30. Juli 2019

„Ich wusste einfach, dass Noah viel Potential hat“

Interview | Ein Lokführer unterstützt einen Azubi bei seinem großen Traum

Traumjob Lokführer Mario Meier und Noah Katic im Interview mit der Allianz pro Schiene
Lokführer Mario Meier und Azubi Noah Katic in Arbeitsuniform

Der Bahnbranche mangelt es wahrlich nicht an hochemotionalen Geschichten. Jedes Jahr erreichen die Allianz pro Schiene im Rahmen des Wettbewerbs „Eisenbahner mit Herz“ zahlreiche Einsendungen von Menschen, die sich bei besonders lustigen, aufmerksamen oder einfühlsamen Eisenbahnerinnen und Eisenbahnern bedanken wollen. Unter den Einsendungen des letzten Jahres war jedoch eine Einsendung dabei, die aus dem klassischen Raster des Wettbewerbs fällt. Es ist die Geschichte von Mario Meier.
Für den Einsender, den Jung-Lokführer Noah Katic, gibt es kaum einen größeren Helden, denn der Triebfahrzeugführer aus Bayern hat Noah nicht nur geholfen, seine Wunschausbildung zum Lokführer zu absolvieren, er steht ihm auch in vielen anderen Lebensbereichen zur Seite. In schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen, lebt Noah heute in der Nähe von Mario, der sogar seine Vormundschaft übernommen hat.
Im Gespräch mit der Allianz pro Schiene erzählen die beiden, wie sie sich kennengelernt haben, weshalb sich Mario für Noah eingesetzt hat und warum sie heute „jeden Tag ihren Traum leben“.

 

Herr Meier, beim Thema Nachwuchsförderung haben Sie starken Einsatz gezeigt. Schildern Sie uns kurz, wie Sie ihren „Schützling“ Noah kennen gelernt haben.

Vor dreieinhalb Jahren hat mich Noah auf Instagram angeschrieben und um Hilfe gebeten, weil er sich bereits zweimal vergeblich um ein Praktikum bei der Bahn beworben hatte. Ich habe dann verschiedene Hebel in Bewegung gesetzt. Durch meine Kontakte konnte ich ihm schließlich einen Praktikumsplatz verschaffen.       

Können Sie sich noch an die erste Begegnung erinnern?

Das war ein sehr bewegender Moment für mich. Noah hat damals in seinem Leben keinen Sinn mehr gesehen und schon an ganz andere Sachen gedacht. Davon konnte ich ihn abhalten. Wenn man schon als Kind komplett auf sich alleine gestellt ist, ganz ohne Perspektive, ohne Hilfe, dann ist das natürlich fatal.

Was hat Sie dazu bewogen, sich weiterhin für Noah einzusetzen?

Nach und nach habe ich von Noahs ganzer Lebensgeschichte erfahren und mitbekommen, dass er in seinem näheren Umfeld wenig Unterstützung erhalten hat. Allerdings habe ich sehr schnell bemerkt, dass Noah viel Potential hat, deswegen wollte ich ihn gerne unterstützen.


„Heute ist er in der Ausbildung zum Lokführer einer der besten in seiner Lehrgruppe“
, Mario Meier über seine Schützling Noah Katic.

 

Was ist damals nach dem Praktikum passiert und in welcher Beziehung stehen Sie heute zueinander?

Das Praktikum hat Noah mit Bravour abgeschlossen und die besten Zeugnisse und Empfehlungen erhalten. Heute ist er in der Ausbildung zum Lokführer einer der besten in seiner Lehrgruppe. Er hat seine eigene Wohnung und macht gerade seinen Führerschein. Ich würde sagen, dass er viel glücklicher ist als damals.     

Auch Pascal Schultz, ein weiterer Azubi der DB, hat Sie für den Wettbewerb „Eisenbahner mit Herz“ nominiert. Woher kommt diese Leidenschaft für die Nachwuchsförderung?

Die Arbeit mit den jungen Leuten macht mir einfach Spaß. Vielleicht liegt es daran, dass ich selber drei Kinder habe.

„Seitdem gehe ich nicht mehr arbeiten, sondern gehe jeden Tag meinem Traumjob nach“, Mario Meier über den Beruf des Lokführers. 

 

Wie sind Sie zur Bahn gekommen? War der Berufswunsch Eisenbahner von Kindesbeinen an klar?

Ich wollte eigentlich schon immer zur Eisenbahn. Als kleines Kind hatte ich einen guten Freund aus Leipzig, mit dem ich den Dampfloks hinterhergejagt bin. Ihn habe ich nach Jahren zufällig am Münchner Bahnhof wieder getroffen. Er erzählte mir dann, dass er in München Lokführer sei und dass die Bahn dringend Leute suche. Daraufhin habe ich eine Umschulung zum Lokführer gemacht. Seitdem gehe ich nicht mehr arbeiten, sondern lebe jeden Tag meinen Traum.

 

Traumjob Lokführer Mario Meier und Noah Katic im Interview mit der Allianz pro Schiene
Noah Katic (links) und Mario Meier (rechts) im Interview mit der Allianz pro Schiene

Noah Katic fährt jeden Tag mit Freude zur Arbeit. In der Ausbildung zum Lokführer hat er mit Mario Meier nicht nur seinen Mentor, sondern auch einen Berater in allen Lebenslagen gefunden.

Herr Katic, auch für Sie war der Berufswunsch früh klar. Wann und wie festigte sich der Wunsch, später einmal Lokomotivführer zu werden?

Ich habe mich schon als ich klein war für alles interessiert, was fährt: Bus, U-Bahn, Straßenbahn etc. Als ich dann auf die weiterführende Schule ging, musste ich morgens mit der S-Bahn fahren. Nach der Schule habe ich mir dann mal einen Tag Zeit genommen, um zu schauen, wo die Bahn überall langfährt. An der Endstation bin ich dann ausgestiegen und habe mir den Zug von außen genau angeschaut. An das, was dann passiert ist, erinnere ich mich noch ganz genau: Auf einmal kam der Lokführer auf mich zu und hat mich gefragt, ob ich mir den Führerstand nicht mal von innen anschauen möchte. Das hat mir super gefallen.    

„Ich bin einfach dankbar, dass es ihn gibt“, Noah Katic über seinen Mentor Mario Meier.  

 

Wie wichtig war Mario Meier für Ihre berufliche Entwicklung und wie genau unterstützt er Sie in Ihrer Ausbildung?

Die Frage ist eigentlich, wo Mario mich nicht unterstützt. Ich bin einfach dankbar, dass es ihn gibt. Oft hilft er mir auch mit Papierkram, zum Beispiel für meine Wohnung. Alleine könnte ich das alles gar nicht bewältigen. Er ist wirklich eine riesige Unterstützung. Man könnte fast sagen, dass es mich ohne Mario gar nicht geben würde.

Mit welchen Herausforderungen sehen Sie sich besonders in Ihrer tagtäglichen Arbeit konfrontiert?

Besonders der Einstieg in die Ausbildung war für mich ziemlich schwierig, denn es gab viele Vorbereitungen zu treffen. Man muss sehr viele Tests machen, wie zum Beispiel einen Einstellungs- und Eignungstest. Da wurde dann überprüft, ob ich körperlich und psychisch fit bin. Das schwierigste in der Ausbildung ist eigentlich die Theorie. Es gibt sehr viele Gesetze, an die wir uns halten müssen und die meisten davon lernen wir schon im ersten Lehrjahr. Man beginnt die Ausbildung und hofft natürlich, dass man sofort fahren darf, aber so ist es natürlich nicht.

Eine weitere Schwierigkeit ist das tägliche Pendeln für mich. Meine Ausbildung findet in München statt und ich wohne ein bisschen weiter außerhalb, in der Nähe von Mario. Dadurch bin ich immer ziemlich lange mit der Bahn unterwegs, circa eine Stunde und 40 Minuten pro Fahrt. Das ist schon ziemlich happig.           

„Die Erreichbarkeit der Ausbildungsstätten ist immer noch ein großes Problem“, Noah Katic über die Nachwuchsförderung bei der Bahn.    

 

Wenn Sie Personalchef eines Bahnunternehmens wären, was würde ab morgen anders laufen in Sachen Nachwuchsförderung?

Ich bin der Meinung, dass die Bahn mehr Ausbildungsstandorte braucht – zumindest hier in Bayern. Wenn ich mir den Raum Niederbayern anschaue, dann ist München die einzige Ausbildungsstätte für uns Azubis. Vieles ist schon besser geworden, aber die Erreichbarkeit ist immer noch ein großes Problem.

Folge 1 - Plötzlich Lokführer - 1
Plötzlich Lokführer: nach 20 Jahren im Führerstand eines Lkw ist André nun auf dem Weg.
Traumjob Lokführer?

 

In unserer Reihe „Plötzlich Lokführer“ haben wir einen Quereinsteiger durch seine zehnmonatige Ausbildung begleitet. Erfahren sie hier, welche Stationen auf dem Weg zum Triebfahrzeugführer zu durchlaufen sind.

 

 

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