25. April 2017

Mobilität von morgen: „Wir wollen Lebensraum statt Parkraum“

 

Noch nie gab es so viele Pendler in Deutschland. Im vergangenen Jahr fuhren 60 Prozent aller Arbeitnehmer zum Job in eine andere Stadt oder Gemeinde, ermittelte jüngst das Bundesinstitut für Raumforschung (BBSR). Gerade in Großstädten ist die Verkehrssituation kritisch: Staus werden länger, die Luft schlechter und der Platz immer knapper. Das muss nicht so sein, zeigt das Projekt „Die Stadt für Morgen“ des Umweltbundesamts (UBA). Wie wir unsere Städte, schöner, grüner und leiser gestalten können und dabei genauso mobil bleiben wie bisher, verrät uns Dr. Katrin Dziekan, Leiterin des Fachgebiets „Umwelt und Verkehr“.

Allianz pro Schiene: Frau Dziekan, regelmäßig wird in Stuttgart Feinstaubalarm ausgelöst. Sind Fahrverbote die Antwort auf die steigenden Umweltbelastungen durch den Verkehr?

Katrin Dziekan: Vielleicht, um die Werte kurzfristig wieder zu senken. Aber es muss sich viel mehr im Verkehr tun. Generell gibt es viel zu viele Autos in unseren Städten und sie nehmen wertvollen Platz weg. Das kann so nicht weiter gehen. Mit unserer „Stadt für Morgen“ entwerfen wir eine Vision, in der wir die Autodichte um zwei Drittel reduziert haben – auf 150 Pkw pro 1.000 Einwohner. Die meisten Autos stehen ohnehin 23 Stunden am Tag still. Der knappe öffentliche Raum muss gerechter verteilt werden.

Was würde sich ändern?

Katrin Dziekan: Die Städte werden umweltfreundlich mobil, lärmarm, grün, kompakt und durchmischt. Ein Beispiel: Reduzieren wir die Anzahl der Autos und damit die Stellplätze für Autos um öffentlichen Raum in unseren Städten, gewinnen wir sehr viel Fläche für separate ÖV-Fahrspuren, Radwege, dringend benötigte Wohnungen und öffentliche Räume für Entspannung, Sport und Freizeit. Grünflächen im unmittelbaren Wohn- und Arbeitsumfeld erhöhen die Lebensqualität in den Quartieren, bewahren die biologische Vielfalt, schaffen Anreize zur Bewegung und vieles mehr. Gleichzeitig sinken Lärmpegel und Schadstoffbelastung. Wir wollen Lebensraum statt Parkraum.

Glauben Sie, dass Autofahrer dann auf ihren Pkw verzichten werden?

Katrin Dziekan: Natürlich wird am Anfang nicht jeder hinter dieser Verkehrswende stehen, aber ich möchte alle Politikerinnen und Politiker dazu ermutigen, durchzuhalten. Die positiven Effekte werden Schritt für Schritt kommen und am Ende wird aller Widerstand vergessen sein. Die Leute müssen selbst erfahren, was sie alles verpassen. Andere Städte machen es bereits vor: In Kopenhagen oder Amsterdam hat das ausgezeichnet funktioniert. Man braucht Mut, um die altbewährten Strukturen aufzubrechen und zu verbessern. Und wir müssen jetzt damit beginnen.

Welche Auswirkungen hat das für unsere Mobilität?

Katrin Dziekan: Wir bleiben so mobil wie heute, allerdings umweltfreundlich mobil. Dazu müssen wir vor allem den öffentlichen Verkehr ausbauen. Busse und Bahnen sind das Rückgrat der städtischen Mobilität. Wir brauchen diese Bündelung der Verkehrsströme, damit eine Stadt überhaupt atmen kann. Zusätzlich müssen wir unsere Rad- und Fußwege ausbauen und weitere Carsharing-Optionen schaffen.

Und dann wird die Zahl der Autofahrer automatisch abnehmen?

Katrin Dziekan: Es reicht nicht, an das Umweltgewissen der Bürgerinnen und Bürger zu appellieren. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen müssen so gestaltet sein, dass umweltfreundliche Mobilität zur ersten Wahl wird. Und die zahlreichen Subventionen für klimaschädliche Verkehrsträger müssen abgeschafft werden. Konkret heißt das zum Beispiel, dass die Benutzung des ÖV billiger sein muss, als der Unterhalt des eigenen Autos. Aber auch die Branche selbst ist in der Pflicht, ihr Angebot attraktiver und innovativer zu gestalten. Wir sehen da unglaublich viele Möglichkeiten, mehr Menschen für den ÖV zu gewinnen: Zuerst steht ein besseres Angebot, aber attraktiver wird der ÖV auch mit einem besseren Marketing etwa, das gezielt junge Menschen anspricht. Oder mit einem digitalen und übergreifenden Ticketsystem und einfach lesbaren Fahrplänen. Wichtig ist, dass Eisenbahnverkehrsunternehmen diese Veränderungsprozesse mit ihren Kundinnen und Kunden gemeinsam angehen.

Können die Verkehrsunternehmen diesen Ausbau allein stemmen?

Katrin Dziekan:  Die Qualität des ÖV kann man nur mit einer gut ausgestatteten Finanzierung verbessern. In diesem Sinne sollten die Regionalisierungsmittel erhöht werden. Denkbar ist auch, die Mittelvergabe von Umweltkriterien und Angebotsqualität abhängig zu machen. Wenn der ÖV die zentrale Rolle in der städtischen Mobilität einnehmen soll, reichen die jetzigen Mittel – auch mit Dynamisierungsfaktor – bei weitem nicht aus.

Frau Dziekan, vielen Dank für das Gespräch.

Die Broschüre „Stadt für Morgen“ kann auf der Website des Umweltbundesamts kostenfrei heruntergeladen werden. Die Tagungsdokumentation mit Vorträgen und Präsentationen finden können Sie hier einsehen.

Das Interview führte Christopher Harms.