Sieger 2011: Drei Engel für die Fahrgäste

Zwei Zugbegleiter und ein Lokführer holten sich den Titel „Eisenbahner mit Herz“ im Jahr 2011. Die Goldmedaille für einen herausragenden Dienst am Kunden erhielt der langjährige DB-Regio Zugbegleiter Jonni Käsehage (53) für seine beherzte Detektivarbeit. Die Silbermedaille ging an den Lokführer Nico Hilsberg aus München. Ebenfalls Silber gewann die Interconnex-Zugbegleiterin Claudia Möller (30) aus Rostock. 

Gold: Jonni Käsehage

Eisenbahner mit Herz - Goldmedaille

Detektivarbeit mit Happy End

Einen Tag vor Weihnachten bleibt im Regionalexpress Osnabrück-Bremerhaven ein Laptop im Zug liegen: Der Zugchef Jonni Käsehage findet das Gerät und recherchiert mit Hilfe eines beiliegenden Tickets die Besitzerin.

Die Kundin ist über den Verlust ihres Firmen-Laptops in Tränen aufgelöst. Doch dann kommt der erlösende Anruf: Es ist „das schönste Weihnachtsgeschenk“, sagt die junge Frau. Die alte Fahrkarte nimmt sie seitdem als Glücksbringer mit auf jede Reise.

Das Porträt

Einer aus’m Dorf

Schon bei seiner Geburt war Jonni Käsehage überpünktlich. Im siebten Monat stolperte seine Mutter im norddeutschen Bramstedt über einen Hühnerdraht und brachte kurz darauf einen gesunden Jungen zur Welt.

Auch 53 Jahre später ist der Mann mit dem friesischen Vornamen Jonni gern zur rechten Zeit am rechten Ort. Wenn sich die Fahrgäste im RE Osnabrück – Bremerhaven mal wieder über Verspätungen ärgern, dann ärgert sich der Zugbegleiter mit ihnen. Viele der Fahrgäste kennt er sowieso mit Namen. Sie fahren seit Jahren seine Strecke und sitzen immer auf demselben Platz. „Wir sind zusammen alt geworden“, sagt Käsehage, der seit April 1974 bei der Deutschen Bahn arbeitet und 1987 vom Stellwerksdienst in den Zugbegleitdienst wechselte.

Zunächst wollte er im Fernverkehr anheuern, doch dann sah er die Dienstpläne. „Jede Nacht woanders, das ist nichts für einen aus‘m Dorf.“ Für die kleinen und großen Missgeschicke auf Reisen hat Käsehange noch immer eine Lösung gefunden. „Ich kenne keine Probleme, ich bin verheiratet“, sagt er gern: Ob es ein allein reisendes Baby mit voller Windel ist oder eine Frau, deren Hose auf dem Weg zum Bewerbungsgespräch platzt, Käsehage packt an und schafft das Kümmernis aus der Welt.

So auch Heilig Abend, als er solange recherchierte, bis er die völlig verzweifelte Besitzerin eines im Zug liegengebliebenen Laptops ausfindig gemacht hatte. Für ihr „schönstes Weihnachtsgeschenk“ bedankte sich die junge Frau auf ihre Weise: „Jonni Käsehage ist mein Eisenbahner mit Herz.“ Genauso sah es dann auch die Jury der Allianz pro Schiene.

Das Interview

„Schornsteinfeger war mir zu dreckig“

Jonni Käsehage über Traumberufe, Dramen im Zug und Fahrgäste, die ihren Schaffner verteidigen.

Herr Käsehage, ganz Deutschland hat im Dezember über das Winterchaos bei der Bahn geklagt. Was ist derweil im Regionalexpress Osnabrück - Bremerhaven geschehen?

Es war ein Tag vor Heilig Abend. Ich hatte Spätdienst und bin mit dem Zug von Osnabrück nach Bremerhaven-Lehe gefahren. Da ist Endstation. Wie immer ging ich noch einmal durch den leeren Zug, um zu sehen, ob es grobe Verunreinigungen oder Beschädigungen gab. Plötzlich fand ich einen kleinen Koffer. Ich schaute rein und sah, dass er einen Laptop enthielt. Weil ich Dienstschluss hatte und den Koffer auf der Dienststelle nicht lassen konnte, nahm ich ihn mit nach Hause. Sicherheitshalber rief ich bei der 3-S-Zentrale in Bremen an und bat den Kollegen, meinen Fund ins Dienstbuch einzutragen. Unterschlagung von Fundsachen, der Eindruck soll schließlich auch nicht aufkommen. Ich sagte: „Ich nehme das Ding jetzt mit nach Hause und bringe es zum Service Point in Bremen, wenn ich am 2. Weihnachtstag wieder Dienst habe.“ Dieselbe Nachricht habe ich auch noch mal bei meiner Leitstelle hinterlassen, schließlich war das ein sehr wertvolles Gerät. Ich stellte den Koffer dann bei mir zu Hause in den Flur.

Aber da haben Sie ihn nicht einfach stehen lassen?
Nein, dazu war ich zu neugierig. Am nächsten Morgen, es war Heilig Abend, hatte ich Zeit. Schließlich hatte ich keinen Dienst. Ich machte den Koffer auf und fand darin in einer Seitentasche versteckt ein altes Online Ticket. Es war auf den Namen Sarah Lips ausgestellt. „Den Namen kennst du doch“, dachte ich mir. Ein alter Zugführerkollege aus dem Fernverkehr heißt Lips und wohnt in Bremerhaven. „Ruf’ den doch mal an.“ Gesagt getan, er war gleich dran. „Die Dame kenne ich“, sagte er. „Das ist eine Verwandte von mir. Ich gebe dir sofort die Telefonnummer.“ Kurze Zeit später hatte ich die Mutter am Apparat.

„Hier ist die Deutsche Bahn, Zugführer Käsehage. Vermissen Sie vielleicht etwas aus dem Zug?“, fragte ich sie. „Ja“, sagte sie. „Wir haben einen ganz schlechten Tag gehabt. Meine Tochter vermisst ihr Arbeitslaptop. Da sind alle wichtigen Daten drauf, alle Zugangsdaten zur Firma. Sie hat auf der Arbeit auch schon richtig Ärger bekommen.“

„Ich kann Ihnen mitteilen, dass ich das Gerät gefunden habe. Es liegt jetzt hier vor mir. Sie können es bei mir direkt abholen. Oder sie bekommen es am zweiten Weihnachtstag in Bremen.“ So geschah es dann auch. Zwei Tage später hatte die Kundin ihr Laptop wieder.

Sie haben ihr aber auch noch einen kleinen Brief dazu geschrieben.
Das mache ich immer so. Ich will, dass die Leute dann auch einen Ansprechpartner haben. Ich habe einfach die ganze Geschichte aus meiner Sicht aufgeschrieben und ihr den Zettel in den Koffer getan.

Wenn Sie die negativen Schlagzeilen über die Bahn in der Zeitung lesen - Eischaos im Winter, Hitzekollaps im Sommer - was denken Sie dann?
Ich finde das schon ein wenig ärgerlich. Schließlich zahlen die Leute viel Geld für ihre Fahrkarte. Und auch für uns Zugführer ist es netter, wenn alles reibungslos läuft. Umso mehr freut es mich, dass meine ganz persönliche Wintergeschichte eine andere ist.

Es gibt Schaffner, die in der Eisenbahn ein Baby zur Welt bringen. Viel häufiger liest man aber über Kinder, die ausgesetzt werden oder Kleinkinder, die allein fahren müssen, weil der Zug ohne die Eltern abfährt. Haben Sie so etwas schon mal erlebt?
Ja, und das war sogar ganz nett. Ich fuhr damals mit einem Regionalexpress von Hannover los, da stieg eine Familie ein: Kinderwagen, Baby und ein fünfjähriges Mädchen. Offenbar sind die Eltern aber wieder ausgestiegen, um noch eine zu rauchen. Der Lokführer schaute aus dem Fenster, sah keinen mehr, schloss die Türen und fuhr los. Ich ging durch den Zug und sah zufällig das kleine Mädchen. Es weinte und weinte und ließ sich gar nicht trösten. Was nun?

Wir riefen den Bundesgrenzschutz an und organisierten die Übergabe. „Habt ihr weibliches Personal vor Ort?“ Nein, hatten sie nicht. „Habt ihr Pampers? Das Baby quillt nämlich gerade über.“ Da war das Gelächter groß. Die Eltern hatten sich in der Zwischenzeit auch schon bei der Polizei gemeldet und kamen mit den nächsten Zug hinterher.

Passieren solche außergewöhnlichen Szenen oft?
Nein, nicht jeden Tag. Aber auch bei den kleinen Dramen ist Fingerspitzengefühl wichtig. Wir hatten einmal eine Kundin im Zug, die fuhr zu einem Bewerbungsgespräch. Ihre Hose war im Schritt geplatzt. Was tun? Sie war ganz aufgelöst. Ein Kollege rief schnell seine Frau an, die kam mit Nadel und Faden zum nächsten Bahnhof und die Kundin konnte dann ganz in Ruhe auf dem Klo ihre Hose wieder zusammenflicken. Als Zugbegleiter muss man schon im Vorfeld erkennen, was der Mensch von einem will. Wenn man dann noch aus der Seele raus, aus dem Bauch und mit Herz arbeitet, dann kommt man ganz prima klar.

Wie erleben Sie das Image Ihres Berufes?
Das ist eine seltsame Sache: Solange es reibungslos läuft, ist alles wunderbar. Aber wenn es mal zwei drei Minuten Verspätung gibt, dann wandelt sich das. Im Nu bist du der Prellbock für die gesamte Bahn. „Schon wieder“, heißt es dann. Trotzdem kommt es auch vor, dass mich andere Fahrgäste gegen solche Angriffe verteidigen.

Wie geht das?
Sie müssen sehen, dass wir hier im Nahverkehr fahren. Wir bringen morgens die Menschen zur Arbeit und abends bringen wir sie zurück. Viele erzählen uns, was sie den Tag über erlebt haben, wir bleiben stehen und klönen ein bisschen. Wenn wir dann Ärger im Zug haben, kommt es durchaus vor, dass unsere Stammfahrgäste aufstehen und sagen: „Lassen Sie diesen armen Schaffner zufrieden, der kann gar nichts dafür.“

Sie sagen gerade „Schaffner“. Wie nennen Sie Ihren Beruf?
Wir sind „Kundenbetreuer im Nahverkehr“, früher waren wir Schaffner. Ältere Herrschaften kennen noch den Kontrolleur. Ich habe diese Stufen alle mit durchgemacht.

Haben sich die Fahrgäste über die Jahre verändert?
Sicher. Früher gab es mehr Respekt vor einer Uniform. Heute sind die Leute freier. Oder frecher. Jeder hat Internet, jeder kann sich mal schnell beschweren. Das geht heute ratzfatz.

Wollten Sie schon als kleiner Junge Zugbegleiter werden?
Nein. Mit sechs Jahren wollte ich noch Schornsteinfeger werden. Aber dann war mir das zu dreckig. Mit der Deutschen Bahn bin ich doch sehr gut gefahren.

Sie sind der erste Eisenbahner mit Herz. Wie gefällt Ihnen das?
Prima. Es hätte eigentlich keinen anderen treffen können.

Die Einsendung der Kundin

Ende einer langen Reise

Es war der 23.12.2010, mein Urlaub stand kurz bevor, und ich wollte zu Hause noch einige Sachen vorbereiten. Also beschloss ich meinen Firmen-Laptop mit nach Hause zu nehmen.

Ich stieg am Hauptbahnhof in Bremen in den Regional Express, der um 18:56 Uhr nach Bremerhaven-Lehe fährt. Wie es nun mal zur Weihnachtszeit ist, sind die Züge sehr voll, da alle zu ihren Familien reisen wollen. Natürlich mit viel Gepäck. Bevor ich mich zu einer Familie in einen vierer Platz setzte, haderte ich lange mit mir, ob ich meinen Laptop nun oben in die Ablage packen sollte oder nicht. Ich tat es, setzte mich und dachte die ganze Zeit: „Denk an den Laptop, denk an den Laptop“. Danach vertiefte ich mich in mein Buch.

Als der Regional Express in Bremerhaven ankam, schnappte ich mir nur meine Handtasche und meine Jacke, stieg aus und in die Nordseebahn ein. Dort traf ich dann eine Kollegin, die über Weihnachten zu ihrer Familie nach Cuxhaven wollte. Als ich dann in Wremen ausstieg und mein Auto aufschloss, dachte ich mir: „Komisch, irgendwas hast du noch mitgehabt. Was hatte ich bloß noch mit?“ Plötzlich schoss es mir durch den Kopf – mein Lap-Top!

Ich rief sofort meine Mutter an und sagte ihr, dass sie schon mal schnell das Internet an machen sollte, um eine Telefonnummer vom Bremerhavener Hauptbahnhof heraus zu bekommen und fuhr schnell nach Hause. Leider musste ich nach hektischer Nummernsuche und telefonieren feststellen, dass man die Bahnhöfe gar nicht direkt erreichen kann und der Kunden-Service in Bremerhaven zu der Zeit auch nicht mehr besetzt war.

Da ich weiß, dass der Zug, bevor dieser zurück nach Bremen fährt, erst mal in die Abstellung kommt, wollte ich mit der nächsten Nordseebahn zurück nach Bremerhaven fahren, um dort den Zug abzufangen. Aber der Zug nach Bremerhaven war schon weg. Zwischendurch habe ich am Telefon noch eine Verlustmeldung aufgegeben.

Ab diesem Zeitpunkt war mir klar: Den siehst du nie wieder! Als nächstes versuchte ich unter Tränen jemanden aus der Firma zu erreichen, um den Laptop sperren zu lassen. Mein Arbeitskollege versuchte, mich zu beruhigen und sagte, dass der Laptop bestimmt wieder auftaucht und abgegeben wird. Ich war völlig aufgelöst, denn für mich war klar: Der ist weg!

Nächsten Tag auf der Arbeit versuchte ich aus lauter Verzweiflung andauernd herauszufinden, ob sich bezüglich der Verlustmeldung schon etwas getan hatte – leider nicht. Ich war immer noch aufgelöst und hatte ein schlechtes Gewissen. Da es Heilig Abend war, haben wir vormittags in der Firma gefrühstückt. Es klingelte das Telefon und meine Kollegin gab mir den Hörer. Meine Mutter war dran und sagte, dass sie mir unbedingt jetzt schon erzählen müsste, was ich zu Weihnachten bekäme. Ich würde mich sehr freuen.

Ich stimmte zu und sie erzählte mir, dass gerade ein Zugführer (Herr Käsehage) bei uns zu Hause angerufen hat und meinen Laptop gefunden und mit nach Hause genommen hat. Dieser würde am zweiten Weihnachtstag wieder anfangen zu arbeiten und den in Bremen am Bahnhof für mich hinterlegen.

Mir fiel so ein großer Stein vom Herzen. Ich konnte es einfach nicht glauben. Ich war so erleichtert und sagte zu meiner Mutter, dass dies wirklich das beste Weihnachtsgeschenk sei und mir Herr Käsehage das Weihnachtsfest gerettet hat. Dann fragte ich mich, wie Herr Käsehage an meinen Namen und meine Telefonnummer gekommen ist. Meine Mutter erzählte mir, dass Herr Käsehage meinen Namen von einem alten Online-Ticket aus meiner Tasche hatte.

Er erzählte meiner Mutter, dass ihm der Nachnahme bekannt vorkam. Er konnte sich an einen ehemaligen Kollegen erinnern, der auch Lips heißt – mein Onkel. Über diesen hat Herr Käsehage dann meine Telefonnummer herausgefunden. Ich war total baff. Mein Laptop war in sicheren Händen und Herr Käsehage hatte sich so unglaublich viel Mühe gegeben herauszufinden, wem er gehört. Solch eine Mühe hätte sich nicht jeder gemacht. Das war auf keinen Fall selbstverständlich.

Für mich war auf jeden Fall klar, dass ich mich irgendwie bedanken wollte. Ich fand über eine Internet-Seite die Adresse von Herrn Käsehage und machte mich am 27.12.2010 auf den Weg nach Bremen, um meinen Laptop abzuholen und um auf dem Rückweg bei Herrn Käsehage vorbei zu fahren, um ihm eine Schachtel Pralinen zu bringen.

Leider war ich ganz umsonst aufgeregt, da Herr Käsehage nicht zu Hause war. Aber ich nahm mir vor, ihn nochmal anzurufen. Als ich gerade wieder zu Hause angekommen war, klingelte das Telefon. Herr Käsehage wollte sich für die Schachtel Pralinen bedanken. Kurze Zeit später schaute ich in meine Laptop-Tasche und fand einen Brief. Ich war sehr überrascht. Herr Käsehage hatte mir einen sehr netten Brief beigepackt. Dieser startete mit: „Wenn Sie diesen Brief in den Händen halten, ist eine lange Reise zu Ende“.

Sarah Lips, 22, Wremen (Niedersachsen)

Die Würdigung der Jury

Einer, der Kunden glücklich macht

Eigeninitiative ist im reglementierten Eisenbahnbetrieb oft nur begrenzt möglich. Doch das Regelwerk bremst nicht alle aus: Wer aus einem innerem Antrieb handelt, geht schon damit über die Dienstroutine hinaus.

Jonni Käsehage hat dieses innere Feuer für seinen Beruf. Es ist ihm nicht egal, was mit verlorenen Wertgegenständen „seiner“ Kunden passiert. Der 53-Jährige kümmert sich – auch jenseits der Dienstzeit im Regionalexpress.

Mit seiner in der Freizeit erledigten Recherche hat Jonni Käsehage einer Kundin auf schnellstmöglichem Wege ihren im Zug vergessenen Laptop zurückgebracht. Für die Allianz pro Schiene-Jury ist Jonni Käsehage ein engagierter Herzblut-Eisenbahner, der Kunden glücklich macht – unser „Eisenbahner mit Herz 2011“.

Silber: Claudia Möller

Eisenbahner mit Herz - Silbermedaille

Verpasstes Weihnachtsfest

24.12.2010, Interconnex Berlin – Rostock: Auf der Fahrt am Heiligabend geht alles schief, was schief gehen kann.

Die Zugbegleiterin Claudia Möller rettet den Abend, obwohl die Fahrgäste im Zug mit Frust und Enttäuschung zu kämpfen haben. Als der Zug mit mehr als sechs Stunden Verspätung ins Ziel kommt, hat sie selbst ihr Weihnachtsfest verpasst.

Das Porträt

Auf Katastrophenfahrt

„Also wenn Frau Möller nicht Eisenbahnerin mit Herz wird, dann weiß ich auch nicht“, hatte die Bahnkundin an die Allianz pro Schiene geschrieben. Die Gründe überzeugten die Jury: Erst auf einer Katastrophenfahrt zeigt ein guter Zugbegleiter, was wirklich in ihm steckt.

In Claudia Möller steckt jedenfalls eine Menge: Einen proppenvollen Zug mit über sechs Stunden Verspätung heil durch den Heiligen Abend zu bringen, das schafft nicht jeder. Aber auch an normalen Diensttagen führt die 30-jährige ihren Interconnex auf der Stammstrecke Leipzig – Warnemünde mit großer Gelassenheit und Umsicht.

Größere Missgeschicke oder Abenteuer sind der jungen Frau in ihren rund 10 Dienstjahren noch nicht begegnet, aber sie würde sich auch einer Geburt unterwegs gewachsen fühlen. „Zur Not wählen wir die 110.“ Nach einer Ausbildung bei der Deutschen Bahn kam Claudia Möller zur Ostseelandverkehr, die sie liebevoll „Ola“ nennt. Ihre Arbeit für den Bahn-Konkurrenten Veolia mag die geborene Rostockerin sehr: „Wir fahren immer im Team, mit mindestens zwei Zugbegleitern.“ Dass die Kunden Personal in den Zügen zu schätzen wissen, weiß Claudia Möller natürlich. Schließlich ist sie eine Eisenbahnerin mit Herz.

„Vereister Fahrdraht und dann ging nix mehr“

Claudia Möller über eine weihnachtliche Katastrophenfahrt, verständnisvolle Fahrgäste und eine Persönlichkeit, die zählt.

Frau Möller, Sie sind Eisenbahnerin mit Herz geworden, weil Sie auf einer Katastrophenfahrt im Winter Ihr ganzes Können gezeigt haben. Was geschah an Heilig Abend im Interconnex Berlin Rostock?

Es war supervoll. Die Fahrgäste stapelten sich bis unters Dach. Wir hatten alles vertreten: Babys, Kinder, alte Leute, junge Leute, Hunde. Vor Neustrelitz ging es los. Der Zug stand und konnte ich nicht weiterfahren, weil der Bahnhof voll vor. Ich dachte: eineinhalb Stunden Verspätung, das geht ja noch. Aber nach Neustrelitz standen wir wieder, diesmal im Wald. Und es ging gar nichts mehr. Da dachte ich: Mist, hoffentlich bleiben die Leute ruhig und springen nicht ab. Aber die waren erstaunlich gut drauf. Wahrscheinlich, weil Weihnachten war.

Wo klemmte es bei dieser Fahrt?
Der Fahrdraht war vereist und wir mussten auf eine Diesellok warten, die uns da rauszog. Das hat schon mal zweieinhalb drei Stunden gedauert. Inzwischen habe ich versucht, die Fahrgäste bei Laune zu halten. In so einer Situation kann ja sonst was passieren. Wenn die Leute raus wollen, wollen die raus. Dann steigen die auf offener Strecke aus und du kriegst sie nicht mehr gehalten. Damit das nicht passiert, haben wir häufig Ansagen gemacht. Sofort wenn neue Nachrichten kamen, haben wir per Lautsprecher darüber informiert.

Was haben Sie sonst noch getan?
Nichts Besonderes in meinen Augen: Wir haben gratis Kaffee verteilt und den Leuten gesagt, dass sie es immerhin warm und trocken haben. Weil draußen nichts mehr ging, hatten wir auch Zeit für viele nette Gespräche. Es war wirklich erstaunlich, aber am Ende brachten uns die Fahrgäste sogar noch Geschenke und Obst. Schließlich kamen wir mit sechs einhalb Stunden Verspätung in Rostock an. Die Leute haben also ihr Weihnachtsfest verpasst.

Und Ihr eigenes Weihnachtsfest?
Das war auch kürzer als sonst. Ich kam spät nachts nach Hause, habe noch schnell Abendbrot gegessen und bin dann ins Bett gefallen. Es war schon anstrengend.

Sie können also den Ärger der Menschen über das Winterchaos verstehen?
Ja, natürlich kann ich es verstehen. Ich komme auch gern pünktlich nach Hause. Andererseits ist es auch nicht richtig, allen Ärger bei der Bahn abzulassen, nur weil so viel Schnee fällt. Autos, Flugzeuge oder Straßenbahnen hatten schließlich dieselben Probleme. Das ist eben höhere Gewalt. Ich wüsste aus dem Stand jetzt nicht, was man da besser machen könnte. Und der nächste Winter kommt bestimmt.

 Was denken Sie, wenn Sie das Lob der Kundin lesen: „Konfliktmanagement- und Deeskalationskompetenzen, Motivations-, Team- und Kritikfähigkeit und großes rhetorisches Potenzial – dazu eine attraktive Erscheinung, ein großes Herz und viel Humor - wenn Frau Möller nicht Eisenbahnerin mit Herz wird, dann weiß ich auch nicht.“
(lacht) Da habe ich mich natürlich gefreut. Besonders, weil es genau dieser schreckliche Tag war. Damit habe ich nicht gerechnet. Eher, dass es Beschwerden hagelt. Aber die Leute waren auch im Zug erstaunlich zufrieden mit uns. Denn was sollte ich schon groß tun? Ich kann ja nicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sagen: „Oh Gott, oh Gott.“ Ich sitze ja auch fest. Also ist es für mich ganz klar, dass ich alles tue, um die Stimmung im Zug zu retten.
 
Haben Sie dafür Rezepte gelernt?
Natürlich bekommen wir Schulungen, wie wir mit Stresssituationen umzugehen haben. Aber ich denke, das ist auch ein Feingefühl, das man mitbringt. Ich bin eher ein lockerer Mensch, der offen für alles ist. Persönlichkeit zählt. Ich bin auf dem Zug so, wie ich immer bin.
 
Welche Erlebnisse im Zug mögen Sie besonders?
Ich freue mich immer, wenn sich Reisende bei mir bedanken. Dass es eine schöne Fahrt war, dass man nett war, dass alles toll ist. So was freut mich wirklich. Schwierig wird es immer, wenn Menschen stürzen oder der Notarzt gerufen werden muss. Da ist es wichtig, Ruhe zu bewahren und trotzdem das Richtige zu tun. Ein Baby ist in meiner Dienstzeit allerdings noch nicht geboren worden. Da würde ich wahrscheinlich auch erst mal die 110 wählen.
 
Interessieren sich Ihre Freunde für Ihren Beruf?
Ja, aber die fragen vor allem: „Fährst du so richtig mit Pfeife und Kelle? Musst du auch Fahrscheine kontrollieren und was sagen?“ Na klar, sage ich dann. „Das ganze Programm.“
 
Wollten Sie schon immer als Zugführerin zur Bahn?
Nein, das war Zufall. Eine Schulfreundin hatte einen Vater, der arbeitete als Rangierer im Seehafen. Der brachte eines Tages Prospekte mit und sagte, wir sollten uns doch bewerben: Als Eisenbahner im Betriebsdienst oder Kundenbetreuer. Wir sagten: „Ja, gut, machen wir.“ Ich selbst war nämlich eigentlich orientierungslos. Aber mit der Ausbildung bei der Deutschen Bahn klappte es sofort und danach ging ich dann zur Ola. Inzwischen bin ich zehn Jahre im Dienst und habe es nicht bereut.
 
Jetzt sind Sie „Eisenbahnerin mit Herz“. Eine Überraschung?
Ja. Zuerst dachte ich: „Was? Ich habe gewonnen? Aber ich habe mich doch gar nicht beworben.“ Inzwischen freut es mich. Wenn die Fahrgäste die eigene Leistung so anerkennen, da kann man wirklich stolz drauf sein.

Die Einsendung der Kundin

Eine schöne Bescherung

Im Interconnex 68903 am 24. Dezember ging auf der Strecke von Berlin nach Rostock eigentlich alles schief, was schiefgehen konnte.

Kurz vor Neustrelitz ging es zum ersten Mal nicht weiter wegen vereister Oberleitungen. Etwa 2 Stunden stand der Zug im Wald, die Snacks waren schnell ausverkauft. Die Freude war groß, als es dann endlich weiter ging: Man würde sich zwar verspäten, zu Heilig Abend wären aber alle pünktlich zur Bescherung zu Hause. Diese Freude würde jäh zerstört, als der Zug nach nur 20 Minuten Fahrt erneut stehen blieb: Nun war die Lok kaputt und es musste eine neue aus Rostock hergeschafft werden. Wartezeit unbekannt. Man stand erneut im Wald, kein Mobiltelefonnetz, die Angehörigen, die an diversen Bahnhöfen standen, um Reisende abzuholen, konnte nicht verständigt werden. Frust und Enttäuschung schlugen um sich. Viele Fahrgäste wurden langsam ungehalten. In dieser Situation war es die Fahrgastbetreuerin Frau Möller, die bei ihren Sprints durch die Gänge - trotz des Stresses, der ihr deutlich anzusehen war - immer ein Lächeln und ein freundliches Wort für die Reisenden übrig hatte, und auch auf Anfeindungen hin nie ausfällig wurde. Dass Frau Möller an diesem katastrophalen Abend - man kam schließlich 6,5 Stunden zu spät ins Ziel - so freundlich und verständnisvoll blieb, obwohl sie selbst das Weihnachtsfest zu Hause verpasste, macht sie zu meiner „Eisenbahnerin mit Herz“.

Frau Möller hat die Reisenden regelmäßig mit ihrem feinsten breiten Norddeutsch über Lautsprecherdurchsagen erfreut. Egal, ob es wirklich „Neuigkeiten“ gab oder nicht, sie hat regelmäßig von sich hören lassen und immer wieder um Entschuldigung gebeten. Zum Beispiel als die neue Lok angeschlossen wurde „Sehr geehrte Damen und Herren, jetzt kommt gleich die neue Lok, bitte nicht erschrecken, wenn es gleich rummst“ …“…Achtung, es rummst jetzt!“. Das Gelächter im Abteil ob Frau Möllers unkonventionellen Durchsagen war jeweils groß und trug zur Auflockerung der angespannten Situation bei.

Zu Beginn der Reise, kurz nach dem ersten Stopp, hatte ich in dem überfüllten Zug einen Klappsitzplatz vor den Toiletten, die Schlange davor war durchgehend endlos. Frau Möller reihte sich ein und schnackte gut gelaunt mit den Gästen. Sie habe die ganze Zeit gehofft, dass heute nichts passieren würde, und dann so was! Dabei wolle sie doch auch dringend nach Hause, Weihnachten feiern! Mit ihrer sympathischen Art konnte ihr einfach niemand böse sein. Bei einer anderen Kollegin habe ich - dies nur zum Vergleich, ohne anklagen zu wollen, schließlich war es nur zu verständlich, dass die Nerven bei allen blank lagen – miterlebt, wie diese den Gästen vorwarf „warum sie denn überhaupt den Connex gewählt hätten, wenn sie doch alles vorher wüssten“ – diese hatten sich über die schlechte Organisation und Vorbereitung beschwert. Dergleichen habe ich von Frau Möller nie vernommen, sie hat bei allen Fragen viel Verständnis gezeigt und immer versucht, auch die technischen Aspekte der Ausfälle verständlich zu erklären.

Insgesamt habe ich Frau Möller als natürlich sympathische Hanseatin in Erinnerung, der ihre Arbeit als Zugbegleiterin ganz offensichtlich große Freude bereitet und die so schnell nichts aus der Facon bringt bei dieser doch etwas unwirtlichen und sehr (auch körperlich!) anstrengenden Tätigkeit. Konfliktmanagement- und Deeskalationskompetenzen, Motivations-, Team- und Kritikfähigkeit und großes rhetorisches Potenzial – dazu eine attraktive Erscheinung, ein großes Herz und viel Humor - wenn Frau Möller nicht Eisenbahnerin mit Herz wird, dann weiß ich auch nicht.

Anja Ludwig, 27, Berlin

Die Würdigung der Jury

Charakter-Eisenbahnerin mit Humor

Stressig ist das Zugbegleiterleben manchmal – insbesondere bei Verspätungen und in überfüllten Zügen. Nicht selten lassen die Fahrgäste ihren Frust dann am Begleitpersonal ab, obwohl die in der Regel nichts dafür können.

In solchen Situationen helfen Lehrbücher nur bedingt weiter. „Persönlichkeit zählt“, wie es Claudia Möller knapp und treffend formuliert. Die 30-Jährige hat es geschafft, während der chaotischen Reise am Heiligen Abend Kunden zu besänftigen und Dutzende Passagiere zum Lachen zu bringen.

Für die Allianz pro Schiene-Jury ist Claudia Möller eine Charakter-Eisenbahnerin mit Humor, die dank ihrer Persönlichkeit für den Kundenkontakt wie geschaffen ist. Dafür gibt es den zweiten Platz beim „Eisenbahner mir Herz 2011".

Silber: Nico Hilsberg

Eisenbahner mit Herz - Silbermedaille

Im falschen Zug

27. Oktober 2010, etwa 01.30 Uhr, München Hauptbahnhof, Gleis 18: Eine junge Tierärztin steigt nach der Nachtschicht in einen abgestellten Zug am Münchner Hauptbahnhof, um die Zeit zur Abfahrt des ersten ICE zu überbrücken.

Der Zug fährt unvermittelt los. Mit Hilfe des Lokführers Nico Hilsberg kommt sie nach einer Odyssee vom Güterbahnhof Pasing zum Hauptbahnhof München zurück und erwischt ihren ICE ins heimatliche Augsburg.

„Es hebt ab von der Masse“

Nico Hilsberg über blinde Passagiere, den Mythos vom einsamen Lokführer und Züge, die sich selbst überholen.

Herr Hilsberg, Sie sind „Eisenbahner mit Herz“ geworden, weil Sie sich in einer Nacht im Oktober 2010 tapfer für einen blinden Passagier eingesetzt haben. Erinnern Sie sich daran?
Natürlich. Ich war mit dem Zug von München Hauptbahnhof unterwegs zu einer Unterflurdrehbank und hatte dabei eine Frau an Bord. Wie soll ich das beschreiben? Sie war halt in dem Zug und hat mich gefragt, wie sie wieder nach Hause kommt. Und weil das wirklich relativ weit in der Pampa von Pasing war, habe ich ihr geholfen. Zuerst habe ich es gar nicht klar gesehen. Ich hielt mit dem Zug draußen auf freier Strecke, alles war dunkel und auf einmal klopfte es hinter mir. „Hast du dich da jetzt geirrt?“, dachte ich. Aber da klopfte es wieder. Ich habe dann richtig hingeschaut und den Umriss von der Frau gesehen. Bei Licht war es dann klar: Ein blinder Passagier. Sie sagte, sie hätte nur mal schnell auf die Toilette gemusst, als der Zug losfuhr. Da draußen fährt nachts wirklich gar nichts mehr, also dachte ich nach, was wir jetzt machen könnten.

Ich rief den Stellwerker an und der sagte, es würde sich gleich ein Kollege vom Nahverkehr melden, der wieder in den Hauptbahnhof zurückführe. Ich bat ihn, dafür zu sorgen, dass der auf jeden Fall wartet. Wir sind dann zu Fuß über die Gleise gelaufen. Das war ganz weit weg, ein Bereich vom Bahnhof, in dem ich noch nie gewesen bin. Wir kamen schließlich zu einer Bude, wo der Wagenmeister drin saß. Der erklärte mir, wo der Zug steht. Wir fanden den Zug und ich habe die Frau dem Kollegen übergeben, der sie wieder zurück nach München Hauptbahnhof gebracht hat.

Hatten Sie das Gefühl, heldenhaft gehandelt zu haben?
Pflichtbewusst, würde ich sagen. Heldenhaft ist vielleicht etwas anderes.

War das Ihr erster blinder Passagier?
Nein, so was kommt schon mal vor. Aber so weit wie diese Frau ist noch keiner mitgefahren. Die meisten fahren bis Laim, und da ist dann die S-Bahnstation. Viele reagieren auch panisch, ziehen die Notbremse. Das hat meine blinde Passagierin ja alles nicht gemacht. Aus Rücksicht hat sie auch nicht während der Fahrt geklopft. Da wäre ich wahrscheinlich vor Schreck vorne durch die Scheibe gegangen. Damit rechnet ja keiner.

Die Kundin schreibt, sie hatte Angst, dass Sie ihr den Kopf abreißen.
Kopf abreißen? Nein, so ein Typ bin ich nicht. Und sie ist zum Glück auch sehr besonnen geblieben. Ich habe ihr gesagt, das könne schließlich jedem Mal passieren.

Was ist das schönste Erlebnis, das Sie jemals als Lokführer hatten?
Arlbergumleiter mit 234.

Wie bitte? Das müssen Sie erklären.
Das ist eine Baureihe der Ex-Deutschen Reichsbahn, die beim Umbau des Arlbergtunnels eingesetzt worden ist. Durch die Umleitungen kamen einige Eurocitys und Nachtzüge über Lindau. Mit der B 234 ging die Fahrt dann von Kempten über Lindau nach München. Das war ein Novum für bayerische Gleise, dass eine russische Maschine drauf fährt, und da ich schon immer Fan der "Ludmilla" Familie (BR230-BR234) war, hab ich einen Kollegen beschwatzt, mich fahren zu lassen.

Was halten Sie vom Mythos des einsamen Lokführers, der stundenlang schweigend in die Nacht starrt?
Wir Lokführer im Ortsdienst sind nicht ganz so einsam. Nach einer Drehfahrt sind wir nach einer Stunde wieder unter Menschen. Aber generell stimmt es schon, dass bei Lokführern der Einzelkämpfertyp gefragt ist.

Wenn Sie auf einer Party sind und gefragt werden, was Sie arbeiten, was sagen Sie dann?
„Lokverführer.“ (lacht) Der offizielle Begriff heißt „Triebfahrzeugführer“. Unter Eisenbahnern „Lokführer“. Für die Presse „Zugführer“. Unter Kollegen beim Ablösen sagen wir bloß „Führer“. Das klingt dann so: „Führer, kann’s losgehen?“

Und das Image Ihres Berufes? Wie sehen Sie das?
Im Prinzip ganz gut. Seitdem die GdL streikt, ist es allerdings schlechter geworden. Sonst hängt viel davon ab, ob ein Reisender vorher schon schlechte Erfahrungen gemacht hat oder nicht.

Was wollten Sie werden, als Sie klein waren?
Polizist. Aber das war nur in der Kindergartenphase. Danach war es schon bald Eisenbahner und Lokführer. Es liegt bei uns auch in der Familie, hat allerdings eine Generation übersprungen. Mein Urgroßvater war bei der Eisenbahn, mein Großvater war bei der Eisenbahn. Jetzt hat der Virus mich wieder erwischt. Ich erinnere mich noch, als mich mein Großvater mit auf die Dampflok genommen hat. „Hier nicht im Weg rumstehen, hier ist gefährlich. Hier Finger weg, hier ist heiß.“ Ich stand ganz still in der Ecke und fürchtete mich. Aber nachher war das Gefühl großartig. Wie vor zwei Jahren, als ich in den USA war. Was da für Maschinen fahren: Vom Motorengeräusch vibriert der Boden, und die Züge sind so lang, dass sie sich selbst überholen. Das ist schon hart: Da kommt man zurück nach Deutschland und hier fährt nur Spielzeug.

Einen Trost gibt es: Sie sind Eisenbahner mit Herz geworden. Wie war das für Sie?
Das musste erst mal durchdringen. Das ist eine völlig neue Situation für mich. Aber jetzt denke ich: Es hebt ab von der Masse. Man kann sich damit brüsten.

Das Porträt

Der Einzelkämpfertyp

Der Lokführer Kollege im Münchner Hauptbahnhof kann es kaum glauben: „Was? Du bist Eisenbahner mit Herz? Du?“ Nico Hilsberg macht nicht viele Worte. Er lächelt hintersinnig und nickt bescheiden.

Dabei ist es wirklich ein Wunder: Der 36-jährige ist Bereitstellungslokführer. In fünf Schichten pro Woche - meistens nachts - fährt Hilsberg riesige leere dunkle ICE in die Waschanlage oder ins Werk zur Radsatzprüfung. „Den Zug aufarbeiten“, nennt er das. Mit Bahnkunden kommt er dabei selten in Berührung. In einer Nacht im Oktober 2010 war es allerdings anders. Eine junge Frau fuhr als blinder Passagier mit Nico Hilsberg vom Hauptbahnhof bis nach München Pasing. Aus dieser „Pampa“ aus Gleisen und Weichen befreite Hilsberg die Kundin, die sich über ihr Missgeschick so geschämt hatte, dass sie fast im Boden versinken wollte. „Das kann doch jedem Mal passieren“, sagt Hilsberg und gibt trotzdem zu, dass er am liebsten allein in seinem Führerhäuschen sitzt.

Nach einem Start als Prüfdienst bei der Münchner S-Bahn kam Hilsberg 2002 zum Fernverkehr der deutschen Bahn. Für den geborenen Dresdner ist das ein Aufstieg. Sein nächstes Karriereziel: Das Stellwerk. Dahin kommt dann garantiert kein Kunde mehr. „Blinde Passagiere gibt es da definitiv nicht“, sagt Hilsberg und man muss sehr scharf hinhören, um ein Bedauern zu erahnen. „Der Lokführer, das ist nun mal mehr der Einzelkämpfertyp“, sagt Hilsberg. Dass einer es damit dennoch zum Eisenbahner mit Herz bringt, findet Hilsberg „cool“.

Die Einsendung der Kundin

Der Zug ist abgefahren

„Und du willst jetzt wirklich zwei Stunden am Hauptbahnhof rumsitzen?“, fragte mich meine Arbeitskollegin zweifelnd. Ich zuckte die Achseln. „Ich hab ja mein Notebook dabei – ob ich hier oder dort warte, spielt auch keine Rolle.“

Ich gab nur ungern zu, wenn mich das Pendeln doch einmal nervte. Immerhin hatte ich mir diesen Wahnsinn selbst aufgebürdet – wohnen in Augsburg, arbeiten in Oberhaching; zweimal täglich anderthalb (wenn es optimal lief und man zum Anschluss rannte) bis zweieinhalb Stunden (abends, wenn die Regionalzüge nur noch stündlich fahren und man den Anschluss gerade verpasste) in der Bahn sitzen. Aber was tat man nicht alles, wenn der Freund nun mal in Augsburg lebte – und man keinen anderen Arbeitsplatz wollte.

Mit gemischten Gefühlen verließ ich die Klinik und machte mich auf den Weg durch die Dunkelheit. Etwa fünfzehn Minuten dauert der Fußweg zur S-Bahn – zum Glück fuhr sie um null Uhr dreißig überhaupt noch. Nur der Augsburg-München-Verkehr lag um diese Zeit nun einmal still, erst um 03:17 Uhr sollte der nächste Zug – immerhin ein ICE - fahren.
Ich tröstete mich damit, dass es eine Ausnahme war, so spät aus der Arbeit zu kommen. Auf dem Weg pflückte ich noch die übliche Tüte voll Gras für meine Kaninchen, die vermutlich schon sehnsüchtig wartend an meiner Balkontür stehen würden, wenn ich endlich heim kam. Manche Dinge müssen eben sein – egal, wie spät es ist.

Die S-Bahnfahrt zum Münchener Hauptbahnhof verlief schnell und ereignislos. Seufzend machte ich mich auf den Weg zu den Fernzügen und hoffte inständig, dass mein Zug schon bereitstand; immerhin war es Oktober und ich hatte keine Lust, mich zwei Stunden lang auf einem unbeheizten Bahnsteig aufzuhalten.

Zu meiner Freude entdeckte ich meinen ICE bereits von weitem. Die Euphorie schwand jedoch, als ich diverse Personen auf den Metallsitzen des Bahnsteiges entdeckte, die offensichtlich warteten. Meine ungute Vorahnung bestätigt sich: Die Türen waren noch verschlossen.

Ich zuckte die Achseln und blickte mich um. Wenn die Abfahrtszeit eines bereitstehenden Zuges noch in weiter Ferne lag, setzte ich mich manchmal einfach hinein, bis mein eigener einfuhr bzw. die Türen entriegelte. Der Zug auf dem gegenüberliegenden Gleis sah vielversprechend beleuchtet aus. Ich warf einen Blick auf die elektronische Anzeigetafel und stellte fest, dass keine Abfahrtszeit dort stand; also würde sich das vermutlich noch lange hinziehen.

Kurzerhand lief ich zur nächsten Tür, die sich zu meiner Freude tatsächlich öffnen ließ, stieg ein und setzte mich – schließlich durfte ich das ja sonst nie – auf einen Ledersitz in der Ersten Klasse. Wenige Minuten später war ich bereits eifrig dabei, auf meinem Laptop einen neuen Artikel für meine Homepage zu tippen.

Die Stille wurde durch schrille Pfeiftöne durchbrochen – das Warnsignal an den Türen, kurz bevor sie sich automatisch schlossen. Einen Augenblick lang saß ich da wie versteinert; dann sprang ich auf und lief zu der Tür, durch die ich eingestiegen war. Tatsächlich: Sie ließ sich nicht mehr öffnen! Mit einer Mischung aus Irritation und Unbehagen blickte ich hinaus auf den Bahnsteig und fragte mich, wann man den Zug wohl wieder öffnen würde – als etwas geschah, das mir eine Gänsehaut über den Rücken jagte: Das Licht ging aus! Ach du lieber Gott, dachte ich. Man hatte den Zug geschlossen und den Strom abgedreht – das konnte nur heißen, dass er jetzt eine halbe Ewigkeit hier herumstehen würde; jedenfalls mit Sicherheit länger als zwei Stunden. Ob ich mich einfach auf eine Sitzreihe legen und schlafen sollte? Würde ich Hilfe rufen, bekäme ich sicher gehörigen Ärger, überlegte ich. Vielleicht konnte ich ja den Lokführer noch erwischen. Kurzerhand machte ich mich auf den Weg durch den stockfinsteren Zug in Richtung Führerhäuschen ganz am anderen Ende.

Und dann passierte es: Der Zug fuhr los. Ich erstarrte, versuchte zu begreifen, was gerade geschah. Wieso um alles in der Welt fuhr dieser vermeintlich leere, unbeleuchtete Zug los? Und vor allem: Wo zur Hölle fuhr er hin? Mechanisch blickte ich aus dem Fenster, sah den Hauptbahnhof an mir vorbeiziehen und blickte dann ins kohlrabenschwarze Nichts. Mein Gott, dachte ich, wieso bin ich nur eingestiegen? Was hab ich mir damit eingebrockt?

In einem plötzlichen Entschluss löste ich mich aus meiner Trance und stolperte los in Richtung Zugspitze. Ich musste den Fahrer auf mich aufmerksam machen! Wenn er jetzt anhielt, käme ich mit der S-Bahn noch schnell zurück. Als ich den letzten Waggon erreicht hatte und durch die Scheibe die Umrisse des Zugführers entdeckte, zögerte ich jedoch. Sollte ich das wirklich tun – jetzt anklopfen? Der Mann bekäme vermutlich einen Herzinfarkt, wenn plötzlich jemand hinter ihm auftaucht, überlegte ich – hier in diesem verdammten Zug, wo keine Menschenseele außer ihm mehr sein sollte! Ich starrte einige Sekunden auf den Hinterkopf der ahnungslosen Person im Führerhäuschen, dann schlich ich mich zurück – mindestens fünf Waggons in der lächerlichen Befürchtung, man könnte mich in der nächsten Kurve in irgendeinem Rückspiegel entdecken. Immer wieder warf ich nervöse Blicke aus dem Fenster – doch ich konnte nicht im Geringsten ausmachen, wohin der Zug fuhr. Verdammter Mist, dachte ich – mit jeder Sekunde entfernte ich mich weiter von dort, wo um 03:17 mein ICE abfahren würde; und mir fiel beim besten Willen nichts ein, was ich dagegen tun könnte! Was hatte ich für Optionen – den Zugführer zu Tode erschrecken? Hilfe rufen?

Das wäre eigentlich keine schlechte Idee, dachte ich; den Bahncomfort-Service anrufen, ihnen meine Lage schildern – und sie telefonischen Kontakt mit dem Zugführer aufnehmen lassen. Schonender könnte man ihm die Sache nicht beibringen. Das Problem war nur, dass ich um halb zwei Uhr nachts keinen Menschen beim Bahncomfort oder sonst wo erreichen würde; außer bei der Polizei oder Feuerwehr vielleicht... aber das kam mir nun doch albern vor.

Der Zug verlangsamte sich, und ich blickte gespannt aus dem Fenster. Dort war ein Bahnhof – aber ich konnte nirgends eine Ausschilderung entdecken, keinerlei Anhaltspunkt darüber, wo wir waren. Der Bahnhof zog vorbei, und der Zug beschleunigte wieder. Gütiger Gott, was konnte ich nur tun? Die Notbremse ziehen? Musste man nicht eine hübsche Summe Strafe zahlen, wenn man unbegründet eine Notbremse zog? Nun, dachte ich, ich hatte schon einen Grund – andererseits hatte ich mich selbst in diese Notlage gebracht, weil ich unerlaubterweise in den verdammten Zug gestiegen war… ob das zählte...? Außerdem: Wie würde der Zugführer reagieren? Ich an seiner Stelle würde es nicht wagen, den Zug zu durchsuchen, dachte ich. Ich würde mir vor Angst in die Hose machen! Was tat man denn als Zugführer in so einem Fall? Die Polizei rufen? Heiliger Himmel, dann würde der Ärger nur noch größer.

Oder was, wenn der Zugführer so sauer war, dass er mich einfach rausschmiss? Dann wäre ich nicht mal an einem Bahnhof. Nein – besser, ich wartete ab, bis der Zug seine Endstation erreicht hatte. Er wird ja nicht mitten in der Nacht einfach so quer durch Deutschland fahren, redete ich mir ein. Sicher hielt er bald an.

Die Zeit verstrich wie in Zeitlupe. Vor dem Fenster konnte ich immer wieder Bahnsteige, hin und wieder ein Gebäude, hauptsächlich aber Dutzende von Gleisen und verstreute Waggons erkennen. Ich kam mir vor wie in einem Freiluftmuseum für Züge! Dann bremsten wir ein zweites Mal ab. Hoffnungsvoll blickte ich nach draußen. Wie es aussah, waren wir auf einem riesigen Bahnhof eingefahren – aber wie um alles in der Welt hieß er? Wo waren wir?

Der Motor erlosch, und ich atmete auf. Wir blieben also hier – gleich würde ich mehr erfahren. Dann wurde mir mit einem Mal klar, dass es sinnlos war, an der Tür zu warten – denn natürlich würde sie sich nicht öffnen! Ich musste zum Fahrer, zurück zum Fahrer – ehe er ausstieg, den Zug verschloss und ich endgültig gefangen war! Ich stolperte los und stand kurz darauf ein zweites Mal vor der dicken Glasscheibe, die Waggon und Führerhäuschen trennte. Zu meiner grenzenlosen Erleichterung war der Fahrer noch dort. Zögerlich hob ich eine Hand. Ich hatte keine Wahl – ich musste klopfen. Wenn er sich jetzt erschreckte, baute er immerhin keinen Unfall.

Ich nahm all meinen Mut zusammen und trommelte gegen die Tür. Der Mann wandte den Kopf, doch es war zu dunkel, um sein Gesicht auszumachen. Er starrte in meine Richtung, doch ich hatte nicht das Gefühl, ihn übermäßig erschreckt zu haben. Ich setzte mein unschuldigstes Lächeln auf und winkte zaghaft. Der Zugführer reckte den Kopf vor, offenbar bemüht, mich in der Finsternis zu erkennen; schließlich erhob er sich langsam und drückte wohl auf irgendeinen Lichtschalter, denn im selben Moment wurde es hell. Ein relativ kleiner, runder Mann stand vor mir, und auf seinem freundlichen Gesicht spiegelte sich die blanke Verwirrung. Er öffnete die Glastür. „Hallo, Ent- Entschuldigung!“, stammelte ich hastig, ehe er fragen konnte. „Ich – ich wollte hier in München schnell auf die Toilette gehen. Ich wusste nicht, dass der Zug losfährt!“

Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, aber ich fürchtete noch immer, er würde mir vielleicht nicht helfen, wenn er wusste, wie sehr ich diese Situation selbst provoziert hatte… aus reiner Bequemlichkeit und Naivität. „Oh, das ist schlecht“, erwiderte der Zugführer langsam. „Wir sind hier im Güterbahnhof Pasing.“ „Pasing!“ Ich strahlte begeistert – da fuhren doch ständig S-Bahnen, Regionalzüge, und sogar die meisten ICEs in Richtung Augsburg hielten dort. Allerdings sagte mir das Gesicht des Zugführers, dass es an der Sache einen Haken gab...

„Nein, nein, nicht der Fernbahnhof Pasing. Das hier ist der Güterbahnhof – da sind Sie ganz weit weg vom Schuss. Wo müssen Sie denn hin?“ „Nach Augsburg“, antwortete ich. „Ich wollte den ICE um 03:17 in München nehmen…“
„Das sieht schlecht aus.“ Er dachte einen Moment lang nach. „Ich meine – ich könnte Sie mit zur S-Bahn nehmen, aber die fahren erst morgen früh wieder… 03:17 in München – keine Chance!“ „Hm.“ Ich starrte bestürzt zu Boden. Am nächsten Tag musste ich um spätestens viertel nach elf wieder raus – davor hätte ich gern noch einige Stunden geschlafen! „Na ja, warten Sie mal. Ich frag kurz beim Kollegen nach, was wir da machen könnten.“ Er wandte sich um, ließ sich wieder in seinem Fahrersitz nieder und zog sein Handy aus der Tasche… oder war es ein Funkgerät? Ich bin mir nicht mehr sicher.

„Grüß dich, ich bin’s!“, hörte ich ihn sprechen. „Du, hör mal – ich bin gerade hier im Güterbahnhof eingefahren und hab einen blinden Passagier an Bord.“ Ich musste unwillkürlich grinsen – was sich die Person am anderen Ende bei diesen Worten wohl denken mochte? „Sie muss nach Augsburg. Ihr Zug in München fährt um 03:17 – ja, vom Hauptbahnhof. Weißt du, ob heut noch irgendwas reinfährt?“ Ich spitzte gespannt die Ohren, konnte jedoch nichts von dem verstehen, was der Gesprächspartner erwiderte. „Ja… jaaa… okay… Gleis 23? Wo ist das denn? Aha… aha… gut… okay! Alles klar – dann machen wir uns auf den Weg. Danke dir!“ Mein Herz machte einen Hüpfer – das klang doch gut! Er legte auf und wandte sich zu mir um: „So, wir haben jetzt einen kleinen Fußmarsch vor uns. Der Kollege wartet auf Gleis 23, er wird Sie dann mit zum Hauptbahnhof nehmen.“ „Super!“ Ich konnte mein Glück kaum fassen. „Wann fährt er denn ab?“, fragte ich. „Sobald wir da sind.“ Er öffnete die Tür nach draußen und schaltete das Licht aus, ehe er mit einem großen Schritt ausstieg. „Wartet er extra auf mich?“ Ich folgte ihm mit einem kleinen Sprung auf den Bahnsteig, schwer beeindruckt: So hilfsbereite Menschen lernte ich nicht oft kennen. „Nun ja – er hat eigentlich gerade Pause und würde sich erst in zwei Stunden auf den Weg in die Stadt machen. Aber da es ihm egal ist, ob er hier oder in München wartet, fährt er früher ab, damit Sie Ihren ICE noch erwischen.“

Er verschloss den Zug, und wir folgten gemeinsam dem Bahnsteig. Ich fand, dass es hier tatsächlich aussah wie „weit weg vom Schuss“ – einsam, verwildert und ein wenig chaotisch: Zwischen munter wuchernden Wiesen und hochgewachsenen Sträuchern führten kreuz und quer Gleise hindurch; hier und dort lag ein verloren wirkender Bahnsteig, überall waren unterschiedlichste Arten von Zügen, Lokomotiven und Waggons „geparkt“. Wir bewegten uns über Stock und Stein, stolperten durch Erdlöcher, über Schienen und Wurzeln. Ich wiederholte pausenlos, wie dankbar ich war, doch der Zugführer winkte ab: „Ich hab ja eh nix zu tun, und ’n bisschen Bewegung schadet mir nicht.“ Leider war er ansonsten nicht sehr redselig, und ich kam mir irgendwie unhöflich vor, während ich ihm schweigend folgte; doch ich wusste auch nicht wirklich, was ich sagen sollte. Schließlich erreichten wir ein kleines beleuchtetes Gebäude, das mich an die DB-Infohäuschen erinnerte, wie sie auf vielen Bahnsteigen errichtet sind. Eine kleine Metalltreppe führte hinauf; der Zugführer stieg empor und trat dann durch die Tür. Unsicher blieb ich auf der Schwelle stehen und wartete, während er sich von einem drinnen sitzenden Kollegen noch einmal den Weg erklären ließ. Kurz darauf kehrte er mit zufriedener Miene zurück. „So, weiter geht’s!“

Nach insgesamt etwa zwanzig Minuten deutete er schließlich geradeaus auf einen niedlichen kurzen Regionalzug, aus dessen Führerhäuschenfenster bereits der Kopf eines Mannes lugte. „Da ist er.“ Mit diesem Zug sollte ich also zurückfahren? Mal etwas Neues, dachte ich belustigt. „Na, da seid ihr ja!“ Der Zugführer, ein dunkelhaariger, bärtiger Mann mittleren Alters, grinste uns gutgelaunt entgegen. „Habt ihr mich also gefunden. Dann mal rein mit dir!“ Er zwinkerte mir freundlich zu.

Ich kramte in meiner Tasche, entschlossen, meinem ersten „Retter“ zum Abschied ein Trinkgeld zu geben; doch er lehnte vehement ab. „Nein, wirklich - kein Problem! Jeder Gang macht schlank!“ Er lachte. „Kommen Sie gut nach Hause – diesmal im richtigen Zug!“ Der zweite Zugführer stand mittlerweile an der geöffneten Tür und streckte mir eine Hand entgegen. Da sich der Einstieg ein ganzes Stück über dem Boden befand, ergriff ich sie dankbar. „Aber jetzt musste mir mal sagen: Wie kommt man denn auf so ’ne Idee?“, fragte er mich grinsend. „Ich musste auf die Toilette“, erwiderte ich entschlossen. „War’s denn so dringend?“ Er trat glucksend wieder ins Führerhäuschen, während ich mir zögerlich einen der Sitze hinunterklappte, die sich gleich gegenüber der Tür befanden.

„Setzen Sie sich doch hierher. Dann hab ich jemanden zum Plaudern!“ Kurzerhand winkte er mich nach vorne und schob mir einen Stuhl entgegen. Ich ließ mich darauf nieder, sehr angetan von der Idee, einmal selbst im Führerhäuschen zu sitzen – wann konnte man als gewöhnlicher Passagier schon einmal vorne rausgucken, während man Bahn fuhr?
Der Zugführer schien meine Gedanken zu lesen. „Ist doch viel cooler, mal an der Spitze zu hocken, oder? Das haste bestimmt noch nicht erlebt!“ Er setzte den Zug mit einem Ruckeln in Bewegung und startete. Langsam verschwanden die geradeaus führenden Schienen unter dem Leib unseres Zuges, während er sich in gemächlichem Tempo vorwärts bewegte.

„Noch mal vielen Dank auch an Sie“, sagte ich. „Ich dachte echt, die Nacht kann ich durchmachen!“ „Ach was, immer gerne!“ Der Zugführer lachte sein fröhliches Lachen. „Auf die Weise erlebt man mal was! Sonst sitzt man ja eh nur rum und liest Zeitung.“ Was erleben, das kann er laut sagen, dachte ich. Nach und nach all passierten wir die beleuchteten Bahnhöfe und Gebäude, die ich mir auf der unfreiwilligen Hinfahrt eingeprägt hatte in dem verzweifelten Versuch, einen Hinweis darauf zu erlangen, wo wir uns befanden… „Und du warst in München feiern?“, riss der Zugführer mich auf meinen Gedanken. Ich schüttelte den Kopf. „Nein, arbeiten – in einer Tierklinik“, fügte ich erklärend hinzu, als die bei Menschen, denen ich diese Antwort gab, übliche Irritation auf sein Gesicht trat. „Wir haben noch einen Kaiserschnitt bei einer Katze durchgeführt.“ „Echt? Wie viele sind’s denn geworden?“ „Acht. Aber es haben nur vier überlebt; die Besitzer haben ewig gewartet, ehe sie zu uns gekommen sind. Wir haben dann über eine Stunde lang zu sechs Leuten versucht, die Babys ins Leben zu rubbeln“, erzählte ich. Ich freute mich immer, wenn sich jemand für den Beruf interessierte, der mir selbst so viel Freude bereitete. „Aber eines kam schon ohne Herzschlag zur Welt, und die anderen waren einfach zu schwach.“

„Oh, na ja. Immerhin. Sag mal, wieso hast du eigentlich nicht gleich beim Kollegen angeklopft, als der Zug losgefahren ist?“ „Ich wollte ihn nicht zu Tode erschrecken“, erwiderte ich seufzend. „Ja, das könnte wirklich passieren“, stimmte er mir nachdenklich zu. „Trotzdem – wie lang wolltest du denn warten? Der hätte ja genauso gut nach Köln fahren können!“ Darauf wusste ich nicht wirklich etwas zu erwidern. „Passiert so was öfter mal? Ich meine – dass plötzlich Leute in einem Leerzug sitzen?“, fragte ich stattdessen neugierig. „Oh, ab und zu schon. Ich hab’s auch schon mal erlebt. Da hatten sich zwei im Zug schlafen gelegt und als sie aufwachten, fuhren sie gerade mitten durch die Pampa. Die Herrschaften haben richtig Panik bekommen und dann die Notbremse betätigt. Da war mir auch nicht wohl bei, kann ich dir sagen: 60 km lang fahren in dem Glauben, man sitzt allein im Zug – und plötzlich zieht einer die Notbremse!“ Ich lachte. Plötzlich fiel mir auf, welch ein unverschämtes Glück ich gehabt hatte, dass mein Zug nur aus einem einzigen Zugteil bestanden hatte – andererseits hätte ich gar nicht bis zum Fahrer durchdringen können! Zum Glück ist mir dieser Horrorgedanke nicht vorhin gekommen, schoss es mir durch den Kopf.

Vor uns kam die riesige, prächtig beleuchtete Bahnhofshalle des Münchener Hauptbahnhofs in Sicht. Es war ein eindrucksvoller Anblick, wenn man so unmittelbar darauf zu fuhr; ich konnte mich gar nicht satt sehen! Beeindruckt beobachtete ich, wie unser Zug sich problemlos auf einer der ununterbrochen über Kreuz laufenden, sich überschneidenden, verzweigenden oder zusammenlaufenden Schienen einfädelte. Langsam glitten wir an unserem Bahnsteig vorbei, bis der Zug schließlich in seiner vollen Länge danebenstand und anhielt. „Da wären wir. Das da hinten ist der ICE über Ausgburg!“

Glücklich verabschiedete ich mich von dem zweiten unwahrscheinlich hilfsbereiten Zugfahrer, den ich heute kennen gelernt hatte – und der ebenfalls aufs Trinkgeld verzichtete – und machte mich auf den Weg zu meinem ICE. Dabei stellte ich begeistert fest, dass er mittlerweile beleuchtet war und Passagiere darin saßen – ich hatte den Abend tatsächlich ohne Frieren überstanden; dank zweier Zugfahrer, die mir ohne zu zögern aus der Patsche geholfen hatten. Ein wirklich netter Zug.

Melina Klein, 22, Augsburg (Bayern)

Die Würdigung der Jury

Der Retter in der Nacht

Eine blinde Passagierin mitten in der Nacht – Lokführer Nico Hilsberg macht nicht viel Aufhebens um die Sache.

Eine blinde Passagierin mitten in der Nacht – Lokführer Nico Hilsberg macht nicht viel Aufhebens um die Sache. Er greift auf dem Güterbahnhof zum Handy, die Kommunikation beschränkt sich weitgehend auf „Ja… okay… Gleis 23? Aha… … gut!

Der 36-Jährige, der normalerweise alleine auf seiner Lok sitzt, ist kein Freund großer Worte, aber Retter in der Nacht. Er hilft der jungen Frau, pünktlich wieder am Hauptbahnhof in München zu sein. Für die Allianz pro Schiene-Jury ist Nico Hilsberg der Inbegriff des hilfsbereiten Lokführers in Ausnahmesituationen. Er hat in einem Extremfall richtig reagiert. Nicht, weil er es in einer „Service-Schulung“ so gelernt hat oder es in irgendeinem Dienstplan stand, sondern, weil er es als selbstverständlich, in seinen Worten „pflichtmäßig“, empfunden hat.

Soviel innere Eigenverpflichtung zur „pflichtmäßigen“ Vorbildlichkeit belohnt die Jury mit dem zweiten Platz beim „Eisenbahner mit Herz 2011“. Mögen viele Fahrgäste, wenn sie selber einen Fehler gemacht haben, auf solche Helfer stoßen. Sie werden es dann eher entschuldigen, wenn es bei der Bahn mal nicht ganz so rund läuft.

Preisverleihung

Dort wartete die Goldene Anstecknadel „Eisenbahner mit Herz“ auf ihn. Nico Hilsberg kam aus München, um die silberne Nadel entgegen zu nehmen. Die Rostockerin Claudia Möller (ebenfalls Silber) war auch pünktlich zur Stelle: Um 11 Uhr ging es am 12. April los mit der Siegerehrung in der Austernbar im Berliner Hauptbahnhof.

Drei, die ihre Fahrgäste nicht im Regen stehen lassen