08. Juni 2017

Ausstellung eröffnet: Frauen bei der Eisenbahn – Von den Anfängen bis zur Gegenwart

 

Nur rund 20 Prozent aller Beschäftigten in der Bahnbranche ist weiblich. Deshalb engagieren sich heute viele Unternehmen,  Frauen für Bahnberufe zu begeistern. Doch  Eisenbahnerinnen haben schon immer eine wichtige Rolle bei den Bahnen gespielt, das zeigt die jüngst eröffnete Ausstellung „Frauen bei der Eisenbahn – Von den Anfängen bis zur Gegenwart“ im Deutschen Dampflokomotiv-Museum im bayerischen Neuenmarkt. Im Interview sprechen die Kuratoren Ines und Jürgen Goller über ein lange vernachlässigtes Forschungsfeld.

Allianz pro Schiene: Lieber Herr und Frau Goller, seit wann arbeiten Frauen bei der Eisenbahn?

Jürgen Goller: Eigentlich schon immer, wenn auch in geringer Anzahl. Die ersten Arbeiterinnen finden sich schon zu Beginn des Eisenbahnbaus in den 1830er Jahren. Als Tagelöhnerinnen zogen sie durch das ganze Land und arbeiteten im Gleisbau. In dieser Zeit hatten Frauen nur wenige Möglichkeiten eigenes Geld zu verdienen. Auf den Baustellen begegnen uns vor allem unverheiratete oder alleinerziehende Frauen, die keinen Haushalt zu führen hatten.

Eine Eisenbahnerin in Uniform zur Zeit des Ersten Weltkriegs
Ines Goller: Obwohl sie dieselbe Arbeit verrichteten, hatten es Frauen damals ungleich schwerer. Viele Bauunternehmer wollten keine Arbeiterinnen beschäftigen. „Die bringen nur Unruhe auf dem Bau“, war eine weit verbreitete Meinung. Die Arbeitssuche gestaltete sich deshalb für Frauen schwieriger. Und wegen der strikten Geschlechtertrennung durften sie nicht in den Baracken bei den Baustellen übernachten und mussten sich selbst eine Unterkunft suchen – was auch kompliziert war. Das wichtigste aber: Frauen bekamen nur drei Viertel des Lohns eines männlichen Arbeiters. Diese Unterbezahlung setzte sich fort, als Frauen auch in anderen Bereichen beschäftigt wurden.

Welche Bereiche waren das?

Ines Goller: Ab den 1880er Jahren wurden Frauen auch im Fahrkartenverkauf eingesetzt. Am Schlesischen Bahnhof in Berlin etwa, dem heutigen Ostbahnhof, übernahmen gleich mehrere Frauen den Schalterdienst. Dort arbeitete auch Clara Jaschke, die heute als erste Berliner Eisenbahnerin bekannt ist und damals erfolgreich für die Rechte ihrer Kolleginnen stritt. Ihr ist es zu verdanken, dass ab 1898 auch Frauen verbeamtet werden konnten. Allerdings galt dies nur für ledige Frauen. Heirateten sie, wurde ihnen der Beamtenstatus wieder entzogen. Meist folgte dann auch die unmittelbare Entlassung, das sogenannte „Beamtinnenzölibat“, denn das Rollenverständnis dieser Zeit sah Frauen zuerst am heimischen Herd.

Jürgen Goller: Bei unseren Nachforschungen sind wir um die Jahrhundertwende auf mindestens zehn Fahrkartenverkäuferinnen auf der Berliner Ringbahn gestoßen. Und in den Zügen selbst arbeiteten Putzfrauen. Bei den Königlich Bayerischen Staatseisenbahnen treffen wir ab ca. 1900 auch auf Frauen im Eisenbahndienst. Als „Ablösewärterinnen“ wechselten sie sich stundenweise mit ihren als Bahn- bzw. Schrankenwärter arbeitenden Ehemännern ab, damit die ihre vorgeschriebenen Ruhezeiten einhalten konnten. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges arbeitetet Frauen auch als Schaffner, Stellwerker oder Aufseher, jeweils auch erstmals in einer weiblichen Uniform. Die Berufsbezeichnungen blieben allerdings männlich: Man sagte also „Frau Schaffner“.

Weltkriege stellen Rollenverständnis auf den Kopf

Während die Männer an der Front kämpfen, übernahmen also die Frauen die Eisenbahn?

Ein historisches Werbeplakat der Deutschen Bahn
Jürgen Goller: Vereinfacht gesagt: Während der Weltkriege war plötzlich alles möglich, was vorher undenkbar war. Ende 1943 gab es mindestens 190.000 Eisenbahnerinnen in Deutschland. Frauen haben in dieser Zeit alles geleistet. Danach wurden sie jedoch häufig wieder entlassen, sobald ein Mann wieder für die Stelle verfügbar war. Das war auch bei der Bundesbahn der Fall wogegen die Arbeiterinnen bei der Reichsbahn in der sowjetischen Besatzungszone ihre Jobs behielten. In der DDR wurden Frauen ermutigt zu arbeiten, auch bei der Eisenbahn. Die ersten deutschen Lokführerinnen wurden in der DDR ausgebildet, das war in den 1960er Jahren. Bei der Bundesbahn durften Frauen ab 1971 in den Lokführerdienst eintreten.

Ist die Geschichte der Eisenbahnerinnen eigentlich gut erforscht?

Ines Goller: Im Gegenteil! Das ist noch ein blinder Fleck innerhalb der Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Einzig die Zeit während des Zweiten Weltkriegs ist relativ gut aufgearbeitet, da es mit dem Propagandamaterial der Reichsbahn in der Nazizeit einen vergleichsweise einfach zugänglichen Quellenbestand gibt. Erst bei unseren ausführlichen Nachforschungen fanden wir auch ältere Spuren von Eisenbahnerinnen. Bei den Museen und Archiven stießen wir da auf ein großes Interesse an dem Thema. Wir hoffen, der Forschung mit unserer Ausstellung einen Impuls geben zu können.

Jürgen Goller: Durch die vielen Helfer in den Archiven konnten wir für die Ausstellung viele verschiedene Exponate zusammentragen, Filmaufnahmen und Fotos etwa. Wir haben tolle Aufnahmen aus dem Jahr 1870, die Frauen beim Eisenbahnbau in Südbayern zeigen. Außerdem stellen wir auch einige persönliche Dokumente von Eisenbahnerinnen vor. Sehr interessant sind auch die historischen Frauen-Uniformen, die wir in der Ausstellung haben.

Das lässt sich am besten im Museum selbst entdecken! Lieber Herr und Frau Goller, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Die Sonderausstellung „Frauen bei der Eisenbahn in Deutschland – von den Anfängen bis zur Gegenwart“ im Deutschen Dampflokomotiv Museum in Neuenmarkt ist noch bis zum 5. November geöffnet. Weitere Informationen finden Sie unter http://www.dampflokmuseum.de/.

Das Interview führte Christopher Harms