Gold: Peter Gitzen

Eisenbahner mit Herz – Goldmedaille

Tränen lügen nicht

Speisewagen des ICE von Köln nach Berlin: Eine ältere Dame ist sichtlich aufgeregt, als sie einem jungen Zugbegleiter ihr Malheur schildert. In einem anderen Zug hat sie irrtümlich ihre neue Bahncard in den Mülleimer geworfen und kann nur noch die abgelaufene Karte vorzeigen.

Der Mann handelt streng nach Vorschrift und die Kundin muss den Differenzbetrag bezahlen. Als Zugchef Peter Gitzen später durch den Speisewagen geht, sieht er die Kundin den Tränen nahe. Er erfährt von dem Missgeschick. Sofort ruft er in dem besagten Zug an und verortet die kritische Mülltonne. Tatsächlich: Die Bahncard wird gefunden. Die ältere Dame ist „überglücklich“, schreibt Lothar Götz, der die Szene mit angesehen hat.

Ein paar Wochen später im IC nach Essen: Zwei 14-jährige Mädchen steigen in den falschen Zug. Statt nach Essen bei Oldenburg fahren sie nach Essen ins Ruhrgebiet, merken es aber unter ihren Kopfhörern erst Stunden später.

Mit Tränen in den Augen treffen Saskia und Annabell um Mitternacht im fahrenden Zug auf Peter Gitzen. Er nimmt Kontakt mit den Eltern auf. Eigentlich müsste er die beiden der Polizei übergeben, aber nach zahllosen Telefonaten findet sich eine bessere Lösung: Peter Gitzen stellt ein Zelt auf seine Gartenterrasse und organisiert den Kindern am nächsten Morgen eine behütete Rückreise.

Das Porträt

Der Herzensgute

Am 21. August 2001 verliert Zugchef Peter Gitzen im Intercity von Hamburg nach Köln sein Herz. Die junge Moskauerin Lena sitzt mit ihrem 6-jährigen Sohn André in seinem Zug. Schon als er die Fahrkarten kontrolliert und die Frau in fließendem Russisch mit kölschem Akzent begrüßt, ist es um die beiden geschehen: Ein paar Monate später sind sie verheiratet.

Es ist also seine Glücks-Strecke, auf der Peter Gitzen Jahre später Saskia und Annabell trifft. Die Mädchen fahren im falschen Zug, der sich im Nachhinein als doch nicht so verkehrt herausstellt: Immerhin lernen sie die ganze Familie Gitzen kennen, übernachten im Zelt und gratulieren der inzwischen geborenen Tochter Anactacia zum siebten Geburtstag. Danach greifen die Mädchen zur Feder und empfehlen der Jury mit großer Überzeugungskraft ihren Kandidaten.

Peter Gitzen ist als Mensch so herzensgut, dass sogar Kollegen lächeln, wenn sie ihn sehen. „Peter wird Eisenbahner mit Herz? Der hat es verdient.“ Auch sein langjähriger Gruppenleiter, Heinz Häckes, lächelt. „Der Peter übertreibt es manchmal mit dem Helfen. Aber man kann ihm ja nicht böse sein.“ Einer wie Peter darf sogar kleine Mädel mit nach Hause nehmen? Die Kollegen winken ab: „Beim Peter sind die in guten Händen.“ Wahrscheinlich weil Peter Gitzen einer ist, der auch eine 78-jährige Dame in Not mitgenommen hätte. Vielleicht hätte er die aber nicht im Zelt untergebracht.

Das Interview

„Ich bin immer im Dienst“

ICE-Zugchef Peter Gitzen über allzu korrektes Verhalten von Kollegen, die beruhigende Wirkung der kölschen Mundart und wie er im Intercity seine spätere Ehefrau kennen lernte

Herr Gitzen, was war die größte Herzgeschichte, die Sie je im Zug erlebt haben?
Das war am 21. August 2001. Da habe ich die Frau kontrolliert, die später meine Ehefrau geworden ist. Sie kam aus Moskau, saß im Intercity Hamburg – Köln und wollte nach Aachen, um eine Cousine zu besuchen. Am Kölner Hauptbahnhof wusste sie nicht weiter, „zum Glück“, sagen wir beide heute. Ich habe sie nach Aachen begleitet und ihr in der nächsten Woche ganz Deutschland gezeigt. Ich habe wirklich alle Register gezogen. Sie wollte sich revanchieren und hat mich nach Moskau eingeladen. Ein paar Monate später waren wir verheiratet.

Das ist mal ein glückliches Ende ganz ohne Tränen. Wie kommt es, dass Ihre Fahrgäste sonst so viel weinen?
Ich arbeite seit 38 Jahren für die Bahn. Über die Jahre kommt da schon einiges an Tränen zusammen. Ich erlebe etwa vier- bis sechsmal im Jahr echte Abenteuer mit meinen Fahrgästen.

Wie war das denn mit der Bahncard der alten Dame. Können Sie sich daran erinnern?
Natürlich. Ich war Zugchef auf dem ICE von Köln nach Berlin. Etwa auf der Höhe von Wolfsburg war ich mit der Fahrkartenkontrolle in der 2. Klasse fertig und ging noch einmal durchs Restaurant. Da sah ich die Dame an einem Tisch sitzen. Mir fiel sofort auf, dass mit ihr etwas nicht in Ordnung war, sie hob die Hand in meine Richtung und wirkte etwas weinerlich. Ich setzte mich zu ihr an den Tisch und fragte, was los sei. Da erzählte sie mir ihr ganzes Missgeschick. Die abgelaufene Bahncard hatte sie vor sich liegen, aber ihre neue hatte sie wohl irrtümlich in den Mülleimer von einem Regionalexpress geworfen. Mein junger Kollege hatte deshalb schon 30 Euro kassiert. „Wäre das möglich, von hier aus in einen anderen Zug zu telefonieren?“, fragte sie. „Na klar ist das möglich“, sagte ich. Aus ihren Fahrkartenunterlagen konnte ich raus lesen, in welchem Zug sie gesessen hatte. Das sagte ich dem Kollegen an Bord auch. Es dauerte nicht lange, da kam der Rückruf. Die Bahncard ist gefunden worden, der Triebfahrzeugführer versprach, sie an der DB Information in Braunschweig für Frau Winter zu hinterlegen.

Was haben Sie dann dem jungen Kollegen gesagt?
Ich ging zu ihm, bat, die Ersatzfahrkarte zu stornieren und brachte der Dame ihr Geld zurück. Natürlich hatte der Kollege korrekt gehandelt. Das habe ich vor der Kundin auch betont.

Sie selber handeln aber niemals bloß korrekt.
Manchmal ist das eben zu wenig. Man kann ja über alles reden. Zum Beispiel hätte ich es nicht verkehrt gefunden, wenn der junge Kollege vorher mal zu mir gekommen wäre. Als Zugchef muss ich am Ende sowieso den Kopf hinhalten, da hätte er mich auch gleich fragen können. Und es kann nie schaden, einer Sache noch mal nachzugehen. Das kostet einen Anruf, und dann ist spätestens klar, dass die Frau tatsächlich eine Bahncard hat.

Es gibt also schon Fälle, in denen Sie mit Ihren Kollegen nicht einverstanden sind?
Vor kurzem war ich in Zivil unterwegs. Ein Fahrgast hatte seinen Rucksack mit allen Papieren, Flugtickets nach Dubai und Ausweisen auf dem Bahnsteig in Düsseldorf vergessen. Der Zug fuhr gerade los und der Reisende erzählte dem Zugchef von seiner Notlage. Wissen Sie, was der sagte? „Ist doch nicht mein Problem.“ So was kann ich überhaupt nicht verstehen.

Was haben Sie dann gemacht? Sie trugen ja keine Uniform.
Uniform nicht, aber mein Diensthandy habe ich immer dabei. Ich habe mich also eingeloggt und am Bahnhof Bescheid gesagt, dass der Rucksack sofort hinter uns hergeschickt werden soll. Das hat dann auch alles wie am Schnürchen geklappt und der Reisende hat seinen Flug noch gekriegt.

Sind die Kollegen böse, wenn Sie einfach so eingreifen?
Glaube ich nicht. Die mich kennen, wissen schon, dass ich nicht anders kann. Ich muss einfach helfen. Ich bin immer im Dienst.

Kürzlich waren Sie im Dienst auch einmal wieder gefordert. Da hatten Sie es mit zwei jungen Mädchen zu tun, die am späten Abend im falschen Zug saßen. Was haben Sie da gemacht?
Das war wirklich ein Abenteuer. Ich fuhr im IC von Hamburg nach Köln, da standen kurz hinter Münster auf einmal zwei 14-Jährige vor meinem Dienstabteil. Sie waren ganz außer sich und fragten: „Fährt der Zug nach Essen?“ Ich sagte: „Natürlich fährt der Zug nach Essen.“ Ich setzte noch einen drauf: „Der Zug fährt sogar noch ein Stückchen weiter: nach Köln.“ Da schauten sie mich groß an. „Aber nach Essen bei Oldenburg?“ „Nee“, sage ich, „Kinder, nach Essen bei Oldenburg? Da kommen wir heute nicht mehr hin.“ Sie waren sofort in Tränen aufgelöst. Ich setzte sie deshalb erst mal ins Dienstabteil, tröstete sie, nahm das Telefon und rief die Eltern an.

Die haben sich bestimmt ziemlich erschreckt.
Das schon, aber nachdem ich mich vorgestellt hatte, die Situation geschildert habe, sind sie sehr schnell wieder runtergekommen. Das lag bestimmt an meiner Stimme.

Oder an Ihrem kölschen Dialekt.
Bestimmt! Jedenfalls wollten die Mädchen, Saskia und Annabell, nicht der Polizei übergeben werden. Das hätte ich nach der Vorschrift an der nächsten Station in Dortmund nämlich machen müssen. Eine andere Möglichkeit? Ich würde sie mit zu mir nach Hause nehmen, im Garten ein Zelt für sie aufbauen und am nächsten Tag eine geordnete Rückreise für sie organisieren. Das schien uns nach mehreren Telefonaten mit allen Eltern am Ende das Beste, und so haben wir das dann auch gemacht.

Saskia und Annabell haben die Reise mit Ihnen so spannend gefunden, dass sie einen perfekt formulierten Aufsatz an die „Eisenbahner mit Herz“-Jury geschrieben haben. Die Mutter hat uns verraten, dass sie nicht mal beim Abfassen helfen durfte. Raten Sie mal, wie lange die Jury danach gebraucht hat, um Sie für den Titel auszuwählen?

Lange?

Zwei Minuten.

Das freut mich so sehr, dass ich Gänsehaut kriege.

Die Einsendung der Kunden

Tränen am Volkstrauertag

Es geschah am Volkstrauertag – eigentlich einem Tag der Erinnerung an traurige Ereignisse. Dass dieser Tag für eine ältere Dame auf der Fahrt mit dem ICE beinahe auch sehr traurig geworden wäre, hatte ich nicht erwartet.

Ich saß auf der Fahrt im Speisewagen. Eine sichtlich aufgeregte ältere Dame stieg zu und nahm in einiger Entfernung Platz. Alles verlief normal bis ein jüngerer Schaffner zu Frau Winter kam und die Tickets kontrollierte. Ich bekam aufgrund der sich dann entwickelnden längeren Diskussion mit, dass sie bereits vor der Kontrolle in einem anderen Zug gesessen hatte und dort auch kontrolliert worden war. Nun aber war ihre gültige Bahncard (BC) verschwunden- konkret: sie hatte ihre abgelaufene BC dabei, die soeben erhaltene neue BC, die sie zur Kontrolle in anderem Zug vorgezeigt hatte, jedoch -in der Annahme, es sei die abgelaufene- in den Mülleimer im Abteil geworfen. Der Schaffner zeigte an dieser Situation wenig Interesse und kassierte die Dame für die neue Zugstrecke hinsichtlich der Preisdifferenz erneut zum vollen Tarif ab.
Wenig später kam der Zugchef Peter Gitzen im Speisewagen vorbei und sah die nach Tränen ringende Dame dort sitzen. Sofort fragte er sie, was denn los sei. Sie erzählte ihm die Geschichte. Peter Gitzen – übrigens eine typische Kölner Frohnatur – zögerte keinen Moment, rief im anderen Zug an und ließ nach der BC, die im Mülleimer direkt hinter dem Steuerungsabteil liegen sollte, suchen. Er blieb gegenüber der Dame sitzen und wartete geduldig auf einen Rückruf. Es dauerte nur 5 Minuten: die Karte war gefunden worden (und auch gültig). Herr Gitzen ließ die Karte am Servicepoint, den die Dame auf der Rückfahrt ansteuern würde, deponieren und es war gut. Zehn Minuten später tauchte er mit den vorher vom Kollegen abkassierten Zuschlag wieder auf und gab ihr das Bargeld zurück. Außerdem regelte er noch alles, damit sie auf der Rückfahrt keinen Ärger bekommen würde. Frau Winter strahlte überglücklich.

Es geht also doch mit dem „Menschen“ im Zugbetreuer. Anschließend bat ich Herrn Gitzen zu mir und bat ihn um Erlaubnis, ihn vorschlagen zu dürfen. Er stimmte zu und erzählte beiläufig, er habe bereits einen ganzen Leitzordner mit Dankschreiben zu Vorgängen dieser Art. Auf meine Frage, ob er jemals eine dienstliche Belobigung oder irgendetwas dieser Art erfahren habe: klares Nein!!
Ich hoffe, dieser Bericht wird das ändern.

Lothar Götz

In die falsche Richtung

Meine Freundin Annabell Ortmann (14) und ich (Saskia Kollmer, 14) wollten eine Freundin in Rheine besuchen. Wir hatten uns für die Ferien ein Schülerferienticket für Niedersachsen geholt und konnten damit nach Rheine fahren. Als wir wieder von Rheine nach Hause wollten und wir in Osnabrück umsteigen mussten, dachten wir uns, da es noch nicht so spät war gehen wir noch in die Stadt.

Nach zwei Stunden wollten wir dann in den nächsten Zug nach Essen (Oldenburg) einsteigen. Also beeilten wir uns, um den Zug zu bekommen. Uns kam es schon komisch vor, dass der Zug eine halbe Stunde Verspätung hatte und meine Mutter rief mich schon an, wo wir bleiben. Als der Zug dann endlich gekommen war und wir einstiegen, mussten wir getrennt sitzen, da der Zug sehr voll war und nirgends zwei Plätze frei waren. Als der Zug losgefahren war, hörten wir beide Musik mit unserem Headset und hörten somit anfangs nicht, was in den Durchsagen kam. Irgendwann kam uns das alles komisch vor, und Annabell machte die Musik aus, um die nächste Durchsage zu hören. Plötzlich drehte sie sich zu mir und sagte mir, dass wir gerade durch Münster gefahren sind. Uns wurde klar dass wir nicht im Zug nach Essen (Oldenburg), sondern im Zug nach Essen (Ruhe) (Zugnummer 2311) waren. Wir überlegten, was wir jetzt machen können und hatten Angst, da wir ja jetzt schwarz fahren. Nach einer Zeit gingen wir dann los, um jemanden zu suchen, der uns helfen konnte. Wir kamen an dem Schaffner (Peter Gitzen) vorbei und erklärten ihm, was passiert ist. Er sah nach, wann der nächste Zug nach Osnabrück fährt und sagte, wir würden heute nicht mehr nach Hause kommen, da es mittlerweile schon sehr spät war. Wir waren total überfordert und wussten nicht, was wir nun machen sollten und weinten. Peter Gitzen beruhigte uns und machte uns einen Vorschlag: Entweder wir würden nun in Dortmund aussteigen und müssten uns dort dann sechs Stunden aufhalten oder wir könnten zur Polizei gehen oder wir würden mit ihm nach Hause fahren, und er würde seinen Sohn anrufen, damit er das Zelt aufbauen kann. Wir wollten mit ihm fahren, und er rief unsere Eltern an, um ihnen zu erklären, was passiert war. Diese waren sehr besorgt, aber stimmten dann zu.

Peter gab uns etwas zu trinken und zu essen und, wir setzten uns dann in einem Raum neben ihn, weil er noch nach Köln fahren musste. Dort stiegen wir dann mit ihm um in den Zug nach Aachen und von dort nach Eschweiler zu ihm nach Hause. Dort angekommen erzählte er uns, dass seine Tochter am nächsten Tag Geburtstag hätte. Sein Sohn hatte das Zelt schon für uns aufgestellt und Peter gab uns Zahnbürsten, damit wir uns noch die Zähne putzen konnten. Dann gingen wir schlafen.

Am nächsten Tag weckte Peter Annabell und mich. Wir stiegen zusammen mit Peter in den Zug nach Köln, wo er uns ein Brötchen und Tee spendierte. Danach brachte Peter uns zum Zug Richtung Osnabrück und erklärte seinen Kollegen, was los war und wir durften First Class fahren. Dort bekamen wir auch noch einen Snickers und etwas zu trinken. Als wir in Osnabrück angekommen sind, wartete dort ein Mann auf uns, der uns in der Zeit, wo wir auf den Zug nach Essen (Oldenburg) gewartet haben, betreut hat. Wir bekamen dort auch noch einen Tee und ein Brot. Der Mann brachte uns dann zu dem Gleis und wir fuhren endlich wieder nach Hause, wo uns unsere Eltern schon erwarteten.

Wir sind sehr froh, dass wir Peter Gitzen getroffen haben, denn ohne seine Hilfe wären wir nicht nach Hause gekommen. Er war um uns sehr bemüht und hat uns mit Essen und Trinken gut versorgt, ohne dass wir einen Cent bezahlen mussten. Außerdem hat er für uns extra eine Betreuungsperson organisiert. Auch wenn seine kleine Tochter am nächsten Tag Geburtstag hatte, hat er sich bereiterklärt, uns mit zu sich nach Hause zu nehmen und sich um uns gesorgt. Er ist ein sehr netter, hilfsbereiter, herzlicher Mensch.
Wir würden uns freuen, wenn er Eisenbahner mit Herz wird!

Saskia Kollmer, Annabell Ortmann

Die Würdigung der Jury

Niemals Schema F

Wer den Passagier als Gast ansieht, dessen Gastfreundschaft endet nicht am Zugabteil.

Uns hat die Herzlichkeit und das private Engagement von Peter Gitzen fasziniert, der gestrandeten Reisenden in der Zeit bis zum Morgenzug aus der Patsche hilft. Ein solcher Zugbegleiter verfährt auch bei Ticket-Problemen nicht nach Schema F. Soviel Gastfreundschaft nach Dienstschluss und Freude an der Recherche sind selten.