ihm werde ich es zuerst erzählen. Vielleicht sollten Sie Ihren Wettbewerb mal ins benachbarte Ausland ausweiten. Die Eisenbahner in ganz Europa warten drauf.

Wir arbeiten dran. Wie sehen Sie Ihren Beruf? Sind Sie der typische einsame Wolf im Führerstand?
Lokführer ist mein Lieblingsberuf. Aber einsam wird es bei mir nicht. Mein Dienst hört nicht auf, wenn ich vorne im Führerhäuschen Platz genommen habe. Der Fahrgastbetreuer und ich, wir sind ein Team auf dem Zug. Wenn er mal nicht kann, mache ich eben die Ansagen.

Oder Sie springen raus und heben den Rollstuhl rein, wie Ihr Einsender voller Begeisterung geschrieben hat.
Mir ist es wichtig, dass die Fahrgäste sich als etwas Besonderes fühlen. Dafür laufe ich gerne den Bahnsteig runter.

Aber für einen Gehbinderten passgenau an einer strategisch wichtigen Treppe halten: Ist das nicht auch eine Frage von Können?
Ich bin als Lokführer einfach ein Naturtalent. Ich halte, wo ich halten will. Aber bei diesem Fahrgast war es schwieriger. Ich erinnere mich noch, wie er mich auf dem Bahnsteig ansprach und erklärte, er säße immer in Wagen 3. Ob ich so anhalten könnte, dass er gleich an der Treppe rauskommt. Ich sagte: „Das müssen wir beide erst noch auskaspern.“ Nach der ersten Fahrt fragte ich ihn: „Wie war’s?“ Er meinte: „Noch zehn Meter vorfahren?“ Seitdem halte ich immer an der zweiten Laterne, wenn er in Wagen 3 sitzt.

Und er?
Er bringt mir manchmal einen Kaffee auf den Bahnsteig. Inzwischen duzen wir uns.

Fahrgäste nennen Sie den „Fliegenden Holländer“?
Ich habe den Ruf, Verspätungen besonders schnell rauszufahren. Allerdings bremse ich so sanft, dass die Fahrgäste manchmal gar nicht merken, dass der Zug schon steht. Da rucken den Leuten nicht die Köpfe nach vorn. Das ist auch das Prinzip der energiesparenden Fahrweise: Wer später bremst, ist länger schnell.

Die Nominierungen

"Von diesen Typen brauchen wir mehr"

"Ich fahre fast täglich um 6.09 Uhr von Uelzen nach Langenhagen, habe eine Gehbehinderung und in Langenhagen wenig Zeit, vom Zug zum Bus zu kommen, um dadurch eine frühere Straßenbahn zu erreichen. Ich sitze immer am Ende von Wagen 3, da das der Wagen ist, der meistens am dichtesten an der Treppe hält. Ab und zu muss ich aber auch noch an ein oder zwei Wagen vorbeilaufen zur Treppe. Dann sehe ich meinen Bus noch wegfahren, muss aber auf den nächsten warten.

Eines Tages lernte ich am Bahnsteig in Uelzen den Lokführer Gerard Versteeg kennen. Ich habe ihm die Geschichte erzählt und gefragt, ob er es hinbekommt, dass die hintere Tür von Wagen 3 nahe dem Treppengang vom Bahnsteig hält. Der Lokführer sagte, er wolle es versuchen, und immer, wenn er den 6.09er Metronom nach Langenhagen fährt, klappt das auch mit der Treppe! Mit seiner Hilfe habe ich dann etwas weniger Fahrzeit, aber auf drei Stunden täglich komme ich trotzdem.

Ich wünsche dem holländischen Lokführer den Titel.“

Andreas Kahlke (Uelzen)

Geschehen im August 2013: „Wir - eine achtköpfige Männertruppe mit einem Schwerbehinderten - sind von Lüneburg nach Gütersloh unterwegs. Aufgrund eines Stellwerkschaden fuhren wir verspätet von Lüneburg bis Uelzen. Dann sind wir umgestiegen in den Zug mit dem supernetten „fliegenden Holländer“ als Zugführer. Der Holländer hat uns während der Zugfahrt sehr nett, kompetent und auf eine lustige Art informiert. Aller Frust der Verspätung war vergessen.

Auch seine Hilfe für unseren Schwerbehinderten war herausragend. Obwohl der Zugführer allein war, ist er zur Hilfestellung beim Aus-und Einsteigen gelaufen! Von diesen Typen brauchen wir mehr. Unser Dank gilt dem netten und hilfsbereiten Holländer, der dazu noch kompetent über alle weiteren Verbindungen informierte. Vielen Dank!“

Thomas Lammering (Gütersloh)

Bronze: Anja Hoche

Eisenbahner mit Herz 2014, Anja Hoche
Ein 11-Jähriger auf dem Weg ins Internat verpasst seinen Ausstieg. Zugchefin Anja Hoche schnürt ein Rundum-Paket: Sonderhalt des ICE, Begleitung zurück, Mitteilung beim Internat:
Beitrag lesen

Bronzemedaille für Anja Hoche

Robin allein im Zug

Anja Hoche (36) hat zwar selbst keine Kinder, aber jede Menge Cousins, Cousinen, Patenkinder. Berührungsängste sind ihr also fremd, als sie den aufgelösten Robin im Zug trifft und seine Irrfahrt wieder auf die richtigen Gleise setzt. Wie resolut die blonde Frau mit den strahlend blauen Augen sein kann, zeigt sich, als Robin und seine Eltern beim Interview in Braunschweig auf dem Nachbar-Gleis auftauchen. Die gebürtige Witzenhausenerin pfeift auf zwei Fingern. So laut, dass die Familie sofort Bescheid weiß. Woher diese Fertigkeiten? „Ich bin Führerin einer Rettungshundestaffel.“ Na dann. Robin war tatsächlich immer in besten Händen.

Die Würdigung der Jury

Bronze für ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl

Zugbegleiter, die Kinder aus Zügen werfen, haben schon öfter die ganze Republik in Wallung gebracht. Dass es auch die Gegen-Geschichten gibt, ist weniger bekannt. Was hätte geschehen können, wenn Robin nicht auf Anja Hoche getroffen wäre? Er wäre bis Berlin im falschen Zug sitzengeblieben? Hätte vielleicht noch die Fahrkarte für die unfreiwillige Rundfahrt nachlösen müssen? Wäre als Minderjähriger der Polizei übergeben worden?

Aber Robin hat Glück gehabt: die Zugbegleiterin vom Fernverkehr der Deutschen Bahn hat sich rundum gekümmert. Sonderhalt eines ICE, ein Zug zurück mit Begleitung, eine Nachricht an das Internat, all das hat der Junge auf seiner ersten Fahrt mit der Bahn erlebt. Die Jury ist erfreut: Solch vorbildliche Behandlung macht aus Kindern treue und vertrauensvolle Fahrgäste.

Das Interview

„Das tut richtig gut“

Frau Hoche, Sie bremsen auch für Kinder?
Vor allem für Kinder. Einen ICE-Sonderhalt hätte ich für einen Erwachsenen nicht so ohne weiteres organisiert, nur weil er seinen Ausstieg verpasst hat.

Warum nicht?
Weil andere Fahrgäste dafür ihre Anschlüsse vielleicht nicht erreichen. So etwas ist immer Abwägungssache. Aber diesen kleinen Jungen wollte ich nicht abends so spät allein in Berlin rumlaufen lassen. Von Braunschweig nach Berlin, das ist ja kein Katzensprung.

Als Sie Robin gerade wiedergetroffen haben, was haben Sie da zu ihm gesagt?
Du bist aber groß geworden!

Welche Sonderbehandlung bekommen Ihre Fahrgäste sonst noch?
Eigentlich nehme ich mir vor, jeden Fahrgast gleich zu behandeln. Egal, was er für eine Fahrkarte hat: ob teuer, ob preiswert, ob jung, ob alt, keiner soll bei mir zu kurz kommen. Allerdings, wo Sie gerade fragen: Bei Hundebesitzern im Zug mache ich eine Ausnahme.

Welche?
Ich bin Hundefanatikerin. In meiner Freizeit trainiere ich eine Hunderettungsstaffel. Seit meiner Jugend haben wir immer Hunde gehabt. Wenn ich also im Zug auf einen Hund treffe, der den vorgeschriebenen Maulkorb nicht trägt, dann setze ich mich ganz ruhig dazu und erkläre den Besitzern die Regeln. Aber während ich das tue, streichele ich den Hund. Das machen die meisten meiner Kollegen anders.

Wie sind Sie zur Bahn gekommen?
Ganz einfach: Ich habe im Leben überhaupt nur zwei Bewerbungen geschrieben. Nach der Schule habe ich mich bei VW und bei der Bahn beworben. Die DB war dann schneller.

Welches Erlebnis im Dienst freut Sie am meisten?
Wenn ich mit einem Fahrgast aneinander gerate und auf einmal springen meine Pendler für mich in die Bresche. Das tut richtig gut.

Und der Titel „Eisenbahnerin mit Herz“?
Der tut auch gut. Über Zugbegleiter stehen ja leider immer nur die schlechten Geschichten in der Zeitung. Gerade wenn es um Kinder im Zug geht. Dieser Wettbewerb zeigt, dass das nicht die ganze Wahrheit ist.

Die Nominierung

"Hohes Vertrauen in DB-Mitarbeiter"

„Unser damals 11-jähriger Sohn Robin besucht in Braunschweig das Internat. Nach diversen gemeinsamen Zugfahrten fuhr er am 1. Mai zum ersten Mal allein nach Braunschweig. Doch anstatt einer Mitteilung über eine glückliche Ankunft meldete sich ein aufgeregter und aufgelöster Junge. Robin war der Halt des Zuges in Braunschweig entgangen und ein kurzfristiger Ausstieg nicht mehr möglich. Nach ersten Beruhigungen suchte Robin einen Kundendienstmitarbeiter. Nach kurzer Zeit traf er auf eine Mitarbeiterin, welche dafür sorgte, dass der Zug einen zusätzlichen Halt in Wolfsburg einlegte und Robin mit dem nächsten Zug zurück nach Braunschweig fahren konnte. Die Zugverbindung notierte sie dem Jungen. Zwischenzeitlich hat die Mitarbeiterin fernmündlich den Sachverhalt im Internat mitgeteilt und sich später auch dort nach der Ankunft von Robin erkundigt.

Wir sind der Mitarbeiterin sehr dankbar, haben aber leider nie einen Namen oder eine Telefonnummer erhalten, um uns zu bedanken. Der hier geleistete Service ist einmalig und anerkennenswert. Unser Sohn fährt jedes Wochenende mit dem Zug, seit dem damaligen Erlebnis ist unser Vertrauen in das Unternehmen Deutsche Bahn und seine Mitarbeiter sehr hoch. DANKE.“

Henning Dullnig (Nörten-Hardenberg)

Sieger 2013: Drei Meisterbahner aus dem Norden

Drei Zugbegleiter und ein TGV-Team gewinnen den Titel „Eisenbahner mit Herz 2013“. Gold geht an DB-Zugchefin Daniela Kumbernuß vom Fernverkehr Hannover. Silber gewinnt der langjährige DB-Zugbegleiter Frank Lehmann vom Fernverkehr Hamburg. Bronze bekommt der Metronom- Zugbegleiter Rainer Grundmann aus dem niedersächsischen Uelzen und der Sonderpreis für meisterhafte Logistik geht an ein deutsch-französisches TGV-Team.

Gold: Daniela Kumbernuß

Eisenbahner mit Herz 2013, Daniela Kumbernuß
Die Jury lobt sie für ihre vorbildliche Krisenkommunikation, die Einsenderin schwärmt von der tollen Kümmerin: DB-Zugchefin Daniela Kumbernuß ist Eisenbahnerin aus ganzem Herzen, auch wenn sie niemals eine werden wollte.
Beitrag lesen

Goldmedaille für Daniela Kumbernuß

"Nicht ohne meine Mädels"

Daniela Kumbernuß (40) arbeitet für den Fernverkehr der Deutschen Bahn in Hannover. Die ICE-Zugchefin überzeugte durch ihre vorbildliche Krisenkommunikation während eines Polizeieinsatzes im ICE. Als junges Mädchen wollte sie niemals Eisenbahnerin werden. Einen Freund, der bei der Bahn arbeitet, wollte sie erst recht nicht. Beides ist eingetroffen.

ICE-Zugchefin Daniela Kumbernuß über Polizeieinsätze im Zug

Das Interview

Frau Kumbernuß, die Fahrt, die Sie zur Eisenbahnerin mit Herz macht, war eher schrecklich.
Ja, das war wirklich böse. Ich hatte an dem Tag Fieber, und wir waren nur Mädels auf dem Zug. Richtig zierliche kleine Zugbegleiterinnen. Ich war die größte von allen. Als eine Mitarbeiterin aus dem Bord-Bistro zu mir kam, stand ihr die Angst ins Gesicht geschrieben. Ein Betrunkener randalierte im Bistro, weil sie ihm keinen Alkohol ausschenken wollte. Ich schaute mir die Lage an, und es war so bedrohlich, dass ich beschlossen habe, keine Durchsage zu machen. Das hätte den Mann noch mehr gereizt. Wir hielten am Bahnhof von Solingen, und ich rief die Polizei. Die Fahrgäste wussten also nicht, warum der Zug stand. Als dann die Männer vom Einsatzkommando kamen, war sicher alles gut. Von wegen. Erst mussten wir ewig warten. Ich stieg immer wieder aus dem Zug: „Wann kommen die denn endlich.“ Und dann kamen zwei Polizistinnen um die Ecke. Zum Glück zögerten die nicht lange. Sie griffen sich den Kerl und schleppten ihn weg.

Haben denn vorher die männlichen Fahrgäste nicht geholfen?
Nein, sonst haben wir oft Glück und Bundeswehrsoldaten reisen mit. Die packen sofort mit an. Aber diesmal waren lauter Geschäftsreisende im Zug und von denen wollte keiner in ein Handgemenge verwickelt werden. Danach haben Sie eine Durchsage gemacht und den Fahrgästen alles genau erzählt.

Dürfen Sie das?
An dem Tag habe ich sicher einige Regeln aus dem Ansage- Handbuch missachtet. Aber ich wollte den Leuten einfach die Wahrheit sagen. Wenn ich selbst verreise und höre nur die knappen Durchsage, dann verstehe ich manchmal nicht, was eigentlich los ist. Bei solchen Fahrten helfen die Standardansagen oft nicht weiter.

Nun sind Sie dafür auch noch Eisenbahnerin mit Herz geworden.
Da bin ich auch völlig überrascht. Und ich freue mich riesig darüber.

Wollten Sie jemals Zugbegleiterin werden?
Nie. Ich wollte Bibliothekarin werden, aber in der DDR war das nicht so einfach mit den Wünschen. Als ich meine erste Uniform anhatte, habe ich geweint. Sie passte hinten und vorne nicht. Sie war viel zu kurz. Ich bin 1,83 groß.

Und wie sehen Sie Ihre Arbeit heute?
Ich will nie mehr etwas anderes machen. Meine Schwester arbeitet als Zugbegleiterin, mein Lebensgefährte auch, mein Schwager ist ebenfalls bei der Bahn. Da fährt ein ganzer Kumbernuß-Clan durch Deutschland.

Gold für einen souveränen Kundenumgang

Die Würdigung der Jury

Wer viel Bahn fährt der weiß, dass es bei außerplanmäßigen Ereignissen oft mit der Kundeninformation hapert. Wie Daniela Kumbernuß als Zugchefin die schwierige Situation mit einem gewalttätigen Fahrgast gemeistert und die Kunden dann souverän und selbstbewusst über den Vorfall und die Verspätung informiert hat, ist für uns als Jury Gold wert. Fünf Sterne für vorbildliche Krisenkommunikation.

Das schrieb die Einsenderin

Die Nominierung

„Ich möchte gern die Zugchefin des ICE von Köln nach Hannover als „Eisenbahnerin mit Herz“ vorschlagen. Auf jener Fahrt wurde eine Zugbegleiterin von einem Betrunkenen belästigt. Diese Situation eskalierte im Hauptbahnhof in Solingen, so dass die Zugchefin die Landespolizei rief und sich unsere Weiterfahrt verzögerte. Ich selbst saß in einem anderen Wagen und habe diesen Vorfall nicht mitbekommen. Trotzdem fand ich es bemerkenswert, wie die Zugchefin diese Situation gehandhabt hat.

Während des Geschehens selbst wusste niemand etwas davon. Erst nachdem die brenzlige Situation vorüber war, erklärte sie uns über Lautsprecher ausführlich, was geschehen war, warum sie vorher nichts gesagt hatte, dass sie für die Sicherheit nicht nur der Fahrgäste sondern auch ihres Personals verantwortlich sei. Dies allein empfand ich bereits als eine sehr offene und ehrliche Art der Kommunikationspolitik. Darüber hinaus kümmerte sie sich liebevoll darum, dass alle Fahrgäste, die ihre Anschlusszüge verpassten, eine Alternative bekamen.

Alles in allem habe ich mich als Fahrgast sehr gut umsorgt und aufgehoben gefühlt.“ 

Laura Gandyra (Brüssel)

Silber: Frank Lehmann

Eisenbahner mit Herz 2013, Frank Lehmann
Wenn sich die Fahrgäste nach einer Verspätungsfahrt per Handschlag vom DB-Zugbegleiter verabschieden, hat er das Zeug zum Lieblingsschaffner. Frank Lehmann holt den Titel noch rechtzeitig: Im März ist er befördert worden.
Beitrag lesen

Silbermedaille für Frank Lehmann

"Das ist der Ritterschlag"

Frank Lehmann (42) arbeitet seit 24 Jahren als Zugbegleiter. Wenn seine Fahrgäste etwas im Zug liegenlassen, ist der Glücksschaffner zur Stelle. Kein Wunder also, dass ihn gleich drei Reisende zu ihrem Eisenbahner mit Herz kürten. Gerade noch rechtzeitig: Frank Lehmann ist am 1. März zum Gruppenleiter befördert worden.

Frank Lehmann über ICE-Fahrten mit Hindernissen

Das Interview

Herr Lehmann, gleich drei Kunden stimmten für Sie als „Eisenbahner mit Herz 2013“ und in der Online-Galerie von 2012 waren Sie auch schon vertreten. Was sagen denn die Kollegen zu so einem Eisenbahn-Primus?
Kollegen, die auch in der Galerie vertreten sind, sprechen mich oft drauf an. „Ich habe dich gesehen!“ Und natürlich kennen sich die Hamburger Kandidaten untereinander. Aber warten Sie mal ab: Ich bin gerade zum Gruppenleiter befördert worden: Seitdem bin ich für etwa 40 Zugbegleiter verantwortlich. Von meinen Leuten werden Sie noch schöne Geschichten zu hören bekommen.

Wir freuen uns drauf. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie lesen, dass Sie ein Bahncard-100-Kunde nach einer katastrophalen Verspätungsfahrt in den höchsten Tönen lobt?
Wenn nach einer schlimmen Schicht mit lauter Hindernissen der Fahrgast aussteigt und trotz allem zufrieden ist, dann ist das für mich wie ein Ritterschlag. Dann weiß ich, ich habe vieles richtig gemacht.

Vergessliche Kunden sind bei Ihnen auch in guten Händen?
Da nehme ich immer den direkten Weg. Der Herr, der zum Bundespresseball wollte und seine Tickets vergessen hatte, oder die beiden Jungs mit ihrem iPod, die lasse ich nicht lange warten. Da greife ich sofort zum Telefon.

Was war Ihr schönstes Erlebnis bei der Bahn?
Meine Frau: Sie war Bahn-Azubi, als ich sie kennenlernte.

Silber für einen außergewöhnlichen Zugchef

Die Würdigung der Jury

Wer es an einem Tag mit Unwetter und Streckensperrung schafft, dass sich Fahrgäste aus dem Verspätungs-ICE kurz vor Mitternacht per Handschlag bedanken und mit einem Lächeln auf den Lippen in die Nacht entschwinden, muss ein außergewöhnlicher Zugchef sein.

Wenn selbst ein BahnCard-100-Inhaber jubiliert, er habe „noch nie, wirklich nie, ein solches Engagement gesehen“, lässt das keine Jury kalt. Weitere Kundeneinsendungen runden das Bild ab. Silber für den Zugchef mit illustrer Fangemeinde.

Das schrieben die Einsender

Die Nominierungen

„Ich möchte Ihnen heute ein Erlebnis schildern, das ich für außergewöhnlich halte und in dieser Form noch nicht erlebt habe. Ich fuhr vor einiger Zeit mit dem ICE von Hamburg nach Hannover. Das heißt, ich versuchte es. Gekommen bin ich bis Hamburg Harburg, wo wir per Lautsprecherdurchsage im Zug informiert wurden, dass wegen Unwetter die Stecke gesperrt sei. (…) Ich als Bahncard 100 Kunde bin wirklich einiges gewöhnt, leider meist im negativen Sinne, umso mehr freue ich mich, diese Zeilen schreiben zu dürfen. Ich habe noch nie, wirklich nie ein solches Engagement wie das von Zugchef Frank Lehmann gesehen. In Hannover selber trafen wir erst mit 4 1/2 Stunden Verspätung ein, und ich bin das erste Mal in meiner langen Zeit als Bahnfahrer trotz Verspätung zufrieden nach Hause gegangen. Dass ich nicht der einzige war, sah ich dann in Hannover, als sich Leute bei Herrn Lehmann bedankten und verabschiedeten, teilweise sogar per Handschlag und mit einem Lächeln auf den Lippen.“

Andreas Schulz (Syke)

„Am 23.11.2012 hat Zugchef Frank Lehmann meiner Frau und mir durch sein kluges Handeln den Abend gerettet! Versehentlich haben wir alle Unterlagen inklusive Einladung für den Bundespresseball Berlin im Zug liegen lassen. Herr Lehmann fand in den Unterlagen meine Firmen-Telefonnummer und schritt zur Tat, indem er dort anrief. Auf diesem Wege konnte der Kontakt hergestellt werden und Herr Lehmann arrangierte die Übergabe am Berliner Hauptbahnhof. Großartig, der Mann! Meine Frau und ich sind begeistert.“ 

Kay Spanger (Hamburg)

„Am Pfingstsonntag bin ich mit meinen beiden Söhnen im ICE gereist. Kurz vor dem Umsteigen hat mein älterer Sohn seinen iPod auf seinem Sitzplatz verloren. Aufgefallen ist ihm das im ICE nach Berlin. Die Zugbegleitung hat gleich Kontakt mit dem ersten ICE aufgenommen. Dort hat tatsächlich Herr Lehmann den iPod gefunden. Wenige Tage später haben wir Post bekommen: es war der gut verpackte iPod, den Herr Lehmann auf seine Kosten an uns gesendet hat. Meine Familie und ich sind begeistert!“

Birthe Lingemann (Falkensee)

Bronze: Rainer Grundmann

Eisenbahner mit Herz 2013, Rainer Grundmann
Im Metronom macht er aus einem Bahnmuffel einen Bahnfreund, weil Helfen nun mal sein Lebensprinzip ist: Rainer Grundmanns großes Herz überzeugte Einsender ("Ich liebe ihn") und Jury.
Beitrag lesen

Bronzemedaille für Rainer Grundmann

"Ran an den Mann"

Als Kind wollte Rainer Grundmann (32) Polizist werden, seit vier Jahren sorgt er als Zugbegleiter im Metronom für Recht und Ordnung. Für seine Fahrradrettungsaktion wollte der Mann mit der taubenblauen Uniform noch nicht einmal einen Lohn, schließlich fährt er selber Fahrrad. Und bald kommt auch noch die Lokomotive dazu.

Metronom Zugbegleiter Rainer Grundmann über Helfen als Lebensprinzip

Das Interview

Herr Grundmann, Ihr Einsender hat Sie als den „König aller Zugbegleiter“ beschrieben. Im fahrenden Zug haben Sie ihm das Fahrrad repariert.
Das mit dem „König“ fand ich lustig, aber ein wenig übertrieben. Technisch gesehen war es eine Kleinigkeit. Die Kette war ab. Ich finde, wenn man etwas kann, sollte man es tun. Nach dem Motto: Ran an den Mann und fertig.

Herr Würger ist heute wieder mit einem Fahrrad zur Stelle. Schauen Sie mal, würden Sie mit diesem hochkarätigen Modell auch zu Rande kommen?
Das sehe ich sofort: dieselbe Gangschaltung wie damals. Nein, das wäre überhaupt kein Problem.

Sie haben sich inzwischen zum Lokführer weitergebildet. Was tun Sie, wenn eines Tages in Ihrem Zug ein Baby zur Welt kommt?
Das wäre allerdings keine Kleinigkeit. Aber weil ich bei der Geburt meiner beiden Töchter dabei war, würde ich nicht in Ohnmacht fallen. Ich würde mein Bestes geben, um zu helfen.

Ist Helfen ein Lebensprinzip von Ihnen?
Wenn alle Menschen auf der Welt sich vornehmen würden, drei anderen Menschen bei einem beliebigen Problem zu helfen, dann wäre die Welt schon besser. Und glücklicher.

Bronze für den Zauberer im Zug

Die Würdigung der Jury

Die Verbindung zwischen Bahn und Fahrrad ist im Alltag oft verbesserungsbedürftig. Nicht im Metronom: Rainer Grundmanns Tatkraft hat aus einem Bahnmuffel einen Bahnfreund gemacht. Verkantete Kette? Kein Problem. Der Bahnkunde war begeistert („Ich liebe ihn!“), die Jury ist es auch:

Bronze für den radlerfreundlichen Zugbegleiter, der das richtige Signal für die Zukunft setzt.

Das schrieb der Einsender

Die Nominierung

„Ich fahr nicht so gerne Bahn. Nervt. Neulich musste ich. Im „metronom“ traf ich auf Herrn Grundman. Der ist Zugbegleiter: kleines Namensschild, hässliches Hemd, freundliche Augen. Ich liebe ihn! Darum: Ich wollte nach Hamburg und hatte ein Rad dabei. Beim Einsteigen ging die Kette ab, sie verkantete sich und saß fest, wie der sprichwörtliche Hintern auf dem Eimer. Ich frage den Zugbegleiter, wo in Hamburg ein Fahrradladen ist. Und wissen Sie, was der sagte? „Fahrradladen? Fahrradladen brauchen wir nicht! Ich mach das mal.“

Und jetzt kommt’s!: Grundmann, dieser Zauberer im Zug, holten Plastikhandschuhe aus der Tasche, stellte meine Kiste auf den Kopf, fummelte hier, zog da – die Kette war wieder drauf. Sieh an, der Herr Grundmann. Ein Ass. Ich fragte den König aller Zugbegleiter: „Wie viel?“ Der lachte: „Ist im Preis mit drin.“ So schnell können sich die Dinge ändern. Und so gut ist die Welt. Bald fahr ich wieder Bahn. Ich freu mich drauf.“

Karl-Richard Würger (Redakteur bei der Neuen Presse Hannover, links im Bild)

Sonderpreis: Nicole Jurk und Thierry Boivin

Nicole Jurk
Für das gerettete Abendgastspiel in Paris nominierte das Sinfonie-Orchester des Hessischen Rundfunks ein deutsch/französisches TGV-Team. Das war meisterhafte Logistik, findet die Jury.
Beitrag lesen

Sonderpreis für ein TGV-Team

"Jeder versteht den anderen"

Nicole Jurk (30) aus Stuttgart gehört zum deutsch-französischen Team aus DB und SNCF. Sie gewinnt zusammen mit Thierry Boivin (34) aus Metz den Sonderpreis für meisterhafte Logistik, weil sie einem Sinfonie-Orchester des Hessischen Rundfunks auf Konzertreise nach Paris das Abendgastspiel gerettet hatten. Nicole Jurk stammt aus einer Eisenbahnerfamilie, sogar ihre zweijährige Tochter spielt mit einer Lego-Eisenbahn.

Nicole Jurk (DB) und Thierry Boivin (SNCF) über Eisenbahnkulturen

Das Interview

Frau Jurk, als Sie in ihrem TGV nach Paris den Anruf bekamen, dass 100 Personen außerplanmäßig zusteigen würden, wussten Sie da schon, dass es ein Sinfonie-Orchester sein würde?
Jurk: Nein. Wir dachten eher an eine Schüler-Gruppe. Boivin: Nicole Jurk kam zu mir und sagte, wir brauchen jetzt
sofort 100 freie Sitzplätze. Wir haben ein wenig disponiert und die erste Klasse mitbelegt. So konnten wir immerhin 94
zusammenkriegen.

Wie ging es dann weiter?
Boivin: Nicole und ich, wir haben die Musiker schon auf dem Bahnsteig empfangen und sie zu ihren Plätzen gebracht. Anfangs waren sie ziemlich ärgerlich. Aber ich war mir sicher: Am Ende der Fahrt würden alle zufrieden sein. Und genauso kam es auch. Jurk: Weil die Reisenden vorher schon vier Stunden in der Kälte gewartet hatten, habe ich bei der SNCF ein extra Lunchpaket für alle geordert. Und die anderen Fahrgäste im Zug waren auch sehr verständnisvoll. Zwei Musiker habe ich in einem Abteil untergebracht, in dem ein Junggesellinnen- Abschied gefeiert wurde. Die jungen Damen waren sehr ausgelassen und versorgten die Musiker mit Muffins. Als ich nochmal nach ihnen schaute, hoben sie gleich den Daumen.

Wie reden Sie im Zug eigentlich miteinander? Beide französisch, beide deutsch oder jeder seins?
Boivin: Wir wechseln oft die Sprache. Jeder versteht den anderen. Alle Zugbegleiter auf den internationalen Routen sprechen beide Sprachen, das ist die Einstellungsvoraussetzung.

Gibt es Unterschiede in den Eisenbahnkulturen?
Boivin: Ja, ganz sicher. Zum Beispiel ist in Deutschland alles groß. Jurk: Thierry meint den deutschen Kaffee. Der Franzose bestellt einen Kaffee, und es kommt ein Minitässchen. Da musste ich mich auch erst dran gewöhnen.

Gibt es die vielbeschworene deutsch-französische Freundschaft bei der Eisenbahn?
Jurk: Ganz sicher. Seit ich die internationalen Verbindungen fahre, verbringe ich auch meinen Urlaub in Frankreich und 2007 habe ich zum ersten Mal auf Französisch geträumt. Boivin: Bei so charmanten Kolleginnen aus Deutschland begrüßen wir uns immer mit einem Kuss. Das sagt doch alles.

Ein Sonderpreis für diese logistische Meisterleistung

Die Würdigung der Jury

Spitzenmusiker wählen die Bahn und nicht das Flugzeug, weil sie ausgeruht am Ziel ankommen wollen. Die Manager des Orchesters pochen zu Recht auf eine Reisekultur, die zu ihrem Beruf passt. Umso mehr ist das TGV-Team (hier im Bild: Thierry Boivin) zu loben: Die Bahn hatte an diesem Tag einen Ruf zu verlieren. Anspruchsvolle Fahrgäste brauchen eine anspruchsvolle Logistik, gerade unter widrigen Umständen. Einen Tusch mit Pauken und Trompeten für die logistische Meisterleistung von Nicole Jurk und Thierry Boivin.

Das schrieb der Einsender

Die Nominierung

„Als Orchestermanager für ein Gastspiel des hr-Sinfonieorchesters am 08.12.2012 in Paris geriet ich mit knapp 100 Musikern in die witterungsbedingten Ausfälle des Wochenendes. Für ein gutes Konzert sind ausgeruhte Musiker das A und O und können deshalb auf der Reise keinesfalls stehen. Tatsächlich ließ sich ein TGV ausfindig machen, der noch 94 Sitzplätze frei hatte. Diese wurden umstandslos für uns geblockt.

Noch vom Infoschalter in Karlsruhe konnten wir Kontakt zum besagten TGV aufnehmen, die Zugbegleiterin Frau Jurk war bestens informiert und hat sich ab der ersten Sekunde für uns eingesetzt und nicht gezögert, unsere Mitfahrt zu ermöglichen. Sie hat dabei immer freundlich und hilfsbereit zusammen mit ihrem Kollegen Herrn Boivin vom SNCF jedem Musiker einen Sitzplatz zugewiesen. Zusätzlich hat sie zusammen mit Herrn Boivin jedem Musiker noch ein Lunchpaket für die entstandenen Unannehmlichkeiten bereitgestellt. Frau Jurk hatte ihre Fahrgäste genauestens im Kopf, so dass jeder Musiker ein Paket bekommen hat.

Dies hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Stimmung der Reisegruppe sich positiv gehalten hat und wir trotz der Verspätung von knapp 5 Stunden ein überaus erfolgreiches Konzert in Paris hatten.“

Armin Wunsch (Manager des hr-Sinfonieorchesters)

Preisverleihung

Mit Bahnchef Rüdiger Grube und Metronom-Geschäftsführer Jan Görnemann feierten die "Eisenbahner mit Herz 2013" mit 80 geladenen Gästen im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin. Sarah Wiener hielt die Laudatio und verwöhnte die Gäste mit Köstlichkeiten in Bio-Qualität.
Beitrag lesen

Siegerkür der Eisenbahner mit Herz 2013

Sieger 2012: Die glorreichen Vier

Die Goldmedaille geht nach Köln, an Zugbegleiter Peter Gitzen von DB Fernverkehr. Für DB-Regio Lokführer Oliver Vitze aus dem baden-württembergischen Crailsheim gibt´s die Silbermedaille. Bronze gewinnt BOB-Zugbegleiterin Alexandra Schertler und den Sonderpreis Zivilcourage bekommt der Zugbegleiter der Südostbayernbahn, Yalcin Özcan. 

Gold: Peter Gitzen

Eisenbahner mit Herz 2012, Peter Gitzen
Speisewagen des ICE von Köln nach Berlin: Eine ältere Dame ist sichtlich aufgeregt, als sie einem jungen Zugbegleiter ihr Malheur schildert. In einem anderen Zug hat sie irrtümlich ihre neue Bahncard in den Mülleimer geworfen und kann nur noch die abgelaufene Karte vorzeigen.
Beitrag lesen

Eisenbahner mit Herz - Goldmedaille

Tränen lügen nicht

Speisewagen des ICE von Köln nach Berlin: Eine ältere Dame ist sichtlich aufgeregt, als sie einem jungen Zugbegleiter ihr Malheur schildert. In einem anderen Zug hat sie irrtümlich ihre neue Bahncard in den Mülleimer geworfen und kann nur noch die abgelaufene Karte vorzeigen.

Der Mann handelt streng nach Vorschrift und die Kundin muss den Differenzbetrag bezahlen. Als Zugchef Peter Gitzen später durch den Speisewagen geht, sieht er die Kundin den Tränen nahe. Er erfährt von dem Missgeschick. Sofort ruft er in dem besagten Zug an und verortet die kritische Mülltonne. Tatsächlich: Die Bahncard wird gefunden. Die ältere Dame ist "überglücklich", schreibt Lothar Götz, der die Szene mit angesehen hat.

Ein paar Wochen später im IC nach Essen: Zwei 14-jährige Mädchen steigen in den falschen Zug. Statt nach Essen bei Oldenburg fahren sie nach Essen ins Ruhrgebiet, merken es aber unter ihren Kopfhörern erst Stunden später.

Mit Tränen in den Augen treffen Saskia und Annabell um Mitternacht im fahrenden Zug auf Peter Gitzen. Er nimmt Kontakt mit den Eltern auf. Eigentlich müsste er die beiden der Polizei übergeben, aber nach zahllosen Telefonaten findet sich eine bessere Lösung: Peter Gitzen stellt ein Zelt auf seine Gartenterrasse und organisiert den Kindern am nächsten Morgen eine behütete Rückreise.

Das Porträt

Der Herzensgute

Am 21. August 2001 verliert Zugchef Peter Gitzen im Intercity von Hamburg nach Köln sein Herz. Die junge Moskauerin Lena sitzt mit ihrem 6-jährigen Sohn André in seinem Zug. Schon als er die Fahrkarten kontrolliert und die Frau in fließendem Russisch mit kölschem Akzent begrüßt, ist es um die beiden geschehen: Ein paar Monate später sind sie verheiratet.

Es ist also seine Glücks-Strecke, auf der Peter Gitzen Jahre später Saskia und Annabell trifft. Die Mädchen fahren im falschen Zug, der sich im Nachhinein als doch nicht so verkehrt herausstellt: Immerhin lernen sie die ganze Familie Gitzen kennen, übernachten im Zelt und gratulieren der inzwischen geborenen Tochter Anactacia zum siebten Geburtstag. Danach greifen die Mädchen zur Feder und empfehlen der Jury mit großer Überzeugungskraft ihren Kandidaten.

Peter Gitzen ist als Mensch so herzensgut, dass sogar Kollegen lächeln, wenn sie ihn sehen. „Peter wird Eisenbahner mit Herz? Der hat es verdient.“ Auch sein langjähriger Gruppenleiter, Heinz Häckes, lächelt. „Der Peter übertreibt es manchmal mit dem Helfen. Aber man kann ihm ja nicht böse sein.“ Einer wie Peter darf sogar kleine Mädel mit nach Hause nehmen? Die Kollegen winken ab: „Beim Peter sind die in guten Händen.“ Wahrscheinlich weil Peter Gitzen einer ist, der auch eine 78-jährige Dame in Not mitgenommen hätte. Vielleicht hätte er die aber nicht im Zelt untergebracht.

Das Interview

"Ich bin immer im Dienst"

ICE-Zugchef Peter Gitzen über allzu korrektes Verhalten von Kollegen, die beruhigende Wirkung der kölschen Mundart und wie er im Intercity seine spätere Ehefrau kennen lernte

Herr Gitzen, was war die größte Herzgeschichte, die Sie je im Zug erlebt haben?
Das war am 21. August 2001. Da habe ich die Frau kontrolliert, die später meine Ehefrau geworden ist. Sie kam aus Moskau, saß im Intercity Hamburg – Köln und wollte nach Aachen, um eine Cousine zu besuchen. Am Kölner Hauptbahnhof wusste sie nicht weiter, „zum Glück“, sagen wir beide heute. Ich habe sie nach Aachen begleitet und ihr in der nächsten Woche ganz Deutschland gezeigt. Ich habe wirklich alle Register gezogen. Sie wollte sich revanchieren und hat mich nach Moskau eingeladen. Ein paar Monate später waren wir verheiratet.

Das ist mal ein glückliches Ende ganz ohne Tränen. Wie kommt es, dass Ihre Fahrgäste sonst so viel weinen?
Ich arbeite seit 38 Jahren für die Bahn. Über die Jahre kommt da schon einiges an Tränen zusammen. Ich erlebe etwa vier- bis sechsmal im Jahr echte Abenteuer mit meinen Fahrgästen.

Wie war das denn mit der Bahncard der alten Dame. Können Sie sich daran erinnern?
Natürlich. Ich war Zugchef auf dem ICE von Köln nach Berlin. Etwa auf der Höhe von Wolfsburg war ich mit der Fahrkartenkontrolle in der 2. Klasse fertig und ging noch einmal durchs Restaurant. Da sah ich die Dame an einem Tisch sitzen. Mir fiel sofort auf, dass mit ihr etwas nicht in Ordnung war, sie hob die Hand in meine Richtung und wirkte etwas weinerlich. Ich setzte mich zu ihr an den Tisch und fragte, was los sei. Da erzählte sie mir ihr ganzes Missgeschick. Die abgelaufene Bahncard hatte sie vor sich liegen, aber ihre neue hatte sie wohl irrtümlich in den Mülleimer von einem Regionalexpress geworfen. Mein junger Kollege hatte deshalb schon 30 Euro kassiert. „Wäre das möglich, von hier aus in einen anderen Zug zu telefonieren?“, fragte sie. „Na klar ist das möglich“, sagte ich. Aus ihren Fahrkartenunterlagen konnte ich raus lesen, in welchem Zug sie gesessen hatte. Das sagte ich dem Kollegen an Bord auch. Es dauerte nicht lange, da kam der Rückruf. Die Bahncard ist gefunden worden, der Triebfahrzeugführer versprach, sie an der DB Information in Braunschweig für Frau Winter zu hinterlegen.

Was haben Sie dann dem jungen Kollegen gesagt?
Ich ging zu ihm, bat, die Ersatzfahrkarte zu stornieren und brachte der Dame ihr Geld zurück. Natürlich hatte der Kollege korrekt gehandelt. Das habe ich vor der Kundin auch betont.

Sie selber handeln aber niemals bloß korrekt.
Manchmal ist das eben zu wenig. Man kann ja über alles reden. Zum Beispiel hätte ich es nicht verkehrt gefunden, wenn der junge Kollege vorher mal zu mir gekommen wäre. Als Zugchef muss ich am Ende sowieso den Kopf hinhalten, da hätte er mich auch gleich fragen können. Und es kann nie schaden, einer Sache noch mal nachzugehen. Das kostet einen Anruf, und dann ist spätestens klar, dass die Frau tatsächlich eine Bahncard hat.

Es gibt also schon Fälle, in denen Sie mit Ihren Kollegen nicht einverstanden sind?
Vor kurzem war ich in Zivil unterwegs. Ein Fahrgast hatte seinen Rucksack mit allen Papieren, Flugtickets nach Dubai und Ausweisen auf dem Bahnsteig in Düsseldorf vergessen. Der Zug fuhr gerade los und der Reisende erzählte dem Zugchef von seiner Notlage. Wissen Sie, was der sagte? „Ist doch nicht mein Problem.“ So was kann ich überhaupt nicht verstehen.

Was haben Sie dann gemacht? Sie trugen ja keine Uniform.
Uniform nicht, aber mein Diensthandy habe ich immer dabei. Ich habe mich also eingeloggt und am Bahnhof Bescheid gesagt, dass der Rucksack sofort hinter uns hergeschickt werden soll. Das hat dann auch alles wie am Schnürchen geklappt und der Reisende hat seinen Flug noch gekriegt.

Sind die Kollegen böse, wenn Sie einfach so eingreifen?
Glaube ich nicht. Die mich kennen, wissen schon, dass ich nicht anders kann. Ich muss einfach helfen. Ich bin immer im Dienst.

Kürzlich waren Sie im Dienst auch einmal wieder gefordert. Da hatten Sie es mit zwei jungen Mädchen zu tun, die am späten Abend im falschen Zug saßen. Was haben Sie da gemacht?
Das war wirklich ein Abenteuer. Ich fuhr im IC von Hamburg nach Köln, da standen kurz hinter Münster auf einmal zwei 14-Jährige vor meinem Dienstabteil. Sie waren ganz außer sich und fragten: „Fährt der Zug nach Essen?“ Ich sagte: „Natürlich fährt der Zug nach Essen.“ Ich setzte noch einen drauf: „Der Zug fährt sogar noch ein Stückchen weiter: nach Köln.“ Da schauten sie mich groß an. „Aber nach Essen bei Oldenburg?“ „Nee“, sage ich, „Kinder, nach Essen bei Oldenburg? Da kommen wir heute nicht mehr hin.“ Sie waren sofort in Tränen aufgelöst. Ich setzte sie deshalb erst mal ins Dienstabteil, tröstete sie, nahm das Telefon und rief die Eltern an.

Die haben sich bestimmt ziemlich erschreckt.
Das schon, aber nachdem ich mich vorgestellt hatte, die Situation geschildert habe, sind sie sehr schnell wieder runtergekommen. Das lag bestimmt an meiner Stimme.

Oder an Ihrem kölschen Dialekt.
Bestimmt! Jedenfalls wollten die Mädchen, Saskia und Annabell, nicht der Polizei übergeben werden. Das hätte ich nach der Vorschrift an der nächsten Station in Dortmund nämlich machen müssen. Eine andere Möglichkeit? Ich würde sie mit zu mir nach Hause nehmen, im Garten ein Zelt für sie aufbauen und am nächsten Tag eine geordnete Rückreise für sie organisieren. Das schien uns nach mehreren Telefonaten mit allen Eltern am Ende das Beste, und so haben wir das dann auch gemacht.

Saskia und Annabell haben die Reise mit Ihnen so spannend gefunden, dass sie einen perfekt formulierten Aufsatz an die „Eisenbahner mit Herz“-Jury geschrieben haben. Die Mutter hat uns verraten, dass sie nicht mal beim Abfassen helfen durfte. Raten Sie mal, wie lange die Jury danach gebraucht hat, um Sie für den Titel auszuwählen?

Lange?

Zwei Minuten.

Das freut mich so sehr, dass ich Gänsehaut kriege.

Die Einsendung der Kunden

Tränen am Volkstrauertag

Es geschah am Volkstrauertag - eigentlich einem Tag der Erinnerung an traurige Ereignisse. Dass dieser Tag für eine ältere Dame auf der Fahrt mit dem ICE beinahe auch sehr traurig geworden wäre, hatte ich nicht erwartet.

Ich saß auf der Fahrt im Speisewagen. Eine sichtlich aufgeregte ältere Dame stieg zu und nahm in einiger Entfernung Platz. Alles verlief normal bis ein jüngerer Schaffner zu Frau Winter kam und die Tickets kontrollierte. Ich bekam aufgrund der sich dann entwickelnden längeren Diskussion mit, dass sie bereits vor der Kontrolle in einem anderen Zug gesessen hatte und dort auch kontrolliert worden war. Nun aber war ihre gültige Bahncard (BC) verschwunden- konkret: sie hatte ihre abgelaufene BC dabei, die soeben erhaltene neue BC, die sie zur Kontrolle in anderem Zug vorgezeigt hatte, jedoch -in der Annahme, es sei die abgelaufene- in den Mülleimer im Abteil geworfen. Der Schaffner zeigte an dieser Situation wenig Interesse und kassierte die Dame für die neue Zugstrecke hinsichtlich der Preisdifferenz erneut zum vollen Tarif ab.
Wenig später kam der Zugchef Peter Gitzen im Speisewagen vorbei und sah die nach Tränen ringende Dame dort sitzen. Sofort fragte er sie, was denn los sei. Sie erzählte ihm die Geschichte. Peter Gitzen - übrigens eine typische Kölner Frohnatur - zögerte keinen Moment, rief im anderen Zug an und ließ nach der BC, die im Mülleimer direkt hinter dem Steuerungsabteil liegen sollte, suchen. Er blieb gegenüber der Dame sitzen und wartete geduldig auf einen Rückruf. Es dauerte nur 5 Minuten: die Karte war gefunden worden (und auch gültig). Herr Gitzen ließ die Karte am Servicepoint, den die Dame auf der Rückfahrt ansteuern würde, deponieren und es war gut. Zehn Minuten später tauchte er mit den vorher vom Kollegen abkassierten Zuschlag wieder auf und gab ihr das Bargeld zurück. Außerdem regelte er noch alles, damit sie auf der Rückfahrt keinen Ärger bekommen würde. Frau Winter strahlte überglücklich.

Es geht also doch mit dem "Menschen" im Zugbetreuer. Anschließend bat ich Herrn Gitzen zu mir und bat ihn um Erlaubnis, ihn vorschlagen zu dürfen. Er stimmte zu und erzählte beiläufig, er habe bereits einen ganzen Leitzordner mit Dankschreiben zu Vorgängen dieser Art. Auf meine Frage, ob er jemals eine dienstliche Belobigung oder irgendetwas dieser Art erfahren habe: klares Nein!!
Ich hoffe, dieser Bericht wird das ändern.

Lothar Götz

In die falsche Richtung

Meine Freundin Annabell Ortmann (14) und ich (Saskia Kollmer, 14) wollten eine Freundin in Rheine besuchen. Wir hatten uns für die Ferien ein Schülerferienticket für Niedersachsen geholt und konnten damit nach Rheine fahren. Als wir wieder von Rheine nach Hause wollten und wir in Osnabrück umsteigen mussten, dachten wir uns, da es noch nicht so spät war gehen wir noch in die Stadt.

Nach zwei Stunden wollten wir dann in den nächsten Zug nach Essen (Oldenburg) einsteigen. Also beeilten wir uns, um den Zug zu bekommen. Uns kam es schon komisch vor, dass der Zug eine halbe Stunde Verspätung hatte und meine Mutter rief mich schon an, wo wir bleiben. Als der Zug dann endlich gekommen war und wir einstiegen, mussten wir getrennt sitzen, da der Zug sehr voll war und nirgends zwei Plätze frei waren. Als der Zug losgefahren war, hörten wir beide Musik mit unserem Headset und hörten somit anfangs nicht, was in den Durchsagen kam. Irgendwann kam uns das alles komisch vor, und Annabell machte die Musik aus, um die nächste Durchsage zu hören. Plötzlich drehte sie sich zu mir und sagte mir, dass wir gerade durch Münster gefahren sind. Uns wurde klar dass wir nicht im Zug nach Essen (Oldenburg), sondern im Zug nach Essen (Ruhe) (Zugnummer 2311) waren. Wir überlegten, was wir jetzt machen können und hatten Angst, da wir ja jetzt schwarz fahren. Nach einer Zeit gingen wir dann los, um jemanden zu suchen, der uns helfen konnte. Wir kamen an dem Schaffner (Peter Gitzen) vorbei und erklärten ihm, was passiert ist. Er sah nach, wann der nächste Zug nach Osnabrück fährt und sagte, wir würden heute nicht mehr nach Hause kommen, da es mittlerweile schon sehr spät war. Wir waren total überfordert und wussten nicht, was wir nun machen sollten und weinten. Peter Gitzen beruhigte uns und machte uns einen Vorschlag: Entweder wir würden nun in Dortmund aussteigen und müssten uns dort dann sechs Stunden aufhalten oder wir könnten zur Polizei gehen oder wir würden mit ihm nach Hause fahren, und er würde seinen Sohn anrufen, damit er das Zelt aufbauen kann. Wir wollten mit ihm fahren, und er rief unsere Eltern an, um ihnen zu erklären, was passiert war. Diese waren sehr besorgt, aber stimmten dann zu.

Peter gab uns etwas zu trinken und zu essen und, wir setzten uns dann in einem Raum neben ihn, weil er noch nach Köln fahren musste. Dort stiegen wir dann mit ihm um in den Zug nach Aachen und von dort nach Eschweiler zu ihm nach Hause. Dort angekommen erzählte er uns, dass seine Tochter am nächsten Tag Geburtstag hätte. Sein Sohn hatte das Zelt schon für uns aufgestellt und Peter gab uns Zahnbürsten, damit wir uns noch die Zähne putzen konnten. Dann gingen wir schlafen.

Am nächsten Tag weckte Peter Annabell und mich. Wir stiegen zusammen mit Peter in den Zug nach Köln, wo er uns ein Brötchen und Tee spendierte. Danach brachte Peter uns zum Zug Richtung Osnabrück und erklärte seinen Kollegen, was los war und wir durften First Class fahren. Dort bekamen wir auch noch einen Snickers und etwas zu trinken. Als wir in Osnabrück angekommen sind, wartete dort ein Mann auf uns, der uns in der Zeit, wo wir auf den Zug nach Essen (Oldenburg) gewartet haben, betreut hat. Wir bekamen dort auch noch einen Tee und ein Brot. Der Mann brachte uns dann zu dem Gleis und wir fuhren endlich wieder nach Hause, wo uns unsere Eltern schon erwarteten.

Wir sind sehr froh, dass wir Peter Gitzen getroffen haben, denn ohne seine Hilfe wären wir nicht nach Hause gekommen. Er war um uns sehr bemüht und hat uns mit Essen und Trinken gut versorgt, ohne dass wir einen Cent bezahlen mussten. Außerdem hat er für uns extra eine Betreuungsperson organisiert. Auch wenn seine kleine Tochter am nächsten Tag Geburtstag hatte, hat er sich bereiterklärt, uns mit zu sich nach Hause zu nehmen und sich um uns gesorgt. Er ist ein sehr netter, hilfsbereiter, herzlicher Mensch.
Wir würden uns freuen, wenn er Eisenbahner mit Herz wird!

Saskia Kollmer, Annabell Ortmann

Die Würdigung der Jury

Niemals Schema F

Wer den Passagier als Gast ansieht, dessen Gastfreundschaft endet nicht am Zugabteil.

Uns hat die Herzlichkeit und das private Engagement von Peter Gitzen fasziniert, der gestrandeten Reisenden in der Zeit bis zum Morgenzug aus der Patsche hilft. Ein solcher Zugbegleiter verfährt auch bei Ticket-Problemen nicht nach Schema F. Soviel Gastfreundschaft nach Dienstschluss und Freude an der Recherche sind selten.

Silber: Oliver Vitze

Eisenbahner mit Herz 2012, Oliver Vitze
Nürnberg Hauptbahnhof: Alexandra Gutsche-Trimis bringt ihre Freundin zum Bahnhof. Beim Winken rutscht ihr der Ehering vom Finger und landet unter dem Zug am Nebengleis. In ihrer Not klopft die Frau bei den Lokführern des wartenden Zuges.
Beitrag lesen

Eisenbahner mit Herz - Silbermedaille

Der Herr der Ringe

Nürnberg Hauptbahnhof: Alexandra Gutsche-Trimis bringt ihre Freundin zum Bahnhof. Beim Winken rutscht ihr der Ehering vom Finger und landet unter dem Zug am Nebengleis.

Ein Anruf beim Ehemann bringt sie nicht weiter. In ihrer Not klopft die Frau bei den Lokführern des wartenden Regionalexpress. Der „netteste Lokführer der Welt“ steigt aus und kriecht für sie unter den Zug. Er wendet alle Steine, bis der Ring gefunden ist. Als die Kundin ihn voller Dankbarkeit fragt, was sie für ihn tun kann, hat er nur einen Wunsch: Ein Stück Seife.

Das Porträt

Oli kommt nach Hause

Kurz bevor er die Tat vollbringt, die ihn zum Eisenbahner mit Herz macht, sitzt Oliver Vitze in seiner Lokomotive und isst eine Currywurst. Dieser Umstand passt ins Bild: Die entscheidenden Jahre seines Lebens hat der 41-Jährige nämlich in Berlin und Umgebung verbracht.

Geboren am Bahnhof von Neustrelitz erklettert er schon als kleiner Junge jede Lok, die in seiner Reichweite steht. Seine Vorliebe für die preußische T 18 oder die 78er Baureihe stammt aus frühkindlicher Prägung. Ein Bahnarzt am Berliner Ostbahnhof erklärt ihn im Wendejahr 1989 für tauglich, und Oliver Vitze steigt von nun an dienstlich in den Führerstand. Er arbeitet für den Fernverkehr im Ostbahnhof, dann in Berlin Wuhlheide, wechselt später nach Potsdam in den Rangierdienst. Als er hört, dass die Deutsche Bahn im baden-württembergischen Crailsheim Lokführer sucht, denkt Oliver Vitze, er könne doch auch „in den Westen gehen“. Er bewirbt sich und wird prompt genommen.

Mit dem Ländle hat der Exilberliner inzwischen seinen Frieden gemacht. Schließlich kommt er viel herum: etwa nach Stuttgart oder ins bayerische Nürnberg, wo er zum Fototermin für den „Eisenbahner mit Herz“ auch die attraktive junge Frau wiedertrifft, deren verschwundenen Ehering er in einer dunklen Novembernacht aus dem Schotter geborgen hat. Alexandra Gutsche-Trimis ist von ihrem „nettesten Lokführer“ auch bei Tageslicht sichtlich angetan und verspricht, zur Siegesfeier am 13. April nach Berlin zu reisen. Oliver Vitze wird sich ebenfalls auf den Weg machen - er kommt schließlich nach Hause.

Das Interview

"Da bin ich ganz der Romantiker"

Oliver Vitze über Eheringe als Symbol der Liebe, die Einsamkeit auf der Lok und die Trauer nach einem Personenschaden.

Herr Vitze, an einem dunklen Vorweihnachtsabend haben Sie im Dienst eine Herzensangelegenheit glücklich gelöst. Was ist geschehen?
Ich war mit meinem Azubi auf der Lokomotive, und wir haben eine Currywurst gegessen. Ich war gerade fertig, da klopft es an der Tür. Eine junge Frau steht draußen. Sie war ziemlich aufgelöst und sagte, sie hätte ihren Ehering verloren. Er sei unter den Zug gerollt. Was man denn jetzt tun könnte. Ich sagte: „Wir suchen ihn. Die Option besteht.“ Dann habe ich mir meine Warnweste gegriffen und die Lampe, und dann sind wir auf den Bahnsteig rausgegangen.

Wie lange haben Sie gesucht?
Das war nicht ganz einfach. Sie hatte sich zwar die Stelle gemerkt, wo der Ring ins Gleis gerollt ist, aber wir haben mit ihrem Handy und meiner Lampe unter den Zug geleuchtet und es war nichts zu sehen. Also bin ich unter den Zug gekrochen, habe alles abgeleuchtet. Außer Grünzeug,, Müll, Kronkorken und Bierdeckeln war nichts zu entdecken. Als dann klar war, dass es eine längere Operation werden würde, habe ich mich auf die Schienen gesetzt und Stein für Stein umgedreht. Irgendwann konnte ich ihr zum Glück zurufen: „Ich hab’ ihn.“ Als ich wieder auftauchte, hat sie sich unglaublich gefreut. Obwohl ich aussah wie ein Müllmann.

So ein Ehering ist schon ein starkes Symbol.
Für mich auf jeden Fall. Ich bin bald 19 Jahre glücklich verheiratet, und da weiß ich, was der Ring bedeutet. Als ich geheiratet habe, habe ich mir gesagt: Dieser Ring bleibt an meinem Finger, bis ich unter der Erde liege. Da bin ich ganz der Romantiker.

Haben Sie Ihrer Frau von dem Erlebnis unter dem Zug erzählt?
Ja, noch am selben Abend. Ich kam nach Hause und sagte: „Ich habe heute einer jungen Frau die Ehe gerettet.“ Da hatte ich auch gleich eine Erklärung, warum ich so schmutzig war. Meine Frau hat sich über die Geschichte so gefreut, dass wir ein Glas Sekt getrunken haben.

Wenn Sie so hilfsbereit sind, klopft es sicher öfter mal an Ihrer Lok?
Ja, ich helfe gern. Meistens geht es natürlich nicht um einen Ehering, sondern um Menschen, die auf dem Bahnsteig keinen Ansprechpartner finden. Die kommen dann zu uns nach vorne und klopfen. Wir sind ja immer da. Meistens wollen sie dann nur irgendeinen Anschluss wissen oder brauchen Hilfe beim Tragen eines Kinderwagens. 

Lokführer gelten als die einsamen Wölfe im Eisenbahnverkehr. Fühlen Sie sich einsam?
In der Regel sind wir schon Einzelkämpfer. Im Güterverkehr sogar noch viel mehr, da sind wir ganz allein. Ich habe in meiner Zeit in Berlin lange Güterverkehr gemacht. Hier in Crailsheim arbeite ich im Personenverkehr. Das gefällt mir besser. Ich bin ein kommunikativer Typ.

Haben Sie vor allem nette Erlebnisse oder gibt es auch schwierige Seiten in Ihrem Beruf?
Ja, die gibt es. Vor einem Jahr hatte ich einen „Personenunfall“. Meine Lok hatte 100 Sachen, und da sehe ich vor mir etwas auf dem Gleis. Es war zu spät, um zu bremsen. Diesen Augenblick werde ich nicht vergessen: wie ich merke, dass ich keine Chance habe zu bremsen.

Hat Sie das verfolgt?
Ja, wenn mal schlechtes Wetter ist und das rote Signal immer näher kommt, dann schießt es mir wieder in den Kopf. Aber Alpträume oder Schweißausbrüche erlebe ich nicht mehr. Eine Bahnpsychologin in Stuttgart hat mit mir darüber gesprochen, ich kann jetzt damit umgehen.

Ihren Beruf wollten Sie deshalb nicht aufgeben?
Nein. Es war immer schon klar, dass ich Lokführer werden würde. Etwas anderes hat es für mich nie gegeben.

Wie kann das sein?
Das Haus in Neustrelitz, in dem ich aufgewachsen bin, lag direkt am Bahnhof. Ich konnte kaum laufen, da saß ich schon auf der Dampflok. Damals haben mich die Aufsichtsbeamten noch rausgeholt und wieder nach Hause verfrachtet. Mir war aber klar: Da will ich hin.

Sie sind also ein Eisenbahner mit Herz?
Ganz klar: Es ist einfach schön, auf Schienen zu fahren. Aber mein Herz gehört den Dampf- und Dieselloks. Da sieht und hört man die Kraft.

Die Einsendung der Kundin

Ring gegen Seife

Am 25.11.2011 habe ich meine Freundin zum Bahnsteig 19 im Nürnberger Hauptbahnhof begleitet. Wir waren gemeinsam bei der Eröffnung des Nürnberger Christkindlesmarktes.

Sie stieg in den RE um 19:40 Uhr und fuhr zurück nach Regenstauf. Ich habe ihr nachgewunken und plötzlich löste sich mein Ehering und hüpfte von meinem Finger über den Bahnsteig und rollte unter den gegenüberstehenden Zug. Diese RE 19928 hatte noch fast 45 Minuten Zeit bis zur Abfahrt nach Stuttgart um 20:35 Uhr. Ich habe mit dem Handy unter den Zug geleuchtet, aber erfolglos. Dann habe ich meinen Mann angerufen und gebeten zu kommen und suchen zu helfen, wenn der Zug abgefahren ist.

Da weit und breit kein Bahnpersonal zu sehen war und ich die Sache besprechen wollte, habe ich beim Lokführer an die Türe geklopft. Ein junger Mann öffnete das Fenster und fragte mich, was los sein. Der 2. Mann in der Lok kam aus der Türe, und ich sollte ihm die Stelle zeigen, wo der Ring auf die Schienen gefallen ist. Er kletterte mit Taschenlampe unter den Zug und suchte. Leider nichts zu finden.

Dann hob er Stein für Stein zur Seite und suchte intensiv. Nach einiger Zeit fand der netteste Lokführer der Welt meinen Ehering zwischen Müll, Dreck und Kronkorken. Ich war so glücklich und konnte mich vor Aufregung gar nicht richtig bedanken. Sein einziger Wunsch war - "ein Stück Seife" zum Händewaschen.

Alexandra Gutsche-Trimis,
Nürnberg, Bayern

Die Würdigung der Jury

Ritter in der Not

Wer im Reisenden den Menschen sieht, der klettert für Fahrgäste auch unter den Zug und sucht den verlorenen Ehering.

Uns hat beeindruckt, wie der Lokführer sich nicht zu schade war, im Schotter und Schmutz nach dem Ring zu suchen. Soviel hilfsbereite Ritterlichkeit ist selten.

Bronze: Alexandra Schertler

Eisenbahner mit Herz 2012, Alexandra Schertler
Auf der Fahrt von Tegernsee nach München leidet Marianne Meißner unter Bauchweh und Übelkeit. Als sie an der Tür steht, um Luft zu schöpfen, wird BOB-Zugbegleiterin Alexandra Schertler aufmerksam. Sie bringt die Frau in die erste Klasse, sorgt dafür, dass sie sich hinlegen kann.
Beitrag lesen

Eisenbahner mit Herz - Bronzemedaille 

Krankenpflege de luxe in der BOB

Auf der Fahrt von Tegernsee nach München leidet Marianne Meißner plötzlich unter Bauchweh und Übelkeit. Als sie an der Tür steht, um Luft zu schöpfen, wird BOB-Zugbegleiterin Alexandra Schertler aufmerksam.

Sie bringt die Frau in die erste Klasse, sorgt dafür, dass sie sich hinlegen kann. Während der Fahrt sieht sie mehrfach nach der Kranken. Die Kundin ist „sehr begeistert“ und hätte eine solche Fürsorglichkeit bei der Bahn niemals erwartet.

Das Porträt

Im schönsten Bayerisch

Es muss schon hart auf hart kommen, damit BOB-Zugbegleiterin Alexandra Schertler die Geduld verliert. Als sie auf der Fahrt nach München auf zwei Russen trifft, die ohne Fahrkarte und mit den Füßen auf den Sitzen nach eigenem Bekunden zum „Ficken nach Deutschland“ fahren, sagt sie nur ein Wort: „Raus!“.

Auch andere Fahrgäste tanzen ihr nicht so leicht auf der Nase herum: In ihren Schülerzügen herrscht kein Saustall und überhaupt kann sich die 40-Jährige gut durchsetzen. Dass sie einen Geisteskranken, der sie mit einem Nagel abstechen will, im fahrenden Zug mit Kampfsporttechnik unschädlich macht, glaubt jeder, der den festen Händedruck der gelernten Zahnarzthelferin erlebt hat.

Genauso zupackend ist Alexandra Schertler, wenn ihre Fahrgäste Hilfe brauchen. Zwei Mädels, die zum Skifahren in die Berge wollen, aber ein Ticket haben, das erst ab neun Uhr gilt: Eine Notiz auf der Fahrkarte, und die beiden fahren mit. Ein kleiner Junge, dem ein Euro Fahrgeld fehlt: die Zugbegleiterin zückt ihr eigenes Portemonnaie und begleicht den Rest.

Dass trotz der vielen großen und kleinen Abenteuer die Welt von Alexandra Schertler noch in Ordnung ist, betont sie in schönstem Bayerisch. Mit einem Bergpanorama vor dem Küchenfenster in ihrem Haus in Tegernsee geht der Tag los, auf ihrer Strecke Tegernsee -München kennt sie alle ihre Fahrgäste mit Namen. Und die Kollegen? In der BOB-Familie ist Alexandra Schertler nur „die Alex“ - eine echte Eisenbahnerin mit Herz eben.

Das Interview

"Da überlege ich nicht lange"

BOB-Zugbegleiterin Alexandra Schertler über Kampfsport im fahrenden Zug, einen kleinen Jungen mit zu wenig Fahrgeld und ihren zahnmedizinischen Blick auf die Welt

Sie sind Eisenbahnerin mit Herz geworden, weil Sie einen Blick für Menschen haben. Wie war das mit der Reisenden, der in der BOB schlecht geworden ist?
Ich habe den Zug in Holzkirchen abgefertigt. Da sah ich die Reisende japsend in der Tür stehen. Es war keine große Kunst zu bemerken, dass es ihr schlecht ging. Sie war nämlich eher grün als weiß im Gesicht. Ich fragte sie, ob ich einen Arzt und den Krankenwagen rufen solle, aber das wollte sie nicht. Sie war mit drei Freunden unterwegs und setzte sich wieder zu ihrer Gruppe zurück. Aber ich habe gesehen, dass es nicht ging. Sie brauchte einfach Ruhe. Also habe ich sie in die erste Klasse gebracht, habe ihr die Füße hochgelegt, die Schuhe ausgezogen, die Jacke unter den Kopf gelegt, etwas zu trinken besorgt und immer wieder nach ihr gesehen.

Gleich hinter der ersten Klasse fuhr an diesem Tag ein Junggesellenabschied mit, die grölten und waren laut. Ich bin hingegangen, habe gesagt, „jetzt ist Ruhe, der Dame geht’s nicht gut“, da war es im selben Augenblick mucksmäuschenstill. Als wir in München ankamen, ging es ihr allerdings nicht besser. Sie zitterte und war in keiner guten Verfassung. Mir wäre es lieber gewesen, wenn wir dann einen Arzt gerufen hätten, aber ihre Freunde versprachen, sie zu begleiten und die Nacht bei ihr zu bleiben.

Die Kundin schreibt von Ihrer „extremen Fürsorglichkeit“, die sie überrascht hätte. Sehen Sie das auch so?
Eigentlich habe ich nur das gemacht, was selbstverständlich war. Was jeder Zugbegleiter oder sogar jeder Fahrgast auch hätte tun müssen. Es gibt einfach diese Situationen, da überlege ich nicht lange. Da handele ich einfach.

Aber irgendeine Handlung reicht nicht, es muss schon die richtige sein.
Wahrscheinlich hilft mir dabei mein früherer Beruf. Ich bin eigentlich gelernte Zahnarzthelferin und in den 23 Jahren in der Praxis hatte ich viele Patienten, die im Stuhl das Bewusstsein verloren haben. Angstpatienten, die saßen da und auf einmal rutschten sie weg.

Sie sehen also den Patienten im Fahrgast?
Das kann man schon so sagen. Dieser Blick bleibt. Aber besonders gut schaue ich bei Zähnen hin. Meine beiden Töchter haben mit 18 und 15 Jahren noch kein einziges Loch in ihrem Gebiss.

Wenn Sie früher Zug gefahren sind, wie haben Sie da die Zugbegleiter erlebt?
Sehr unterschiedlich. Es gab die, die sagten „Guten Morgen“ und gingen weiter und andere waren mir sofort sympathisch. Genauso ist das jetzt bei meinen Fahrgästen. Ich habe schwierige Fahrgäste, da bin ich freundlich aber nicht mehr. Bei anderen Fahrgästen kenne ich den Namen, die Familie, den ganzen Hintergrund. 
 
Wie viele kennen Sie denn mit Namen?
Bei den Pendlerzügen in der Früh kenne ich jeden einzelnen. Das ist aber auch kein Wunder, schließlich wohne ich in Tegernsee. Ich bin in der Region geboren und aufgewachsen, meine Kinder gehen hier zur Schule.
 
Der Fahrgast, der Sie eben scherzhaft um ein Autogramm gebeten hat, wer war das? 
Der arbeitet als Staatsanwalt in München und kümmert sich um Kapitalverbrechen. Wir haben auch viele Polizisten auf der Strecke. Wenn es Ärger gibt, weiß ich sofort, ob gerade ein Polizist in Zivil mitfährt.
 
Haben Sie solche Hilfe schon einmal gebraucht?
Es gibt schon gefährliche Situationen. Das schlimmste, was ich je erlebt habe, war ein Fahrgast, der mich fast abgestochen hätte. Er stieg in Holzkirchen zu und pöbelte die Reisenden an. Eine Dame lief durch den Zug und rief mich zu Hilfe. Als ich dazu kam, zeigte er gerade auf seine Sporttasche. Da hätte er eine Waffe drin, mit der er uns alle umbringen würde. Ich schob mit dem Fuß seine Tasche weg, aber er zog plötzlich einen langen Zimmermannnagel. Wenn ich da nicht reagiert hätte, säße ich heute nicht mehr hier. 
 
Was haben Sie gemacht? Ihre Lehre als Zahnarzthelferin hat Ihnen da bestimmt nichts genützt. 
Nein, aber meine Kampfsporterfahrung. Mein Mann und meine Kinder sind aktive Kämpfer. Immer wenn sie zu Hause üben wollten, musste ich das Opfer spielen. Als ich dann den Nagel am Hals hatte, habe ich einfach zugepackt: im fahrenden Zug habe ich den Fahrgast umgelegt, ihn am Boden fixiert und ihm den Nagel abgenommen. An der nächsten Haltestelle wartete schon die Polizei auf ihn. Trotzdem war das mein schlimmstes Erlebnis. 
 
Und Ihr nettestes?
Einmal war ein kleiner Junge im Zug. Dem fehlte ein Euro Fahrgeld. Damit er seine Fahrkarte bekam, habe ich den Euro eben dazugetan. Zwei Tage später wartete am Bahnhof in München eine Frau, mit Pralinen in der Hand. Das war seine Mutter. Ich fand’s eigentlich selbstverständlich, aber sie nicht. 
 
Worauf sind Sie denn bei sich selbst stolz?
Ich denke, ich habe eine gute Menschenkenntnis. Ich merke, wenn einer versucht, mir einen Bären aufzubinden. Aber ich sehe auch, wenn ein Fahrgast nicht weiter weiß oder es ihm schlecht geht.
 
Deshalb sind Sie auch „Eisenbahnerin mit Herz“ geworden. Haben Sie das erwartet?
Nein, als ich es erfahren habe, war ich sprachlos. Für mich ist Helfen normal. Trotzdem freut mich diese Wertschätzung meiner Arbeit.

Die Einsendung der Kundin

Unerwartete Fürsorge

Dieser Wettbewerb passt wunderbar für meine Geschichte, welche ich am vergangenen Wochenende erlebt habe. Ich fuhr am Samstag, 28.01. mit der Bob (18.57 Uhr) mit Freunden von Tegernsee Richtung München Hbf. Auf der Fahrt klagte ich plötzlich über Bauchschmerzen und Übelkeit.

Bei einem Zwischenhalt (leider weiß den Bahnhof nicht mehr) ging ich zur Tür um frische Luft zu tanken und dann war auch schon Ihre Mitarbeiterin, Frau Alexandra Schertler bei mir. Sie erkundigte sich nach meinem Wohlbefinden und fragte, ob Sie mir behilflich sein könne. Sie begleitete mich kurz zu meinem Platz, um mich dann in die erste Klasse des Zuges zu bringen, damit ich meine Ruhe habe und meine Füße hochlegen kann. Frau Schertler war sehr, sehr fürsorglich und half mir sogar beim Schuhe ausziehen. Während dem Rest der Fahrt schaute sie noch zweimal nach mir und war sofort zur Stelle, als wir München erreichten. Sie half mir beim Schuhe anziehen und begleitete mich zur Tür. Dort fragte sie meine Freunde, ob mich denn jemand heim begleiten würde, was bejaht wurde. Erst dann war Frau Schertler wirklich beruhigt.

Ich möchte sagen, dass ich ein so dermaßen freundliches und fürsorgliches Verhalten von Bahnangestellten niemals erwartet hätte und wirklich sehr begeistert bin, dass Ihre Mitarbeiter sich so toll um Fahrgäste kümmern. Das Verhalten von Frau Schertler war einfach nur super positiv.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch einen weiteren Kollegen an dem Bahnsteig, wo ich frische Luft tankte, erwähnen. Leider ist mir der Name nicht bekannt. Er fragte, ebenfalls sehr besorgt, ob ich einen Arzt benötige, oder ob die Fahrt fortgesetzt werden kann. Vielleicht erinnert sich ja Frau Schertler noch?! Ich bitte Sie freundlich, meine Nachricht an Frau Schertler weiterzugeben.

Marianne Meißner,
München, Bayern

Die Würdigung der Jury

Den Menschen sehen

Wer im Kunden den Menschen sieht, leidet mit. Uns hat imponiert, wie die BOB-Zugbegleiterin sich geradezu mütterlich um die gesundheitlich angeschlagene Passagierin gekümmert hat. Soviel Einfühlungsvermögen gepaart mit medizinischem Sachverstand ist selten.

Sonderpreis Zivilcourage: Yalcin Özcan

Eisenbahner mit Herz 2012, Sonderpreis Zivilcourage Yalcin Özcan
Die Südostbayernbahn (SOB) leiht ihren Zugbegleiter Yalcin Özcan an das Schwesterunternehmen in Hessen aus. Dort gerät der damals 23-Jährige an einen gewaltbereiten Schwarzfahrer. Der betrunkene Mann bedroht die Fahrgäste, aber Özcan stellt sich ihm in den Weg.
Beitrag lesen

Eisenbahner mit Herz - Sonderpreis Zivilcourage

Wildwest in der Kurhessenbahn

Die Südostbayernbahn (SOB) leiht ihren Zugbegleiter Yalcin Özcan an das Schwesterunternehmen in Hessen aus. Dort gerät der damals 23-Jährige an einen gewaltbereiten Schwarzfahrer.

Der betrunkene Mann bedroht die Fahrgäste, aber Özcan stellt sich ihm in den Weg. Die Reisenden verlassen den Waggon und bringen sich beim Lokführer in Sicherheit. Voller Wut zieht der Randalierer eine Waffe, doch es gelingt Özcan, ihn in einem Abteil einzusperren. In Ehringen (bei Kassel) nimmt die Polizei den Mann fest. Einsender Alfred Honisch ist überzeugt: Yalcin Özcan ist ein "Eisenbahner mit Herz". Der Mann muss es wissen: er unterrichtet schließlich Bahn-Azubis.

Das Porträt

Retter wider Willen

Yalcin Özcan hat das Zeug zum Vorzeigemitarbeiter mit Migrationshintergrund: Die Uniform von DB Regio kleidet ihn vorzüglich, sein Deutsch ist so fließend wie sein Türkisch. Er ist so gut integriert, dass ihn Landsleute schon mal fragen: „Wenn du auf dem Zug auf einen Türken ohne Fahrkarte triffst, drückst du dann ein Auge zu?“

Da schüttelt der 25-jährige SOB-Zugbegleiter den Kopf: „Ohne Fahrkarte geht bei mir nichts.“ Dieselbe Festigkeit brachte ihn im Sommer 2010 in eine sehr gefährliche Situation, als ein Schwarzfahrer im hessischen Kassel eine Waffe zog. Der junge Mann konnte seine Fahrgäste in Sicherheit bringen und den Bewaffneten in ein Abteil einsperren. Trotzdem will er dafür nicht „Held“ oder „Retter“ genannt werden. „Ich bin immer noch derselbe Yalcin.“

Fahrgäste, die demnächst auf der Strecke von München ins oberbayerische Mühldorf am Inn fahren, sollten aber genauer hinsehen, bevor sie den „Eisenbahner mit Herz“ begrüßen. Auf derselben Strecke fährt nämlich auch Özcans Zwillingsbruder, die Beinahe-Schießerei fast zeitgleich mitbekommen hat.

„Bei der SOB sind ganze Familien beschäftigt“, erzählt Yalcin Özcan, da passen die türkischstämmigen Zwillingsbrüder gut ins Konzept. Erstaunlicherweise war es der Vater, der mit elf Jahren nach Deutschland kam und 31 Jahre lang für BMW gearbeitet hat, der seine Söhne für die Bahn begeistert hat. Von Autos will der gelernte Kfz-Mechaniker Özcan seitdem nichts mehr wissen. „Den ganzen Tag in der Fabrik stehen? Nein, lieber auf dem Zug arbeiten. An Bord gibt’s das volle Leben.“

Das Interview

Der entscheidende Moment ist die Fahrkartenkontrolle

SOB-Zugbegleiter Yalcin Özcan über Todesangst, Heldentum und den Unterschied zwischen hessischen und bayerischen Schwarzfahrern

Nach allem, was Ihnen passiert ist, mögen Sie Ihren Job noch?
Ja. Ich liebe meinen Beruf. Trotzdem gibt es Tage, da bin ich abends froh, wenn ich ohne Zwischenfall nach Hause komme. Zugbegleiter ist manchmal schon ein gefährlicher Beruf. Das liegt daran, dass sich an Bord die ganze Gesellschaft widerspiegelt. Bei uns fahren Ärzte und Polizisten mit, aber Drogendealer und Verrückte können eben auch einsteigen. Der entscheidende Moment ist die Fahrkartenkontrolle. Wenn wir jemanden kontrollieren, wissen wir nie, was dahintersteckt.

So war es auch, als Sie in Kassel für die Kurhessenbahn unterwegs waren?
Genau. Von einer Sekunde auf die andere hatte ich eine Waffe vor meiner Nase.

Können Sie das mal genauer schildern?
Das war im Juni 2010. Ich war gerade erst in den Zug eingestiegen und dieser Mann war die erste Person, die ich kontrollieren wollte. Als er mich sah, stand er auf. Da dachte ich schon: „Hier ist was faul. Ein normaler Fahrgast steht nicht einfach so auf.“ In der Hand hielt er eine Bierflasche. Ich bin aber trotzdem hingegangen und habe nach seinem Fahrschein gefragt. Er hatte keinen. Die Fahrt hätte 8,80 Euro gekostet, aber ich musste ihn nun aufschreiben. „Ich geb’ dir zehn Euro, der Rest ist für dich“, sagte er, aber ich erklärte ihm, dass das so einfach nicht ginge. Er solle mir seinen Ausweis geben, dann würde ich seine Daten notieren. Da fing er an, laut herumzuschreien, „Scheiß Bahn“ und was ich wohl tun würde, wenn er mich jetzt angreifen würde. Im Waggon waren auch einige ältere Damen und Kinder, die bereits voller Angst zu uns rüber schauten. Er gab mir dann trotzdem seinen Ausweis, und ich dachte gerade, „das haben wir ja jetzt abgehakt“, da zog er unter seinem T-Shirt eine Waffe hervor. Er fuchtelte damit Richtung Fahrgäste und schrie: „Ich schieß’ euch alle ab. Ich bring’ euch alle um.“

Was haben Sie da getan?
Ehrlich gesagt: ich wusste nicht, was ich tun sollte. Weglaufen? Dableiben? Mit ihm reden? Er war offensichtlich betrunken und jedes Wort von mir reizte ihn mehr. Ich sah auch, dass die erste Dame schon anfing zu weinen. Als ich das gesehen habe, dachte ich: „Entweder hop oder top“. Ich rief in den Waggon: „Alle nach vorne zum Lokführer laufen. Bitte sofort den Wagen verlassen.“ Die Fahrgäste standen auf und verließen den Wagen. Dann war ich ganz allein mit ihm.

Wollten Sie nicht auch weglaufen?
Doch. Nachdem alles um uns leer war, versuchte ich ebenfalls, den Wagen zu verlassen. Aber als er das sah, stellte er seine Waffe scharf. „Jetzt bringe ich dich um“, sagte er, und ich wusste, es nützt nichts. Mit ihm zu diskutieren, hat keinen Sinn, weil er betrunken ist und nicht weiß, was er tut. Also habe ich kein Wort gesagt und gewartet, was passiert.

Was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen?
Mir ist mein ganzes Leben vor den Augen vorbeigezogen. Was macht meine Mutter? Meine Freundin. Was wird mein Bruder denken? Der arbeitete nämlich gerade als Zugbegleiter auf demselben Zug in der Gegenrichtung. Was würde er sagen, wenn er mich nie wieder sähe? Innerlich war mir klar: „Es ist Feierabend.“ Der Mann hörte inzwischen nicht auf zu schreien, zu drohen und zu schimpfen. Trotzdem behielt ich ihn genau im Auge. Als er für einen Augenblick die Waffe von mir wegnahm und sie sich vor den Bauch hielt, dachte ich: „Ich muss was riskieren. Entweder klappt es oder nicht.“ Ich schubste ihn mit voller Wucht in eine Ecke. Dann lief ich zum Lokführer, holte einen Vierkantschlüssel, lief zurück und schloss die Tür des hinteren Waggons zu. Als er merkte, dass er eingesperrt war, trat er gegen Mülltonnen und versuchte die Scheiben zu zerschlagen. Durch das Fenster nahm er wieder mich und die Fahrgäste ins Visier. Ich rief: „Alle aus seinem Blickfeld“ und wieder gehorchten die Reisenden und brachten sich in Sicherheit.

Aber Sie hatten es doch geschafft?
Ja, es war vorbei. An der nächsten Haltestelle stiegen Polizisten zu, die teils mit Motorrädern angefahren gekommen waren. Sie forderten den Mann über Lautsprecher auf, die Waffe wegzuwerfen, er hätte keine Chance. Zu den Reisenden habe ich gesagt: Keiner steigt einfach aus, bevor die Polizei kommt. Erst als die Lage völlig unter Kontrolle war, haben wir gemeinsam den Zug verlassen. Ich war sehr erleichtert und dachte immer wieder: „Was war das denn jetzt?“

Was haben Sie als erstes getan?
Ich habe mich auf den Bahnsteig gesetzt und meine Mutter angerufen. „Wie geht’s dir denn?“, habe ich gefragt und sie meinte: „Was ist denn los, ist was passiert?“ „Ach, nichts“, habe ich gesagt. Mein Bruder wusste aber schon Bescheid. Die Polizei hatte ihn unterrichtet, und er war im Streifenwagen auf dem Weg zu mir. Die Reisenden kamen auf mich zu und haben mich voller Dankbarkeit umarmt. „Sie haben unser Leben gerettet.“ Das alles kam mir alles sehr unwirklich vor.

Warum waren Sie und Ihr Bruder überhaupt in Hessen im Einsatz?
Die Kurhessenbahn ist eine Schwester der Südostbayernbahn. Und weil man auf der Strecke bei Kassel ein großes Problem mit Schwarzfahrern hatte, aber zu wenig Personal an Bord, sind wir für drei Monate dorthin gewechselt. Fast wäre auch alles glatt gegangen, obwohl ich unsere Schwarzfahrer aus Bayern vermisst habe. Die sind, trotz Oktoberfest und Randale, im Ganzen viel ruhiger und gesitteter als die in Kassel. An unserem vorletzten Tag in Hessen ist dann dieser Zwischenfall passiert. Die Abschiedsparty fiel natürlich flach. Ich kam ins Krankenhaus, war einige Zeit krankgeschrieben. Und die Chefs der SOB haben mich erst wieder eingesetzt, als ich fit war. Zuerst sollte ich nur mit Begleitung auf den Zug gehen. 

Hat Sie die Erinnerung verfolgt?
Mein Bruder hat sich gewundert: Weil ich mich ständig umgeschaut habe, ob hinter mir einer mit der Waffe steht. Das ist schon was hängen geblieben. Als ich kürzlich im Lumpi (Anm. der Red.: So heißt der letzte Zug von München nach Mühldorf) wieder an eine Schwarzfahrerin geraten bin, die sich auf dem Klo eingesperrt hatte, da hatte ich so eine Rückblende: Die Tür war zu, ich klopfte und dachte: „Was passiert wohl gerade hinter dieser Tür.“ 

Gelten Sie bei Ihren Kollegen als Held? 
Nein, eher machen die sich Sorgen um mich und fragen: „Geht’s dir auch gut?“ Auch für mich selbst bin ich immer noch derselbe Yalcin wie vorher. Wahrscheinlich hätte jeder so gehandelt. Deshalb war ich auch sehr überrascht, als mich die Münchner Berufsschulklasse für den „Eisenbahner mit Herz“ nominiert hat. 

Und jetzt haben Sie sogar einen Titel gewonnen.
Das freut mich sehr. Weil es mir großen Spaß macht, Zugbegleiter zu sein. Schauen Sie mal, wer in der Fabrik oder im Büro arbeitet, der kriegt vom ganzen Tag nichts mit. Auf dem Zug haben Sie alles: Schnee, Regen, Sonne, Sommer, Stadt, Land, nette Fahrgäste, schlimme Fahrgäste, das volle Leben.

Die Würdigung der Jury

Viel Mut bewiesen

Wer ein Herz für Fahrgäste hat, der schützt sie auch bei Gefahr. Uns hat beeindruckt, wie der Zugbegleiter der Kurhessenbahn den bewaffneten Aggressor isoliert und die Reisenden in Sicherheit gebracht hat. Soviel Mut ist selten.

Preisverleihung

Sieger Eisenbahner mit Herz auf der Bühne
Harald Schmidt, TV-Entertainer und bekennender Bahnfan, hielt die Laudatio und verteilte Lebkuchenherzen an die stolzen Preisträger (hier im Bild mit Goldmedaillen-Gewinner Peter Gitzen, links, und Yalcin Özcan, der den Sonderpreis Zivilcourage erhielt).
Beitrag lesen

Strahlende Gesichter bei der Preisverleihung im prächtigen Marmorsaal des Berliner Palais am Festungsgraben: Bahnbranche und Presse feierten am Freitag, den 13. April 2012  die "glorreichen Vier" des Wettbewerbs Eisenbahner mit Herz 2012.

Eisenbahner mit Herz 2012

Nominierte 2012

Endlich haben die Eisenbahner mit Herz ein Gesicht. Mehr als 150 Bahnreisende schickten uns bis zum 31. Januar ihre Geschichte und kürten damit einen Kandidaten für den Titel. Seitdem ermitteln die Bahnen fieberhaft, um die richtigen Mitarbeiter herauszufinden. Keine leichte Aufgabe bei rund 35.000  Angestellten, die in ganz Deutschland täglich im Kundendienst arbeiten. Inzwischen stehen mehr als 60 Nominierte fest: Sie arbeiten in Bahnhöfen oder Zügen aus fast allen Bundesländern und täglich kommen weitere hinzu. Nun hat die Jury die Qual der Wahl. Am 13. April wird einer der Kandidaten aus dieser Galerie zum Sieger gekürt.

Um mehr über die Eisenbahner, ihre Geschichten und die Einsender zu erfahren, klicken Sie bitte auf die Bilder. Alle Kandidaten sind nach Bundesländern (alphabetisch) geordnet.

Sieger 2011: Drei Engel für die Fahrgäste

Zwei Zugbegleiter und ein Lokführer holten sich den Titel „Eisenbahner mit Herz“ im Jahr 2011. Die Goldmedaille für einen herausragenden Dienst am Kunden erhielt der langjährige DB-Regio Zugbegleiter Jonni Käsehage (53) für seine beherzte Detektivarbeit. Die Silbermedaille ging an den Lokführer Nico Hilsberg aus München. Ebenfalls Silber gewann die Interconnex-Zugbegleiterin Claudia Möller (30) aus Rostock. 

Gold: Jonni Käsehage

Die Goldmedaille für einen herausragenden Dienst am Kunden erhält der langjährige DB-Regio Zugbegleiter Jonni Käsehage (53) für seine beherzte Detektivarbeit.
Beitrag lesen

Eisenbahner mit Herz - Goldmedaille

Detektivarbeit mit Happy End

Einen Tag vor Weihnachten bleibt im Regionalexpress Osnabrück-Bremerhaven ein Laptop im Zug liegen: Der Zugchef Jonni Käsehage findet das Gerät und recherchiert mit Hilfe eines beiliegenden Tickets die Besitzerin.

Die Kundin ist über den Verlust ihres Firmen-Laptops in Tränen aufgelöst. Doch dann kommt der erlösende Anruf: Es ist „das schönste Weihnachtsgeschenk“, sagt die junge Frau. Die alte Fahrkarte nimmt sie seitdem als Glücksbringer mit auf jede Reise.

Das Porträt

Einer aus’m Dorf

Schon bei seiner Geburt war Jonni Käsehage überpünktlich. Im siebten Monat stolperte seine Mutter im norddeutschen Bramstedt über einen Hühnerdraht und brachte kurz darauf einen gesunden Jungen zur Welt.

Auch 53 Jahre später ist der Mann mit dem friesischen Vornamen Jonni gern zur rechten Zeit am rechten Ort. Wenn sich die Fahrgäste im RE Osnabrück – Bremerhaven mal wieder über Verspätungen ärgern, dann ärgert sich der Zugbegleiter mit ihnen. Viele der Fahrgäste kennt er sowieso mit Namen. Sie fahren seit Jahren seine Strecke und sitzen immer auf demselben Platz. „Wir sind zusammen alt geworden“, sagt Käsehage, der seit April 1974 bei der Deutschen Bahn arbeitet und 1987 vom Stellwerksdienst in den Zugbegleitdienst wechselte.

Zunächst wollte er im Fernverkehr anheuern, doch dann sah er die Dienstpläne. „Jede Nacht woanders, das ist nichts für einen aus‘m Dorf.“ Für die kleinen und großen Missgeschicke auf Reisen hat Käsehange noch immer eine Lösung gefunden. „Ich kenne keine Probleme, ich bin verheiratet“, sagt er gern: Ob es ein allein reisendes Baby mit voller Windel ist oder eine Frau, deren Hose auf dem Weg zum Bewerbungsgespräch platzt, Käsehage packt an und schafft das Kümmernis aus der Welt.

So auch Heilig Abend, als er solange recherchierte, bis er die völlig verzweifelte Besitzerin eines im Zug liegengebliebenen Laptops ausfindig gemacht hatte. Für ihr „schönstes Weihnachtsgeschenk“ bedankte sich die junge Frau auf ihre Weise: „Jonni Käsehage ist mein Eisenbahner mit Herz.“ Genauso sah es dann auch die Jury der Allianz pro Schiene.

Das Interview

„Schornsteinfeger war mir zu dreckig“

Jonni Käsehage über Traumberufe, Dramen im Zug und Fahrgäste, die ihren Schaffner verteidigen.

Herr Käsehage, ganz Deutschland hat im Dezember über das Winterchaos bei der Bahn geklagt. Was ist derweil im Regionalexpress Osnabrück - Bremerhaven geschehen?

Es war ein Tag vor Heilig Abend. Ich hatte Spätdienst und bin mit dem Zug von Osnabrück nach Bremerhaven-Lehe gefahren. Da ist Endstation. Wie immer ging ich noch einmal durch den leeren Zug, um zu sehen, ob es grobe Verunreinigungen oder Beschädigungen gab. Plötzlich fand ich einen kleinen Koffer. Ich schaute rein und sah, dass er einen Laptop enthielt. Weil ich Dienstschluss hatte und den Koffer auf der Dienststelle nicht lassen konnte, nahm ich ihn mit nach Hause. Sicherheitshalber rief ich bei der 3-S-Zentrale in Bremen an und bat den Kollegen, meinen Fund ins Dienstbuch einzutragen. Unterschlagung von Fundsachen, der Eindruck soll schließlich auch nicht aufkommen. Ich sagte: „Ich nehme das Ding jetzt mit nach Hause und bringe es zum Service Point in Bremen, wenn ich am 2. Weihnachtstag wieder Dienst habe.“ Dieselbe Nachricht habe ich auch noch mal bei meiner Leitstelle hinterlassen, schließlich war das ein sehr wertvolles Gerät. Ich stellte den Koffer dann bei mir zu Hause in den Flur.

Aber da haben Sie ihn nicht einfach stehen lassen?
Nein, dazu war ich zu neugierig. Am nächsten Morgen, es war Heilig Abend, hatte ich Zeit. Schließlich hatte ich keinen Dienst. Ich machte den Koffer auf und fand darin in einer Seitentasche versteckt ein altes Online Ticket. Es war auf den Namen Sarah Lips ausgestellt. „Den Namen kennst du doch“, dachte ich mir. Ein alter Zugführerkollege aus dem Fernverkehr heißt Lips und wohnt in Bremerhaven. „Ruf’ den doch mal an.“ Gesagt getan, er war gleich dran. „Die Dame kenne ich“, sagte er. „Das ist eine Verwandte von mir. Ich gebe dir sofort die Telefonnummer.“ Kurze Zeit später hatte ich die Mutter am Apparat.

„Hier ist die Deutsche Bahn, Zugführer Käsehage. Vermissen Sie vielleicht etwas aus dem Zug?“, fragte ich sie. „Ja“, sagte sie. „Wir haben einen ganz schlechten Tag gehabt. Meine Tochter vermisst ihr Arbeitslaptop. Da sind alle wichtigen Daten drauf, alle Zugangsdaten zur Firma. Sie hat auf der Arbeit auch schon richtig Ärger bekommen.“

„Ich kann Ihnen mitteilen, dass ich das Gerät gefunden habe. Es liegt jetzt hier vor mir. Sie können es bei mir direkt abholen. Oder sie bekommen es am zweiten Weihnachtstag in Bremen.“ So geschah es dann auch. Zwei Tage später hatte die Kundin ihr Laptop wieder.

Sie haben ihr aber auch noch einen kleinen Brief dazu geschrieben.
Das mache ich immer so. Ich will, dass die Leute dann auch einen Ansprechpartner haben. Ich habe einfach die ganze Geschichte aus meiner Sicht aufgeschrieben und ihr den Zettel in den Koffer getan.

Wenn Sie die negativen Schlagzeilen über die Bahn in der Zeitung lesen - Eischaos im Winter, Hitzekollaps im Sommer - was denken Sie dann?
Ich finde das schon ein wenig ärgerlich. Schließlich zahlen die Leute viel Geld für ihre Fahrkarte. Und auch für uns Zugführer ist es netter, wenn alles reibungslos läuft. Umso mehr freut es mich, dass meine ganz persönliche Wintergeschichte eine andere ist.

Es gibt Schaffner, die in der Eisenbahn ein Baby zur Welt bringen. Viel häufiger liest man aber über Kinder, die ausgesetzt werden oder Kleinkinder, die allein fahren müssen, weil der Zug ohne die Eltern abfährt. Haben Sie so etwas schon mal erlebt?
Ja, und das war sogar ganz nett. Ich fuhr damals mit einem Regionalexpress von Hannover los, da stieg eine Familie ein: Kinderwagen, Baby und ein fünfjähriges Mädchen. Offenbar sind die Eltern aber wieder ausgestiegen, um noch eine zu rauchen. Der Lokführer schaute aus dem Fenster, sah keinen mehr, schloss die Türen und fuhr los. Ich ging durch den Zug und sah zufällig das kleine Mädchen. Es weinte und weinte und ließ sich gar nicht trösten. Was nun?

Wir riefen den Bundesgrenzschutz an und organisierten die Übergabe. „Habt ihr weibliches Personal vor Ort?“ Nein, hatten sie nicht. „Habt ihr Pampers? Das Baby quillt nämlich gerade über.“ Da war das Gelächter groß. Die Eltern hatten sich in der Zwischenzeit auch schon bei der Polizei gemeldet und kamen mit den nächsten Zug hinterher.

Passieren solche außergewöhnlichen Szenen oft?
Nein, nicht jeden Tag. Aber auch bei den kleinen Dramen ist Fingerspitzengefühl wichtig. Wir hatten einmal eine Kundin im Zug, die fuhr zu einem Bewerbungsgespräch. Ihre Hose war im Schritt geplatzt. Was tun? Sie war ganz aufgelöst. Ein Kollege rief schnell seine Frau an, die kam mit Nadel und Faden zum nächsten Bahnhof und die Kundin konnte dann ganz in Ruhe auf dem Klo ihre Hose wieder zusammenflicken. Als Zugbegleiter muss man schon im Vorfeld erkennen, was der Mensch von einem will. Wenn man dann noch aus der Seele raus, aus dem Bauch und mit Herz arbeitet, dann kommt man ganz prima klar.

Wie erleben Sie das Image Ihres Berufes?
Das ist eine seltsame Sache: Solange es reibungslos läuft, ist alles wunderbar. Aber wenn es mal zwei drei Minuten Verspätung gibt, dann wandelt sich das. Im Nu bist du der Prellbock für die gesamte Bahn. „Schon wieder“, heißt es dann. Trotzdem kommt es auch vor, dass mich andere Fahrgäste gegen solche Angriffe verteidigen.

Wie geht das?
Sie müssen sehen, dass wir hier im Nahverkehr fahren. Wir bringen morgens die Menschen zur Arbeit und abends bringen wir sie zurück. Viele erzählen uns, was sie den Tag über erlebt haben, wir bleiben stehen und klönen ein bisschen. Wenn wir dann Ärger im Zug haben, kommt es durchaus vor, dass unsere Stammfahrgäste aufstehen und sagen: „Lassen Sie diesen armen Schaffner zufrieden, der kann gar nichts dafür.“

Sie sagen gerade „Schaffner“. Wie nennen Sie Ihren Beruf?
Wir sind „Kundenbetreuer im Nahverkehr“, früher waren wir Schaffner. Ältere Herrschaften kennen noch den Kontrolleur. Ich habe diese Stufen alle mit durchgemacht.

Haben sich die Fahrgäste über die Jahre verändert?
Sicher. Früher gab es mehr Respekt vor einer Uniform. Heute sind die Leute freier. Oder frecher. Jeder hat Internet, jeder kann sich mal schnell beschweren. Das geht heute ratzfatz.

Wollten Sie schon als kleiner Junge Zugbegleiter werden?
Nein. Mit sechs Jahren wollte ich noch Schornsteinfeger werden. Aber dann war mir das zu dreckig. Mit der Deutschen Bahn bin ich doch sehr gut gefahren.

Sie sind der erste Eisenbahner mit Herz. Wie gefällt Ihnen das?
Prima. Es hätte eigentlich keinen anderen treffen können.

Die Einsendung der Kundin

Ende einer langen Reise

Es war der 23.12.2010, mein Urlaub stand kurz bevor, und ich wollte zu Hause noch einige Sachen vorbereiten. Also beschloss ich meinen Firmen-Laptop mit nach Hause zu nehmen.

Ich stieg am Hauptbahnhof in Bremen in den Regional Express, der um 18:56 Uhr nach Bremerhaven-Lehe fährt. Wie es nun mal zur Weihnachtszeit ist, sind die Züge sehr voll, da alle zu ihren Familien reisen wollen. Natürlich mit viel Gepäck. Bevor ich mich zu einer Familie in einen vierer Platz setzte, haderte ich lange mit mir, ob ich meinen Laptop nun oben in die Ablage packen sollte oder nicht. Ich tat es, setzte mich und dachte die ganze Zeit: „Denk an den Laptop, denk an den Laptop“. Danach vertiefte ich mich in mein Buch.

Als der Regional Express in Bremerhaven ankam, schnappte ich mir nur meine Handtasche und meine Jacke, stieg aus und in die Nordseebahn ein. Dort traf ich dann eine Kollegin, die über Weihnachten zu ihrer Familie nach Cuxhaven wollte. Als ich dann in Wremen ausstieg und mein Auto aufschloss, dachte ich mir: „Komisch, irgendwas hast du noch mitgehabt. Was hatte ich bloß noch mit?“ Plötzlich schoss es mir durch den Kopf – mein Lap-Top!

Ich rief sofort meine Mutter an und sagte ihr, dass sie schon mal schnell das Internet an machen sollte, um eine Telefonnummer vom Bremerhavener Hauptbahnhof heraus zu bekommen und fuhr schnell nach Hause. Leider musste ich nach hektischer Nummernsuche und telefonieren feststellen, dass man die Bahnhöfe gar nicht direkt erreichen kann und der Kunden-Service in Bremerhaven zu der Zeit auch nicht mehr besetzt war.

Da ich weiß, dass der Zug, bevor dieser zurück nach Bremen fährt, erst mal in die Abstellung kommt, wollte ich mit der nächsten Nordseebahn zurück nach Bremerhaven fahren, um dort den Zug abzufangen. Aber der Zug nach Bremerhaven war schon weg. Zwischendurch habe ich am Telefon noch eine Verlustmeldung aufgegeben.

Ab diesem Zeitpunkt war mir klar: Den siehst du nie wieder! Als nächstes versuchte ich unter Tränen jemanden aus der Firma zu erreichen, um den Laptop sperren zu lassen. Mein Arbeitskollege versuchte, mich zu beruhigen und sagte, dass der Laptop bestimmt wieder auftaucht und abgegeben wird. Ich war völlig aufgelöst, denn für mich war klar: Der ist weg!

Nächsten Tag auf der Arbeit versuchte ich aus lauter Verzweiflung andauernd herauszufinden, ob sich bezüglich der Verlustmeldung schon etwas getan hatte – leider nicht. Ich war immer noch aufgelöst und hatte ein schlechtes Gewissen. Da es Heilig Abend war, haben wir vormittags in der Firma gefrühstückt. Es klingelte das Telefon und meine Kollegin gab mir den Hörer. Meine Mutter war dran und sagte, dass sie mir unbedingt jetzt schon erzählen müsste, was ich zu Weihnachten bekäme. Ich würde mich sehr freuen.

Ich stimmte zu und sie erzählte mir, dass gerade ein Zugführer (Herr Käsehage) bei uns zu Hause angerufen hat und meinen Laptop gefunden und mit nach Hause genommen hat. Dieser würde am zweiten Weihnachtstag wieder anfangen zu arbeiten und den in Bremen am Bahnhof für mich hinterlegen.

Mir fiel so ein großer Stein vom Herzen. Ich konnte es einfach nicht glauben. Ich war so erleichtert und sagte zu meiner Mutter, dass dies wirklich das beste Weihnachtsgeschenk sei und mir Herr Käsehage das Weihnachtsfest gerettet hat. Dann fragte ich mich, wie Herr Käsehage an meinen Namen und meine Telefonnummer gekommen ist. Meine Mutter erzählte mir, dass Herr Käsehage meinen Namen von einem alten Online-Ticket aus meiner Tasche hatte.

Er erzählte meiner Mutter, dass ihm der Nachnahme bekannt vorkam. Er konnte sich an einen ehemaligen Kollegen erinnern, der auch Lips heißt – mein Onkel. Über diesen hat Herr Käsehage dann meine Telefonnummer herausgefunden. Ich war total baff. Mein Laptop war in sicheren Händen und Herr Käsehage hatte sich so unglaublich viel Mühe gegeben herauszufinden, wem er gehört. Solch eine Mühe hätte sich nicht jeder gemacht. Das war auf keinen Fall selbstverständlich.

Für mich war auf jeden Fall klar, dass ich mich irgendwie bedanken wollte. Ich fand über eine Internet-Seite die Adresse von Herrn Käsehage und machte mich am 27.12.2010 auf den Weg nach Bremen, um meinen Laptop abzuholen und um auf dem Rückweg bei Herrn Käsehage vorbei zu fahren, um ihm eine Schachtel Pralinen zu bringen.

Leider war ich ganz umsonst aufgeregt, da Herr Käsehage nicht zu Hause war. Aber ich nahm mir vor, ihn nochmal anzurufen. Als ich gerade wieder zu Hause angekommen war, klingelte das Telefon. Herr Käsehage wollte sich für die Schachtel Pralinen bedanken. Kurze Zeit später schaute ich in meine Laptop-Tasche und fand einen Brief. Ich war sehr überrascht. Herr Käsehage hatte mir einen sehr netten Brief beigepackt. Dieser startete mit: „Wenn Sie diesen Brief in den Händen halten, ist eine lange Reise zu Ende“.

Sarah Lips, 22, Wremen (Niedersachsen)

Die Würdigung der Jury

Einer, der Kunden glücklich macht

Eigeninitiative ist im reglementierten Eisenbahnbetrieb oft nur begrenzt möglich. Doch das Regelwerk bremst nicht alle aus: Wer aus einem innerem Antrieb handelt, geht schon damit über die Dienstroutine hinaus.

Jonni Käsehage hat dieses innere Feuer für seinen Beruf. Es ist ihm nicht egal, was mit verlorenen Wertgegenständen „seiner“ Kunden passiert. Der 53-Jährige kümmert sich – auch jenseits der Dienstzeit im Regionalexpress.

Mit seiner in der Freizeit erledigten Recherche hat Jonni Käsehage einer Kundin auf schnellstmöglichem Wege ihren im Zug vergessenen Laptop zurückgebracht. Für die Allianz pro Schiene-Jury ist Jonni Käsehage ein engagierter Herzblut-Eisenbahner, der Kunden glücklich macht – unser „Eisenbahner mit Herz 2011“.

Silber: Claudia Möller

Die Interconnex-Zugbegleiterin Claudia Möller (30) aus Rostock, die im Winter-Chaos trotz liegengebliebener Lok zu voller Höchstform aufläuft, gewinnt Silber.
Beitrag lesen

Eisenbahner mit Herz - Silbermedaille

Verpasstes Weihnachtsfest

24.12.2010, Interconnex Berlin – Rostock: Auf der Fahrt am Heiligabend geht alles schief, was schief gehen kann.

Die Zugbegleiterin Claudia Möller rettet den Abend, obwohl die Fahrgäste im Zug mit Frust und Enttäuschung zu kämpfen haben. Als der Zug mit mehr als sechs Stunden Verspätung ins Ziel kommt, hat sie selbst ihr Weihnachtsfest verpasst.

Das Porträt

Auf Katastrophenfahrt

„Also wenn Frau Möller nicht Eisenbahnerin mit Herz wird, dann weiß ich auch nicht“, hatte die Bahnkundin an die Allianz pro Schiene geschrieben. Die Gründe überzeugten die Jury: Erst auf einer Katastrophenfahrt zeigt ein guter Zugbegleiter, was wirklich in ihm steckt.

In Claudia Möller steckt jedenfalls eine Menge: Einen proppenvollen Zug mit über sechs Stunden Verspätung heil durch den Heiligen Abend zu bringen, das schafft nicht jeder. Aber auch an normalen Diensttagen führt die 30-jährige ihren Interconnex auf der Stammstrecke Leipzig – Warnemünde mit großer Gelassenheit und Umsicht.

Größere Missgeschicke oder Abenteuer sind der jungen Frau in ihren rund 10 Dienstjahren noch nicht begegnet, aber sie würde sich auch einer Geburt unterwegs gewachsen fühlen. „Zur Not wählen wir die 110.“ Nach einer Ausbildung bei der Deutschen Bahn kam Claudia Möller zur Ostseelandverkehr, die sie liebevoll „Ola“ nennt. Ihre Arbeit für den Bahn-Konkurrenten Veolia mag die geborene Rostockerin sehr: „Wir fahren immer im Team, mit mindestens zwei Zugbegleitern.“ Dass die Kunden Personal in den Zügen zu schätzen wissen, weiß Claudia Möller natürlich. Schließlich ist sie eine Eisenbahnerin mit Herz.

„Vereister Fahrdraht und dann ging nix mehr“

Claudia Möller über eine weihnachtliche Katastrophenfahrt, verständnisvolle Fahrgäste und eine Persönlichkeit, die zählt.

Frau Möller, Sie sind Eisenbahnerin mit Herz geworden, weil Sie auf einer Katastrophenfahrt im Winter Ihr ganzes Können gezeigt haben. Was geschah an Heilig Abend im Interconnex Berlin Rostock?

Es war supervoll. Die Fahrgäste stapelten sich bis unters Dach. Wir hatten alles vertreten: Babys, Kinder, alte Leute, junge Leute, Hunde. Vor Neustrelitz ging es los. Der Zug stand und konnte ich nicht weiterfahren, weil der Bahnhof voll vor. Ich dachte: eineinhalb Stunden Verspätung, das geht ja noch. Aber nach Neustrelitz standen wir wieder, diesmal im Wald. Und es ging gar nichts mehr. Da dachte ich: Mist, hoffentlich bleiben die Leute ruhig und springen nicht ab. Aber die waren erstaunlich gut drauf. Wahrscheinlich, weil Weihnachten war.

Wo klemmte es bei dieser Fahrt?
Der Fahrdraht war vereist und wir mussten auf eine Diesellok warten, die uns da rauszog. Das hat schon mal zweieinhalb drei Stunden gedauert. Inzwischen habe ich versucht, die Fahrgäste bei Laune zu halten. In so einer Situation kann ja sonst was passieren. Wenn die Leute raus wollen, wollen die raus. Dann steigen die auf offener Strecke aus und du kriegst sie nicht mehr gehalten. Damit das nicht passiert, haben wir häufig Ansagen gemacht. Sofort wenn neue Nachrichten kamen, haben wir per Lautsprecher darüber informiert.

Was haben Sie sonst noch getan?
Nichts Besonderes in meinen Augen: Wir haben gratis Kaffee verteilt und den Leuten gesagt, dass sie es immerhin warm und trocken haben. Weil draußen nichts mehr ging, hatten wir auch Zeit für viele nette Gespräche. Es war wirklich erstaunlich, aber am Ende brachten uns die Fahrgäste sogar noch Geschenke und Obst. Schließlich kamen wir mit sechs einhalb Stunden Verspätung in Rostock an. Die Leute haben also ihr Weihnachtsfest verpasst.

Und Ihr eigenes Weihnachtsfest?
Das war auch kürzer als sonst. Ich kam spät nachts nach Hause, habe noch schnell Abendbrot gegessen und bin dann ins Bett gefallen. Es war schon anstrengend.

Sie können also den Ärger der Menschen über das Winterchaos verstehen?
Ja, natürlich kann ich es verstehen. Ich komme auch gern pünktlich nach Hause. Andererseits ist es auch nicht richtig, allen Ärger bei der Bahn abzulassen, nur weil so viel Schnee fällt. Autos, Flugzeuge oder Straßenbahnen hatten schließlich dieselben Probleme. Das ist eben höhere Gewalt. Ich wüsste aus dem Stand jetzt nicht, was man da besser machen könnte. Und der nächste Winter kommt bestimmt.

 Was denken Sie, wenn Sie das Lob der Kundin lesen: „Konfliktmanagement- und Deeskalationskompetenzen, Motivations-, Team- und Kritikfähigkeit und großes rhetorisches Potenzial – dazu eine attraktive Erscheinung, ein großes Herz und viel Humor - wenn Frau Möller nicht Eisenbahnerin mit Herz wird, dann weiß ich auch nicht.“
(lacht) Da habe ich mich natürlich gefreut. Besonders, weil es genau dieser schreckliche Tag war. Damit habe ich nicht gerechnet. Eher, dass es Beschwerden hagelt. Aber die Leute waren auch im Zug erstaunlich zufrieden mit uns. Denn was sollte ich schon groß tun? Ich kann ja nicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sagen: „Oh Gott, oh Gott.“ Ich sitze ja auch fest. Also ist es für mich ganz klar, dass ich alles tue, um die Stimmung im Zug zu retten.
 
Haben Sie dafür Rezepte gelernt?
Natürlich bekommen wir Schulungen, wie wir mit Stresssituationen umzugehen haben. Aber ich denke, das ist auch ein Feingefühl, das man mitbringt. Ich bin eher ein lockerer Mensch, der offen für alles ist. Persönlichkeit zählt. Ich bin auf dem Zug so, wie ich immer bin.
 
Welche Erlebnisse im Zug mögen Sie besonders?
Ich freue mich immer, wenn sich Reisende bei mir bedanken. Dass es eine schöne Fahrt war, dass man nett war, dass alles toll ist. So was freut mich wirklich. Schwierig wird es immer, wenn Menschen stürzen oder der Notarzt gerufen werden muss. Da ist es wichtig, Ruhe zu bewahren und trotzdem das Richtige zu tun. Ein Baby ist in meiner Dienstzeit allerdings noch nicht geboren worden. Da würde ich wahrscheinlich auch erst mal die 110 wählen.
 
Interessieren sich Ihre Freunde für Ihren Beruf?
Ja, aber die fragen vor allem: „Fährst du so richtig mit Pfeife und Kelle? Musst du auch Fahrscheine kontrollieren und was sagen?“ Na klar, sage ich dann. „Das ganze Programm.“
 
Wollten Sie schon immer als Zugführerin zur Bahn?
Nein, das war Zufall. Eine Schulfreundin hatte einen Vater, der arbeitete als Rangierer im Seehafen. Der brachte eines Tages Prospekte mit und sagte, wir sollten uns doch bewerben: Als Eisenbahner im Betriebsdienst oder Kundenbetreuer. Wir sagten: „Ja, gut, machen wir.“ Ich selbst war nämlich eigentlich orientierungslos. Aber mit der Ausbildung bei der Deutschen Bahn klappte es sofort und danach ging ich dann zur Ola. Inzwischen bin ich zehn Jahre im Dienst und habe es nicht bereut.
 
Jetzt sind Sie „Eisenbahnerin mit Herz“. Eine Überraschung?
Ja. Zuerst dachte ich: „Was? Ich habe gewonnen? Aber ich habe mich doch gar nicht beworben.“ Inzwischen freut es mich. Wenn die Fahrgäste die eigene Leistung so anerkennen, da kann man wirklich stolz drauf sein.

Die Einsendung der Kundin

Eine schöne Bescherung

Im Interconnex 68903 am 24. Dezember ging auf der Strecke von Berlin nach Rostock eigentlich alles schief, was schiefgehen konnte.

Kurz vor Neustrelitz ging es zum ersten Mal nicht weiter wegen vereister Oberleitungen. Etwa 2 Stunden stand der Zug im Wald, die Snacks waren schnell ausverkauft. Die Freude war groß, als es dann endlich weiter ging: Man würde sich zwar verspäten, zu Heilig Abend wären aber alle pünktlich zur Bescherung zu Hause. Diese Freude würde jäh zerstört, als der Zug nach nur 20 Minuten Fahrt erneut stehen blieb: Nun war die Lok kaputt und es musste eine neue aus Rostock hergeschafft werden. Wartezeit unbekannt. Man stand erneut im Wald, kein Mobiltelefonnetz, die Angehörigen, die an diversen Bahnhöfen standen, um Reisende abzuholen, konnte nicht verständigt werden. Frust und Enttäuschung schlugen um sich. Viele Fahrgäste wurden langsam ungehalten. In dieser Situation war es die Fahrgastbetreuerin Frau Möller, die bei ihren Sprints durch die Gänge - trotz des Stresses, der ihr deutlich anzusehen war - immer ein Lächeln und ein freundliches Wort für die Reisenden übrig hatte, und auch auf Anfeindungen hin nie ausfällig wurde. Dass Frau Möller an diesem katastrophalen Abend - man kam schließlich 6,5 Stunden zu spät ins Ziel - so freundlich und verständnisvoll blieb, obwohl sie selbst das Weihnachtsfest zu Hause verpasste, macht sie zu meiner „Eisenbahnerin mit Herz“.

Frau Möller hat die Reisenden regelmäßig mit ihrem feinsten breiten Norddeutsch über Lautsprecherdurchsagen erfreut. Egal, ob es wirklich „Neuigkeiten“ gab oder nicht, sie hat regelmäßig von sich hören lassen und immer wieder um Entschuldigung gebeten. Zum Beispiel als die neue Lok angeschlossen wurde „Sehr geehrte Damen und Herren, jetzt kommt gleich die neue Lok, bitte nicht erschrecken, wenn es gleich rummst“ …“…Achtung, es rummst jetzt!“. Das Gelächter im Abteil ob Frau Möllers unkonventionellen Durchsagen war jeweils groß und trug zur Auflockerung der angespannten Situation bei.

Zu Beginn der Reise, kurz nach dem ersten Stopp, hatte ich in dem überfüllten Zug einen Klappsitzplatz vor den Toiletten, die Schlange davor war durchgehend endlos. Frau Möller reihte sich ein und schnackte gut gelaunt mit den Gästen. Sie habe die ganze Zeit gehofft, dass heute nichts passieren würde, und dann so was! Dabei wolle sie doch auch dringend nach Hause, Weihnachten feiern! Mit ihrer sympathischen Art konnte ihr einfach niemand böse sein. Bei einer anderen Kollegin habe ich - dies nur zum Vergleich, ohne anklagen zu wollen, schließlich war es nur zu verständlich, dass die Nerven bei allen blank lagen – miterlebt, wie diese den Gästen vorwarf „warum sie denn überhaupt den Connex gewählt hätten, wenn sie doch alles vorher wüssten“ – diese hatten sich über die schlechte Organisation und Vorbereitung beschwert. Dergleichen habe ich von Frau Möller nie vernommen, sie hat bei allen Fragen viel Verständnis gezeigt und immer versucht, auch die technischen Aspekte der Ausfälle verständlich zu erklären.

Insgesamt habe ich Frau Möller als natürlich sympathische Hanseatin in Erinnerung, der ihre Arbeit als Zugbegleiterin ganz offensichtlich große Freude bereitet und die so schnell nichts aus der Facon bringt bei dieser doch etwas unwirtlichen und sehr (auch körperlich!) anstrengenden Tätigkeit. Konfliktmanagement- und Deeskalationskompetenzen, Motivations-, Team- und Kritikfähigkeit und großes rhetorisches Potenzial – dazu eine attraktive Erscheinung, ein großes Herz und viel Humor - wenn Frau Möller nicht Eisenbahnerin mit Herz wird, dann weiß ich auch nicht.

Anja Ludwig, 27, Berlin

Die Würdigung der Jury

Charakter-Eisenbahnerin mit Humor

Stressig ist das Zugbegleiterleben manchmal – insbesondere bei Verspätungen und in überfüllten Zügen. Nicht selten lassen die Fahrgäste ihren Frust dann am Begleitpersonal ab, obwohl die in der Regel nichts dafür können.

In solchen Situationen helfen Lehrbücher nur bedingt weiter. „Persönlichkeit zählt“, wie es Claudia Möller knapp und treffend formuliert. Die 30-Jährige hat es geschafft, während der chaotischen Reise am Heiligen Abend Kunden zu besänftigen und Dutzende Passagiere zum Lachen zu bringen.

Für die Allianz pro Schiene-Jury ist Claudia Möller eine Charakter-Eisenbahnerin mit Humor, die dank ihrer Persönlichkeit für den Kundenkontakt wie geschaffen ist. Dafür gibt es den zweiten Platz beim „Eisenbahner mir Herz 2011".

Silber: Nico Hilsberg

Silber auch für den Lokführer Nico Hilsberg aus München, er befreite eine blinde Passagierin.
Beitrag lesen

Eisenbahner mit Herz - Silbermedaille

Im falschen Zug

27. Oktober 2010, etwa 01.30 Uhr, München Hauptbahnhof, Gleis 18: Eine junge Tierärztin steigt nach der Nachtschicht in einen abgestellten Zug am Münchner Hauptbahnhof, um die Zeit zur Abfahrt des ersten ICE zu überbrücken.

Der Zug fährt unvermittelt los. Mit Hilfe des Lokführers Nico Hilsberg kommt sie nach einer Odyssee vom Güterbahnhof Pasing zum Hauptbahnhof München zurück und erwischt ihren ICE ins heimatliche Augsburg.

„Es hebt ab von der Masse“

Nico Hilsberg über blinde Passagiere, den Mythos vom einsamen Lokführer und Züge, die sich selbst überholen.

Herr Hilsberg, Sie sind „Eisenbahner mit Herz“ geworden, weil Sie sich in einer Nacht im Oktober 2010 tapfer für einen blinden Passagier eingesetzt haben. Erinnern Sie sich daran?
Natürlich. Ich war mit dem Zug von München Hauptbahnhof unterwegs zu einer Unterflurdrehbank und hatte dabei eine Frau an Bord. Wie soll ich das beschreiben? Sie war halt in dem Zug und hat mich gefragt, wie sie wieder nach Hause kommt. Und weil das wirklich relativ weit in der Pampa von Pasing war, habe ich ihr geholfen. Zuerst habe ich es gar nicht klar gesehen. Ich hielt mit dem Zug draußen auf freier Strecke, alles war dunkel und auf einmal klopfte es hinter mir. „Hast du dich da jetzt geirrt?“, dachte ich. Aber da klopfte es wieder. Ich habe dann richtig hingeschaut und den Umriss von der Frau gesehen. Bei Licht war es dann klar: Ein blinder Passagier. Sie sagte, sie hätte nur mal schnell auf die Toilette gemusst, als der Zug losfuhr. Da draußen fährt nachts wirklich gar nichts mehr, also dachte ich nach, was wir jetzt machen könnten.

Ich rief den Stellwerker an und der sagte, es würde sich gleich ein Kollege vom Nahverkehr melden, der wieder in den Hauptbahnhof zurückführe. Ich bat ihn, dafür zu sorgen, dass der auf jeden Fall wartet. Wir sind dann zu Fuß über die Gleise gelaufen. Das war ganz weit weg, ein Bereich vom Bahnhof, in dem ich noch nie gewesen bin. Wir kamen schließlich zu einer Bude, wo der Wagenmeister drin saß. Der erklärte mir, wo der Zug steht. Wir fanden den Zug und ich habe die Frau dem Kollegen übergeben, der sie wieder zurück nach München Hauptbahnhof gebracht hat.

Hatten Sie das Gefühl, heldenhaft gehandelt zu haben?
Pflichtbewusst, würde ich sagen. Heldenhaft ist vielleicht etwas anderes.

War das Ihr erster blinder Passagier?
Nein, so was kommt schon mal vor. Aber so weit wie diese Frau ist noch keiner mitgefahren. Die meisten fahren bis Laim, und da ist dann die S-Bahnstation. Viele reagieren auch panisch, ziehen die Notbremse. Das hat meine blinde Passagierin ja alles nicht gemacht. Aus Rücksicht hat sie auch nicht während der Fahrt geklopft. Da wäre ich wahrscheinlich vor Schreck vorne durch die Scheibe gegangen. Damit rechnet ja keiner.

Die Kundin schreibt, sie hatte Angst, dass Sie ihr den Kopf abreißen.
Kopf abreißen? Nein, so ein Typ bin ich nicht. Und sie ist zum Glück auch sehr besonnen geblieben. Ich habe ihr gesagt, das könne schließlich jedem Mal passieren.

Was ist das schönste Erlebnis, das Sie jemals als Lokführer hatten?
Arlbergumleiter mit 234.

Wie bitte? Das müssen Sie erklären.
Das ist eine Baureihe der Ex-Deutschen Reichsbahn, die beim Umbau des Arlbergtunnels eingesetzt worden ist. Durch die Umleitungen kamen einige Eurocitys und Nachtzüge über Lindau. Mit der B 234 ging die Fahrt dann von Kempten über Lindau nach München. Das war ein Novum für bayerische Gleise, dass eine russische Maschine drauf fährt, und da ich schon immer Fan der "Ludmilla" Familie (BR230-BR234) war, hab ich einen Kollegen beschwatzt, mich fahren zu lassen.

Was halten Sie vom Mythos des einsamen Lokführers, der stundenlang schweigend in die Nacht starrt?
Wir Lokführer im Ortsdienst sind nicht ganz so einsam. Nach einer Drehfahrt sind wir nach einer Stunde wieder unter Menschen. Aber generell stimmt es schon, dass bei Lokführern der Einzelkämpfertyp gefragt ist.

Wenn Sie auf einer Party sind und gefragt werden, was Sie arbeiten, was sagen Sie dann?
„Lokverführer.“ (lacht) Der offizielle Begriff heißt „Triebfahrzeugführer“. Unter Eisenbahnern „Lokführer“. Für die Presse „Zugführer“. Unter Kollegen beim Ablösen sagen wir bloß „Führer“. Das klingt dann so: „Führer, kann’s losgehen?“

Und das Image Ihres Berufes? Wie sehen Sie das?
Im Prinzip ganz gut. Seitdem die GdL streikt, ist es allerdings schlechter geworden. Sonst hängt viel davon ab, ob ein Reisender vorher schon schlechte Erfahrungen gemacht hat oder nicht.

Was wollten Sie werden, als Sie klein waren?
Polizist. Aber das war nur in der Kindergartenphase. Danach war es schon bald Eisenbahner und Lokführer. Es liegt bei uns auch in der Familie, hat allerdings eine Generation übersprungen. Mein Urgroßvater war bei der Eisenbahn, mein Großvater war bei der Eisenbahn. Jetzt hat der Virus mich wieder erwischt. Ich erinnere mich noch, als mich mein Großvater mit auf die Dampflok genommen hat. „Hier nicht im Weg rumstehen, hier ist gefährlich. Hier Finger weg, hier ist heiß.“ Ich stand ganz still in der Ecke und fürchtete mich. Aber nachher war das Gefühl großartig. Wie vor zwei Jahren, als ich in den USA war. Was da für Maschinen fahren: Vom Motorengeräusch vibriert der Boden, und die Züge sind so lang, dass sie sich selbst überholen. Das ist schon hart: Da kommt man zurück nach Deutschland und hier fährt nur Spielzeug.

Einen Trost gibt es: Sie sind Eisenbahner mit Herz geworden. Wie war das für Sie?
Das musste erst mal durchdringen. Das ist eine völlig neue Situation für mich. Aber jetzt denke ich: Es hebt ab von der Masse. Man kann sich damit brüsten.

Das Porträt

Der Einzelkämpfertyp

Der Lokführer Kollege im Münchner Hauptbahnhof kann es kaum glauben: „Was? Du bist Eisenbahner mit Herz? Du?“ Nico Hilsberg macht nicht viele Worte. Er lächelt hintersinnig und nickt bescheiden.

Dabei ist es wirklich ein Wunder: Der 36-jährige ist Bereitstellungslokführer. In fünf Schichten pro Woche - meistens nachts - fährt Hilsberg riesige leere dunkle ICE in die Waschanlage oder ins Werk zur Radsatzprüfung. „Den Zug aufarbeiten“, nennt er das. Mit Bahnkunden kommt er dabei selten in Berührung. In einer Nacht im Oktober 2010 war es allerdings anders. Eine junge Frau fuhr als blinder Passagier mit Nico Hilsberg vom Hauptbahnhof bis nach München Pasing. Aus dieser „Pampa“ aus Gleisen und Weichen befreite Hilsberg die Kundin, die sich über ihr Missgeschick so geschämt hatte, dass sie fast im Boden versinken wollte. „Das kann doch jedem Mal passieren“, sagt Hilsberg und gibt trotzdem zu, dass er am liebsten allein in seinem Führerhäuschen sitzt.

Nach einem Start als Prüfdienst bei der Münchner S-Bahn kam Hilsberg 2002 zum Fernverkehr der deutschen Bahn. Für den geborenen Dresdner ist das ein Aufstieg. Sein nächstes Karriereziel: Das Stellwerk. Dahin kommt dann garantiert kein Kunde mehr. „Blinde Passagiere gibt es da definitiv nicht“, sagt Hilsberg und man muss sehr scharf hinhören, um ein Bedauern zu erahnen. „Der Lokführer, das ist nun mal mehr der Einzelkämpfertyp“, sagt Hilsberg. Dass einer es damit dennoch zum Eisenbahner mit Herz bringt, findet Hilsberg „cool“.

Die Einsendung der Kundin

Der Zug ist abgefahren

„Und du willst jetzt wirklich zwei Stunden am Hauptbahnhof rumsitzen?“, fragte mich meine Arbeitskollegin zweifelnd. Ich zuckte die Achseln. „Ich hab ja mein Notebook dabei – ob ich hier oder dort warte, spielt auch keine Rolle.“

Ich gab nur ungern zu, wenn mich das Pendeln doch einmal nervte. Immerhin hatte ich mir diesen Wahnsinn selbst aufgebürdet – wohnen in Augsburg, arbeiten in Oberhaching; zweimal täglich anderthalb (wenn es optimal lief und man zum Anschluss rannte) bis zweieinhalb Stunden (abends, wenn die Regionalzüge nur noch stündlich fahren und man den Anschluss gerade verpasste) in der Bahn sitzen. Aber was tat man nicht alles, wenn der Freund nun mal in Augsburg lebte – und man keinen anderen Arbeitsplatz wollte.

Mit gemischten Gefühlen verließ ich die Klinik und machte mich auf den Weg durch die Dunkelheit. Etwa fünfzehn Minuten dauert der Fußweg zur S-Bahn – zum Glück fuhr sie um null Uhr dreißig überhaupt noch. Nur der Augsburg-München-Verkehr lag um diese Zeit nun einmal still, erst um 03:17 Uhr sollte der nächste Zug – immerhin ein ICE - fahren.
Ich tröstete mich damit, dass es eine Ausnahme war, so spät aus der Arbeit zu kommen. Auf dem Weg pflückte ich noch die übliche Tüte voll Gras für meine Kaninchen, die vermutlich schon sehnsüchtig wartend an meiner Balkontür stehen würden, wenn ich endlich heim kam. Manche Dinge müssen eben sein – egal, wie spät es ist.

Die S-Bahnfahrt zum Münchener Hauptbahnhof verlief schnell und ereignislos. Seufzend machte ich mich auf den Weg zu den Fernzügen und hoffte inständig, dass mein Zug schon bereitstand; immerhin war es Oktober und ich hatte keine Lust, mich zwei Stunden lang auf einem unbeheizten Bahnsteig aufzuhalten.

Zu meiner Freude entdeckte ich meinen ICE bereits von weitem. Die Euphorie schwand jedoch, als ich diverse Personen auf den Metallsitzen des Bahnsteiges entdeckte, die offensichtlich warteten. Meine ungute Vorahnung bestätigt sich: Die Türen waren noch verschlossen.

Ich zuckte die Achseln und blickte mich um. Wenn die Abfahrtszeit eines bereitstehenden Zuges noch in weiter Ferne lag, setzte ich mich manchmal einfach hinein, bis mein eigener einfuhr bzw. die Türen entriegelte. Der Zug auf dem gegenüberliegenden Gleis sah vielversprechend beleuchtet aus. Ich warf einen Blick auf die elektronische Anzeigetafel und stellte fest, dass keine Abfahrtszeit dort stand; also würde sich das vermutlich noch lange hinziehen.

Kurzerhand lief ich zur nächsten Tür, die sich zu meiner Freude tatsächlich öffnen ließ, stieg ein und setzte mich – schließlich durfte ich das ja sonst nie – auf einen Ledersitz in der Ersten Klasse. Wenige Minuten später war ich bereits eifrig dabei, auf meinem Laptop einen neuen Artikel für meine Homepage zu tippen.

Die Stille wurde durch schrille Pfeiftöne durchbrochen – das Warnsignal an den Türen, kurz bevor sie sich automatisch schlossen. Einen Augenblick lang saß ich da wie versteinert; dann sprang ich auf und lief zu der Tür, durch die ich eingestiegen war. Tatsächlich: Sie ließ sich nicht mehr öffnen! Mit einer Mischung aus Irritation und Unbehagen blickte ich hinaus auf den Bahnsteig und fragte mich, wann man den Zug wohl wieder öffnen würde – als etwas geschah, das mir eine Gänsehaut über den Rücken jagte: Das Licht ging aus! Ach du lieber Gott, dachte ich. Man hatte den Zug geschlossen und den Strom abgedreht – das konnte nur heißen, dass er jetzt eine halbe Ewigkeit hier herumstehen würde; jedenfalls mit Sicherheit länger als zwei Stunden. Ob ich mich einfach auf eine Sitzreihe legen und schlafen sollte? Würde ich Hilfe rufen, bekäme ich sicher gehörigen Ärger, überlegte ich. Vielleicht konnte ich ja den Lokführer noch erwischen. Kurzerhand machte ich mich auf den Weg durch den stockfinsteren Zug in Richtung Führerhäuschen ganz am anderen Ende.

Und dann passierte es: Der Zug fuhr los. Ich erstarrte, versuchte zu begreifen, was gerade geschah. Wieso um alles in der Welt fuhr dieser vermeintlich leere, unbeleuchtete Zug los? Und vor allem: Wo zur Hölle fuhr er hin? Mechanisch blickte ich aus dem Fenster, sah den Hauptbahnhof an mir vorbeiziehen und blickte dann ins kohlrabenschwarze Nichts. Mein Gott, dachte ich, wieso bin ich nur eingestiegen? Was hab ich mir damit eingebrockt?

In einem plötzlichen Entschluss löste ich mich aus meiner Trance und stolperte los in Richtung Zugspitze. Ich musste den Fahrer auf mich aufmerksam machen! Wenn er jetzt anhielt, käme ich mit der S-Bahn noch schnell zurück. Als ich den letzten Waggon erreicht hatte und durch die Scheibe die Umrisse des Zugführers entdeckte, zögerte ich jedoch. Sollte ich das wirklich tun – jetzt anklopfen? Der Mann bekäme vermutlich einen Herzinfarkt, wenn plötzlich jemand hinter ihm auftaucht, überlegte ich – hier in diesem verdammten Zug, wo keine Menschenseele außer ihm mehr sein sollte! Ich starrte einige Sekunden auf den Hinterkopf der ahnungslosen Person im Führerhäuschen, dann schlich ich mich zurück – mindestens fünf Waggons in der lächerlichen Befürchtung, man könnte mich in der nächsten Kurve in irgendeinem Rückspiegel entdecken. Immer wieder warf ich nervöse Blicke aus dem Fenster – doch ich konnte nicht im Geringsten ausmachen, wohin der Zug fuhr. Verdammter Mist, dachte ich – mit jeder Sekunde entfernte ich mich weiter von dort, wo um 03:17 mein ICE abfahren würde; und mir fiel beim besten Willen nichts ein, was ich dagegen tun könnte! Was hatte ich für Optionen – den Zugführer zu Tode erschrecken? Hilfe rufen?

Das wäre eigentlich keine schlechte Idee, dachte ich; den Bahncomfort-Service anrufen, ihnen meine Lage schildern – und sie telefonischen Kontakt mit dem Zugführer aufnehmen lassen. Schonender könnte man ihm die Sache nicht beibringen. Das Problem war nur, dass ich um halb zwei Uhr nachts keinen Menschen beim Bahncomfort oder sonst wo erreichen würde; außer bei der Polizei oder Feuerwehr vielleicht... aber das kam mir nun doch albern vor.

Der Zug verlangsamte sich, und ich blickte gespannt aus dem Fenster. Dort war ein Bahnhof – aber ich konnte nirgends eine Ausschilderung entdecken, keinerlei Anhaltspunkt darüber, wo wir waren. Der Bahnhof zog vorbei, und der Zug beschleunigte wieder. Gütiger Gott, was konnte ich nur tun? Die Notbremse ziehen? Musste man nicht eine hübsche Summe Strafe zahlen, wenn man unbegründet eine Notbremse zog? Nun, dachte ich, ich hatte schon einen Grund – andererseits hatte ich mich selbst in diese Notlage gebracht, weil ich unerlaubterweise in den verdammten Zug gestiegen war… ob das zählte...? Außerdem: Wie würde der Zugführer reagieren? Ich an seiner Stelle würde es nicht wagen, den Zug zu durchsuchen, dachte ich. Ich würde mir vor Angst in die Hose machen! Was tat man denn als Zugführer in so einem Fall? Die Polizei rufen? Heiliger Himmel, dann würde der Ärger nur noch größer.

Oder was, wenn der Zugführer so sauer war, dass er mich einfach rausschmiss? Dann wäre ich nicht mal an einem Bahnhof. Nein – besser, ich wartete ab, bis der Zug seine Endstation erreicht hatte. Er wird ja nicht mitten in der Nacht einfach so quer durch Deutschland fahren, redete ich mir ein. Sicher hielt er bald an.

Die Zeit verstrich wie in Zeitlupe. Vor dem Fenster konnte ich immer wieder Bahnsteige, hin und wieder ein Gebäude, hauptsächlich aber Dutzende von Gleisen und verstreute Waggons erkennen. Ich kam mir vor wie in einem Freiluftmuseum für Züge! Dann bremsten wir ein zweites Mal ab. Hoffnungsvoll blickte ich nach draußen. Wie es aussah, waren wir auf einem riesigen Bahnhof eingefahren – aber wie um alles in der Welt hieß er? Wo waren wir?

Der Motor erlosch, und ich atmete auf. Wir blieben also hier – gleich würde ich mehr erfahren. Dann wurde mir mit einem Mal klar, dass es sinnlos war, an der Tür zu warten – denn natürlich würde sie sich nicht öffnen! Ich musste zum Fahrer, zurück zum Fahrer – ehe er ausstieg, den Zug verschloss und ich endgültig gefangen war! Ich stolperte los und stand kurz darauf ein zweites Mal vor der dicken Glasscheibe, die Waggon und Führerhäuschen trennte. Zu meiner grenzenlosen Erleichterung war der Fahrer noch dort. Zögerlich hob ich eine Hand. Ich hatte keine Wahl – ich musste klopfen. Wenn er sich jetzt erschreckte, baute er immerhin keinen Unfall.

Ich nahm all meinen Mut zusammen und trommelte gegen die Tür. Der Mann wandte den Kopf, doch es war zu dunkel, um sein Gesicht auszumachen. Er starrte in meine Richtung, doch ich hatte nicht das Gefühl, ihn übermäßig erschreckt zu haben. Ich setzte mein unschuldigstes Lächeln auf und winkte zaghaft. Der Zugführer reckte den Kopf vor, offenbar bemüht, mich in der Finsternis zu erkennen; schließlich erhob er sich langsam und drückte wohl auf irgendeinen Lichtschalter, denn im selben Moment wurde es hell. Ein relativ kleiner, runder Mann stand vor mir, und auf seinem freundlichen Gesicht spiegelte sich die blanke Verwirrung. Er öffnete die Glastür. „Hallo, Ent- Entschuldigung!“, stammelte ich hastig, ehe er fragen konnte. „Ich – ich wollte hier in München schnell auf die Toilette gehen. Ich wusste nicht, dass der Zug losfährt!“

Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, aber ich fürchtete noch immer, er würde mir vielleicht nicht helfen, wenn er wusste, wie sehr ich diese Situation selbst provoziert hatte… aus reiner Bequemlichkeit und Naivität. „Oh, das ist schlecht“, erwiderte der Zugführer langsam. „Wir sind hier im Güterbahnhof Pasing.“ „Pasing!“ Ich strahlte begeistert – da fuhren doch ständig S-Bahnen, Regionalzüge, und sogar die meisten ICEs in Richtung Augsburg hielten dort. Allerdings sagte mir das Gesicht des Zugführers, dass es an der Sache einen Haken gab...

„Nein, nein, nicht der Fernbahnhof Pasing. Das hier ist der Güterbahnhof – da sind Sie ganz weit weg vom Schuss. Wo müssen Sie denn hin?“ „Nach Augsburg“, antwortete ich. „Ich wollte den ICE um 03:17 in München nehmen…“
„Das sieht schlecht aus.“ Er dachte einen Moment lang nach. „Ich meine – ich könnte Sie mit zur S-Bahn nehmen, aber die fahren erst morgen früh wieder… 03:17 in München – keine Chance!“ „Hm.“ Ich starrte bestürzt zu Boden. Am nächsten Tag musste ich um spätestens viertel nach elf wieder raus – davor hätte ich gern noch einige Stunden geschlafen! „Na ja, warten Sie mal. Ich frag kurz beim Kollegen nach, was wir da machen könnten.“ Er wandte sich um, ließ sich wieder in seinem Fahrersitz nieder und zog sein Handy aus der Tasche… oder war es ein Funkgerät? Ich bin mir nicht mehr sicher.

„Grüß dich, ich bin’s!“, hörte ich ihn sprechen. „Du, hör mal – ich bin gerade hier im Güterbahnhof eingefahren und hab einen blinden Passagier an Bord.“ Ich musste unwillkürlich grinsen – was sich die Person am anderen Ende bei diesen Worten wohl denken mochte? „Sie muss nach Augsburg. Ihr Zug in München fährt um 03:17 – ja, vom Hauptbahnhof. Weißt du, ob heut noch irgendwas reinfährt?“ Ich spitzte gespannt die Ohren, konnte jedoch nichts von dem verstehen, was der Gesprächspartner erwiderte. „Ja… jaaa… okay… Gleis 23? Wo ist das denn? Aha… aha… gut… okay! Alles klar – dann machen wir uns auf den Weg. Danke dir!“ Mein Herz machte einen Hüpfer – das klang doch gut! Er legte auf und wandte sich zu mir um: „So, wir haben jetzt einen kleinen Fußmarsch vor uns. Der Kollege wartet auf Gleis 23, er wird Sie dann mit zum Hauptbahnhof nehmen.“ „Super!“ Ich konnte mein Glück kaum fassen. „Wann fährt er denn ab?“, fragte ich. „Sobald wir da sind.“ Er öffnete die Tür nach draußen und schaltete das Licht aus, ehe er mit einem großen Schritt ausstieg. „Wartet er extra auf mich?“ Ich folgte ihm mit einem kleinen Sprung auf den Bahnsteig, schwer beeindruckt: So hilfsbereite Menschen lernte ich nicht oft kennen. „Nun ja – er hat eigentlich gerade Pause und würde sich erst in zwei Stunden auf den Weg in die Stadt machen. Aber da es ihm egal ist, ob er hier oder in München wartet, fährt er früher ab, damit Sie Ihren ICE noch erwischen.“

Er verschloss den Zug, und wir folgten gemeinsam dem Bahnsteig. Ich fand, dass es hier tatsächlich aussah wie „weit weg vom Schuss“ – einsam, verwildert und ein wenig chaotisch: Zwischen munter wuchernden Wiesen und hochgewachsenen Sträuchern führten kreuz und quer Gleise hindurch; hier und dort lag ein verloren wirkender Bahnsteig, überall waren unterschiedlichste Arten von Zügen, Lokomotiven und Waggons „geparkt“. Wir bewegten uns über Stock und Stein, stolperten durch Erdlöcher, über Schienen und Wurzeln. Ich wiederholte pausenlos, wie dankbar ich war, doch der Zugführer winkte ab: „Ich hab ja eh nix zu tun, und ’n bisschen Bewegung schadet mir nicht.“ Leider war er ansonsten nicht sehr redselig, und ich kam mir irgendwie unhöflich vor, während ich ihm schweigend folgte; doch ich wusste auch nicht wirklich, was ich sagen sollte. Schließlich erreichten wir ein kleines beleuchtetes Gebäude, das mich an die DB-Infohäuschen erinnerte, wie sie auf vielen Bahnsteigen errichtet sind. Eine kleine Metalltreppe führte hinauf; der Zugführer stieg empor und trat dann durch die Tür. Unsicher blieb ich auf der Schwelle stehen und wartete, während er sich von einem drinnen sitzenden Kollegen noch einmal den Weg erklären ließ. Kurz darauf kehrte er mit zufriedener Miene zurück. „So, weiter geht’s!“

Nach insgesamt etwa zwanzig Minuten deutete er schließlich geradeaus auf einen niedlichen kurzen Regionalzug, aus dessen Führerhäuschenfenster bereits der Kopf eines Mannes lugte. „Da ist er.“ Mit diesem Zug sollte ich also zurückfahren? Mal etwas Neues, dachte ich belustigt. „Na, da seid ihr ja!“ Der Zugführer, ein dunkelhaariger, bärtiger Mann mittleren Alters, grinste uns gutgelaunt entgegen. „Habt ihr mich also gefunden. Dann mal rein mit dir!“ Er zwinkerte mir freundlich zu.

Ich kramte in meiner Tasche, entschlossen, meinem ersten „Retter“ zum Abschied ein Trinkgeld zu geben; doch er lehnte vehement ab. „Nein, wirklich - kein Problem! Jeder Gang macht schlank!“ Er lachte. „Kommen Sie gut nach Hause – diesmal im richtigen Zug!“ Der zweite Zugführer stand mittlerweile an der geöffneten Tür und streckte mir eine Hand entgegen. Da sich der Einstieg ein ganzes Stück über dem Boden befand, ergriff ich sie dankbar. „Aber jetzt musste mir mal sagen: Wie kommt man denn auf so ’ne Idee?“, fragte er mich grinsend. „Ich musste auf die Toilette“, erwiderte ich entschlossen. „War’s denn so dringend?“ Er trat glucksend wieder ins Führerhäuschen, während ich mir zögerlich einen der Sitze hinunterklappte, die sich gleich gegenüber der Tür befanden.

„Setzen Sie sich doch hierher. Dann hab ich jemanden zum Plaudern!“ Kurzerhand winkte er mich nach vorne und schob mir einen Stuhl entgegen. Ich ließ mich darauf nieder, sehr angetan von der Idee, einmal selbst im Führerhäuschen zu sitzen – wann konnte man als gewöhnlicher Passagier schon einmal vorne rausgucken, während man Bahn fuhr?
Der Zugführer schien meine Gedanken zu lesen. „Ist doch viel cooler, mal an der Spitze zu hocken, oder? Das haste bestimmt noch nicht erlebt!“ Er setzte den Zug mit einem Ruckeln in Bewegung und startete. Langsam verschwanden die geradeaus führenden Schienen unter dem Leib unseres Zuges, während er sich in gemächlichem Tempo vorwärts bewegte.

„Noch mal vielen Dank auch an Sie“, sagte ich. „Ich dachte echt, die Nacht kann ich durchmachen!“ „Ach was, immer gerne!“ Der Zugführer lachte sein fröhliches Lachen. „Auf die Weise erlebt man mal was! Sonst sitzt man ja eh nur rum und liest Zeitung.“ Was erleben, das kann er laut sagen, dachte ich. Nach und nach all passierten wir die beleuchteten Bahnhöfe und Gebäude, die ich mir auf der unfreiwilligen Hinfahrt eingeprägt hatte in dem verzweifelten Versuch, einen Hinweis darauf zu erlangen, wo wir uns befanden… „Und du warst in München feiern?“, riss der Zugführer mich auf meinen Gedanken. Ich schüttelte den Kopf. „Nein, arbeiten – in einer Tierklinik“, fügte ich erklärend hinzu, als die bei Menschen, denen ich diese Antwort gab, übliche Irritation auf sein Gesicht trat. „Wir haben noch einen Kaiserschnitt bei einer Katze durchgeführt.“ „Echt? Wie viele sind’s denn geworden?“ „Acht. Aber es haben nur vier überlebt; die Besitzer haben ewig gewartet, ehe sie zu uns gekommen sind. Wir haben dann über eine Stunde lang zu sechs Leuten versucht, die Babys ins Leben zu rubbeln“, erzählte ich. Ich freute mich immer, wenn sich jemand für den Beruf interessierte, der mir selbst so viel Freude bereitete. „Aber eines kam schon ohne Herzschlag zur Welt, und die anderen waren einfach zu schwach.“

„Oh, na ja. Immerhin. Sag mal, wieso hast du eigentlich nicht gleich beim Kollegen angeklopft, als der Zug losgefahren ist?“ „Ich wollte ihn nicht zu Tode erschrecken“, erwiderte ich seufzend. „Ja, das könnte wirklich passieren“, stimmte er mir nachdenklich zu. „Trotzdem – wie lang wolltest du denn warten? Der hätte ja genauso gut nach Köln fahren können!“ Darauf wusste ich nicht wirklich etwas zu erwidern. „Passiert so was öfter mal? Ich meine – dass plötzlich Leute in einem Leerzug sitzen?“, fragte ich stattdessen neugierig. „Oh, ab und zu schon. Ich hab’s auch schon mal erlebt. Da hatten sich zwei im Zug schlafen gelegt und als sie aufwachten, fuhren sie gerade mitten durch die Pampa. Die Herrschaften haben richtig Panik bekommen und dann die Notbremse betätigt. Da war mir auch nicht wohl bei, kann ich dir sagen: 60 km lang fahren in dem Glauben, man sitzt allein im Zug – und plötzlich zieht einer die Notbremse!“ Ich lachte. Plötzlich fiel mir auf, welch ein unverschämtes Glück ich gehabt hatte, dass mein Zug nur aus einem einzigen Zugteil bestanden hatte – andererseits hätte ich gar nicht bis zum Fahrer durchdringen können! Zum Glück ist mir dieser Horrorgedanke nicht vorhin gekommen, schoss es mir durch den Kopf.

Vor uns kam die riesige, prächtig beleuchtete Bahnhofshalle des Münchener Hauptbahnhofs in Sicht. Es war ein eindrucksvoller Anblick, wenn man so unmittelbar darauf zu fuhr; ich konnte mich gar nicht satt sehen! Beeindruckt beobachtete ich, wie unser Zug sich problemlos auf einer der ununterbrochen über Kreuz laufenden, sich überschneidenden, verzweigenden oder zusammenlaufenden Schienen einfädelte. Langsam glitten wir an unserem Bahnsteig vorbei, bis der Zug schließlich in seiner vollen Länge danebenstand und anhielt. „Da wären wir. Das da hinten ist der ICE über Ausgburg!“

Glücklich verabschiedete ich mich von dem zweiten unwahrscheinlich hilfsbereiten Zugfahrer, den ich heute kennen gelernt hatte – und der ebenfalls aufs Trinkgeld verzichtete – und machte mich auf den Weg zu meinem ICE. Dabei stellte ich begeistert fest, dass er mittlerweile beleuchtet war und Passagiere darin saßen – ich hatte den Abend tatsächlich ohne Frieren überstanden; dank zweier Zugfahrer, die mir ohne zu zögern aus der Patsche geholfen hatten. Ein wirklich netter Zug.

Melina Klein, 22, Augsburg (Bayern)

Die Würdigung der Jury

Der Retter in der Nacht

Eine blinde Passagierin mitten in der Nacht – Lokführer Nico Hilsberg macht nicht viel Aufhebens um die Sache.

Eine blinde Passagierin mitten in der Nacht – Lokführer Nico Hilsberg macht nicht viel Aufhebens um die Sache. Er greift auf dem Güterbahnhof zum Handy, die Kommunikation beschränkt sich weitgehend auf „Ja… okay… Gleis 23? Aha… … gut!

Der 36-Jährige, der normalerweise alleine auf seiner Lok sitzt, ist kein Freund großer Worte, aber Retter in der Nacht. Er hilft der jungen Frau, pünktlich wieder am Hauptbahnhof in München zu sein. Für die Allianz pro Schiene-Jury ist Nico Hilsberg der Inbegriff des hilfsbereiten Lokführers in Ausnahmesituationen. Er hat in einem Extremfall richtig reagiert. Nicht, weil er es in einer „Service-Schulung“ so gelernt hat oder es in irgendeinem Dienstplan stand, sondern, weil er es als selbstverständlich, in seinen Worten „pflichtmäßig“, empfunden hat.

Soviel innere Eigenverpflichtung zur „pflichtmäßigen“ Vorbildlichkeit belohnt die Jury mit dem zweiten Platz beim „Eisenbahner mit Herz 2011“. Mögen viele Fahrgäste, wenn sie selber einen Fehler gemacht haben, auf solche Helfer stoßen. Sie werden es dann eher entschuldigen, wenn es bei der Bahn mal nicht ganz so rund läuft.

Preisverleihung

von links nach rechts: Claudia Möller, Jonni Käsehage und Nico Hilsberg sind die ersten Gewinner im Wettbewerb 2011.
Die Sieger des Wettbewerbs „Eisenbahner mit Herz“ kamen aus allen Himmelsrichtungen: Jonni Käsehage gab im heimatlichen Bremen noch schnell ein Interview und fuhr dann zur Siegefeier nach Berlin.
Beitrag lesen

Dort wartete die Goldene Anstecknadel „Eisenbahner mit Herz“ auf ihn. Nico Hilsberg kam aus München, um die silberne Nadel entgegen zu nehmen. Die Rostockerin Claudia Möller (ebenfalls Silber) war auch pünktlich zur Stelle: Um 11 Uhr ging es am 12. April los mit der Siegerehrung in der Austernbar im Berliner Hauptbahnhof.

Drei, die ihre Fahrgäste nicht im Regen stehen lassen