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11. Dezember 2012

Die Weihnachtsrezensionen der Allianz pro Schiene

Reiselektüre für Schienenfreunde

Langweilig? Das muss nicht sein. Mit der richtigen Reiselektüre kommen Sie viel schneller ans Ziel. Bevor Sie Ihren Reisekoffer zumachen, schauen Sie doch mal, was die Allianz pro Schiene so alles für Sie ausgesucht hat: Sie werden gerührt sein, sich ärgern oder vor Spannung im Sitz vibrieren. Denn wir empfehlen nicht nur schöne Bücher mit Zug-Bezug, wir ermitteln auch, welche Verkehrsmittel James Bond in seinen 50 Jahren als Geheimdienstler am liebsten genutzt hat. Das und noch viel mehr lesen Sie in unseren Weihnachtsrezensionen 2012.

 

James Bond: Jubiläums Collection (22 DVD-Box)

007 multimodal: Agent auf der Überholspur

Wer schon einmal im ICE Großraumwagen durch die Sitzritze den Film des Vordermannes mitgeschaut hat, weiß, dass dümmliche Komödien und hirnlose Thriller auch die kürzeste Reise in die Länge ziehen können. Doch mit der James Bond-Jubiläums-Kollektion (gefüllt mit 22 DVDs) ist sogar dem Vielfahrer geholfen. Doch bevor die Allianz pro Schiene ihrem verkehrspolitisch sensiblen Publikum diese „längste Filmserie der Welt“ ans Herz legt, hat die Geschäftsstelle gewissenhaft den Modal-Split-Check gemacht: Ist James Bond wirklich seit 50 Jahren ein unverbesserlicher Autonarr? Hat er ein Herz aus Blech und nährt seine Muskeln mit Benzin? Während zahlreiche Fotostrecken von „Spiegel Online“ bis zur „Rheinischen Post“ dies nahelegen, eröffnet unsere Studie zur Verkehrsmittelwahl des Doppelnullagenten einen anderen Blick: Lediglich bei der Quantität der Szenen dominiert das Auto. In Wirklichkeit ist James Bond ein Meister des schnellen Umstiegs. Nullnullsieben reist zu Wasser, zu Land und in der Luft, ist alternativen Antrieben gegenüber aufgeschlossen und erreicht regelmäßig seine Anschlüsse. Zudem hat fast jeder der sechs Bond-Darsteller teils legendäre Eisenbahn-Szenen vorzuweisen, die in den üblichen Jubiläums-Schauen („Bonds Frauen“, „Bonds Bösewichte“, „Bonds Autos“, „Bonds Uhren“, „Bonds Cocktails“, „Bonds Waffen“) deutlich zu kurz kommen.

Die erste Mission („James Bond jagt Dr. No“) zeigt den virilen Sean Connery als klaren Automann. Doch dass er in der finalen Liebesszene mit Ursula Andress den Motor seiner Schaluppe ausschaltet, beweist, dass schon der ganz frühe Bond ein modernes Gefühl für Entschleunigung wenn nicht Verkehrsvermeidung in sich trägt. Bereits in seiner zweiten Mission („Liebesgrüße aus Moskau“) entdeckt Bond die Eisenbahn. Fast die Hälfte des Films spielt im Orient Express, dessen luxuriöse Ausstattung als Hommage an die legendären Bahn-Szenen mit Cary Grant („Der unsichtbare Dritte“) gesehen werden muss. Schließlich war der elegante Grant die erste Wunschbesetzung des Bond-Erfinders Ian Fleming. Erst nach dessen Absage bekam der – für den Geschmack des Schöpfers – zu behaarte Connery die Rolle. Natürlich ist der Orient-Express für Fachleute nicht einfach irgendein Zug. Dass es sich bei dem Bond-Waggon um einen CIWL-Schlafwagen 3893 vom Typ Y gehandelt haben muss, der inzwischen bei einer deutschen Museumsbahn bei Kiel stehen soll, haben Eisenbahnfreunde natürlich längst herausgefunden.

Connerys Nachfolger, der empfindsame George Lazenby, hat nur einen Auftritt als Bond. „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ gibt sich Lazenby bei einer zwischenfallfreien Zugreise in die Schweizer Berge zwar als gelangweilter Fahrgast zu erkennen, („I‘m not a good traveller“), doch fügt ihm sein inzwischen notorischer Aston Martin tiefe seelische Wunden zu: Auf kurviger Landstraße begegnet ihm eine lebensmüde Schöne, die aus ihrem Cabrio direkt ins Meer springt. Sie wird am Ende Bonds Braut. Doch das Glück im Aston Martin währt nur kurz: ein Kopfschuss auf kurviger Landstraße beendet Bonds ersten und einzigen Versuch einer Familiengründung.

Das Trauma sitzt so tief, dass sich der nächste Bond, der ironische Roger Moore, in einen polygamen Eispanzer hüllt. So vielfältig seine Frauenkontakte, so bunt fällt auch seine Verkehrsmittelwahl aus: Nullnullsieben der Moore-Ära fährt nie eingleisig, schätzt die Eisenbahn als Liebeskoje („Leben und Sterben lassen“) und Kampfplatz („Der Spion, der mich liebte“) und beeindruckt durch einen höchst kreativen Mobilitätsmix („Octupussy“): vom Cabrio Landrover mit Pferdeanhänger über ein Moped-Dreirad mit Dach bis hin zu einem Mini-U-Boot lenkt und steuert Bond alles, was einen Auspuff hat. Dass er bei der Verfolgung eines Zuges in einem Mercedes mit den Felgen seiner plattgeschossenen Reifen auf die Schiene umsteigt, zeigt, dass der 80er-Jahre Bond dem dumpfen Autowahn der 60er erfolgreich entwachsen ist.

Moores Nachfolger, der hartgesottene Timothy Dalton, ist unter dem Gesichtspunkt der Verkehrsmittelwahl unergiebig und rückschrittlich. Während das Blech auf beiden seiner Missionen gewaltig scheppert, bringt er es auf der Schiene nur zu einer bedeutungslosen Straßenbahnszene.

Pünktlich zum Ende des kalten Krieges betritt der reflexionsstarke Pierce Brosnan die Bühne. Brosnan ist der erste Bond, der sein eigenes Verkehrsverhalten aktiv zu hinterfragen versteht: In „Golden Eye“ befährt er eine kurvige Küstenstraße in Monaco, auf dem Beifahrersitz eine gutaussehende Psychologin, die ihn beurteilen soll. Ihr gefällt seine schnelle Fahrweise nicht.
          Psychologin: James bleib´ stehen. Ich weiß, warum Du das alles machst.
          Bond: Warum Liebling?
          Psychologin: Du willst mir nur imponieren mit der Größe Deines …..
          Bond: Motors?
          Sie: Nein, Egos.
Dass pünktlich zum Ende des Kalten Krieges eine neue Nachdenklichkeit einzieht, beweist auch der Hinweis von „Q“: James Bond habe eine Lizenz zum Töten, aber keine, die Verkehrsregeln zu missachten. Den hochgerüsteten waffenstarrenden BMW-Boliden, den der Ingenieur Nullnullsieben mitsamt Autoschlüsseln übergibt, kommentiert Brosnan wie der schnöselige Manager eines DAX-Konzerns: „Schön! Gerade richtig nach einem Tag im Büro.“ Für Soziologen ist Bond seitdem „der Kleinbürger in Waffen“, und gerade das Finale von „Golden Eye“ in einem fahrenden Panzerzug ist ein Beleg dafür. „Zerstörst du jedes Fahrzeug, in das du einsteigst?“, fragt Bonds Mitkämpferin nach erfolgter Mission. Brosnans treffende Antwort: „Jungs und ihre Spielzeuge!“

Nach so viel Selbsterkenntnis fordert natürlich der Körper wieder sein Recht: In der Ära des durchtrainierten Daniel Craig verliert das Verkehrsmittel als Beweis für die Potenz seines Halters weiter an Überzeugungskraft. Der erste blonde Bond, der ansonsten allerdings kaum Brustbehaarung aufweist, entscheidet seine Zweikämpfe nicht über Pferdestärken sondern mit Muskelkraft und Nervenstärke. So leistet sich „Casino Royale“ erstmals in der 50-jährigen Bond-Geschichte eine Eisenbahnszene ganz ohne Kampf und Geballere: Daniel Craig und seine spätere Verlobte fahren mit einem Hochgeschwindigkeitszug durch Montenegro und plaudern bei einem gepflegten Rotwein. So sicher war noch kein Bond mit über 200 Sachen unterwegs.

Und obwohl die allerjüngste Mission „Skyfall“ erst im März 2013 auf DVD erscheint, bietet die Box auch dafür schon ein leeres Fach mit Papp-Platzhalter. Verraten sei hier nur, dass Craig dort wieder in seinen notorischen Aston Martin einsteigt. „M“ fragt: „Wo fahren wir hin?“ Bonds Antwort: „In die Vergangenheit.“

 

Als Kulisse für all die Abenteuer auf der Überholspur ist der ICE-Großraumwagen bestens geeignet. Und wenn Ihr Hintermann sich vor Spannung den Hals verrenkt? Lassen Sie ihn ruhig mitschauen. Vielleicht kann er sogar eine kleine Preisfrage beantworten: „Gibt es einen Bond-Film, in dem Fahrräder eine Rolle spielen?“ Antworten bitte gleich an: info@allianz-pro-schiene.de

Allianz pro Schiene (Mitarbeit: Dirk Flege, Andreas Geißler, Jan Lauke, Marion Linneberg, Barbara Mauersberg, Martin Roggermann, Jolanta Skalska)

James Bond: Jubiläums Collection zum 50. Geburtstag
22 DVD-Box, mit freiem Platz für Skyfall
Ab 79,90 Euro

 

Steffen Möller: Expedition zu den Polen: Eine Reise mit dem Berlin-Warszawa-Express

Einmal Polen – einfache Fahrt

Welches Verkehrsmittel ist wohl am besten geeignet, um Menschen zu beobachten? Natürlich der Zug. Steffen Möller, ein Deutscher, sitzt im Zug nach Warschau, dem berühmten Berlin-Warschau-Express, und beobachtet seine Mitreisenden. Allerdings ist Möller in Sachen Polen nicht ganz unerfahren. Nachdem er 1994 einen zweiwöchigen Polnisch-Schnupperkurs in Krakau belegt hatte, emigrierte er noch im selben Jahr kurzentschlossen nach Polen. Besonders sympathisch: seine erste polnische Vokabel lautete „Hamulec Bezpieczeństwa“ (Notbremse). In Polen machte Möller dann richtig Karriere: vom Deutschlehrer zum Kabarettisten und Filmstar. In der Telenovela „M jak Miłość” (L wie Liebe) spielte er den deutschen Kartoffelbauern in Polen, der viel Pech in der Liebe hatte. Damit wurde er zum Liebling polnischer Frauen. Möller, der sich nach eigenem Bekunden auf der Fahrt über die Grenze in einen wacheren Menschen verwandelt, ist ein leidenschaftlicher Beobachter. Sein zweites Buch „Expedition zu den Polen“ gerät zu einer spannenden Reise in eine andere Mentalität und eignet sich deshalb ganz ausgezeichnet als Reiselektüre. Zwischen den Haltebahnhöfen erlebt der Leser skurrile Mitreisende und einen übel gelaunten Schaffner Pan Mirek. Er erfährt Interessantes über die polnische emotionale Intelligenz, die um das Zehnfache höher sein soll als die der Deutschen. Liebevoll beschreibt Möller auch das negative Denken der Polen, den Verkehrswahnsinn, die polnische Art, eine Gabel zu halten oder den typischen Heiligen Abend in Polen. Wenn Sie nicht sowieso gerade auf dem Weg nach Polen sind, werden Sie es spätestens jetzt in Ihre Planung nehmen. Und wenn Sie die letzte Seite verschlungen haben, schauen Sie sich ruhig mal um. Sogar in einem Großraumwagen nach Hannover lassen sich interessante Dinge entdecken. Auch Menschen-im-Zug-Beobachten will schließlich gelernt sein.

Jolanta Skalska

Steffen Möller: Expedition zu den Polen: Eine Reise mit dem Berlin-Warszawa-Express
Malik Verlag
14,99 Euro

 

Andrzej Stasiuk: Dojczland: Ein Reisebericht

Einmal Deutschland – und schnell zurück

Ist Andrzej Stasiuk ein Deutschland-Hasser? Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man „Dojczland“ liest. Auf Lesereisen unterwegs fährt der bekannte polnische Autor quer durch die deutschen Lande, bleibt niemals länger als zwei Tage an einem Ort. Mit einem Rucksack voller Vorurteile versucht er in Zügen und auf Bahnhöfen den Unterschied zwischen den Slawen und Germanen zu erkunden. Seine Familiengeschichte und Kindheitserinnerungen vermischen sich mit seinen Beobachtungen. Einfach nach Deutschland fahren ist für ihn unmöglich, auch nüchtern kann er dabei nicht bleiben. Nach Deutschland fahren ist für Stasiuk Psychoanalyse. Sein Slawentum lebt und schwillt hinter der Westgrenze Polens so gewaltig an, dass er sich manchmal sogar als Russe ausgibt. Eine Pulle Jim Beam hat er immer dabei, sie hilft ihm bei den selbstironischen Analysen. Dabei kommen weder Deutsche noch Polen besonders gut weg. Als Beispiel dient dem Autor etwa das jeweilige Verhältnis zur Form: Laut Stasiuk wollen die Germanen sie immer vervollkommnen, die Slawen wollen die jetzige abwerfen, in der Hoffnung, die nächste werde bequemer sein. In Deutschland fühlt Stasiuk den Druck, die Zeit in den Zügen sinnvoll zu verbringen. In Polen starrt er gern untätig aus dem Fenster. Das surreale Netz der Autobahnen in Deutschland macht ihm Angst, während ihn die heimliche Sehnsucht verfolgt, sich dort bis in die Unendlichkeit zu verlieren. Schließlich bekennt er noch, dass keiner seiner polnischen Freunde in Deutschland sich je mit einem Deutschen angefreundet hätte. Das Buch sei jedem Deutschen, der die typische Portion Selbsthass in sich trägt, wärmstens empfohlen. Wenn Sie sich zu sehr ärgern, können Sie es ja im Zug liegen lassen.

Jolanta Skalska

Andrzej Stasiuk: Dojczland: Ein Reisebericht
Edition Suhrkamp
9 Euro

 

Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer

Emma springt immer an

Auch wenn der Titel des Kinderbuchs von Michael Ende schon die Protagonisten preisgibt – der heimliche Star ist Emma. Rund ist sie und schwerfällig und zu allen Überfluss muss sie auch noch „ohne großen Verstand“ auskommen. Trotzdem würde Lukas sie niemals alleine lassen, denn welch andere Lokomotive hat schon solch ein „empfindsames Gemüt“? Als König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte dem Lokomotivführer Lukas eines Tages traurig gesteht, er müsse Emma aus Platzgründen abschaffen, trifft der rußgeschwärzte, aber weise Lokomotivführer Lukas eine Entscheidung: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion verlassen Emma und Lukas die winzige Insel Lummerland.

Mit an Bord (ja, auf Emma kann man auch über Wasser fahren): Ein kleiner Junge namens Jim Knopf, ein Findelkind, das weder lesen noch schreiben kann und im Gegensatz zu Lukas von Natur aus schwarz im Gesicht ist. Zu dritt erleben sie großartige Abenteuer mit „Scheinriesen, Halbdrachen und anderen außergewöhnlichen Wesen“ und immer springt Emma ein, wenn die Situation ausweglos erscheint. So erklimmt sie zum Beispiel steile Bergpfade in pechschwarzer Nacht oder lässt sogar Drachenherzen höher schlagen. Am Ende schließlich gelangen die drei als gefeierte Helden zurück auf ihre vergrößerte Heimatinsel und sogar für Lokomotiven-Nachwuchs ist gesorgt.

Michael Endes Klassiker ist zu Recht mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, denn die Geschichte über die Freundschaft zweier vordergründig unterschiedlicher Männer (und einer nahe am Wasser gebauten Lokomotive) ist mehr als nur spannend und kindgerecht erzählt. Sie berührt durch die kleinen versteckten Weisheiten in den Kapiteln. Exemplarisch dafür sei die Begegnung mit dem Scheinriesen genannt: Mögen die Probleme aus der Ferne noch so riesig und furchteinflößend erscheinen – mit jedem mutigen Schritt darauf zu, werden sie ein Stückchen kleiner.

Diese kleinen „Morälchen“ zusammen mit dem dramaturgischen Aufbau und der feinen Sprache lassen das Buch so sehr nach Märchentante klingen, dass man sich als Leser einen gemütlichen ICE-Schalensitz und eine kleine Zuhörerschar am Vierertisch wünscht – zum leise Lesen ist das Buch fast zu schade! Famos, wie Jim Knopf sagen würde.

Marion Linneberg

Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer
Thienemann Verlag
14,90 Euro

 

Candace Plummer Gaudiani: Between Destinations

Die Welt durchs Zugfenster

Sie kennen diese ganz besondere Stimmung: Sie sitzen im Zug, schauen in Gedanken versunken aus dem Fenster und lassen die Bilder der Landschaft an sich vorüber ziehen. Die Bilder werden nicht festgehalten, sie verändern sich, nur selten bleiben sie in Erinnerung. Die Fotografin Candace Plummer Gaudiani hat es sich zum Ziel gesetzt, genau diese Augenblicke zu bannen. Bereits als Kind reiste die Künstlerin mit dem Auto und dem Zug durch fast alle Staaten Amerikas, nun hat sie die Seelen-Landschaften ihrer Kindheit aus einem Zugfenster fotografiert. Viele Bilder sind schwarz-weiß, viele etwas verschwommen, viele gleichen dem schnellen Schnappschuss aus einem fahrenden Zug, den jeder von uns schon mal gemacht hat. Manchmal können die Formen nur erahnt werden, aber fast immer haben die Fotos eine runde Zugfenster-Umrahmung. Diese außergewöhnliche Perspektive nennt Gaudiani „Between destinations“ – zwischen den Zielen. Ihre sinnlichen und stimmungsvollen Bilder vermitteln das Gefühl der Bewegung, aber auch der Einsamkeit und Vergänglichkeit. In den Aufnahmen aus dem Zug gibt es keine Menschen, sondern nur Straßen, Felder, Flüsse, Brücken und Häuser. Gaudiani selbst beschreibt ihre Aufnahmen als die Stationen einer einsamen Reise durch das Leben, einer Reise zwischen Anfang und Ende in einem Zug, der nicht mehr anhält. Fast unmerklich zwingen die Bilder zum Nachdenken, erzeugen einen Perspektivwechsel, den wir immer auch durch eine Reise und einen Ortswechsel erreichen. Insbesondere die Bilder einer verschneiten und sonnigen Landschaft erinnern an eine Zugreise zu Weihnachten, die wir vielleicht nie erlebt haben und doch genau kennen: So öffnet sich das „innere Zugfenster“ für die Welt unserer Träume.

Agnes la Rocca

Candace Plummer Gaudiani: Between Destinations
Verlag Kehrer Heidelberg,
36,00 Euro

 

Weihnachtsrezensionen 2011:

 

Lew Tolstoi: Kreutzersonate und Sofja Tolstaja: Eine Frage der Schuld

Bahnfahren ist besser als jede Therapie

Tolstois berühmte „Kreutzersonate“ spielt in einem Zug, der mehrere Tage durch das weite russische Land fährt. Reisende steigen ein und aus, kochen Tee an den Stationen, kommen auf der Fahrt ins Gespräch. Auf einen Fahrgast wirkt diese Bahnfahrt so aufwühlend, dass er bei einer Plauderei über Liebe und Heirat seinen Mitreisenden plötzlich verkündet, dass er seine Frau umgebracht hat. Erschrocken wechseln viele Fahrgäste den Waggon, aber einer bleibt mutig sitzen. Auch wenn sich das Ehedrama, dessen Zeuge der Reisende wird, im 19. Jahrhundert abspielt, so bleiben Tolstois Thesen doch aktuell, solange es Männer und Frauen gibt. Verbinden Liebe, Lust, Leidenschaft, Hass und Eifersucht die Geschlechter oder sind Gefühle nicht eher das, was Männer und Frauen trennt? Tolstois Sex-feindliche Ansichten dürften den heutigen Leser sicher mehr aufregen als Charlotte Roches „Schoßgebete“.

Trotzdem stellt Tolstoi seine Frage ungleich radikaler als die meisten zeitgenössischen Skandal-Romane: Gibt es wirklich keine andere als nur die sinnliche Liebe und die Macht des Eros, der Mann und Frau gleichermaßen zum Opfer fallen müssen? Die Öffentlichkeit sah in der ermordeten Frau des Protagonisten Tolstois Ehefrau Sofja, die sich durch „Kreutzersonate“ verraten und gekränkt fühlte. Sie hat mit dem Schriftsteller 50 Jahre zusammengelebt, 13 Kinder geboren, war seine erste Leserin und „Reinschreiberin“. Ihre Antwort war ein eigenes Buch, „Eine Frage der Schuld“ folgt in dem vorliegenden Manesse-Bändchen auf Tolstois düstere Sonate und streitet wie eine mahnende Gegenstimme für die weibliche Sache, die allerdings ebenfalls mit der Ermordung der Frau endet. Bezeichnender weise wagte Sofja Tolstaja erst nach Tolstois Tod, ihr Buch zu veröffentlichen. Beide Werke sind in einer wunderbar bildhaften Sprache geschrieben. Wer danach nicht neu über das Thema Liebe und Ehe nachdenkt, ist entweder Internet-Programmierer oder Kardinal. Allen anderen Menschen empfehlen wir die Lektüre auf der nächsten Fahrt mit Eisenbahn. Und wenn dann der Mitreisende etwas auf dem Herzen hat? Dann hören Sie einfach mal zu.

Jolanta Skalska

Lew Tolstoi: Kreutzersonate.
Sofja Tolstaja: Eine Frage der Schuld
Manesse Bibliothek der Weltliteratur
19,95 Euro

 

Klaus Wanninger: Schwaben-Sommer

Mord, Folter und ein bisschen Stuttgart 21

Ein Krimi über ‚Stuttgart 21‘ – jau, dachten wir, endlich die wahre Wahrheit über das heiß diskutierte Großprojekt. Endlich ein Genre, das den komplizierten politischen, wirtschaftlichen, psychologischen, technischen und emotionalen Aspekten der Causa ‚Stuttgart 21‘ gerecht werden könnte. Pustekuchen. Krimi-Autor Klaus Wanninger handelt den umstrittenen Bahnhofsneubau in der schwäbischen Hauptstadt auf genau 3 Seiten mit einseitiger Eindeutigkeit ab: Abgehobene Polit- und Managerkaste hat Bezug verloren zu Sorgen und Nöten des kleinen Mannes. ‚Stuttgart 21‘ ist Immobilienprojekt, mit dem sie (die abgehobene Polit- und Managerkaste, s.o.) sich bereichern. Und dann schickt Wanninger seine Kommissare abends auf die Demo. Mehr erfährt man eigentlich nicht über ‚Stuttgart 21‘. Was die Kommissare tagsüber tun, soll aber wohl die Hintergründe auch des Bahnhofsprojektes spiegeln: Sie müssen Mord und Folter aufklären. Der Besitzer einer Maultaschenfabrik wird von der schwäbischen Alb geschubst. Da wir die Lektüre des Buches nicht empfehlen, verraten wir, wer dahinter steckt: korrupte Politiker und gierige Banker. Denn die abgehobene Polit- und Managerkaste hat jeden Bezug verloren usw. Wanninger spricht alles an: Globalisierung, kontraproduktive EU-Verordnungen, von Profitgier getriebene Kapitalisten. Arbeitgeber, die Mitarbeiter wegen Kleinigkeiten entlassen. Männer, die Frauen schlecht behandeln. Sogar ein schwuler katholischer Pfarrer kommt irgendwo irgendwann mal vor. Spannung kommt da nicht auf. Aber, und das tröstet, irgendwie ist die Welt im Schwabenländle doch noch in Ordnung: Die Guten fahren mit dem Zug, und die Bösen morden mit dem Auto. Natürlich ist die Tatwaffe ein aufgemotzter Macho-Angeberschlitten. Und wenn gefoltert wird, dann wenigstens auf schwäbisch – nein, nicht durch den Dialekt (obwohl…), sondern mit Maultaschen. Eindeutig nicht der Beste von den Wanninger-Krimis. Schade.

Frauke Jürgens

Klaus Wanninger: Schwaben-Sommer
KBV
9,90 Euro

 

Jürgen Lentes und Jürgen Roth: Im Bahnhofsviertel

Ein Muss für Frankfurt-Versteher

„Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt“, hat Joseph Beuys einmal gesagt, und Ähnliches mag man sich im Frankfurter B3 Verlag gedacht haben. Das Ergebnis ist „Im Bahnhofsviertel“, ein opulenter Band aus Literatur und Fotografie, ein Kompendium für Bahnfreunde und Bahnhofskenner. Das Werk, das Jürgen Lentes und Jürgen Roth im April 2011 herausgebracht haben, trägt den Untertitel „Expedition in einen legendären Stadtteil“. Und das trifft es.

Alles beginnt selbstverständlich im und mit dem Bahnhof, dieser beeindruckenden „Kathedrale der Moderne“. Aber dann wird der Leser hineingezogen in dieses Viertel, das so häufig in Rotlicht getaucht ist. Die leichte „Nitribit“ erwacht wieder zum Leben, es rockt der legendäre Elvis im Gitarrenladen und vielerorts riecht es nach Döner-rund-um-die-Uhr. Schriftsteller wie Eva Demski, Martin Mosebach, Bodo Kirchhoff oder Matthias Altenburg alias Jan Seghers durchstreifen die Straßen und lassen mit ihren Beiträgen – extra für dieses Buch verfasst – die schillernde Vielfalt des Bahnhofsviertels vor unseren Augen erscheinen. Oder besser gesagt: hinter unseren Augen. Denn hier entsteht – für alle Sinne – Kino im Kopf. Dieses Gesamtkunstwerk, das Erzählungen, Essays, Fotos und sogar Karikaturen vereint, hat natürlich seinen Preis. Aber den ist es allemal wert.

„Im Bahnhofsviertel“ ist so kurzweilig, dass sogar die strenge FAZ entzückt war. Für Bahnfans, die natürlich einen ganz eigenen kritischen Blick auf die Welt haben, bietet das Buch eine historische Rundumsicht auf den Bahnhof. Als Weihnachts-Geschenk für Frankfurt-Versteher taugt es allemal, nur die Patrioten werden es schon haben.

Armin Nagel (Kultur & Bahn)

Jürgen Lentes und Jürgen Roth: Im Bahnhofsviertel. Expeditionen in einen legendären Stadtteil
B3 Verlag
28,00 Euro

 

Thomas Feldmann: Akkublitz und Zigarre

Elektrisierende Antriebe

„Akkublitz und Zigarre“ – den meisten Buchkäufern dürfte dieser Titel Rätsel aufgeben, doch der Kenner ist elektrisiert: Ein Buch über Akkutriebwagen! Wer bei dieser Publikation aus der Reihe „Eisenbahn-Bildarchiv“ ein Werk vermutet, das sich in erster Linie an Eisenbahn-Nostalgiker wendet, liegt sicher nicht ganz falsch. Eine große Zahl stimmungsvoller und kenntnisreich kommentierter Farbfotografien lädt den Betrachter ein auf eine Zeitreise durch die letzten drei Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts, als Fahrzeuge der Baureihen 515 und (seltener) 517 auf fast allen nichtelektrifizierten Nahverkehrsstrecken der alten Bundesrepublik anzutreffen waren. Doch auch für Beobachter der aktuellen verkehrspolitischen Diskussion kann das kleine Bändchen hochinteressant sein, stellt es doch zwei Vertreter einer Antriebsform vor, die im Kontext der Elektromobilitätsdebatte heute alles andere als antiquiert anmutet. Bei den Fahrzeugen der Baureihen 515 und 517 handelte es sich nämlich um elektrisch betriebene Fahrzeuge, die ihre Antriebsenergie nicht aus einer Oberleitung bezogen, sondern aus mitgeführten, wiederaufladbaren Energiespeichern, eben den „Akkus“ bzw. Akkumulatoren. Erste Versuche mit dieser Antriebstechnik gab es bereits um 1900, und bei der Preußischen Staatseisenbahn erreichten die Akkutriebwagen noch vor dem Ersten Weltkrieg Serienreife. Die Entwicklung ging weiter, und die bis Mitte der 1990er Jahre eingesetzten ETA 150 alias 515 der Deutschen Bundesbahn schafften schließlich mit einer Batterieladung Strecken von 400 Kilometern.

Betrachtet man die Fotografien in dem vorliegenden Bildband, so stellt man fest: Einige der vorgestellten Bahnlinien sind aus den Fahrplänen verschwunden. Ein großer Teil aber erfreut sich weiter reger Nachfrage seitens der Fahrgäste. Nur wenige dieser Strecken wurden in der Zwischenzeit elektrifiziert. So bleibt die Frage: Sollte nicht im Rahmen millionenschwerer Programme für Elektromobilität auch die Entwicklung zeitgemäßer Nachfolger von Akkublitz und Zigarre gefördert werden? Der Bahnsektor jedenfalls hat das Thema „oberleitungsloser Elektroantrieb“ bereits auf der Agenda.

Andreas Geißler               

Thomas Feldmann: Akkublitz und Zigarre. Die Baureihen 515 und 517
Eisenbahn-Bildarchiv Bd. 48
Eisenbahn Kurier EK-Verlag
19,80 Euro

 

Toralf Staud: Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen

Greenwashing boomt

Immer mehr Unternehmen, Verbände und Politiker hängen sich ein Ökomäntelchen um, um sich oder ihre Produkte besser zu verkaufen. Dass Werbung und Realität auch im Umweltbereich durchaus zwei verschiedene Paar Schuhe sein können, zeigt der Journalist Toralf Staud in 59 Fallbeispielen anschaulich in „Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen“. Ein besonders dreistes Lügen-Beispiel: Der RWE-Elektro-Smart, der von Daimler und RWE als ausgesprochen klimafreundlich angepriesen wird. Staud, Gründer des Internetblogs www.klima-luegendetektor.de, weist ihm 30 Prozent höhere CO2-Emissionen nach als demselben Fahrzeug mit Dieselmotor.

Das im Umweltbereich zunehmend vorkommende „Lügen, bis das Image stimmt“ (Untertitel des Buches) hat aber auch eine positive Seite. Bei Lichte betrachtet ist es Ausdruck eines tiefgreifenden Wertewandels. In den USA enthalten bereits mehr als 10 Prozent aller Werbeaussagen Umweltschutzbehauptungen. Und wie heißt es so schön im Marketingdeutsch? Markenkern und Markenimage dürfen sich nicht zu weit voneinander entfernen, sonst wird man unglaubwürdig. Insofern wünschen wir uns ruhig beides: Immer mehr Greenwashing und noch mehr Aufklärung mit dem Klima-Lügendetektor – auf dass die Welt tatsächlich grüner werde.

Dirk Flege

Toralf Staud: Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen. Lügen, bis das Image stimmt.
KiWi paperback
8,95 Euro

 

Carsten Otte: Goodbye Auto

Autobiografie ohne Auto

Im Grunde beherzigen alle Lebenskünstler seit „Hans im Glück“ eine einfache Regel: Sie erklären die Not zur Tugend, den Mangel zum Erfolg. Der Radiomoderator Carsten Otte ist einer von ihnen. Sein Buch von einem, der auszog, die Welt ohne Auto zu erkunden, liest sich so abenteuerlich wie die Märchen der Gebrüder Grimm. Auch weil Otte radikal ist. Zwar ist er kein Autofeind, aber doch einer, der Zeit seines Lebens die Reifeprüfung Führerschein verweigert hat: Keine Fahrerlaubnis, das ist ein verkehrspolitisches Sit-in erster Güte: „Stell’ dir vor, es ist Stau, und keiner steckt drin.“

Als Fußgänger, Bahnfahrer und Beifahrer legt Otte die berüchtigte Autonation auf die Couch und macht unseren ganz alltäglichen Wahnsinn wieder sichtbar. Wie einst Hans im Glück kommt Otte zum Schluss zu einem lebensklugen Ergebnis: Es geht auch ohne. Das Auto ist ein Auslaufmodell. Kein Zweifel, Carsten Otte ist mobil. Vor allem im Kopf.

Barbara Mauersberg

Carsten Otte: Goodbye Auto. Ein Leben ohne Führerschein.
Goldmann Verlag
8,95 Euro