Unter den Hüllen der Baugerüste hat sich der Marburger Bahnhof in eine helle, stille Alltagsschönheit verwandelt.Und zur Krönung haben die Planer dieser neuen Heimstätte intelligenter Mobilität sogar einen großzügigen Bahnhofsvorplatz vor die Füße gezaubert. Eine solche Wandlung ist in Deutschland selten und beeindruckend. Und so steht der umgebaute Bahnhof wie eine Insel des Neuanfangs inmitten der Planungssünden der 70 Jahre, die Marburg vor allem als autogerechte Stadt gesehen hatten. Ab sofort kommen auf dem neuen Vorplatz alle gleichberechtigt zum Zug: Fußgänger, Radfahrer, Busreisende oder Autofahrer, die schnell jemanden zur Bahn bringen wollen. Nur der Durchgangsverkehr bleibt ausgesperrt und muss zum Wohl einer zeitgemäßen und vernetzten Form der Mobilität eine Umleitung nehmen.

Dabei haben die Bauherren nirgendwo auf Luxus gesetzt: Marburgs denkmalgeschützter Bahnhof will nicht mit Dresden, Leipzig oder Bremen konkurrieren. Marburg ist freundlich, sehr sauber und wunderbar hell. Aber vor allem ist dieser Bahnhof eines: zu hundert Prozent alltagstauglich. Das betrifft die mit bunten Mosaikbildern geschmückte Unterführung genauso wie die großzügigen, fast großstadttauglichen Aufgänge zu den Gleisen. Die geschmackvoll erneuerte Eingangshalle genauso wie die eingepassten Businseln in der Mitte des Vorplatzes. Wenn alle Bahnhöfe in Deutschland eine solche Entwicklung zu Wege brächten, hätte der öffentliche Verkehr gewonnen.

Beispielhaft barrierefrei

Mustergültig ist in Marburg auch die Barrierefreiheit gelöst:  Da die Stadt als Deutschlands Blindenhochburg gilt, hat man alle Vorschriften mit Sinn und Verstand umgesetzt und alles getan, was mobilitätseingeschränkten Personen den Zugang zum System Bahn erleichtert. Angefangen mit Brailleschrift an Schildern und Treppengeländern bis hin zu taktilen Streifen, die in den Boden eingelassen sind, werden Seheingeschränkte sicher vom Bahnsteig durch das Gebäude geleitet. Auf dem Vorplatz, der in ein paar Jahren mit größeren Bäumen an eine italienische Piazza erinnern wird, sichert eigens eine barrierefreie Fußgängerampel das Überqueren der verkehrsberuhigten Zone zu den Bushaltestellen in der Mitte. Für weitere Hilfestellungen sorgt ein aufmerksames und gut geschultes Personal.

Wie es sich für eine Universitätsstadt gehört, kultiviert Marburg das Wohnen im Bahnhof: ein preiswertes, aber gastliches Hostel, Studentenwohnungen im Obergeschoss des Bahnhofs, Leihfahrräder des Asta auf dem Gelände – all das schafft eine Brücke zur Universität und befördert das Gefühl, dass in Marburg die Stimme der mobilen Vernunft besser gehört wird als anderswo in Deutschland. Kein Zweifel, in Marburg haben alle Akteure, besonders Stadt und Bahn bilderbuchreif zusammengearbeitet. Das Ergebnis spricht für sich: Vorhang auf für den Bahnhof des Jahres 2015.