06. Dezember 2016

15.000 Lkw weniger jedes Jahr: Henkel setzt auf den Güterzug

Verkehrsverlagerung bei Henkel: Jedes Jahr rund 15.000 Lkw-Transporte weniger

Immer mehr Verlader sehen im Schienengüterverkehr eine wirtschaftliche und umweltfreundliche Transportalternative. Die Renaissance des kosten- und ressourcensparenden Gütertransports steht erst am Anfang. Pionier-Unternehmen zeigen, Schiene erfolgreich in die Logistikkette integriert werden kann.

So hat es angefangen: Kosmetika von Wassertrüdingen nach Monheim

Eigentlich war die Ausgangslage ideal: Vor mehr als 50 Jahren wurde das Schwarzkopf-Werk in Nachbarschaft zum Bahnhof des fränkischen Städtchens Wassertrüdingen errichtet. Die direkte Schienenanbindung hatte den Vorteil, dass die Produkte ab Werk mit der Bahn transportiert werden konnten. Als Henkel das Werk Ende der 90er Jahre im Rahmen der Akquisition von Schwarzkopf übernahm, war die Schiene längst Geschichte und der Fertigwarentransport bereits auf die Straße verlagert worden.

Mehrere Versuche waren nötig, diesen Rückschritt wieder zu beheben. Im Jahr 2009 ging dann alles sehr schnell: In der Rekordzeit von nur vier Monaten wurden die Gleisanlagen reaktiviert. Im Januar 2010 startete der erste Henkel-Zug.

Lange Geschichte mit Happy End

Das Zentrallager für die Schönheitspflegeprodukte des Unternehmens befindet sich in Monheim bei Düsseldorf. Die Option Schiene wurde interessant, als der Warenumschlag anstieg und das Unternehmen eine neue und vor allem nachhaltige Transportlösung zwischen dem Werk Wassertrüdigen und dem Lager Monheim finden musste.

Die Anbindung der beiden Standorte an die Schiene war schnell als effiziente und nachhaltige Alternative zum LKW identifiziert. Aber es musste genau geprüft werden, ob die Kapazitäten der Schiene ausreichten. Außerdem verlangten die bürokratischen Hürden und die kostenintensiven Baumaßnahmen eine genaue Analyse. Im Wassertrüdinger Werk war nur eine verwaiste Bahnanlage vorhanden, die 1995 stillgelegte Strecke in der Nähe der Fabrik Wassertrüdigen reparaturbedürftig und im Lager Monheim waren Gleisanschlussarbeiten vonnöten. Trotz allem, die Prüfung kam zu dem Ergebnis: Der Schienentransport lohnt sich.

Im Jahr 2009 startete Henkel schließlich das Projekt. Die Bahnstrecke war mittlerweile von der Deutschen Bundesbahn an die Bayern Bahn, eine in Nördlingen ansässige Privatbahn, verpachtet worden. Dank der Flexibilität der Privatbahn in Kombination mit den Bahnen der Stadt Monheim erarbeitete Henkel ein attraktives Konzept mit bedarfgerechten Transportkapazitäten. Die beiden Privatbahnen machten eine direkte Zugverbindung zwischen Wassertrüdingen und Monheim im sogenannten „Nachtsprung“ möglich. Das Unternehmen nahm für das Projekt das Förderprogramm des Eisenbahnbundesamts zur Reaktivierung privater Gleisanschlüsse in Anspruch. Mehr als vierzehn Jahre nach der Streckenstilllegung und nur wenige Monate nach Beginn der Planungsphase im August 2009 rollte am 8. Januar 2010 der erste Zug ins Beauty Care-Logistikzentrum im Monheim.

Zwei private Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) erbrachten die Transportleistung: Henkel schloss einen Transportvertrag mit der BayernBahn, einem mittelständischen EVU, das seinerseits mit den Bahnen der Stadt Monheim kooperierte. Und so lief ein ganz normaler Transporttag ab: Um 17.30 Uhr war der Zug in Wassertrüdingen abfahrbereit. Bis ins 15 Kilometer entfernte Gunzenhausen fuhr eine Diesellok, dort übernahm eine Elektrolok und fuhr die Wagen rund 480 km bis nach Langenfeld im Nachtsprung. Von Langenfeld bis Monheim ging es weiter auf der Infrastruktur der Stadt Monheim, wieder 6 km in Dieseltraktion. Schon am Folgetag um 6 Uhr morgens konnte die Zugentladung bei Hammesfahr beginnen. Die leeren Wagen fuhren anschließend wieder zurück und waren um 17 Uhr wieder in Gunzenhausen, wo sie gegen beladene Wagen getauscht wurden. Ein perfekter Logistikkreislauf, der insgesamt drei Wagenparks notwendig machte: Ein Zug wird entladen, ein zweiter Zug beladen und das so genannte Henkel-Shuttle verkehrt zwischen Wassertrüdingen und Monheim.

Die Nachhaltigkeitsstrategie von Henkel

Henkel strebt einen nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg an und hat seit 2011 Fünfjahresziele, wie der Energieverbrauch und der Treibhausgasausstoß gesenkt werden kann. Bis zum Jahr 2030 will das Unternehmen 30% Energie und CO2-Ausstoß pro Produktionseinheit einsparen. (Status 2015: -18%). Im Bereich Logistik und Transport sieht Henkel eine CO2-freundliche Alternative zum Lkw und optimiert seine Logistikstrukturen und -konzepte, um Transportemissionen zu senken. Auch seine Logistikpartner wählt Henkel nach Leistung im Bereich Effizienz und Nachhaltigkeit.

Erfolgsstory: Transportvolumen auf der Schiene seit 2010 verdoppelt

Seit dem Start des Direktzuges zwischen Wassertrüdingen nach Monheim im Jahr 2010 hat sich das Volumen auf dieser Strecke inzwischen verdoppelt, von ca. fünf Doppelwaggons, auf durchschnittlich zehn in 2015. Die BayernBahn aus Nördlingen führt weiterhin den Hauptlauf durch und die Firma Railflex aus Ratingen übernimmt die letze Meile. Der umweltfreundliche Bahntransport entlastet die Autobahnen A7/A3 um bis zu 60 Lkw pro Tag. Pro Jahr sind es 15.000 Lkw weniger auf den Straßen, rechnet das Unternehmen vor.

Henkel setzt weiter auf die Schiene und entdeckt den kombinierten Verkehr

Henkel baut seine nachhaltige Logistik weiter aus, bei den „Werk-zu-Lager“ und „Lager-zu-Lager“ Verkehren. So hat das Unternehmen erfolgreich geprüft, ob Rohstoffe für die Produktion in Wassertrüdingen per Bahn angeliefert werden konnten. Im Ergebnis wird das Hauptrohstoff Texapon N70, eine waschaktive Substanz für den Einsatz in Shampoos und Flüssigseifen, die im BASF-Werk bei Düsseldorf hergestellt wird, nach Wassertrüdingen per Bahn transportiert. Acht Tank-Kesselwagons je 65 Tonnen hat Henkel dafür vom Unternehmen VTG geleast. Sie sind beheizbar, da eine Temperaturführung nötig ist, und ersetzen jeweils drei Straßentankzüge a 22 Tonnen für die genannte Strecke vom zweimal 500 km. Diese Lösung spart ca. 600 Tonnen CO2 pro Jahr ein.

„Henkel setzt auch auf den kombinierten Verkehr „Straße-Schiene“ und spart damit signifikant Treibhausgasemissionen ein“, sagt Dr. Klaus Engelmann, Head of Global Logistics Henkel Beauty Care. Zwischen dem Henkel-Werk in Viersen und Mailand (Italien) fahren pro Jahr ca. 380 Lkw insgesamt 850 km auf der Schiene. Dadurch kann Henkel rund 320 Tonnen CO2 einsparen. Zwischen Viersen und Poznan (Polen) fahren ab April 2015 ca. 200-250 Lkw insgesamt 870 km auf der Schiene. Im Ergebnis 250 Tonnen CO2 weniger. Ab Sommer 2015 laufen auf einer Strecke von ca. 1.050 km Schienentransporte zwischen dem Henkel-Werk in Maribor (Slowenien) und dem Lager in Monheim. Zurzeit fahren zwar „nur“ ca. 30 Lkw pro Monat mit der Bahn, aber das Volumen wäre auf 80 Lkw ausbaufähig.

Auch einige Kunden von Henkel werden mit der Bahn beliefert, wie der „Drogerie-Markt Müller“ im Zentrallager in Ulm. Ca. 5 Lkw pro Woche gehen von Monheim via Köln-Eifeltor mit Waschmittel und Kosmetik per Bahn nach Ulm. Auf ca. 490 km werden so 200 Tonnen CO2 pro Jahr eingespart.

Noch mehr Potential bei der Verkehrsverlagerung

Auch weitere Feldversuche scheut Henkel nicht. Zwischen April und Dezember 2016 versucht Henkel auf der Strecke von ca. 620 km die Menge von 250 Lkw mit Langtrailern und umgebauten Flat-Bed-Waggons auf die Schiene zu verlagern. Weitere intermodale Verkehre sind weltweit in Planung: In Griechenland, in der Türkei, in Skandinavien oder auch in den USA.

„Wir prüfen alle Routen auf intermodale Tauglichkeit“, so Logistik-Manager Engelmann. Er findet, dass die Bahn für Henkel eine gute Alternative zum Lkw ist – und zwar nicht nur für Massentransporte, sondern auch für palettierte Ware. Er arbeitet gern mit privaten Bahn-Anbietern. Eine intelligente Einsatzplanung hilft, Preise und Zustellzeiten zu optimieren. „Schon jetzt könnten wir noch mehr Transporte mit den Güterbahnen durchführen. Leider gibt es dafür jedoch noch zu wenige Anbieter und Terminals“, erklärt Engelmann. „Insbesondere auf der West-Ost Achse ist eine Angebotsverbesserung wünschenswert. Dann gibt es auch mehr Wettbewerb zwischen den Anbietern.“

Große Firmen in Deutschland mit regelmäßigen Versandvolumen sieht der Logistiker in der Pflicht: „Gerade in der Logistik müssen wir nachhaltige Wege einschlagen, damit wir unser Klima auf lange Sicht bewahren wollen.“ Henkel tut es bereits.

Die Fakten im Überblick

Produkt

Beauty Care-Produkte (z.B. Haarcolorationen, Shampoo, Spülung, Körperdeo)

Verlagerte Tonnage

172.000 Tonnen pro Jahr, entspricht 15.000 LKW

Unternehmen

Henkel (Schwarzkopf)

Motivation für Verlagerung

Pünktlichkeit, Umweltvorteile, Nachhaltigkeitsstrategie des Unternehmens, Kostenvorteile und Effizienz

Verlagerungszeitpunkt

Start: Januar 2010, seitdem Verdoppelung des Volumens

Strecke

Wassertrüdingen (Bayern) – Monheim (Nordrhein-Westfahlen)

Streckenlänge

ca. 500 km

Transportunternehmen

Hammesfahr Logistik, Bayern Bahn, Railflex