Viele Bahnhöfe hat sich die Jury angesehen, jetzt stehen die Wettbewerbssieger fest: Marburg (Lahn) wird als „Bahnhof des Jahres 2015“ ausgezeichnet und die Tal- und Bergstation der Oberweißbacher Bergbahn, Obstfelderschmiede und Lichtenhain, erhalten in Kombination den Titel „Tourismusbahnhof des Jahres 2015“. Die Allianz pro Schiene zeichnet damit zu zwölften Mal die kundenfreundlichsten Bahnhöfe Deutschlands aus. 

Bahnhof Marburg (Lahn)

Unter den Hüllen der Baugerüste hat sich der Marburger Bahnhof in eine helle, stille Alltagsschönheit verwandelt.Und zur Krönung haben die Planer dieser neuen Heimstätte intelligenter Mobilität sogar einen großzügigen Bahnhofsvorplatz vor die Füße gezaubert. Eine solche Wandlung ist in Deutschland selten und beeindruckend. Und so steht der umgebaute Bahnhof wie eine Insel des Neuanfangs inmitten der Planungssünden der 70 Jahre, die Marburg vor allem als autogerechte Stadt gesehen hatten. Ab sofort kommen auf dem neuen Vorplatz alle gleichberechtigt zum Zug: Fußgänger, Radfahrer, Busreisende oder Autofahrer, die schnell jemanden zur Bahn bringen wollen. Nur der Durchgangsverkehr bleibt ausgesperrt und muss zum Wohl einer zeitgemäßen und vernetzten Form der Mobilität eine Umleitung nehmen.

Dabei haben die Bauherren nirgendwo auf Luxus gesetzt: Marburgs denkmalgeschützter Bahnhof will nicht mit Dresden, Leipzig oder Bremen konkurrieren. Marburg ist freundlich, sehr sauber und wunderbar hell. Aber vor allem ist dieser Bahnhof eines: zu hundert Prozent alltagstauglich. Das betrifft die mit bunten Mosaikbildern geschmückte Unterführung genauso wie die großzügigen, fast großstadttauglichen Aufgänge zu den Gleisen. Die geschmackvoll erneuerte Eingangshalle genauso wie die eingepassten Businseln in der Mitte des Vorplatzes. Wenn alle Bahnhöfe in Deutschland eine solche Entwicklung zu Wege brächten, hätte der öffentliche Verkehr gewonnen.

Beispielhaft barrierefrei

Mustergültig ist in Marburg auch die Barrierefreiheit gelöst:  Da die Stadt als Deutschlands Blindenhochburg gilt, hat man alle Vorschriften mit Sinn und Verstand umgesetzt und alles getan, was mobilitätseingeschränkten Personen den Zugang zum System Bahn erleichtert. Angefangen mit Brailleschrift an Schildern und Treppengeländern bis hin zu taktilen Streifen, die in den Boden eingelassen sind, werden Seheingeschränkte sicher vom Bahnsteig durch das Gebäude geleitet. Auf dem Vorplatz, der in ein paar Jahren mit größeren Bäumen an eine italienische Piazza erinnern wird, sichert eigens eine barrierefreie Fußgängerampel das Überqueren der verkehrsberuhigten Zone zu den Bushaltestellen in der Mitte. Für weitere Hilfestellungen sorgt ein aufmerksames und gut geschultes Personal.

Wie es sich für eine Universitätsstadt gehört, kultiviert Marburg das Wohnen im Bahnhof: ein preiswertes, aber gastliches Hostel, Studentenwohnungen im Obergeschoss des Bahnhofs, Leihfahrräder des Asta auf dem Gelände – all das schafft eine Brücke zur Universität und befördert das Gefühl, dass in Marburg die Stimme der mobilen Vernunft besser gehört wird als anderswo in Deutschland. Kein Zweifel, in Marburg haben alle Akteure, besonders Stadt und Bahn bilderbuchreif zusammengearbeitet. Das Ergebnis spricht für sich: Vorhang auf für den Bahnhof des Jahres 2015.

Obstfelderschmiede-Lichtenhain

Im Gegenteil: Ein Eisenbahn-romantisches Pufferküsser-Eldorado im tiefsten Thüringer Wald hätte die Verkehrsexperten vielleicht sogar abgeschreckt. Umso größer die Überraschung, als der Zug der Schwarzatalbahn in Obstfelderschmiede anhält und eine überaus freundliche Bahnhofsmitarbeiterin die unerkannt reisenden Juroren mit großer Herzlichkeit empfängt. Der erste Eindruck bestimmt den weiteren Gang: Umgeben von Blumenwiesen und Waldidyll lassen sich sogar die Zweifler von der Technik faszinieren. Im historisch rekonstruierten Bergbahnwagen überwindet die Jury 323 Höhenmeter und lauscht während der knapp 20 Minuten dauernden Fahrt von der Tal- zur Bergstation den Erklärungen der Zugführerin. So stolz sind die Mitarbeiter des kleinsten DB-Regio-Netzes auf das historische Kleinod im Schwarzatal, dass sie regelmäßig die Herzen ihrer Gäste im Sturm erobern. Das Zugseil aus Stahl, Schweizer Fabrikat, sei noch nie gerissen, seit Deutschlands steilste Standseilbahn 1923 den Betrieb aufnahm, erfahren die Bahnhofstester und genießen zugleich die bruchlose Einbettung raffinierter Ingenieurskunst in eine überaus liebliche Landschaft.

Obwohl die Reise auf die Höhen des Thüringer Walds eher altmodisch in der Holzklasse stattfindet, können Reisende in Obstfelderschmiede und Lichtenhain eine moderne Smartphone-Tour absolvieren. Per kostenfreiem W-LAN sind alle Infos zu Berg- und Talstation online abrufbar, sogar Einblicke in sonst verschlossene technische Bereiche eröffnen sich dem neugierigen Interessenten.

Kuriosum: Bergbahn mit angeschlossener Flachstrecke

Auf der Hochebene im Oberweißbacher Ortsteil Lichtenhain bieten sich dem Ausflügler verschiedene Möglichkeiten: Familien mit Kindern zieht es gerne zu einem Rundgang durch den vom Bahnhof gut ausgeschilderten benachbarten „Fröbel-Wald“ – der Erfinder des Kindergartens Friedrich Fröbel ist zweifellos der größte Sohn der Stadt. Der Jury stand der Sinn nach einem Besuch des Feldbahnmuseums samt Maschinenraum. Auch bei der Weiterfahrt auf der Flachstrecke der Bergbahn, einem elektrifizierten Kuriosum mit drei Haltepunkten auf 2,5 Kilometern Länge, überzeugte die familiäre Rundum-Betreuung durch das Zugpersonal – inklusive atemberaubende Panoramen.