02. Februar 2017

„Häufig sind wir schneller als unser Fahrplan“ - Locomore-Chef Ladewig im Interview

Derek Ladewig, der Gründer von Locomore

Derek Ladewig, Gründer der Crowdfunding-Eisenbahn Locomore sammelt in diesen Tagen nicht nur viele Streckenkilometer, in ein-zwei Jahren wird er auch viele Anekdoten erzählen können. Seit Dezember fährt sein orangefarbener Zug mit den außergewöhnlichen Abteilen zwischen Stuttgart und Berlin. Im Interview mit der Allianz pro Schiene verrät der Manager, wie man dabei mit 40 Minuten Verspätung trotzdem pünktlich ankommt.

 Allianz pro Schiene: Herr Ladewig, schon nach vier Wochen müssen Sie Ihren Betrieb von sieben auf fünf Tage in der Woche herunterschrauben. Haben Sie den technischen Aufwand mit den 70er-Jahre-Wagen unterschätzt?

Derek Ladewig: Die Wartung der neuen Toilettensysteme war noch nicht optimal und auch mit der richtigen Wagenreihung klappt es manchmal noch nicht. Das führt dann dazu, dass zum Beispiel das WLAN in einigen Wagen nicht verfügbar ist. Aber mit Kinderkrankheiten habe ich gerechnet. Dass sich Technik und Prozesse erst im betrieblichen Ablauf bewähren müssen, ist vollkommen normal. Allerdings waren wir gezwungen, im Dezember ohne Reserve zu starten. Ein Teil unserer Wagenflotte ist noch im Umbau und wird erst Ende Februar geliefert, drei Monate später als geplant. Deshalb haben wir unseren Fahrplan bis dahin etwas reduziert.

Wie kommen die Kunden mit den Kinderkrankheiten klar? In den ersten vier Wochen fuhren ja schon 25.000 Menschen mit Locomore.

Wir bekommen viele sehr positive Rückmeldungen. Insbesondere unsere Zugabteile werden häufig gelobt. Viele Menschen reisen offenbar lieber in kleineren Abteilen, anstatt im Großraumwagen. Ein Fahrgast schrieb uns: „Im Kaffeklatsch-Abteil habe ich total nette Leute kennengelernt.“ Man redet wieder miteinander. Wir freuen uns, dass sich hier eine eigene Locomore-Reisekultur entwickelt. Unser Kaffee hat übrigens Bio-Qualität und wird fair gehandelt. Ein Becher kostet 1,80 Euro. Auch Fahrgäste, die wegen eines vollen Zuges zuerst unfreiwillig in einem Themenabteil gelandet sind, schreiben uns, dass sie den Austausch sehr genossen haben. Außerdem werden die zusätzlichen Kinderwagen- und Fahrradstellplätze sehr gut angenommen.

Trotz Verspätung pünktlich

Der Wettbewerberanteil im Schienenpersonenfernverkehr liegt bei unter einem Prozent. Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn?

Nicht ganz störungsfrei. Die Infomedien sehen an jedem Bahnhof etwas anders aus. Berlin hat die Wagenreihung am Wagenstandsanzeiger falsch herum gedruckt. In den gelben Abfahrtsplänen sind wir mal in Schwarz, im Nahverkehr aber auch mal richtig in Rot als Fernverkehr ausgewiesen. An einigen Bahnhöfen sind wir gar nicht in die Abfahrtspläne aufgenommen worden. Das ist sicherlich keine strukturelle, vorsätzliche Diskriminierung, aber im Ergebnis mehr als ärgerlich. In Bereichen, wo es wenig Wettbewerb gibt, tut sich die Deutsche Bahn eben schwer. Auch bei der Zuweisung der Trassen zwischen Stuttgart und Frankfurt sind wir nicht zufrieden. Hier haben wir deutlich langsamere Fahrpläne als die ICs der DB AG, obwohl unsere Züge mit 200km/h gleich schnell fahren können. Der Puffer beträgt bis zu 40 Minuten, deshalb kamen wir bei unserer Premierenfahrt trotz 40 Minuten Verspätung in Frankfurt einige Minuten vor Plan an. Unsere Pünktlichkeit lag in den letzten vier Wochen bei etwas mehr als 90 Prozent. Häufig kommt der Locomore-Zug sogar fünf bis sieben Minuten eher im Zielbahnhof an. Das wird auch in ein-zwei Jahren noch für viele amüsante Anekdoten sorgen.

Wo wir allerdings gegen verschlossene Türen rennen, das ist der Fahrkartenverkauf. Die DB AG weigert sich strikt, unsere Tickets in den Bahnhöfen anzubieten. Auch online lassen sich Fahrkarten nur auf locomore.com kaufen. Das ist vor allem aus Kundensicht schade. Hier steht sich die Eisenbahn mal wieder selbst im Weg. Aber da werden wir noch kartellrechtlich nachfassen, wenn die DB nicht einlenkt.

Locomore: Die Alternative zum Fernbus

Allianz pro Schiene: Mit der DB und dem Fernbus haben Sie zwei harte Konkurrenten am Markt. Letzter hat sogar klare Wettbewerbsvorteile. Wie können Sie dauerhaft bestehen?

Derek Ladewig: Unser Ziel ist es, dem Kunden mehr Vielfalt anzubieten. Der Fernbus hat gezeigt, dass eine preiswerte Mobilität den ÖV für viele Menschen wieder attraktiv macht. Die haben vorher im Auto oder bei Mitfahrzentralen gesessen. Wir sagen: Mit Locomore geht es schneller und komfortabler, bei einem ähnlichen Preisniveau. Ich bin da sehr zuversichtlich. Mit den Relationen Berlin – Köln und Berlin – Binz (Rügen) zum Beispiel werden wir unser Angebot Zug um Zugvergrößern.

Vereinzelt wird im Netz von einer „dubiosen Preispolitik“ bei Locomore gesprochen. Was ist an diesen Gerüchten dran?

Hinter der angeblich „dubiosen Preispolitik“ steckte ein Fehler in unserer IT. Die Berliner Bahnhöfe wurden nicht als einzelne Tarifpunkte, sondern als unterschiedliche Städte gesteuert, in denen je nach Buchungsnachfrage die Preise unterschiedlich gestiegen sind. Eigentlich ist der Preis an allen Berliner Bahnhöfen derselbe. Durch den Fehler war er in den ersten Buchungswochen für einige Kunden etwas billiger. Das ist mittlerweile aber korrigiert.

Herr Ladewig, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Christopher Harms

Eine Fotostrecke zur Premieren-Fahrt des Locomore-Zugs findet sich bei bahnblogstelle.net