Prüfung für Fortgeschrittene

Der 11. April 2025 ist ein ganz besonderer Arbeitstag für Sven Schimmel. Dem früheren Fernsehredakteur steht seine letzte und entscheidende Prüfung zum Lokführer bevor. Als wäre das nicht schon aufregend genug, wirbeln gleich mehrere Ereignisse in Dresden alles durcheinander. Doch Sven Schimmel denkt gar nicht daran, seine Prüfung abzubrechen. Zusammen mit seinen beiden Prüfern Manuel Drechsler und Steffen Richter bringt er Ordnung ins Chaos – und besteht am Ende allen Hürden zum Trotz.

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Herr Schimmel, Sie haben an ihrem Prüfungstag ja richtig was erlebt. Was war da los in Ihrem Zug?

Sven Schimmel: Erst mal fing der Tag ganz harmlos an. Zusammen mit meinen beiden Prüfern bin ich von Dresden nach Bischofswerda gefahren. Dort sollte ich einen anderen Zug wieder zurück nach Dresden fahren. Als dieser Zug einfuhr, wurde uns aber klar, dass es nicht so schnell weitergehen würde. Denn es war ein randalierender Fahrgast ohne Fahrschein an Bord, und der hatte auch den Kundenbetreuer bedroht. Die Polizei hatten unsere Kollegen schon alarmiert. Ich bin also direkt in den Führerstand gegangen und habe mich mit dem Fahrdienstleiter ausgetauscht, wie es jetzt weitergeht.

Einen randalierenden Fahrgast und einen Polizeieinsatz kann man an einem Prüfungstag ja wirklich nicht gebrauchen. Wie ging es dann weiter?

Sven Schimmel: Der Fahrgast ohne Fahrschein hat sich gewehrt, auch als dann die Polizei kam, um ihn aus dem Zug zu holen. Das war schon eine ziemliche Aktion, ihn nach draußen zu befördern. Im gleichen Abteil, praktisch direkt gegenüber von ihm, saß eine junge Frau, die währenddessen plötzlich einen Krampfanfall bekam. Sie rutschte von ihrem Sitz herunter und lag völlig verkrümmt auf dem Boden. Wir dachten, sie hätte einen epileptischen Anfall, und die Polizei hat gleich den Notarzt gerufen.

Au weia. Wie gut, dass Sie Ihre Prüfer dabei hatten und mit der Situation nicht allein umgehen mussten. Herr Richter, Herr Drechsler, wie haben Sie Ihren Prüfling unterstützt?

Manuel Drechsler: Das Gute ist, dass wir alle geschulte Ersthelfer sind, nicht nur für Notfälle, sondern auch für psychologische Erstbetreuung. Das hat uns natürlich geholfen, die Situation zu händeln.

Steffen Richter: Ich habe mich zu der Frau auf den Boden gesetzt und habe versucht, sie zu beruhigen und mit ihr zu sprechen. Der Krampfanfall hörte minutenlang nicht auf und wurde erst besser, als die Polizei mit dem Randalierer draußen war. Später wurde uns klar, dass die Frau auf die Einsatzkräfte so reagiert hat – eine posttraumatische Belastungsstörung wegen früherer Erlebnisse, wie wir dann von ihr erfahren haben. Und dann steckt sie auch noch im Abi-Prüfungsstress, da kam viel zusammen.

 

Das konnten Sie ja wirklich nicht ahnen. Das heißt aber, der Frau ging es wieder besser, als der Polizeieinsatz beendet war?

Steffen Richter: Ja, es schien ihr erst mal besser zu gehen. Als dann aber Rettungskräfte und die Notärztin eintrafen, verkrampfte sie wieder total. Wir haben dann auf eigenes Risiko entschieden, die Rettungskräfte wegzuschicken und die Frau selbst weiter zu betreuen. Das war keine leichte Entscheidung, aber wir haben gespürt, dass wir sie abschirmen müssen. Die Rettungskräfte sind natürlich erst mal in der Nähe geblieben, nur eben außer Sichtweite der Reisenden.

Manuel Drechsler: Steffen Richter war da wirklich so etwas wie der Fels in der Brandung für die Reisende. Und wir wollten auch unseren Prüfling im Führerstand nicht allein lassen. Also haben wir uns aufgeteilt: Steffen Richter blieb bei der Frau, und ich bin zu Sven Schimmel gegangen, um ihn bei der Kommunikation mit der Leitstelle und dem Fahrdienstleiter zu unterstützen. Ich hab natürlich mit ihm mitgefühlt. Und eigentlich war klar, dass man unter diesen Umständen keine Prüfung abnehmen kann, weil es schlichtweg eine Ausnahmesituation ist. Ich habe Sven Schimmel dann vorgeschlagen, dass wir die Prüfung abbrechen und für nichtig erklären, damit er sie an einem anderen, nicht ganz so turbulenten Tag nachholen kann.

Klingt nach einem vernünftigen Vorschlag. Herr Schimmel – war das für Sie eine Option, die Prüfung abzubrechen?

Sven Schimmel: Nein, ich wollte auf keinen Fall die Prüfung abbrechen. Das klingt vielleicht verrückt, aber ab einem gewissen Punkt war ich einfach nicht mehr nervös. Dass all das ausgerechnet während meiner Abschlussprüfung passiert, war für mich schon fast absurd. Im Praxistraining wird man zum Glück auf Ausnahmesituationen vorbereitet, und deshalb fühlte ich mich sicher. Also habe ich weitergemacht und die Prüfung durchgezogen.

Klingt nach guten Nerven. Wie ging es dann weiter?

Steffen Richter: Wir konnten es nicht verantworten, die Frau mitten im Berufsverkehr einfach in ein volles Abteil zu setzen und sich selbst zu überlassen. Also haben wir entschieden, sie mit in den Führerstand zu nehmen.

Oh, das ist ungewöhnlich. Erstens, weil ja eigentlich nicht erlaubt – und zweitens während einer Lokführer-Prüfung…

Manuel Drechsler: Ja, das stimmt, das ist sehr ungewöhnlich. Aber natürlich haben wir Sven Schimmel vorher gefragt, ob er sich das zutraut…

Sven Schimmel: …und für mich war das wirklich kein Problem.

Steffen Richter: Uns war es wichtig, eine vernünftige Entscheidung zu treffen. Und wir dachten in dem Moment: Der Zweck heiligt die Mittel. Normalerweise darf man ja keine Fahrgäste mit in den Führerstand nehmen. Aber der Zweck bzw. das Ziel war ja, die Frau gesund nach Hause zu bringen.

Herr Schimmel, Sie haben trotz aller Widrigkeiten am Ende Ihre Prüfung bestanden. Dazu natürlich herzlichen Glückwunsch! Haben Sie die Reisende denn dann nochmal gesprochen oder getroffen?

Sven Schimmel: Ja, tatsächlich zwei Tage nach dem Vorfall. Da ist sie ist wieder mitgefahren im Zug und kam in Dresden zu mir ans Fenster. Sie hat sich bedankt und wollte wissen, ob mit meiner Prüfung alles gut gegangen ist. Und dann hat sie sich sehr gefreut, dass ich bestanden habe. Sie hat ihre Abiprüfung übrigens auch bestanden.

Hach, Ende gut, alles gut. Wie schön. Nun werden Sie zusammen mit ihren beiden Prüfern als Eisenbahner mit Herz ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen das?

Sven Schimmel: Ich kenne die Aktion Eisenbahner mit Herz schon etwas länger. Jetzt selbst als Team so einen renommierten Branchenpreis zu erhalten, ist toll.

Steffen Richter: Ich hab mich vor allem darüber gefreut, dass die Reisende mit unserer Nominierung ihre Dankbarkeit zeigen wollte. Diese Dankbarkeit ist bei den Fahrgästen nicht alltäglich, das ist schon fast Preis genug.

Manuel Drechsler: Ich kann es noch immer nicht ganz fassen, dass wir drei jetzt Eisenbahner mit Herz sind. Das muss erst mal sacken. Aber dann werde ich mich total drüber freuen!

Danke an Sie alle drei. Bitte machen Sie genauso toll weiter.