02. Januar 2017

Fragen und Antworten zum Lang-Lkw

Lang-Lkw auf Kreuzung: In Schweden ein Alltagsbild. Mit der Brechstange will Verkehrsminister Dobrindt nun den Regel-Einsatz der 25-Meter-Fahrzeuge auch für Deutschland durchdrücken. Der Gigaliner-Test fällt ernüchternd aus.

Sie heißen Gigaliner, EuroCombi, Ökoliner oder Lang-Lkw, doch hinter den harmlosen Namen verstecken sich noch längere und schwerere Lastwagen. Nach dem fünfjährigen Testversuch hat Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) die 25,25 Meter langen und bis zu 44 Tonnen schweren Lang-Lkw zum 1. Januar 2017 mit einer umstrittenen Ministerverordnung für den Regelbetrieb zugelassen. Die wichtigsten Punkte zum Lang-Lkw:

Was ist ein Lang-Lkw?

Herkömmliche Lkw haben eine Länge von bis zu 18,75 Metern. Das Bundesverkehrsministerium unterscheidet in fünf Lang-Lkw-Typen:

  • Typ 1: Sattelzugmaschine mit Sattelanhänger (Sattelkraftfahrzeug) bis zu einer Gesamtlänge von 17,80 Metern
  • Typ 2: Sattelkraftfahrzeug mit Zentralachsanhänger bis zu einer Gesamtlänge von 25,25 Metern
  • Typ 3: Lastkraftwagen mit Untersetzachse und Sattelanhänger bis zu einer Gesamtlänge von 25,25 Metern
  • Typ 4: Sattelkraftfahrzeug mit einem weiteren Sattelanhänger bis zu einer Gesamtlänge von 25,25 Metern
  • Typ 5: Lastkraftwagen mit einem Anhänger bis zu einer Gesamtlänge von 24,00 Metern

Wie beim herkömmlichen Lkw darf der Lang-Lkw bis zu 40 Tonnen laden, im Kombinierten Verkehr sind es 44 Tonnen. Doch überall dort in Europa, wo Riesen-Lkw eingesetzt werden, wiegen sie bereits 60 Tonnen – etwa in den Niederlanden oder Dänemark. Schweden hat das Lkw-Gewicht auf 64 Tonnen erhöht – Versuche mit 30 Meter langen und 90 Tonnen schweren Lkw laufen.

Wie verlief das Zulassungsverfahren?

Von 2012 bis Ende 2016 wurde der Einsatz von Lang-Lkw im sogenannten „Feldversuch“ durch das Verkehrsministerium erlaubt, die rechtliche Grundlage bildete eine Ausnahme-Verordnung. Insgesamt nahmen 60 Unternehmen mit 161 Lang-Lkw an dem Test teil.

Die Auswertung übernahm die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), im Dezember wurde der Abschlussbericht veröffentlicht. Pro Forma wie es scheint, denn die Zulassung für den Regelbetrieb hatte Verkehrsminister Dobrindt schon vorher angekündigt. Die Allianz pro Schiene beurteilt die Testergebnisse als wenig aussagekräftig: Die Ergebnisse sind zweifelhaft und viele Fragen bleiben offen.

Eine unbefristete Zulassung haben die Lang-Lkw-Typen 3, 4 und 5 erhalten. Das Sattelkraftfahrzeug (Typ 1) und das Sattelkraftfahrzeug mit Zentralachsanhänger (Typ 2) sind befristet zugelassen für sieben bzw. ein Jahr.

Im Video: Gigaliner – Albtraum für Autofahrer

Was erhoffen sich die Befürworter des Lang-Lkw?

Die Befürworter werben gerne mit Umweltargumenten, in Wirklichkeit versprechen sie sich aber eine Kostenersparnis im Lkw-Transport von bis zu 30 Prozent. Zu den Befürwortern von übergroßen Lkw gehört der Verband der Automobilindustrie (VDA), der Bundesverband des Groß- und Außenhandels (BGA) und weitere Verbände des Straßentransportgewerbes.

Laut Bundesverkehrsministerium könnten zwei Lang-Lkw-Fahrten drei Fahrten mit herkömmlichen Lkw ersetzen. Das spare Kraftstoff und sei damit klimaschonender. Das Bundesumweltministerium sieht das jedoch anders. „Die Auswirkungen des Lang-LKW, seine Umweltbelastungen wie auch die Auswirkungen auf den Schienenverkehr sind noch nicht ausreichend untersucht“, sagte der Staatssekretär im Umweltministerium, Jochen Flasbarth.

Was befürchten die Gegner?

Die Gegner befürchten, dass durch die Verbilligung des Lkw-Verkehrs durch Lang-Lkw ein Anreiz für mehr Straßengüterverkehr geschaffen wird. Durch den Kostenvorteil der Gigaliner könnten Güter von umweltfreundlichen Verkehrsträgern zurück auf die Straße verlagert werden. Das Ergebnis wären mehr Lkw-Fahrten und eine größere Umweltbelastung. Zu den Gegnern von übergroßen Lkw zählen die in der Allianz pro Schiene zusammengeschlossenen Automobilclubs, Umweltverbände und Eisenbahnen sowie der Deutsche Städtetag und die Deutsche Polizeigewerkschaft. Auf EU-Ebene haben sich die Gegner zum Bündnis No Mega Trucks zusammengeschlossen.

Warum ist die Allianz pro Schiene gegen längere Lkw?

  • Lang-Lkw sind umweltschädlich, weil durch die Verbilligung des Lkw-Verkehrs Güter von der Schiene auf die Straße abwandern, so wie es in Schweden bereits geschehen ist. Das Ergebnis sind daher mehr und nicht weniger Lkw auf Deutschlands Straßen: Pro Tag bis zu 7000 Lkw-Fahrten zusätzlich werden prognostiziert. Der umweltfreundliche Schienengüterverkehr wird geschädigt, was der Test mit wenigen Fahrzeugen natürlich nicht abbilden kann.
  • Lang-Lkw-Lkw sind teuer für die Steuerzahler, weil größere Lastwagen die bereits marode Infrastruktur überproportional schädigen. Für die Ertüchtigung von Tunneln und Parkbuchten wird der Steuerzahler zusätzlich zur Kasse gebeten, während das Bundesverkehrsministerium die Lkw-Maut gerade gesenkt hat.
  • Lang-Lkw-Lkw sind gefährlich für die Autofahrer. Schon jetzt ist an jedem fünften tödlichen Unfall ein Lkw beteiligt, weshalb die Mehrheit der Deutschen laut Forsa diese Lastwagen ablehnt. Der Test kann das Sicherheitsrisiko nicht entkräften, weil nur wenige Fahrzeuge am Versuch teilgenommen haben.

Aus diesen Gründen prüfen wir nun rechtliche Schritte gegen die umstrittene Regelzulassung des Lang-Lkw. Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat ermittelt: Fast drei Viertel der Bürger sind gegen die Zulassung der überlangen Lkw.

Wo fahren die Lang-Lkw?

Die Lang-Lkw dürfen auf Autobahnen, Bundesstraßen und auf einer Vielzahl von Landes- , Kreis- und Gemeindestraßen fahren, dem sogenannten Positivnetz. Das Streckennetz wurde vom Bundesverkehrsministerium festgelegt, eine Erweiterung ist wahrscheinlich. Zurzeit sind Fahrten auf Strecken mit einer Länge von fast 11.600 Kilometern erlaubt.

 

 

Gibt es Gigaliner in Europa?

In Finnland und Schweden fahren die überlangen Lkw schon lange. Doch die weiträumigen, relativ dünn besiedelten skandinavischen Regionen mit wenig Straßenverkehr sind nicht zu vergleichen mit Deutschland. Hier ist das Straßennetz dicht gebaut und stark befahren – für Lang-Lkw nicht geeignet. Auch Dänemark und die Niederlande testen 25 Meter Lkw mit 60 Tonnen.

Weitere Informationen finden Sie auf: http://www.nomegatrucks.eu