08. März 2011

Bahnen gewinnen trotzdem Kunden

EU-Fernverkehr: Deutsche Bahnfahrer zahlen die saftigsten Steuern

Berlin. Zum Auftakt der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin kritisiert die Allianz pro Schiene die europaweit einzigartig hohen Mehrwertsteuersätze, die Deutschland auf grenzüberschreitende Bahnfahrkarten erhebt. „Kein anderes Land in Europa leistet sich so saftige Sätze. Mit 19 Prozent Mehrwertsteuer auf jedes internationale Bahnticket sind wir traurige Spitzenreiter“, sagte der Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, Dirk Flege am Dienstag in Berlin. Nach einer aktuellen Aufstellung der Europäischen Kommission befreien mehr als drei Viertel der EU-Länder internationale Bahntickets völlig von der Mehrwertsteuer. Mit seinen 19 Prozent, die für den Abschnitt bis zur Grenze fällig werden, rangiert Deutschland weit vor dem zweitplatzierten Griechenland (13 Prozent) und dem drittplatzierten Österreich (10 Prozent).

Grenzüberschreitende Bahnfahrten: Nirgends so hohe Steuern wie in Deutschland
EU-Vergleich, Mehrwertsteuersatz für grenzüberschreitende Fahrten im Eisenbahn Fernverkehr

Quelle: Allianz pro Schiene auf Basis von Europäische Kommission 2011.
Darstellung der EU-15-Länder, alle weiteren EU Mitglieder 0 %.

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Flege verwies darauf, dass in Deutschland auf internationale Flüge weiterhin keine Mehrwertsteuer anfalle. Die gerade eingeführte Luftverkehrsabgabe sei zu niedrig, um die Wettbewerbsverzerrung zu heilen. Flege verlangte von der Politik eine längst überfällige Gleichbehandlung. „Wir fordern, die Mehrwertsteuerbefreiung auch auf internationale Bahntickets auszuweiten“, sagte Flege. Das mindeste wäre ein ermäßigter Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent, wie er in Deutschland bei Nahverkehrstickets erhoben wird.

Nach Berechnungen der Bahnen, die grenzüberschreitenden Verkehr anbieten, ist es in den letzten Jahren dennoch gelungen, die Marktanteile auf mehreren Strecken deutlich zu steigern. Die TGV-Relation Stuttgart – Paris hat nach Angaben der Deutschen Bahn inzwischen einen Marktanteil von 54 Prozent. Sogar auf der Relation Frankfurt – Paris habe der Fernverkehr auf der Schiene seinen Anteil inzwischen auf 28 Prozent gesteigert. Laut DB ist das viel, wenn man bedenkt, dass Frankfurt und Paris die Drehscheiben des deutsch-französischen Flugverkehrs sind.

Auch der internationale Anbieter Thalys, der von Deutschland aus auf der Strecke Köln-Brüssel-Paris verkehrt, vermeldet wachsende Passagierzahlen. Im gesamten Thalys-Netzwerk seien seit Dezember 2009 zehn Prozent der Neukunden vom Flugzeug auf die Bahn umgestiegen, sagte Thalys-Sprecherin Patricia Baars. Die Berechnung der von Land zu Land wechselnden Mehrwertsteuersätze sei inzwischen allerdings eine Wissenschaft für sich. „Für den deutschen Abschnitt des Tickets werden 19 Prozent fällig, in Belgien sind es sechs Prozent, in Frankreich null Prozent, wenn auf derselben Strecke eine konkurrierende Flugverbindung existiert.“

Dass der Zug trotz der unfairen Wettbewerbsbedingungen Marktanteile gewinnt, liegt nach Ansicht der Allianz pro Schiene an den kürzer werdenden Reisezeiten bei gleichzeitig wachsendem Komfort. „Auch den Umweltvorteil wissen die Kunden zu schätzen“, sagte Allianz pro Schiene-Geschäftsführer Flege.

Nach einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes von 2007 leiden Bahnkunden je nach Bundesland verschieden häufig unter dem Steueraufschlag auf internationale Fahrscheine. Danach hatte Baden-Württemberg die meisten Auslandsfahrgäste (4,4 Millionen), gefolgt von Bayern (2,6 Millionen) und Nordrhein-Westfalen (2,1 Millionen).


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