Schutzengel der Schiene

Gewaltige Schneemassen legen Ende Januar den Zugverkehr in Baden-Württemberg lahm. Verspätungen, Ausfälle, Stillstand – und mittendrin Zugbegleiter Ronald-Phillip Tolkiehn im Regionalzug zwischen Stuttgart und Geislingen. Als nichts mehr geht, ist Tolkiehn die Ruhe selbst: Er beruhigt Häftlinge, telefoniert mit Bewährungshelfern – und springt nach Feierabend noch als nächtlicher Fahrdienst für Reisende ein, nachdem Taxis vor den Schneemassen längst kapituliert haben. Ein echter Eisenbahner mit Herz, der gleich zwei Preise auf einmal gewinnt.

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Herr Tolkiehn, als sie am 25. Januar 2026 ihren Dienst angetreten sind – war da schon klar, dass Ihnen das Wetter den Tag durcheinander wirbeln würde?

Nein, eigentlich nicht. Ich wusste zwar, dass es im Laufe des Tages mal schneien soll. Aber mit solchen Schneemassen hat wirklich keiner gerechnet. Und als der Zug gerade von Stuttgart in Richtung Geislingen abfahren wollte, hieß es schon, wir fahren mit einer halben Stunde Verspätung ab.

Da hat das Chaos also schonmal vorsichtig bei Ihnen angeklopft. Wobei eine halbe Stunde Verspätung auch fast noch gewöhnlich klingt…

Ja, das stimmt. Wir kamen dann allerdings erst mal nur zwei Stationen weit, bis nach Esslingen. Und dort haben wir dreieinhalb Stunden gestanden. Dabei dauert die ganze Fahrt von Stuttgart nach Geislingen eigentlich nur eine Stunde.

Au weia. Da ist dann schnell klar, dass der eigene Feierabend in weite Ferne rückt. Und die Fahrgäste wurden sicher auch unruhig, oder?

Es war wirklich eine sehr aufreibende Fahrt, auch weil der Zug rappelvoll war. Viele Fahrgäste waren an dem Tag schon irgendwo gestrandet, weil viele Strecken gesperrt waren. Einige wollten eigentlich in Plochingen umsteigen, andere noch weiter bis Ulm. Ich habe dann versucht so gut es ging zu vermitteln und für einige Fahrgäste eine Weiterfahrt nach Ulm organisiert.

Zwei Fahrgäste waren ja besonders nervös an dem Tag, weil für sie viel auf dem Spiel stand. Was war da genau los?

Das waren zwei junge Häftlinge, die über das Wochenende auf Freigang waren. Und die hätten eigentlich zu einer festen Zeit wieder in der Haftanstalt zurück sein müssen. Die beiden waren richtig nervös, weil sie Angst hatten, dass sich ihre Haftstrafe verlängert, wenn sie nicht pünktlich zurückkommen.

Verständlich. Wie konnten Sie den beiden jungen Männern helfen?

Ich hab mich spontan entschlossen, mit dem Bewährungshelfer und mit der Haftanstalt zu telefonieren, um die Situation zu erklären. Niemand konnte ja ahnen, dass der Zug so viel Verspätung haben würde, und dafür konnten die beiden ja auch nichts. Ich habe dann mehrmals erklärt, dass sie in jedem Fall zurückkommen würden, aber niemand sagen kann, um welche genaue Uhrzeit.

Das ist wirklich ein besonderer Service. Die beiden Häftlinge waren Ihnen sicher total dankbar?

Ja, sehr. Sie haben mich sogar umarmt, weil sie so erleichtert waren. Denn der Bewährungshelfer hatte mir am Telefon versichert, dass sie keine höhere Strafe bekommen, weil sie sich darum bemüht haben, dass jemand ihre Verspätung bestätigt.

Super, damit war ein Problem gelöst. Wie ging die Fahrt dann weiter?

Ich habe während des langen Stillstands in Esslingen ein älteres Ehepaar kennengelernt, die an dem Tag schon ewig unterwegs waren, weil sie in Sylt gestartet sind und wegen Baustellen und Schienenersatzverkehr bis Stuttgart schon 5-mal umsteigen mussten. Sie wollten eigentlich bis nach Geislingen kommen, um dann von dort aus mit dem Bus nach Hause zu fahren. Aber wegen der ganzen Verspätung und dem Wetter war klar, dass daraus nichts wird.

Aber wenn nichts mehr fährt – wie konnten Sie dann helfen? Sie konnten den Schnee ja auch nicht wegzaubern.

Nein, wegzaubern nicht. Aber als wir dann weit nach Mitternacht an unserer Endstation Geislingen angekommen sind, musste ich ja auch irgendwie nach Hause kommen. Und mein Auto stand eingeschneit am Bahnhof. Die beiden Fahrgäste hatten schon alle erdenklichen Taxiunternehmen abtelefoniert, aber keine Chance. Also habe ich angeboten, sie mit meinem Auto nach Hause zu fahren.

Nach Feierabend, nach so einem anstrengenden Tag und bei so einem Wetter? Das ist echt heldenhaft. Lag das Zuhause der beiden denn einigermaßen auf dem Weg für Sie?

Nein, im Gegenteil. Die beiden wohnen in die entgegengesetzte Richtung. Aber eigentlich waren es nur 30 Kilometer. Normalerweise ist das ein Weg, den man in 10 Minuten mit dem Auto schafft. Doch natürlich war es schwer, durch den ganzen Schnee durchzukommen, und die beiden wohnen in einem Tal – da musste ich natürlich vorsichtig bergab fahren. Nach einer Dreiviertelstunde, das war dann gegen 3 Uhr morgens, habe ich sie heil zuhause abgesetzt.

Um 3 Uhr morgens? Sie sind tapfer. Und dann mussten Sie den ganzen Weg auch noch zurückfahren und selbst nach Hause kommen…

Insgesamt war ich so ungefähr drei Stunden mit dem Auto unterwegs und dann selbst gegen 4 Uhr morgens zuhause. Aber auch wenn das vielleicht komisch klingt, das war für mich selbstverständlich zu helfen. Und das Ehepaar hat sich natürlich sehr gefreut.

 

Das glaube ich sofort. Kein Wunder, dass die beiden Sie bei uns als Eisenbahner mit Herz nominiert haben. Sie bekommen ja nicht nur den GOLD-Preis der Jury. Auch das Publikums-Voting haben Sie gewonnen. Was bedeutet Ihnen diese doppelte Auszeichnung?

Ich konnte es erst überhaupt nicht glauben, als ich von der Nominierung erfahren habe. Ich musste mich erst mal festhalten. Aber ich freu mich natürlich sehr! Der doppelte Preis zeigt auf jeden Fall, dass ich gut bei den Fahrgästen ankomme, und er unterstreicht die Hilfsbereitschaft und die Freundlichkeit von unserem Personal. Und daher hab ich den Eisenbahner mit Herz nicht nur für mich gewonnen, sondern auch für meine Kolleginnen und Kollegen und für Arverio.

Vielen lieben Dank dafür, dass Sie so einen tollen Job machen – machen Sie bitte genauso weiter. Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Auszeichnung!