Themen: Güterverkehr
13. Juni 2017

Windradlogistik – eine tonnenschwere Herausforderung

Ein Zug der e.g.o.o. transportiert Elemente für die Windkraftanlagen der Enercon GmbH aus Aurich.
Seit Anfang 2017 sind die Einzelteile der Enercon-Windkraftanlagen auf der Schiene unterwegs

Extrem sperrige, schwere oder andere außergewöhnliche Güter bereiten Logistikern oft Kopfzerbrechen. Windenergieanlagen zum Beispiel: Die Rotorblätter für Onshore-Anlagen sind nicht selten mehr als 65 Meter lang. Kein Problem für die Logistiker von Enercon: Der größte deutsche Hersteller von Windenergieanlagen transportiert die überlangen und schweren Komponenten wie Rotorblätter und Betonturmsegmente unter anderem mit der Bahn. Im Kombinierten sowie konventionellen Verkehr werden außerdem Halbfertig- und Fertigprodukte sowie Rohstoffe auf der Schiene transportiert.  Fast alle Teile eines Windrades können per Bahn gefahren werden. Weltweit produzieren Enercon-Anlagen grünen Strom. Ökologisches Handeln ist Unternehmensphilosophie: Für den umweltverträglichen Transport wurde 2007 ein eigenes Eisenbahnverkehrsunternehmen gegründet, die Eisenbahngesellschaft Ostfriesland-Oldenburg mbH (e.g.o.o.). „Bei uns ist grüne Logistik nicht nur eine Komponente – bei uns ist das die Grundlage“, erklärt Christian Stavermann, Prokurist und Leiter Verkehr der e.g.o.o.

Kontinuierlich werden immer mehr Transporte für Enercon auf die Schiene verlagert. Seit Beginn dieses Jahres auch Segmente der Beton-Türme für Windenergieanlagen. Sie werden in Emden hergestellt und können im Nachtsprung nach Dörpen, Spelle oder Mannheim ins Zwischenlager gefahren werden. Die letzte Meile legen sie auf der Straße zurück.

Verladung der Betonturmkomponenten für die Windkraftanlagen der Enercon GmbH
Per Kran werden die tonnenschweren Betonturmkomponenten auf den Zug der e.g.o.o. geladen

Enercon: Schwerlasttransporte auf der Straße sind aufwendig und unzuverlässig

Die marode Infrastruktur der Straßen und Brücken in Deutschland mache den Straßentransport schwerer und lademaßüberschreitender Güter immer schwieriger und zeitintensiver. „Ein Sondertransport auf der Straße muss erst einmal genehmigt werden – und das kann dauern. Wenn dann auch noch Begleitkapazitäten bei der Polizei fehlen, muss der Lkw über Nacht pausieren. Und schon ist man nicht mehr im Zeitplan“, erklärt Stavermann. Auf der Schiene dagegen läuft es zuverlässig und pünktlich.

Die Sondertransporte mussten allerdings auch auf der Schiene zuerst umfassend geplant und genehmigt werden. Signale, Brücken und Baustellen auf der Strecke wurden auf zulässige Abmaße und die Höchstlast überprüft, zudem gilt für lademaßüberschreitende Transporte zum Teil ein Begegnungsverbot mit anderen Zügen. „Die Zusammenarbeit mit der DB Netz AG verläuft aber einwandfrei. Wir haben stets das Gefühl, dass die Kollegen dort aktiv um die beste Lösung bemüht sind“, lobt Stavermann. Etwa vier bis acht Wochen dauerte die Streckenprüfung.

Gewusst wie

Ein Testzug der e.g.o.o. - Transport von Fertigteilbetonturm-Komponenten der Enercon GmbH
Gerade die Höhe und die Breite der Anlagen-Komponenten stellten die Logistiker vor Herausforderungen. Für den Transport der Betonturmsegmente hat die e.g.o.o. Tiefladewagen beschafft, um die 3,60 m hohen und 3,50 m breiten Turmsegmente per Bahn zu fahren. Mittlerweile ist die e.g.o.o. Experte im lademaßüberschreitenden Transport und bietet ihr Know-how auch anderen Firmen an, die Transporte auf die Schiene verlagern wollen.

Neben dem Hauptstandort im ostfriesischen Aurich hat Enercon noch weitere nationale und internationale Produktionsstätten. Auch in der Türkei, Österreich, Polen und Portugal werden Komponenten der Windenergieanlagen produziert. Entsprechend wurden die Relationen erweitert: „In diesem Jahr werden wir etwa 1,6 Millionen Tonnen Güter transportieren, davon rund 30% für externe Kunden“, berichtet Stavermann. So transportiert die e.g.o.o. beispielsweise auch für eine Brauerei in Nordrhein-Westfalen Getränkelieferungen auf der Schiene nach Norddeutschland und in die Region Berlin. Ein weiterer Posten, der zuvor mit hunderten Lkw auf der Straße transportiert wurde.

Und wir verlagern trotzdem

Allerdings wird der Schienentransport zunehmend schwieriger. „Der Lkw hat in Europa einen enormen Preisvorteil. Und das, obwohl die Infrastruktur ohnehin schon unter dem vielen Straßenverkehr erstickt“, sagt Stavermann. Und während die Lkw-Maut wie auch der Dieselpreis seit Jahren sinken, steigen  zum Beispiel die Trassenpreise für die Güterbahnen von Jahr zu Jahr. „Jeder möchte grüne Logistik – nur bezahlen will das keiner“, beklagt der Logistikleiter die fehlende Bereitschaft einiger Verlader. Doch er blickt optimistisch in die Zukunft: „Wir verlagern jede Woche neue Transporte von der Straße auf die Schiene. Ich bin überzeugt, dass sich der Schienentransport durchsetzen wird. Das sind wir der Umwelt einfach schuldig.“

Die Fakten im Überblick

ProduktBetonturmsegmente von Windenergieanlagen
Verlagerte Tonnage1.680 Tonnen in anderthalb Monaten, entspricht 40 Schwerlast-Lkw, Tendenz steigend 
UnternehmenEnercon GmbH
Motivation für VerlagerungUmweltschutz, Logistikvorteile, Zeitersparnis
VerlagerungszeitpunktAnfang 2017
StreckeVon Emden nach Dörpen, bzw. Mannheim
Streckenlänge70 bzw. 550 Kilometer
Transportunternehmen

e.g.o.o. Eisenbahngesellschaft Ostfriesland-Oldenburg mbH

Dieses Logistik-Portrait ist Teil des Projekts „Klima Dialog: Mehr Klimaschutz mit Schienenverkehr“