Themen: Güterverkehr
29. August 2018

Innovative Güterwagen: So wird der Schienengüterverkehr wettbewerbsfähig gemacht

Dr. Hanno Schell, Head of Technical Innovations bei der VTG, im Interview

Innovative Güterwagen: So wird der Schienengüterverkehr wettbewerbsfähig gemacht - Dr. Hanno Schell, Head of Technical Innovations bei der VTG, im Interview mit der Allianz pro Schiene
Leise, energieeffizient, wirtschaftlich: Die Zukunft des Schienengüterverkehrs

Um wettbewerbsfähiger zu werden, sollen Güterwagen in Zukunft energiesparender, wirtschaftlicher und leiser unterwegs sein. Das Waggonvermietungsunternehmen VTG forscht zusammen mit der Deutschen Bahn und dem Bundesverkehrsministerium im Rahmen des Projekts „Innovative Güterwagen“ daher noch bis Ende des Jahres an vier modernen Wagentypen, die den klassischen Schienengüterverkehr revolutionieren sollen. Dr. Hanno Schell, Head of Technical Innovations bei der VTG, hat das Zukunftsprojekt von Beginn an begleitet und maßgeblich vorangetrieben. Im Interview mit der Allianz pro Schiene verrät er seinen persönlich schönsten Moment, spricht über die wichtigsten Vorteile der einzelnen Komponenten und erklärt, welche Auswirkungen die Forschung auf den gesamten Schienengüterverkehr haben wird.

 

„Wir wollen die Schiene fit für die digitale Zukunft machen.“

Herr Dr. Schell, die ganze Welt spricht über künstliche Intelligenz, Blockchain-Technologie, von Robotern und selbstfahrenden Autos. Im Schienengüterverkehr werden Waggons größtenteils noch per Hand gekuppelt. Glauben Sie, dass die Bahnbranche dem digitalen Zeitalter gewachsen ist?

Der Schienengüterverkehr hinkt anderen Industrien sicherlich hinterher. Mit unserem Forschungsvorhaben wollen wir jetzt aber an diesen Themen arbeiten und die Schiene fit für die digitale Zukunft machen. Wenn es um autonomes Fahren geht, dann ist etwa unsere digitale Bremsanzeige ein großer Schritt in die richtige Richtung. Denn die sorgt dafür, dass der Lokführer den Status des gesamten Bremssystems mit allen Hebelstellungen und allen Verschleißteilen sehen kann und nicht mehr 500 Meter am Zug entlang gehen muss, um sich über den Zustand der einzelnen Wagen zu informieren. Das ist ein enormer technischer Fortschritt.

Der Zug mit den innovativen Güterwagen hat jetzt die Hälfte des Testzyklus hinter sich. 75.000 Kilometer haben die Wagen zurückgelegt; bis Ende des Jahres werden es 150.000 Kilometer sein. Mal aus dem Bauch heraus: Was war für Sie der schönste Moment bisher?

Mein schönster Moment war der, als ich den Zug mit den innovativen Güterwagen zum ersten Mal aus dem Testgelände habe rausfahren sehen. Das war im März 2018. Nach all den Tests im Vorfeld, den Zug auf die große Reise zu schicken, war etwas ganz Besonderes.

Und was war der schlimmste Moment?

Das ganze Projekt war extrem herausfordernd. Wir mussten in kürzester Zeit vier neue Wagen mit innovativen Komponenten entwickeln, die es so noch gar nicht gab. Es hat wöchentlich schwierige Momente gegeben, die wir immer wieder aufs Neue meistern mussten. Die Teams mussten in der Entwicklung und Produktion extrem eng zusammenarbeiten, was natürlich ein hoher Koordinationsaufwand war.

»Innovative Güterwagen«: Die wichtigsten Vorteile

Dr. Hanno Schell, Head of Technical Innovations bei der VTG im Interview mit der Allianz pro Schiene - Innovative Güterwagen: So wird der Schienengüterverkehr wettbewerbsfähig gemacht

Was sind die wichtigsten Vorteile der innovativen Güterwagen?

Der erste Vorteil betrifft das Gewicht: Die innovativen VTG-Güterwagen haben wir alle auf Leichtbau getrimmt, um die Zusatzgewichte der neuen modernen Komponenten auf dem Wagen kompensieren zu können. Wir konnten beide Wagenarten so um 400 bis 800 Kilo leichter machen, als die herkömmliche Bauart.

Ein weiterer Vorteil ist außerdem die neue Stahl-Scheibenbremsgeneration. Auch diese ist deutlich leichter als die Vorgänger-Generation und hat gleichzeitig eine längere Lebensdauer.

Ein nächster Vorteil betrifft unsere neuen Drehgestelle, die radial einstellbar sind. Die Radsätze sind nicht starr, sondern passen sich während der Kurvenfahrt an. Dadurch sinken Energiebedarf und Reibung erheblich.

Aber auch die vorhin bereits erwähnte digitale Bremsanzeige bringt enorm viele Vorteile mit sich. Sie steigert die Effizienz im Betrieb erheblich, so spart sie etwa bis zu eine Stunde Vorbereitungszeit vor Fahrtantritt ein. Die Innovation spart also erheblich Terminalstandzeiten und Kosten ein.

Zuletzt möchte ich den Vorteil des neuen elektropneumatischen Bremsventils hervorheben. Das Bremsventil kann den ganzen Zugverband zeitgleich einbremsen. Das führt zu einer deutlichen Reduzierung im Energieverbrauch und macht das Bremsen generell deutlich einfacher, weil sich die Bremskraft im gesamten Zug gleichzeitig entwickelt und nicht wie heute von vorne nach hinten.

 

„Der Schienentransport wird wettbewerbsfähiger.“

Was glauben Sie, welche Auswirkungen Ihre Forschung auf den gesamten Schienengüterverkehr haben wird?

Wenn man die Komponenten aus den innovativen Güterwagen in Serienproduktion und -einsatz bringt, dann wird das dazu führen, dass der Schienentransport wettbewerbsfähiger wird. Eine signifikante Verlagerung von der Straße auf die Schiene würde dadurch auf jeden Fall realistischer werden.

Wie ist der aktuelle Ausrüstungsstand der VTG-Flotte in Bezug auf digitale Technologien?

Wir haben bisher ungefähr ein Drittel unserer Flotte mit Telematik-Lösungen ausgestattet, wollen diesen Standard aber in spätestens anderthalb Jahren auf unsere gesamte Flotte übertragen haben. Außerdem ist unsere Flotte die größte Flotte in Europa mit Scheibenbremsen.

Die Bundesregierung unterstützt Ihre Forschung mit 18 Millionen Euro. Was kann der Bund darüber hinaus tun, um Innovationen im Schienengüterverkehr voranzutreiben?

Ohne die Unterstützung der Bundesregierung wäre es uns nicht möglich gewesen, in all diesen Bereichen so weit voranzukommen. Wir hoffen sehr, dass wir auch zukünftig digitale Technologien entwickeln und diese dann auch in Serie zu bringen können. Gerade hinsichtlich der breiten Einführung im Markt ist eine Anschubfinanzierung des Bundes unerlässlich – ohne diese würde sich die Branche wahrscheinlich sehr schwertun.

Herr Dr. Schell, wir danken Ihnen für das Gespräch.