Zwei Zugbegleiter und zwei Lokführer gewinnen den Titel „Eisenbahner mit Herz 2015“. Die Jury hatte auch in diesem Jahr die Qual der Wahl: Sie kürte die Sieger aus einer Galerie von rund 30 Titel-Kandidaten, die aus fast allen Teilen Deutschlands stammen.

Gold: Ernst Dast

Goldmedaille für Ernst Dast

Ein umgesattelter Lokführer

Ernst Dast (62) hat in seinem Leben schon einige Stürme überstanden. Mitten im Daimler-Stammland arbeitete der gelernte Automechaniker in einem Autosalon in Filderstadt und fühlte sich unwohl. Als er hörte, dass Bürgerinitiaven auf der Strecke Böblingen – Dettenhausen die stillgelegte Schönbuchbahn wiederbeleben wollten, sattelte der gebürtige Schwabe um und wurde Lokführer. Seine Entscheidung hat er nie bereut. Heute sind die Chefs der Schönbuchbahn auf ihren Ernst besonders stolz. Schließlich schrieb Stammkunde Josef Nickel bis zum denkwürdigen Sturmeinsatz regelmäßig gefürchtete Briefe mit zahllosen Verbesserungsvorschlägen. So ein Lob zählt natürlich doppelt und dreifach.

Die Würdigung der Jury

Gold für einen wahrgewordenen Traum

Störungen im Betriebsablauf“, diese Durchsage kennen Bahnfahrer so gut, dass sie den Text schon im Schlaf mitsingen können. Und während so ein Reisender dann ohnmächtig im Zug sitzt und wartet, dass es endlich weitergeht, wird nicht selten ein Wunschtraum wach: Was, wenn das Zugpersonal die Sache selbst in die Hand nähme und den Zug wieder flott machte? Der Lokführer Ernst Dast hat diesen Traum wahr werden lassen. Und er hat dabei auch noch umsichtig alle Sicherheitsvorschriften eingehalten, die im komplizierten System Eisenbahn natürlich immer zu beachten sind. Er hat der Betriebsleitung Bescheid gesagt, die Fahrgäste zur Ruhe ermahnt, hat seinen Blaumann angezogen und die verkanteten Äste vom Gleis geräumt. Mit solchen Lokführern will man im Sturm unterwegs sein. Kein Wunder, dass der Einsender begeistert war. Wir sind es auch.“

Das Interview

„Da bin ich eine schwarze Wand reingefahren“

Herr Dast, was zeichnet für Sie einen echten Schwaben aus?
Wir können nicht so gut aus uns heraus. Mit dem Ausgelassensein ist es so eine Sache. Aber mein Vorname ist nicht Programm: Ernst, das trifft zum Glück nicht immer zu.

Wie gut erinnern Sie sich noch an die Orkannacht im Oktober 2014?
Es war schon ein ordentlicher Wind an diesem Abend. Vor dem neuen Einkaufszentrum in Böblingen flogen die Plastikstühle durch die Luft. Kurz vor der Haltestelle Heusteigstraße fuhr ich dann in eine schwarze Wand rein. Es waren keine Schienen mehr zu sehen, denn bei einem Baum hatte es einen Teilabriss gegeben. Ich habe dann sofort eine Notbremsung eingeleitet.

Wollten die Fahrgäste nicht helfen?
Doch, einige wollten sofort mit raus. Aber wir standen an einem Bahngraben. Das war zu gefährlich. Ich habe zuerst der Zugleitung Bescheid gesagt, die haben die Feuerwehr gerufen. Leider hatte die an dem Abend viel zu tun. Also schärfte ich den Fahrgästen ein, sitzen zu bleiben, habe meinen Blaumann übergezogen und bin raus, um sehen, was da los war.

Und da lag ein ganzer Baum auf der Strecke.
Das hätte für ein Jahr Kaminholz gereicht. Das Problem war aber, dass das Holz sich unter den Rädern verkantet hatte. So einfach war das nicht wegzukriegen. Also habe ich den Zug zwei Mal vor- und wieder zurückgesetzt und immer neue Äste freigelegt, die ich dann rauszerren konnte.

Hatten Sie nicht zufällig eine Kettensäge in der Tasche?
Sie werden lachen: Als die Schönbuchbahn 1996 gerade wieder reaktiviert worden war, sind wir tatsächlich mit Kettensägen unterwegs gewesen. Ich war auch schon mit dabei, als die Bürger hier vor Ort die Gleise vom Gestrüpp befreit haben, damit das Bähnle wieder fahren kann. Das ist hier eine ländliche Gegend. Hier steht viel Wald an der Strecke.

Also trainieren Sie seit zwanzig Jahren für den heutigen Titel?
So kann man das sehen. Allerdings bin ich trotzdem ein wenig überrascht, dass ich mit so einem Einsatz gewonnen habe. Schließlich wollten nicht nur die Fahrgäste nach Hause. Ich wollte ja selber weiterfahren. Umso mehr freut mich so ein Lob.

Als Fahrgast fühlt man sich eben oft ohnmächtig. Schließlich sitzt ein anderer im Führerhaus.
Für mich sind die Fahrgäste vor allem wissensdurstig. Leider kann ich manchmal nicht selber die Ärmel hochkrempeln, aber dann sorge ich wenigstens für Information. Das ist oft schon sehr viel wert.

Was gefällt Ihnen am besten an Ihrem Job?
Hier auf der Schönbuchbahn sind wir mitten in der Natur: Da gibt es Wildschweinrotten an der Strecke, ich fahre in den schönsten Sonnenaufgang hinein oder sehe wunderbar glitzernde Winterlandschaften. Mit 20 hätte ich das gar nicht bemerkt. In meinem Alter schärft sich der Blick.

Die Nominierung

"Höchstes Lob für tollen Einsatz"

Überragender persönlicher Einsatz des Zugführers auf der Fahrt mit der Schönbuchbahn (WEG) von Böblingen nach Dettenhausen am stürmischen Abend 21.10.14. Zwischen den Haltestellen Böblingen Süd und Heusteigstraße stieß der Regioshuttle mit herabstürzenden Ästen zusammen. Es gab eine Notbremsung, bei der zwar niemand verletzt wurde, allerdings das Fahrzeug beschädigt wurde und zunächst nicht weiterfahren konnte. Sofort machte sich der Fahrer an die Aufräumarbeiten. Nach etwa 45 Minuten konnte die Bahn ihre Fahrt fortsetzen und alle Fahrgäste kamen wohlbehalten zu Hause an. Für diesen tollen Einsatz verdient der Fahrer höchstes Lob.“ 

Josef Nickel (Weil im Schönbuch)

Silber: Kornelia Scherer

Silbermedaille für Kornelia Scherer

Stewardess mit Entertainment-Qualitäten

Bevor Kornelia Scherer (55) vor 15 Jahren den Quereinstieg bei der Deutschen Bahn wagte, war sie Hausfrau, Mutter und jobbte gelegentlich als Gastronomin. Doch die Personaler der Bahn-Tochter Mitropa erkannten seinerzeit das Talent der Frau aus dem niedersächsischen Stade. „Eine gute Bistro-Stewardess ist eine Entertainerin: Wenn es stressig wird, rockt Kornelia das Zugrestaurant“, sagt ihr Gruppenleiter. Kornelia Scherer formuliert es nüchterner: „Nach fast 15 Jahren in der Zuggastronomie gibt’s bei mir keinen Stress mehr. Ich habe zwei Hände, und die wissen, was sie zu tun haben.

Die Würdigung der Jury

Silber für ein Muster an Fürsorglichkeit

Eine erstklassige Gastronomie während der Zugreise gehört in Zeiten, in denen Mobilität oft nur nach dem kleinsten Preis bewertet wird, zur gehobenen Reisekultur. Hier hat die Eisenbahn vor ihren Konkurrenten, Auto und Fernbus, ganz klare Systemvorteile. Erst recht, wenn Gastronomen wie Kornelia Scherer an Bord sind, und ein waches Auge auf die Fahrgäste haben. Ohne dass die Reisenden die Bistro-Stewardess erst um Hilfe bitten mussten, erkannte sie die Notlage. Silber für Kornelia Scherer, die beim Service am Platz erstklassig unterwegs ist. Für so ein Muster an Fürsorglichkeit gibt es zu Recht Lob aus dem Ausland.

Das Interview

"Jetzt werde ich Krankenschwester"

Frau Scherer, was tun Sie, wenn eine Horde betrunkener Fußballfans ins Bordbistro einfällt?
Da gibt es kein Patentrezept. Einmal hatte ich Dienst, da haben Fußballfans das ganze Bistro verwüstet. Sie waren sauer, weil eine Kollegin ihnen kein Bier mehr ausschenken wollte. Die haben Zucker und Milch ausgekippt, die Speisekarten zerrissen, alles herum geschmissen, was nicht festgeschraubt war. Da sagte ich: „Jungs, ihr kriegt euer Bier, aber erst wird hier aufgeräumt.“ Ich habe Müllsäcke verteilt und ruckzuck war das Bistro wieder sauber. Man muss mit den Leuten umzugehen wissen.

Wenn ein Fahrgast die Zeche prellt, laufen Sie dann hinterher?
So schnell bin ich nicht zu Fuß. Aber es kommt schon vor, dass ich die Leute erinnern muss. Sie stehen schon am Ausgang und ich sage dann: „Haben Sie nix vergessen?“ Das ist dann schon ein wenig peinlich für beide Seiten.
 
Und Kunden, die nur einen Sitzplatz wollen, und im Restaurant nichts bestellen?
Die zwinge ich nicht. Ich frage freundlich nach, ob sie nicht ein schönes Frühstück oder einen Kaffee wünschen. Aber wenn das nicht hilft, bin ich kulant.

Als Sie das Ehepaar Gill auf dem Zug hatten, waren Sie aber etwas mehr als kulant.
Ich habe die Leute schon am Bahnsteig bemerkt. Ich stand in der Raucherecke und habe sofort gesehen, dass der Mann schwer krank war. Vielleicht weil mein Mann vor 18 Monaten an einem Herzinfarkt gestorben ist. Seitdem habe ich dafür einen besonderen Blick.

Die Frau hatte sich außerdem den Fuß verstaucht. Was haben Sie da getan?
Wir haben ja keine Notarztausrüstung im Bistro, aber der Knöchel war geschwollen und brauchte Kühlung. Also habe ich unsere guten DB-Papierservietten ins Eisfach gelegt und daraus perfekt anschmiegsame Kühlakus gebastelt. Da ich in der 1. Klasse auch für den Service am Platz zuständig bin, konnte ich dann immer wieder vorbeischauen und das Ehepaar ein wenig umsorgen.

Machen Sie häufiger Kühlakkus?
Einmal war ein Mädchen im Zug, das hatte schlimme Bauchschmerzen. Für sie habe ich aus einer Plastikflasche eine Wärmflasche hergestellt. Das hat wunderbar funktioniert. Von den Kollegen kriege ich dann manchmal schon einen Spruch zu hören. So etwa: „Du hast aber viel Zeit.“ Für mich gehört das zum Service.

Als Ihr Gruppenleiter Ihnen gesagt hat, dass Sie als erste Mitarbeiterin der Bordgastronomie den Titel „Eisenbahnerin mit Herz“ gewonnen haben, war das eine Überraschung?
Ehrlich gesagt ja. Die Berufsbezeichnungen für den Bistro-Bereich sind ja nicht nur schmeichelhaft: „Saft-Schubse“ oder „Teller-Taxi“, das klingt nicht nach dem großen Preis. Umso mehr habe ich mich über den Brief von Familie Gill gefreut. Das ist doch mal eine Karriere: Ab jetzt werde ich Krankenschwester.

Die Nominierungen

"Gastgeberin mit persönlicher Note"

Die Nominierung von Kornelia Scherer erreichte die Jury indirekt: Das Ehepaar Gill aus Großbritannien war von seiner Reise mit der Deutschen Bahn so begeistert, dass es seine Lobeshymne direkt an Frau Scherers Vorgesetzen schickte:

„Ich möchte die Bistro-Stewardess Frau Scherer loben, die uns bei der Reise im IC von Binz nach Hamburg über das normale hinaus geholfen hat. Anfangs erklärte ich ihr, dass wir unsere Koffer nicht in die obere Gepäckablage heben könnten, weil mein Mann kürzlich einen Herzinfarkt erlitten hatte. Ich war am Vortag hingefallen und ins Krankenhaus gebracht worden. Mein Fuß war schlimm angeschwollen, als ich am Morgen entlassen wurde, damit wir die Reise nach Hause antreten konnten. Frau Scherer sagte mir, ich solle meinen Fuß sofort ruhig ablegen. Kurz darauf kam sie mit Kühlakkus, die sie aus gefrorenen Servietten hergestellt hatte. Während der Reise kam sie noch weitere Male an unseren Platz, um die Kühlung fortzusetzen. Ich bin sicher, dass ihr schnelles Handeln meinen Fuß davor bewahrte, weiter anzuschwellen. Während der ganzen Reise kam sie mehrfach zu uns, um sich zu überzeugen, dass wir alles hatten. Kaffee bekamen wir sofort mit einem Lächeln und einer kleinen Plauderei serviert. Sie spendierte uns sogar Kuchen und half in Hamburg beim Aussteigen. Wir waren ihr unglaublich dankbar, gerade weil wir uns beide nicht wohl fühlten. Wir glauben, dass Frau Scherer für ihre außerordentliche Kundenfreundlichkeit belobigt werden sollte. Sie machte diese Reise zu etwas Besonderem für uns.“ Susan Gill (England)
 
– und dieser schloss sich an:

„In meiner Funktion als Gruppenleiter gebe ich Lob in der Regel direkt an die Mitarbeiter weiter. Ein Kundenlob an sich kommt schon sehr selten und ist immer ein tolles Feedback. Diese Zuschrift kam aus dem Ausland, der Sprachbarriere zum Trotz und ist ein wunderbares Beispiel, dass Service sich nicht nur auf den Speisewagen an sich beschränkt, sondern von Herzen kommt, dass die Gastgeberrolle gelebt wird und das Umsorgen in schwierigen Fällen keinesfalls selbstverständlich ist. Für Frau Scherer war das offensichtlich ein Tag wie jeder andere auch und dennoch hat sie sich vollkommen unkompliziert und fürsorglich um das Ehepaar Gill an Bord gekümmert. Es zeigt, dass Mitarbeiterinnen wie Frau Scherer neben einem schon sehr komplexen und physisch sehr anstrengenden Beruf auch ihre ganz persönliche Note einbringen. Den Gästen aus England blieb diese Reise sehr positiv im Gedächtnis.“ Markus Huke (Gruppenleiter Gastronomie, Deutsche Bahn Fernverkehr Hannover)

Bronze: Axel Schäfer

Bronzemedaille für Axel Schäfer

Ohne Brille wär' das nicht passiert

Axel Schäfer (48) ist ein typischer Lokführer: Der Mann steht nicht gern im Rampenlicht. Und wenn man ihn im Scherz fragt, ob es vielleicht der Blick seiner strahlend blauen Augen war, der die Kundin in Ohnmacht fallen ließ, schaut er regelrecht unglücklich drein. Trotzdem freut ihn der Titelgewinn. Schließlich fährt er seit 25 Jahren für die Deutsche Bahn und kennt das Frankfurter S-Bahn-Netz wie seine Westentasche. Wie er es denn geschafft hat, die gerettete Brille so liebevoll zu verpacken, dass seine Einsenderin noch heute gerührt ist? „Da hat meine Frau geholfen.“ Immer ehrlich. Und bloß nicht zu viel Scheinwerferlicht.

Die Würdigung der Jury

Bronze für Menschlichkeit in der Alltagshektik

Gerade im S-Bahn-Bereich von Großstädten werden Kunden oft zur anonymen Masse. Bahnmitarbeiter, die täglich Tausende von Pendlern abfertigen müssen, verlieren schnell den Blick für den Einzelfall. Nicht so Axel Schäfer. Sein Einsatz zeigt eine ganz persönliche Note, die bei der Kundin auch so angekommen ist. Spätestens als sie das liebevoll verpackte Paket auswickelte, das die Überreste ihrer Brille enthielt. Solch herzliche Anteilnahme macht aus Kunden dankbare Fahrgäste. Bronze für den S-Bahner, der sich seine Menschlichkeit in der Alltagshektik bewahrt hat.

Das Interview

„Das war ein Schock“

Herr Schäfer, Sie haben gewonnen. Wie fühlt sich das an?
Zuerst war es ein Schock, das muss ich zugeben. Aber inzwischen habe ich mich an die Aufmerksamkeit, die Fotos und die Filmaufnahmen gewöhnt. Jetzt finde ich es schön, wie dankbar die Menschen schon für kleine Dinge sind.

Sind Sie auch so ein Lokführer, der am liebsten einen dicken Maschinenraum zwischen sich und den Fahrgast bringt?
Nein, als Triebfahrzeugführer bei der Frankfurter S-Bahn könnte ich mir das gar nicht leisten. Im Berufsverkehr oder wenn Messe ist, muss ich dauernd den Bahnsteig im Auge behalten. So war es auch, als Frau Pauly um Hilfe rief, weil sie gestürzt war. Da überlege ich nicht lange, da springe ich raus.

Aber dass Sie dann auf der Rückfahrt im Schotter wühlen müssen, kommt nicht alle Tage vor?
Ich hatte mir die Stelle gemerkt. Schließlich wusste ich, dass es sehr teure Brillengläser waren. Da habe ich dann passgenau gehalten und die Teile der Brille geborgen. Die Gläser waren noch heil.

Wie haben Sie den Lokführerstreik erlebt? Hatten die Fahrgäste Verständnis?
Als Beamter habe ich nicht gestreikt. Einige Fahrgäste haben das honoriert. Aber es gab auch sehr grenzwertige Reaktionen. „Ihr kriegt den Hals nicht voll. Wir wünschen euch, dass ihr ins Krankenhaus kommt und die Ärzte streiken.“ So was tut schon weh. Schließlich gibt es in Deutschland ein Streikrecht.

Wann muss man fahren, um Sie im Zug zu treffen?
Ich bin immer in der Frühschicht unterwegs. Zwischen zwei und vier Uhr morgens stehe ich auf.

Das ist aber arg zeitig fürs erste Frühstück.
Meine Morgen-Stulle esse ich tatsächlich erst im Führerhaus. Trotzdem gefällt mir dieser Takt. So habe ich abends noch Zeit für meine Frau und meine beiden Töchter. Meine Zwillinge sind jetzt 18 Jahre alt.

Aber die Zwillingsschwestern, die sich zu Lokführerinnen haben umschulen lassen, sind nicht zufällig Ihre Töchter?
Nein, aber die beiden Kolleginnen wohnten bei mir in der Nachbarschaft. Meine Töchter wollen bis jetzt noch nicht zur Bahn. Aber wer weiß? Ich komme aus einer Bahnerfamilie. Als ich klein war, sagten alle: Du gehst mal zur Bahn. Und so ist es gekommen.

Die Nominierung

"Alle waren ganz begeistert"

Am 20.5.2014 kam ich mit dem ICE von Köln in Frankfurt Süd an. Ich musste weiter mit der S 5 nach Friedrichsdorf-Seulberg. Aus mir unerklärlichen Gründen bin ich mit dem Kopf gegen die S-Bahn gefallen, wobei erst das linke Glas aus meiner Brille auf das Gleis flog und danach der Rest der Brille. Da ich nicht alleine aufstehen konnte, rief ich um Hilfe. Der nette S-Bahn-Fahrer, Herr Axel Schäfer aus Schwalbach, und eine junge Dame halfen mir auf. Herr Schäfer fragte mich nach meiner Adresse und meiner Telefon-Nummer, da er nach seiner Rückfahrt nach Süd meine Brille aus dem Gleisbett holen wollte. Ich saß hinter ihm in der ersten Klasse, und nach zwei Stationen kam er ins Abteil, um sich zu erkundigen, ob es mir gut ginge.

Nach ein paar Tagen erhielt ich die Teile meiner Brille liebevoll verpackt per Post. Als ich mich bei ihm bedankte, meinte er, das wäre doch selbstverständlich, er wäre so erzogen und seine Töchter würden auch so erzogen. Als ich meinen Bekannten von dieser Hilfsbereitschaft erzählte, waren alle ganz begeistert.“ Elke Pauly (Friedrichsdorf)

Sonderpreis: Herbert Kusche

Sonderpreis Kundenliebling

Der Eisenbahner mit den meisten Nominierungen

Zugbegleiter, Stellwerker, Fahrdienstleiter: in der DDR hat Herbert Kusche (58) alle Stationen der Eisenbahnerkarriere durchlaufen. Als nach dem Mauerfall seine Strecke abgebaut wurde, packte er die Koffer und zog nach Konstanz an den Bodensee. Gefremdelt hat Kusche keinen Augenblick: Die Kollegen auf der Schwarzwaldbahn nahmen ihn mit offenen Armen auf und die Fahrgäste lieben den Zugbegleiter mit dem trockenen Humor: Kein anderer Eisenbahner wurde von den Reisenden so oft nominiert wie der Star der Schwarzwaldbahn.

Die Würdigung der Jury

Tag für Tag herausragend

Viele Bahnkunden, die unseren Aufruf lesen, schreiben uns, dass sie die ganz große Geschichte nicht beisteuern können, aber etwas kennen, das in ihren Augen genauso viel wert ist: Die gleichbleibend herausragende Leistung eines bestimmten Mitarbeiters. Zum Jubiläum unseres Wettbewerbs haben wir dafür den richtigen Preisträger gefunden: Herbert Kusche von der Schwarzwaldbahn hat mehr Kundenbriefe bekommen, als jeder andere nominierte Zugbegleiter. Kein Jahr, in dem er nicht in der Galerie der Nominierten vertreten gewesen wäre. Wenn ein Mitarbeiter über so viele Jahre seine tägliche Arbeit mit so viel Können, Herzblut und Humor verrichtet wie Herbert Kusche, dann ist das ein Eisenbahner der Sonderklasse, der für alle Kollegen ein Vorbild sein sollte.

Das Interview

"Als Ossi fühle ich mich in Konstanz bestens aufgenommen"

Herr Kusche, wenn die Schwarzwaldbahn überfüllt ist, freuen sich die Reisenden schon auf Ihre Durchsage: „Heute haben wir es wieder schön kuschelig“: Ist der Satz Ihr Markenzeichen?
„Kuschelig“ sage ich tatsächlich gern. Aber das hat nichts mit meinem Namen zu tun. Eigentlich dürfte man für die Schwarzwaldbahn keine Werbung mehr machen, denn unsere Züge sind manchmal schon gut voll. Wenn der Gang dicht ist, sage ich zu den Fahrgästen: „Schön, dass Sie aufstehen, wenn ich komme. Soviel Respekt hat nicht mal meine Frau.“

Die Liste Ihrer Lobesbriefe ist lang: Sie trösten Fahrgäste, die aus Versehen die Notbremse gezogen haben, Sie sind so charmant, dass Damenclubs den Ausstieg versäumen. Sie haben alle Zugverbindungen im Kopf, Sie sind höchst witzig und sogar Skinheads ziehen vor Ihnen die Baseball-Kappe. Wie klingt das?
Das klingt toll und freut mich ungemein. Als Ossi im Wessiland fühle ich mich in Konstanz seit 24 Jahren bestens aufgenommen.

Sind Sie der Star der Schwarzwaldbahn?
Star, na ja. Ich habe mal Ahnenforschung betrieben. Meine Vorfahren waren Holzfäller. Aber im Ernst: Wir sind hier acht Kollegen auf der Schwarzwaldbahn, und wir haben alle ein ganz besonderes Verhältnis zu unseren Reisenden. Von uns könnte jeder auf dem Siegertreppchen stehen.

Ist die Strecke Konstanz – Offenburg eine Art Eisenbahnidyll?
Ich arbeite seit 24 Jahren an einem Ort, wo andere Urlaub machen, das ist schon großartig. Allerdings gibt es auch die Kehrseite. Einmal sagte ein Hooligan zu mir: „Alter Säckel, verpiss dich“. Am liebsten hätte ich den Zug angehalten.

Was haben Sie stattdessen getan?
Die Zähne zusammengebissen. Ängstliche Reisende, Frauen mit Kinderwagen, Schüler habe ich in die erste Klasse geschickt. Aber hilflos fühlt man sich dann schon.

Wie kamen Sie zur Eisenbahn?
Das war zu DDR-Zeiten nach meiner Armeezeit: meine Mutter war meine Ausbilderin. Das war hart. Sie fragte mich immer ab: „Wie lange gilt die Arbeiterrückfahrkarte?“

Und?
Hinfahrt vier Tage, Rückfahrt vier Wochen.

Das schrieben die Einsender

Fünf Jahre Lob für Herbert Kusche

2011 nominierte Dagmar Brand Herbert Kusche, weil er einen verzweifelten Fahrgast, der aus Versehen die Notbremse gezogen hatte, sehr sensibel tröstete.

2012 beschreibt Roswitha Uibel, wie Kusche auf der Fahrt so freundlich über die Sehenswürdigkeiten der Strecke informiert, dass der Damenclub weiter fährt als eigentlich geplant. Thilo Knöller beobachtet, wie mufflige Teenager die Füße vom Sitz nehmen, wenn Kusche erscheint. Monika Grom-Rocke gefällt, dass Kusche den gesamten Fahrplan im Kopf hat und Sandra Dogruer berichtet, noch keiner habe Kusche jemals schlecht gelaunt auf dem Zug erlebt.

2013 lobt Cornelius Berkmann den besonderen Charme, mit dem Kusche die Tickets einer Fahrradgruppe kontrolliert.Thomas Kalkkuhl erzählt, dass Herbert Kusche sogar Glatzen mit Springerstiefeln zur Räson bringt. Dieter Guthörlschildert im Wortlaut die berühmten Ansagen: „Heute ist es wieder kuschlig warm und eng auf unserer Fahrt.“

2014 freut sich auch Andreas Lange an der Ansage über die Kuschelzüge, während Katharina Schwanen resümiert: „Schön, dass es ihn gibt.“ Maria Wirtensohn betont, dass Kusche auch ein Meister der Früh- und Spätschicht ist.

2015 greift Daniel Rungenhagen zum Stift: Mit seinem Humor und seinen Scherzen bringt Herbert Kusche den ganzen Zug zum Lachen. Sein Engagement, sein Stolz auf die Schaffnermütze, sein ganzes Auftreten machen die Bahnfahrt zum Erlebnis. Der Einsender ist sicher: Dieser Mann soll den Titel Eisenbahner mit Herz gewinnen