27. April 2015

Wie Bahnen zu mehr Lebensqualität in Europa beitragen

EU-Projekt LivingRAIL: Vision einer humanen Mobilitätswelt in 2050

Nicht jede Vision endet mit High-Tech: Vielleicht kommt einfach ein besseres Leben dabei heraus, wenn Menschen das Auto massenhaft stehen lassen.

Berlin, den 27. April 2015. Was wäre, wenn das EU-Weißbuch Verkehr in die Tat umgesetzt würde? Wenn die Menschen Abstand vom Auto nähmen und sich den öffentlichen Raum in den Städten zurückerobern würden? Diese Fragen haben sich Wissenschaftler im Rahmen des EU-Forschungsprojekts LivingRAIL gestellt. Herausgekommen ist eine Vision für den Bahnverkehr in Europa 2050, die auf den Zielen des Weißbuchs basiert. Eine humane und nachhaltige Mobilitätswelt sehen die Bahnexperten so: Im Jahr 2050 reist die Mehrheit der Europäer im Regional- und Fernverkehr mit dem Zug, auch der größte Teil der Güter auf mittleren und langen Strecken wird mit der Bahn transportiert, auf überwiegend elektrifizierten Gleisnetzen. Die Siedlungsplanung orientiert sich an den Erfordernissen eines nachhaltigen, bahn-affinen Verkehrssystems. Der öffentliche Raum insbesondere in den Städten wieder den Menschen statt den Autos. Die erfolgreichen Städte der Zukunft sind grüne Städte der kurzen Wege, in denen die Menschen zu Fuß gehen, mit dem Rad fahren und für längere Strecken die Bahn nutzen. Die Statusfunktion des Privatautos hat ausgedient und dem Trend Platz gemacht, Autos zu teilen und zu nutzen statt zu besitzen, sowie verschiedene Verkehrsmittel pragmatisch zu kombinieren. Bahnhöfe sind Knotenpunkte für alle Verkehrsmittel und urbane Zentren des wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Lebens. Ein dichtes Gleisnetz verbindet die Städte und Regionen in Europa miteinander und trägt zum Zusammenwachsen des Kontinents bei. Die Europäischen Bahnen orientieren sich konsequent an den Bedürfnissen ihrer Kunden und bieten hochwertige, bezahlbare und zuverlässige Leistungen im Personen- und Güterverkehr an. Eine Fahrt mit der Bahn durch Europa lässt sich ebenso einfach organisieren wie eine Reise mit dem Auto, Lkw oder Flugzeug. 

Um die Ziele des EU-Weißbuchs Verkehr umzusetzen, müssen die Bahnen in Europa ihren Marktanteil um das Drei- bis Fünffache erhöhen. „Das ist sehr ambitioniert aber machbar“ erklärte Projektkoordinator Claus Doll vom Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung am Montag in Karlsruhe. „Allerdings müssen viele Akteure zusammenwirken: Es bedarf eines kulturellen Wertewandels der Verbraucher, den diese auch im Alltag leben. Die Bahnen müssen enorme Anstrengungen unternehmen, um kundenorientierter, flexibler und innovativer zu werden. Und die Politik muss beide unterstützen mit einer koordinierten Raumplanung und Verkehrspolitik. Wenn nur einer der Akteure ausfällt, funktioniert es nicht.“ Dabei sei die Bahn nicht das „allein seligmachende Verkehrsmittel, ihre Flexibilität in dünn besiedelten Gebieten ist und bleibt begrenzt“, sagte Claus Doll. Die LivingRAIL-Forscher sehen die Bahn als Systemintegrator eines multimodal vernetzten Verkehrssystems. Claus Doll: „Die Bahnen sind die Hauptschlagader in einem vielfältigen Verkehrsangebot, zu dem auch Bike- und Carsharing, Mietwagen und -räder, Mitfahr- und Lieferdienste gehören.“

Video: Der LivingRAIL Projektfilm

Wo der Besitz eines privaten Pkw überflüssig wird und autofixierte Mobilitätsgewohnheiten abgebaut werden, eröffnen sich Chancen für die Bahnen. Das kommt Mensch und Umwelt zugute. „Weniger Auto ist kein Verzicht, sondern ein Gewinn an Lebensqualität“, sagte Frauke Jürgens, die bei der Allianz pro Schiene für das LivingRAIL-Projekt zuständig ist. „Die Menschen profitieren von einer lebenswerteren Umgebung, einem gesünderen Lebensstil und weniger Stress.“ Besonders in den Städten schafft der Rückzug des Autos mehr Raum für attraktive öffentliche Ruhe- und Begegnungszonen.

Der Wertewandel in der Mobilität beginnt in den Städten, die am stärksten unter den Folgen des Individualverkehrs leiden. „Die Stadt ist Start- und Endpunkt für Reisen. Wer es in der Stadt gewohnt ist, ohne Auto mobil zu sein, ist auch bei anderen Reiseplänen flexibel in der Verkehrsmittelwahl. Außerdem sind die Städter in der Regel die Trendsetter einer Gesellschaft“, sagte Jürgens. Dass die Deutschen bereits umdenken, belegt eine aktuelle Studie des Umweltbundesamtes (UBA), der zufolge 82 Prozent der Deutschen dafür sind, Städte so umzugestalten, dass man kaum noch auf ein Auto angewiesen ist. Bei jungen Menschen sind sogar 92 Prozent für diese Umgestaltung.

Ihre Vision der Bahnwelt 2050 sehen die LivingRAIL-Forscher durch die Megatrends Ressourcenknappheit und Klimawandel, demografische Entwicklung, Urbanisierung, Digitalisierung und Automatisierung befördert. Ihre Analyse besagt im Einzelnen: Steigende Energiepreise stärken die Wettbewerbsfähigkeit der Bahnen aufgrund ihrer hohen Energieeffizienz, die auch einen unverzichtbaren Beitrag zum Klimaschutz leistet. In alternden Bevölkerungen steigt die Nachfrage nach einfacher und komfortabler Mobilität. Immer mehr Menschen leben in Ballungsräumen, die den Individualverkehr nicht mehr bewältigen können. Digitale Technologien machen multimodale Mobilität, also die flexible und barrierefreie Kombination unterschiedlicher Verkehrsmittel, zugänglich und einfach. Automatisierung steigert die Kosteneffizienz und Flexibilität des komplexen Systems Bahn. In dem Forschungsprojekt LivingRAIL arbeiten Forschungsinstitute, Pro-Schiene-Allianzen und die Bahnindustrie zusammen. Die acht Projektpartner kommen aus sechs europäischen Ländern. Sie entwickeln neben der Vision Bahn 2050 auch eine Roadmap, die aufzeigt, welche Akteure welche Maßnahmen ergreifen müssen, um die Ziele des EU-Weißbuchs Verkehr in die Tat umzusetzen.
LivingRAIL wird von der EU im Rahmen des 7. Forschungsförderprogramms finanziert.

Weitere Informationen:

Die LivingRAIL-Vision finden Sie hier:
http://www.livingrail.eu/rail-in-europe-2050/the-livingrail-vision 
Die LivingRAIL-Roadmap liegt im Juni vor. Erste Ergebnisse finden Sie hier:

http://www.livingrail.eu/railmap/key-messages

Veranstaltung:

Vision Bahn 2050 – In welcher Verkehrswelt wollen wir leben und warum sind wir so weit davon entfernt? Am 4. Mai in Berlin, Fraunhofer Forum
Warum sind wir in Deutschland von einem nachhaltigeren, weniger Straßen-fixierten Verkehrssystem so weit entfernt? Über die Autoabhängigkeit der Deutschen und die stagnierende deutsche Verkehrspolitik diskutieren am 4. Mai u.a. der bekannte autokritische Verkehrswissenschaftler Professor Hermann Knoflacher und der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Deutschen Bundestag Martin Burkert. Das Programm finden Sie hier: http://www.livingrail.eu/images/pdf/Einladung_LivingRAIL_4.5._Berlin.pdf