Das Mobilitätsverhalten von Kindern und Jugendlichen

Der menschliche Mobilitätsbedarf variiert in unterschiedlichen Lebensphasen nach Wegzwecken. Bei Kindern und Jugendlichen sind das vor allem Schul- bzw. Ausbildungsverpflichtungen und Freizeitaktivitäten. Seit der Jahrtausendwende sind zwei Trends in der Mobilität von Kindern und Jugendlichen beobachtbar:

  • Der Anteil der eigenständigen Mobilität sinkt, die Hauptwegzwecke Schule bzw. Ausbildung und Freizeit werden vermehrt durch elterliche Fahrdienste im Auto bedient.
  • Die Anzahl der zurückgelegten Wege ist weniger geworden, die Wege dafür aber länger.

Das Auto ist bei Kindern und Jugendlichen aller Altersklassen das dominante Verkehrsmittel. Es gibt jedoch klare altersspezifische Unterschiede. Kindliche Mobilität ist vor allem durch die Abhängigkeit von den Eltern geprägt. Minderjährige Jugendliche sind im Vergleich zur Gesamtbevölkerung am multimodalsten unterwegs:

  • 0 bis 9-Jährige legen 53 Prozent aller Wege als Mitfahrer im Auto zurück und nur 7 Prozent im Öffentlichen Verkehr. In ländlichen Lebensräumen ist der Mitfahreranteil im Auto hierbei tendenziell noch höher.
  • Ab dem 11. Lebensjahr steigt dann die Nutzung des Öffentlichen Verkehrs auf bis zu 24 Prozent bei den 14 bis 17-Jährigen, während mit dem Auto 34 Prozent der Wege bedient werden.
  • Mit dem Erreichen der Volljährigkeit geht ein Rückfall in die Monomodalität einher und es werden wieder 53 Prozent der Wege mit dem Auto zurückgelegt

Mobilitätsverhalten von Kleinkindern – Der „Käfig Auto“

Kleinkinder gelten in der Verkehrswissenschaft gemeinhin als „captives“, also als Gefangene im Mobilitätsverhalten ihrer Eltern. Hier gilt es, Eltern für die generationsübergreifenden Vorteile der Nutzung des ÖV zu sensibilisieren. Nicht zuletzt bedeutet der morgendliche Fahrdienst zu Kindergarten oder Schule oft Stress – für Kind und Elternteil.

Der „Käfig Auto“ hemmt den natürlichen Entdeckungs- und Bewegungsdrang von Kindern. Auch das kindliche Bedürfniss nach elterlicher Aufmerksamkeit kann nicht befriedigt werden – die Aufsichtsperson ist mit Fahren beschäftigt.

Das „Elterntaxi“ ist zudem in den letzten Jahren zum Massenphänomen und somit zum Sicherheitsrisiko geworden. Die Verdichtung des schulnahen Verkehrs durch Hol- und Bringaktionen im Auto schafft eben jene Gefährdungslage, vor denen Eltern ihre Kinder durch den Fahrdienst schützen wollen.

Ein kinder- und jugendfreundlicher ÖV mit guter Anbindung an Bildungseinrichtung, auf Schulzeiten abgestimmte Fahrpläne und attraktiven Angeboten für Kinder, Jugendliche und Familien kann hier Abhilfe schaffen.

Mobilitätsverhalten von Jugendlichen – „Zweckmobilisten“

Mit Erreichen des Teenageralters werden entstehende Freiräume in der Mobilität verstärkt genutzt. 14 bis 17-Jährige können als „Zweckmobilisten“ charakterisiert werden. Die multimodale Verkehrsmittelnutzung ist die Regel – häufig mit digitaler Unterstützung. Die Einstellung gegenüber den verschiedenen Mobilitätsoptionen ist nüchtern, die Verkehrsmittelwahl erfolgt pragmatisch.

Große Erhebungen wie die Studie Mobilität in Deutschland oder die Reihe „Wie ticken Jugendliche?“ des Sinus-Instituts zeigen: Jugendliche wissen den Öffentlichen Verkehr zu schätzen, denn er ermöglicht:

  • Freunde wiederzutreffen und neue Kontakte zu knüpfen
  • Zeit für sich zu haben
  • Die Umgebung kennenzulernen

Außerdem schätzen minderjährige Teenager die Flexibilität, Zuverlässigkeit und Schnelligkeit der Öffentlichen Verkehrsmittel. Kritisiert werden auf der anderen Seite vor allem:

  • Unpünktlichkeit
  • mangelnde Sauberkeit
  • mangelnder Komfort (Klimaanlage, Heizung)
  • Unfreundlichkeit des Personals

Die Kritik von Jugendlichen bezüglich des Öffentlichen Verkehrs ist also ähnlich nüchtern wie ihre Verkehrsmittelwahl. Das bietet Chancen: „Wenn die Verkehrsunternehmen die Mängel abstellen und sich um noch mehr Servicequalität bemühen, wird gerade die Jugendgruppe der Jugendlichen mit Wohlwollen und Dankbarkeit reagieren“, schließt die Sinus-Jugendstudie.

Lernen durch Erfahren

Mobilitätsverhalten ist stark habitualisiert. In Kindes- und Jugendjahren erlernte Mobilitätsmuster verstetigen sich tendenziell im Erwachsenenalter. Und junge Menschen lernen vor allem durch Nachahmen. Wird ihnen durch Eltern und Gesamtgesellschaft eine autoorientierte Verkehrsbeteiligung vorgelebt, während die Verkehrsplanung passend dazu eine autoorientierte Verkehrsumwelt prägt, so werden sich junge Menschen mit dem Erreichen der Volljährigkeit auch eher autoorientiert verhalten.

Ein anderer Modal Split ist möglich

Der internationale Vergleich mit der Schweiz und den Niederlanden zeigt: ein anderer Modal Split ist möglich. Wer als Kind mehr Wege zu Fuß zurückgelegt hat, tut dies auch verstärkt als Erwachsener. Das Selbe gilt für die Nutzung des Fahrrads. Monomodale – autoorientierte – Mobilitätsmuster sind bei Kindern und Jugendlichen also noch nicht zwingend verfestigt.