Mobilitätsbildung

jung und umweltfreundlich mobil

Wie können Kinder und Jugendliche ihre Mobilität selbst gestalten? Welche Konsequenzen hat die Wahl eines Verkehrsträgers für Umwelt und Gesundheit? Durch Mobilitätsbildung lernen Kinder und Jugendliche, selbstbestimmt Mobilitätsentscheidungen zu treffen und deren Folgen für sich und die Umwelt zu reflektieren.

Von Verkehrserziehung zu Mobilitätsbildung

Laut Empfehlung der Kultusministerkonferenz orientiert sich die Mobilitäts- und Verkehrserziehung „am Leitbild der nachhaltigen Entwicklung, die ökologische Belastbarkeit der Erde nicht zu überfordern, den Klimaschutz zu verstärken und negative Auswirkungen des Verkehrs auf das Leben der Menschen zu reduzieren“.

Diese Empfehlung ist richtig und sinnvoll, aber für die Umsetzung zu abstrakt. Zu oft wird Verkehrserziehung in Bildungseinrichtungen auf das Thema Sicherheit im Straßenverkehr verknappt. Wir sind der Meinung: Das greift zu kurz.

Eine umfassende Mobilitätsbildung

  • integriert die inter- bzw. multimodalen Verkehrsträger des öffentlichen Verkehrs
  • klärt über die sozialen und ökologischen Konsequenzen der Verkehrsträgerwahl auf
  • befähigt Kinder und Jugendliche zu einer gestalterischen Rolle innerhalb ihres Mobilitätsraumes
  • richtet sich auch an die sekundären Zielgruppen der Eltern und Lehrer

Mobilitäts- und Verkehrserziehung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Dazu sollten/müssen Bildungseinrichtungen mit außerschulischen Partnern kooperieren. Daher haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, gemeinsam die Attraktivität des ÖV für Kinder und Jugendliche zu steigern und ihn stärker in die Mobilitätsbildung integrieren.

Die Idee

Verkehrsunternehmen, Aufgabenträger und zivilgesellschaftliche Akteure leisten schon heute viel, um Mobilitätsbildung nicht am Schultor enden zu lassen. Mit dem Projekt jung und umweltfreundlich mobil möchten wir daher bereits umgesetzte Projekte in den Fokus rücken, um Anreize für weitere, akteursübergreifende, Maßnahmen zu schaffen und den ÖV für Kinder und Jugendliche attraktiver zu gestalten.

In unserem Schaufenster finden Sie spannende Projekte rund um das Thema Mobilitätsbildung für Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Altersklassen:

 

Angebote für Kinder im Vor- und Grundschulalter

Aktionswoche „Zu Fuß zur Schule und zum Kindergarten“

Der ökologische Verkehrsclub Deutschland e.V. (VCD) und das Deutsche Kinderhilfswerk e.V. richten jährlich die Aktionswoche „Zu Fuß zur Schule und zum Kindergarten“ aus. 2019 beteiligten sich in 2.800 Klassen und Kindergartengruppen mehr als 70.000 Kinder an den Aktionstagen.
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Seit 2007 sind Schulklassen und Kindergartengruppen – meist in der letzten Septemberwoche –  dazu aufgerufen, eine oder mehrere Mitmachaktionen durchzuführen, die verdeutlichen, dass zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Roller in die Schule zu kommen Spaß macht. Auch Lehrkräfte und Eltern sind aufgefordert mitzumachen und das Auto stehen zu lassen.

Schätzungen zu Folge wurden noch 1990 nur 10 Prozent der Grundschüler in die Schule gefahren. 2017 waren es laut der Studie "Mobilität in Deutschland“ ganze 43 Prozent, während 32 Prozent zu Fuß gingen, 13 Prozent das Fahrrad nutzten und 10 Prozent den Bus. 60 Prozent der Kinder, die gefahren werden, haben einen Schulweg von weniger als 800 Meter. Neben Faktoren wie veränderten Erwerbsbiografien, Zeitdruck im morgendlichen Haushalt, der Möglichkeit zur freien Schulwahl und der gestiegenen Kfz-Verfügbarkeit, sind es insbesondere die Sorgen der Eltern um die verkehrliche und soziale Sicherheit ihrer Kinder, die zunehmende Chauffeurdienste durch „Elterntaxis“ begünstigen.

Elterliche Fahrdienste als Sicherheitsrisiko

Durch den morgendliche bzw. nachmittäglich Hol- und Bringverkehr entstehen jedoch ganz eigene Gefährdungslagen: Die starke Verdichtung des Fahrzeugverkehrs im Nahbereich der Schulen schafft Unübersichtlichkeit und überfordert die vorhandene Infrastruktur. Eltern halten aus Mangel an Parkgelegenheiten in zweiter Reihe und entladen ihre Kinder falschseitig in den fließenden Verkehr. Bei Wendemanövern wird über Geh- und Radwege rangiert. Busspuren werden blockiert. Kinder, die sich zwischen immer größeren Autos ihren Weg zur Schule bahnen werden übersehen. Die Passivierung der kindlichen Bedürfnisse nach Eigenbewegung und Eigenverantwortung im „Käfig“ Auto sorgt nicht selten für Stress und Streit – und so für unaufmerksame Fahrer. Gleichzeitig fehlen den gefahrenen Kindern wesentliche entwicklungspsychologische Praxiserfahrungen im alltäglich Verkehrsbetrieb. So entsteht eine selbsterfüllende Prophezeiung. Die elterlichen Bemühungen um Sicherheit erhöhen genau die Gefahren zu deren Milderung sie angedacht waren. 

Mit ihrer Aktionswoche „Zu Fuß zur Schule und zum Kindergarten“ wollen VCD und das Deutsche Kinderhilfswerk hier ein Umdenken erreichen, von dem alle profitieren. Weniger Verkehrslärm, Stau und Abgase. Eine höhere Verkehrssicherheit durch ein geringeres Verkehrsaufkommen. Gesündere, ausgeglichener und selbständigere Kinder. Konkrete Projektideen können Lehrkräfte auf der Homepage der Aktionswoche finden. So haben in der Vergangenheit Grundschulen Laufpatenschaften eingeführt, Spendenaktionen für jeden gelaufenen Kilometer organisiert oder einen Parcours aufgebaut, an dessen Stationen Kinder spielerisch an die Themen Verkehrssicherheit, Bewegung und Nachhaltigkeit herangeführt worden. Auch die Partizipation von Eltern ist erwünscht. Hier gilt es Aufklärung über die Konsequenzen des Unmündighaltens und der Verweigerung verkehrstechnischer Lernprozesse zu leisten.

Zu Fuss gegen Corona

Auch für dieses Jahr haben sich wieder zahlreiche Schulen für die Aktionswoche angemeldet. Für die breite Umsetzung ihrer Projektideen haben sie bereits Rückenwind von hoher Stelle bekommen: In ihrem Rahmenbeschluss für Schulöffnungen nach der Corona-Krise empfiehlt die Kultusministerkonferenz ausdrücklich „nach Möglichkeit verstärkt zu Fuß zu gehen oder mit dem Fahrrad zu fahren.“

Die Fakten im Überblick:

Angebot: Deutschlandweite Mitmachaktionen und kreative Projekte an Kindergärten und Schulen, Bereitstellung von Lehrmaterialien

Organisation: Verkehrsclub Deutschland e.V. (VCD)/Deutsches Kinderhilfswerk e.V.

Zeitraum: seit 2007

Ziel: Befähigung zur eigenständigen Mobilität, Erhöhung der Verkehrssicherheit

Zielgruppe: Kindergarten- und Grundschulklassen, Lehrer, Eltern

Geltungsbereich: Bundesweit

Webseite: www.zu-fuss-zur-schule.de

 

Dieser Steckbrief ist Teil des Projektes „Jung und umweltfreundlich mobil“. Gefördert durch:

 

 

 

Angebote altersübergreifend

Schülerzüge im Unstruttal

Die Interessengemeinschaft (IG) Unstrutbahn e. V. hat sich zum Ziel gesetzt Kindern und Jugendlichen den Verkehrsträger Bahn auch in einer ländlichen Region durch positive Ersterfahrungen als sicheres und verlässliches Transportmittel näherzubringen.
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Der öffentliche Verkehr bietet jüngeren Fahrgästen die Möglichkeit Mobilität unabhängig von den Eltern zu erleben. Er verschafft Kindern und Jugendlichen wesentliche Erfolgserlebnisse in der Verselbständigung und erlaubt Freiheiten in der Alltagsgestaltung. Bus und Bahn sind hierbei mehr als bloße Transportmittel: Ihre Fahrgastkabinen sind wichtige soziale Aktionsräume für den Austausch mit Gleichaltrigen, ermöglichen es Zeit mit alten Freunden zu verbringen oder neue Kontakte zu knüpfen. Dies gilt in besonderem Maße für ländliche Regionen. Hier haben ein ausgedünntes Schulnetz und Stilllegungen von Schienenpersonennahverkehrstrecken lange Schulwege zur Regel gemacht.

Bundesweit am stärksten betroffen von Streckenstilllegungen ist Sachsen-Anhalt. Hier wurden Strecken auf einer Länge von 660 Kilometern eingestellt. Im benachbarten Thüringen liegen inzwischen etwa 470 Kilometer Gleise brach. Die seit 1994 in Ostdeutschland deaktivierte Schieneninfrastruktur entspricht in ihrer Länge in etwa dem gesamten Bahnnetz der Niederlande.

Mit ehrenamtlichen Engagement für den Erhalt der Eisenbahn

2005 droht so auch die Einstellung des gesamten Schienenpersonennahverkehrs auf der Unstrutbahn zwischen dem sachsen-anhaltinischen Naumburg und Artern im Freistaat Thüringen. In der Zivilgesellschaft weckt das Widerstand. Engagierte Bahnenthusiasten treffen sich noch im selben Jahr im Gasthaus "Zur Finne" im thüringischen Gehofen und gründen einen gemeinnützigen Eisenbahnverein zur Förderung der Heimatpflege und Heimatkunde durch den Erhalt der Unstrutbahn zwischen Naumburg und Artern. Die Interessengemeinschaft (IG) Unstrutbahn e. V. ist geboren. Künftig wird sie für den Streckenabschnitt zwischen Wangen und Artern Sonderzüge von Eisenbahnverkehrsunternehmen bestellen, bis zu 60 Stück pro Jahr.

Von Beginn an berücksichtig die Interessengemeinschaft die Belange von Kindern und Jugendlichen. Der Erhalt der Unstrutbahn als ökologisches Beförderungsmittel für Schüler und Auszubildende sowie die Durchführung von Studienfahrten sind als Satzungszwecke festgeschrieben. Im Jahr 2011 gründet sich die Projektgruppe „Schülerzüge“ um den Gymnasialschülern der Klosterschule Roßleben ein Angebot mit der Bahn zur großen An- und Abreise vor und nach den Ferien zu bieten. Zwischen 2012 und 2014 werden so 32 Züge für die Klosterschule Roßleben bestellt.

Zwar verschlechtern sich durch den Jahresfahrplan 2015 die Fernverkehrsanschlüsse zur Unstrutbahn in Naumburg, der An- und Abreiseverkehr wird eingestellt. Inzwischen machen aber auch die anderen regionalen Schulen in Roßleben und Umgebung sowie das Mehrgenerationenhaus in Roßleben Gebrauch von Angeboten der Interessengemeinschaft. So organisiert der Verein in den kommenden Jahren in Kooperation mit regionalen Partnern Wandertage und Exkursionen in der Ferienzeit, kümmert sich um die Zugbestellung und das Rahmenprogramm.

"Gerade im ländlichen Raum sind jüngere Schüler noch nie mit der Bahn gefahren", meint Ferdinand Fischer, Vorstand der IG Unstrutbahn e.V. und Leiter des Projekts "Schülerzüge". Durch ein starkes Netzwerk aus Schulen, Kommunen, Touristikern, Verkehrsunternehmen und Vereinen könne aber für eine nachhaltige positive Wahrnehmung der Eisenbahn als Verkehrsträger gesorgt werden. Im Unstruttal ist dies gelungen. Für eine Übertragbarkeit des Projektes in andere Regionen bedarf es jedoch einer "langfristige Sensibilisierung der Schulen und Lehrer für etwaige Angebote", so Fischer.

Die Fakten im Überblick:

Angebot: Schulverkehre mit Sonderzügen, Klassenfahrten mit Rahmenprogramm

Organisation: Interessengemeinschaft (IG) Unstrutbahn e. V.

Zeitraum: seit 2012

Ziel: Erhalt der Unstrutbahn als ökologisches Beförderungsmittel für Schüler und Auszubildende, Ermöglichung von positiven Ersterfahrungen im Verkehrsträger

Zielgruppe: Schulklassen allen Alters, Lehrer

Gebiet: Unstruttal

Webseite: www.unstrutbahn.de

 

Dieser Steckbrief ist Teil des Projektes „Jung und umweltfreundlich mobil“. Gefördert durch: