Ein kurzer Weg zur Haltestelle bedeutet Freiheit bei der Verkehrsmittelwahl. Viele Menschen würden ihr Auto gerne stehen lassen, wenn sie ihr Ziel mit dem öffentlichen Verkehr klimaschonend erreichen könnten.
Dabei steht fest: Wenn Bahnen und Busse für die Menschen gut erreichbar sind, steigert das nicht nur die Lebensqualität durch kürzere Fahrtzeiten. Mit einem dichten Haltestellen-Netz und guten Verkehrsangeboten kann die Politik auch die Belastung der Luft mit Schadstoffen mindern und die Klimabilanz verbessern. Die Allianz pro Schiene präsentiert einen bundesländerweiten Vergleich der Erreichbarkeit des Öffentlichen Nahverkehrs und legt damit den Handlungsbedarf, besonders in ländlichen Regionen, offen.
1. Wie steht es um die Erreichbarkeit von Bus und Bahn in den Bundesländern?
2. Wie steht es um die Erreichbarkeit von Bus und Bahn in den Landkreisen?
3. Was ist mit „ausreichender Erreichbarkeit“ gemeint?
4. Woher stammen die Daten für unser Erreichbarkeitsranking?
5. Wie kann die Erreichbarkeit in den Ländern verbessert werden?
Im Bundesländervergleich aller Flächenstaaten bietet das Saarland die kürzesten Wege zu Bahnen und Bussen. 96,7 Prozent der Saarländer wohnen höchstens 600 Meter von der nächsten Halstestelle oder maximal 1.200 Meer vom nächsten Bahnhof mit mindestens 20 Fahrtmöglichkeiten am Tag entfernt.
In Hessen – Spitzenreiter unserer Auswertung aus dem Jahr 2018 – erfüllt der öffentliche Verkehr immerhin für 96,6 Prozent der Einwohner diese Kriterien.
Ebenfalls deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 91,4 Prozent liegen Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg mit einem Anteil von je 95,8 Prozent.
Im Vergleich zum Ranking von 2018 haben sich Mecklenburg-Vorpommern mit einem Plus von 4,3 Prozentpunkten, Rheinland-Pfalz (+ 4 Prozent) und Bayern (+ 3,4 Prozent) am deutlichsten verbessert.
Mecklenburg-Vorpommern bleibt trotz signifikanter Verbesserung Schlusslicht in Deutschland. Dort ist der Weg zum häufig fahrenden öffentlichen Verkehr nur für 78,9 Prozent der Einwohner so kurz wie beschrieben. Schlecht schneiden weiterhin auch Bayern (82,4 Prozent), Brandenburg (85,6 Prozent) und Niedersachsen (85,7 Prozent) ab.
Da sich kein Bundesland im Vergleich zur vorherigen Erhebung verschlechtert hat, ist auch der Bundesschnitt leicht gestiegen. Inzwischen profitieren 91,4 % der Bewohner in Deutschland von einer (Basis-)Anbindung an den öffentlichen Verkehr. Das entspricht einer Steigerung von 1,7 Prozentpunkten.
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Unter allen Städten und Landkreisen weist Mainz in Deutschland das dichteste Netz an Haltestellen im öffentlichen Verkehr auf. Für die Einwohner der Landeshauptstadt sind die Wege zu Bus und Bahn sogar kürzer als für Berliner, Hamburger oder auch Münchner. Ebenfalls sehr gut schneiden Schweinfurt, Bonn, Frankfurt am Main und Bamberg ab. Aus unserer Top 10 kommen drei Städte aus Hessen und vier aus Bayern. Allerdings sind auch vier Städte aus Bayern unter den Städten, die ihren Bewohnern die weitesten Wege zu Bahnhöfen und Haltestellen zumuten.
Wie auch bei der Erhebung im Jahr 2018 landet der Main-Taunus-Kreis auf der Spitzenposition, gefolgt von Fürstenfeldbruck und Esslingen. Auffällig: Die größten Flops in Deutschland werden mit wenigen Ausnahmen von bayerischen Landkreisen belegt. Das Heimatland von BMW und Audi belegt gleich mit fünf Landkreisen die Top-Positionen für die schlechteste Erreichbarkeit von ÖPNV-Angeboten in Deutschland.
Nur erstaunliche 29,1 Prozent der Menschen in Dingolfing-Landau haben Zugang zu Bushaltestellen oder Bahnhöfen, die Basis-Kriterien erfüllen. In Straubing-Bogen kommen immerhin 38,9 Prozent der Menschen in den Genuss allgemein zugänglicher Verkehrsmittel, in Cham 44,62 Prozent. Das Flächenland Bayern landet im deutschlandweiten Vergleich auf dem vorletzten Platz unseres Erreichbarkeitsrankings. Der Nachbar aus Baden-Württemberg zeigt, wie es wesentlich besser geht – Platz vier im Bundesländervergleich für den Konkurrenten im Westen.
Für das Erreichbarkeits-Ranking von Bus und Bahn in Deutschland verwendet die Allianz pro Schiene Daten des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Das BBSR ermittelt, ausgehend von den Haltestellen, für welchen Anteil der Einwohner die Erreichbarkeit zumindest „ausreichend“ ist.
Diese Erreichbarkeit sieht das Institut als gegeben an, wenn die Menschen höchstens 600 Meter Luftlinie von der nächsten Bus-Haltestelle oder 1.200 m Luftlinie vom nächsten Bahnhof mit mindestens 20 Fahrtmöglichkeiten am Tag entfernt wohnen. Dabei orientiert sich das BBSR an den Empfehlungen für Planung und Betrieb des öffentlichen Personennahverkehrs der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen für Haltestelleneinzugsbereiche im ÖPNV. Die von dem Bundesinstitut bei der Berechnung des Indikators festgesetzten Kriterien übernimmt die Allianz pro Schiene für ihr Ranking.
Eine aus BBSR-Sicht „ausreichende Erreichbarkeit“ ist aus Sicht der Allianz pro Schiene allerdings keinesfalls mit „guter Erreichbarkeit“ gleichzusetzen. Für die Allianz pro Schiene heißt „ausreichende Erreichbarkeit“ gemessen an den Mobilitätsbedürfnissen der Menschen „unterste Schmerzgrenze“.
Bei den 20 Fahrtmöglichkeiten am Tag werden Fahrten in beide Richtungen mitgezählt. Ausreichend ist nach der BBSR-Definition also auch eine Anbindung, die innerhalb der genannten Umkreise zehn Fahrten in die Stadt und zurück am Tag bietet.
Stichtag für diese Auswertung war der 15. September 2020. Vom BBSR angegebene Prozentzahlen für eine „ausreichende Erreichbarkeit“ bedeuten nicht, dass am Wochenende die Erreichbarkeit auch „ausreichend“ ist. Sie kann dann schlechter als „ausreichend“ sein.
Die Grundlage für die Auswertungen des BBSR bilden die Ergebnisse einer Fahrplanabfrage durch die HaCon Ingenieurgesellschaft mbH für alle Tage einer Referenzwoche (14. bis 20. September 2020) und eine daraus erstellte Abfahrtstatistik.
Dabei wird die Anzahl der Abfahrten an jeder Haltestelle differenziert nach zehn Produktklassen erhoben. Im BBSR werden für zusammengefasste Gruppen von Produktklassen (Bahn = Hochgeschwindigkeitszüge, IC/EC-Verkehre, Interregio-Verkehre, Nahverkehre der Bahn und S-Bahn-Verkehre; Tram = Straßenbahn und U-Bahn; Bus = Busverkehre) die Ergebnisse in Form von Abfahrten und Haltestellen erstellt.
Der Datensatz enthält rund 280.000 Haltestellen des Öffentlichen Verkehrs (ÖV), über 220.000 davon in Deutschland. Dabei wurden an einem Werktag rund 20 Millionen Abfahrten, davon 15 Millionen in Deutschland, gezählt.
Eigene Erhebungen führt die Allianz pro Schiene für diese Rankings nicht durch. Sie bringt die Ergebnisse aber aufbereitet für ganz Deutschland, für Bundesländer, Landkreise und Städte in eine Reihenfolge und erstellt so Rankings. Dazu veröffentlichen wir Grafiken, die die Ergebnisse veranschaulichen.