Ob verlorene Gepäckstücke, widerspenstige Schließfächer oder Menschen, die auf ihre Unterstützung angewiesen sind: Patricia Bergmann kümmert sich als Service-Mitarbeiterin am Bahnhof Landshut darum, dass für die Reisenden alles möglichst reibungslos läuft. Regelmäßig hilft sie auch Menschen mit Handicap. Einfach Dienst nach Vorschrift? Nicht bei Patricia Bergmann. Die frühere Zahnarzthelferin unterstützt ihre Fahrgäste mit so viel Elan und Hingabe, dass sie inzwischen ein paar eingefleischte Fans hat, die sich eine Bahnreise ohne Patricia Bergmann gar nicht mehr vorstellen wollen.
Frau Bergmann, wenn sich ein Fahrgast mit Handicap bei Ihnen meldet, dann ist das für Sie nicht irgendein Auftrag, den Sie ausführen und dann einen Haken dran machen, oder?
Das stimmt, ich liebe es nämlich, Menschen zu helfen – egal ob bei der Arbeit oder privat. Da ist zum Beispiel Anna, eine ganz nette Rollstuhlfahrerin aus Rosenheim. Außerdem helfe ich immer einer Dame, die sonntags aus Eugenbach kommt, um in Landshut in die Kirche zu gehen. Und dann ist da noch Carla, die mit ihrem Rollstuhl Hilfe braucht, wenn sie ihre Tante in Passau besuchen fährt.
Carla und ihre Mama haben Sie ja besonders verzaubert, als Sie die beiden zum ersten Mal getroffen haben. Was genau ist da passiert?
Die Carla ist 14 Jahre alt und eine ganz Liebe. Sie braucht einen Rollstuhl, und deshalb war ihre Mama sehr nervös, als die Carla in den Osterferien zum ersten Mal allein zu ihrer Tante nach Passau fahren wollte. Einen Tag vor Carlas Reise mit mir hab ich bei ihr zuhause angerufen und mich vorgestellt, wer ich bin und was ich hier am Bahnhof so mache. Wir haben uns ein bisschen kennengelernt und dann auch einen genauen Treffpunkt vereinbart. Mir ging’s darum, auch Carlas Mama ein bisschen die Angst zu nehmen und ihr zu versichern, dass man Kinder in einem gewissen Alter auch ruhig mal loslassen kann. Und das war ganz cool, weil die Mama und die Carla, die haben sich da anscheinend sehr drüber gefreut.
Das klingt nicht so, als würden Sie einfach Dienst nach Vorschrift machen…
Nein, das wäre ja auch langweilig. Vorher bei den Menschen anzurufen, gehört eigentlich nicht zum Job. Aber mir ist das wichtig, und es gibt dann einfach beiden Seiten ein gutes Gefühl. Für mich ist das ganz normal, so bin ich halt.

Wie war das dann, als Carla und ihre Mama zum vereinbarten Treffpunkt kamen und es nach Passau gehen sollte. Lief da alles nach Plan?
Leider nicht. Carlas Zug fährt hier ins Landshut eigentlich von Gleis 4 ab. Das Blöde ist allerdings, dass es keinen Aufzug zum Gleis 4 gibt. Deshalb hatte ich vor, einen Gleiswechsel des Zuges zu veranlassen, damit der Zug auf Gleis 5 hält – dort gibt es nämlich einen Fahrstuhl. Nun hat aber an dem Nachmittag ein defekter Zug Gleis 5 blockiert, deshalb konnte ich Carlas Zug nicht dahin umleiten. Wir hatten nicht viel Zeit zu überlegen, also bin ich ganz pragmatisch an die Sache rangegangen.
Jetzt sind wir gespannt!
Die Carla ist wirklich richtig gut drauf, also habe ich sie gefragt, wie das ist, ob sie mit meiner Hilfe auch ohne den Rollstuhl ein paar Treppen steigen könnte. Der Stiefpapa war damals auch dabei und hat dann den Rollstuhl hinterhergetragen. Das musste alles ganz schnell gehen. Und so hat Carla ihren Zug doch noch bekommen. Die Eltern und Carla waren darüber total glücklich, weil sie schon dachten, die Fahrt müsste ausfallen. Aber das war für mich keine Option. Wir haben die Hürden, die da waren, einfach zusammen überwunden. Seitdem ist die Carla schon dreimal mit mir gereist, und wir freuen uns immer beide drauf.
Carla hat uns auch verraten, dass sie sich Bahnfahren ohne Sie gar nicht mehr vorstellen kann. Kein Wunder, wo Sie Ihren Job machen, als wären Sie genau dafür geboren. Dabei waren Sie gar nicht immer Eisenbahnerin, oder?
Ich komme schon so ein bisschen aus einer Eisenbahnerfamilie. Mein Schwiegerpapa, der war früher beim Gleisbau. Später war er Zugbegleiter im Fernverkehr. Mein Sohn ist auch bei der Bahn, der ist Lokführer, und der liebt seinen Job. Und ich war erst mal Zahnarzthelferin, auch diesen Beruf hab ich sehr geliebt, aber da waren die Verdienstmöglichkeiten nicht so toll. Mein Sohn hat mich dann überredet bei der Deutschen Bahn anzufangen. Und ich hab es nie bereut, im Gegenteil: Ich genieße jeden einzelnen Tag! Ich habe immer das Gefühl, diese Arbeit ist für mich eine Berufung.
Das merkt man wirklich! Und jetzt werden Sie auch noch als Eisenbahnerin mit Herz ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen das?
Das ist für mich wie ein Traum. Ich bin niemand, der immer nach oben greift. Auch deshalb ist diese Auszeichnung für mich phänomenal. Ich genieße jede Minute!