12. März 2015

„Freibrief für noch mehr Lastwagen auf den Straßen“

Zwischenbericht der BASt zum Riesen-Lkw-Test

Die Autolobby preist den Riesen-Lkw als Heilsbringer gegen den Klimawandel. Wissenschaftler befürchten negative Umwelteffekte, weil Güter von der Schiene auf die Straße verlagert werden.
Berlin, den 12. März 2015. Vor der Präsentation des Riesen-Lkw-Zwischenberichts der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) am heutigen Donnerstag in Bergisch Gladbach bezweifeln namhafte Wissenschaftler auf Anfrage der Allianz pro Schiene die ökologische Unbedenklichkeit von Gigalinern. Die Befürworter werben damit, dass durch die Zulassung von Riesen-Lkw der Lastwagen-Verkehr auf den Straßen weniger werde. „Unter den besonderen Bedingungen des Feldversuchs mag diese Rechnung aufgehen. Bei einer Regelzulassung von Lang-Lkw mit einem Gewicht von bis zu 44 Tonnen rechnen wir mit einer starken Rückverlagerung von der Schiene auf die Straße“, sagte Hans-Paul Kienzler, der 2006 und 2007 für das Bundesverkehrsministerium und 2011 mit dem Fraunhofer ISI Verlagerungsstudien erstellt hat. „Dies hat zwei Gründe: Zum einen ist der Lang-Lkw deutlich kostengünstiger als ein herkömmlicher Lkw, zum anderen werden die Verlader auf das gesamte Transportgewerbe einen Preisdruck ausüben, was zur Folge hat, dass das gesamte Preisniveau des Straßentransports gegenüber dem Schienengüterverkehr abgesenkt wird. Dies wird zu Verlagerungseffekten führen. Hiernach setzt dann eine Abwärtsspirale ein: Die Angebote im Einzelwagenverkehr werden reduziert werden müssen. Diese Angebotsreduktion wird wegen des hohen Fixkostenanteils zu Preissteigerungen der Bahn führen, was wiederum zu weiteren Verlagerungen führt. Wir haben ermittelt, dass durch den Einsatz von Lang-Lkw bis zu 35 Prozent der Verkehrsleistung des Einzelwagenverkehrs von der Schiene zurück auf die Straße verlagert werden würde“, sagte Kienzler. 
 
Auch der Verkehrswissenschaftler Claus Doll vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung, bemängelte das Versuchsdesign der BASt. „Der Riesen-Lkw-Test der Bundesregierung lässt eine begrenzte Anzahl von überlangen Lastwagen über bestimmte Strecken fahren. Aussagen über Umweltwirkungen im gesamten Verkehrssektor wie CO2-Emissionen lassen sich unter solchen Laborbedingungen kaum machen“, sagte Doll. „Da es in der Praxis unter bestimmten Bedingungen zu Verlagerungen von der Schiene kommen wird, können Riesen-Lkw zu mehr statt zu weniger Kohlendioxid-Ausstoß führen. Versuchsanordnungen, die dem Gigaliner eine gute Umweltbilanz bescheinigen sollen, ohne die langfristigen Wirkungen auf dem gesamten Netz zu berücksichtigen, sind daher mit äußerster Vorsicht zu betrachten."

Dass die Einführung von überlangen und schrittweise immer schwereren Lastwagen dem Schienengüterverkehr großen Schaden zufügt, hat Schweden zwischen 1990 und 2000 schmerzlich erfahren müssen. Nach einer Studie der Königlich Technischen Hochschule (KTH) in Stockholm sank der Marktanteil der schwedischen Güterbahnen im Laufe von nur 10 Jahren auf einen historischen Tiefstand, nachdem das Land Riesen-Lkw zugelassen hatte. „Die Verlagerungsszenarien von Fraunhofer sind realistisch“, sagte der Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, Dirk Flege. „Der Schienengüterverkehr in Schweden leidet bis heute unter den Folgen der Riesen-Lkw-Zulassung. Der Gigaliner ist ein Freibrief für mehr Lastwagen auf den deutschen Straßen.“

Video: Gigaliner - Schreckensvision für Deutschland

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Fragen und Antworten zum Gigaliner

1. Was ist eigentlich ein Riesen-Lkw?
Sie heißen Gigaliner, EuroCombi, Ökoliner oder Lang-Lkw, doch hinter den harmlosen Namen verstecken sich noch längere und schwerere Lastwagen. Deutschland erlaubt 25 Meter lange und bis zu 44 Tonnen schwere Lastwagen in einem sogenannten Feldversuch. Doch überall dort in Europa, wo Riesen-Lkw eingesetzt werden, wiegen sie bereits 60 Tonnen – etwa in den Niederlanden oder Dänemark. Schweden hat gerade angekündigt, das Lkw-Gewicht von 60 auf 74 Tonnen zu erhöhen – Versuche mit 30 Meter langen und 90 Tonnen schweren Lkw laufen.

Übergroße Lastwagen: Gigaliner

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2. Wo fahren Gigaliner in Europa?
In Finnland und Schweden fahren Riesen-Lkw schon lange. Doch die weiträumigen, relativ dünn besiedelten skandinavischen Regionen mit wenig Straßenverkehr sind nicht zu vergleichen mit dem Rest Europas. Dort ist das Straßennetz dicht gebaut und stark befahren - für Gigaliner nicht geeignet. Auch Dänemark und die Niederlande testen 25 Meter Lkw mit 60 Tonnen.

3. Wo fahren Gigaliner in Deutschland?
Deutschland hat im Dezember 2011 eine Ausnahmeverordnung erlassen, um Riesen-Lkw zu testen. Die Verordnung, die vom Bundesverkehrsministerium ohne Beteiligung der Bundesländer erlassen wurde, sieht vor, dass Gigaliner neben Autobahnen und Bundesstraßen auch auf einer Vielzahl von Landes-, Kreis- und Gemeindestraßen fahren dürfen. In folgenden Bundesländern fahren zur Zeit Riesen-Lkw: Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen, Hessen, Thüringen, Sachsen und Bayern. Seit dem Regierungswechsel in Schleswig-Holstein ist das Land skeptisch gegenüber dem Versuch. Die Testfahrten sind auf fünf Jahre – bis Ende 2016 – angesetzt. Zwei Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht gegen das einseitige Vorgehen des Bundes blieben erfolglos.

4. Was erhoffen sich die Befürworter?
Die Befürworter übergroßer Lkw werben gerne mit Umweltargumenten, in Wirklichkeit versprechen sie sich aber eine Kostenersparnis im Lkw-Transport von bis zu 30 Prozent. Zu den Befürwortern von übergroßen Lkw gehört der Verband der Automobilindustrie (VDA), der Bundesverband des Groß- und Außenhandels (BGA) und weitere Verbände des Straßentransportgewerbes.

5. Was befürchten die Gegner?
Die Gegner von übergroßen Lkw befürchten, dass durch die Verbilligung des Lkw-Verkehrs durch Gigaliner ein Anreiz für mehr Straßengüterverkehr geschaffen wird. Durch den Kostenvorteil der Gigaliner könnten Güter von umweltfreundlichen Verkehrsträgern zurück auf die Straße verlagert werden. Das Ergebnis wären mehr Lkw-Fahrten und eine größere Umweltbelastung. Zu den Gegnern von übergroßen Lkw zählen die in der Allianz pro Schiene zusammengeschlossenen Automobilclubs, Umweltverbände und Eisenbahnen sowie der Deutsche Städtetag und die Deutsche Polizeigewerkschaft. Auf EU-Ebene haben sich die Gegner zum Bündnis No Mega Trucks zusammengeschlossen.

6. Wie entscheidet die EU in Sachen Riesen-Lkw?
EU-Parlament und EU-Verkehrsminister haben den Vorschlag der EU-Kommission zurückgewiesen, grenzüberschreitende Fahrten von Riesen-Lkw zwischen Nachbarstaaten zu erlauben. Während in einigen Mitgliedsstaaten Versuche mit Riesen-Lkw laufen, zeigt die EU dem Gigaliner nun das Stoppschild und schlägt mit Sicherheitsverbesserungen und aerodynamischen Optimierungen bei den Fahrzeugmaßen einen grundsätzlich anderen Weg ein.