Flächenverbrauch
Der Wunsch, „im Grünen“ zu wohnen, außerhalb der dicht besiedelten Städte, ist weit verbreitet. Die Folge: Immer mehr Siedlungen werden neu gebaut, samt den zu ihnen führenden Verkehrswegen. Zersiedelung und Flächenverbrauch werden in Deutschland bislang kaum als Umweltproblem wahrgenommen. Fläche gilt immer noch als verfügbar, nicht als knappe, schützenswerte Ressource.
Die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Im Jahr 2006 wuchs die Verkehrsfläche in Deutschland um 24 Hektar – und zwar täglich. Das entspricht rund 34 Fußballfeldern, die jeden Tag asphaltiert und versiegelt werden. 17.627 km² und damit mehr als die Fläche Thüringens werden inzwischen bundesweit allein vom Verkehr beansprucht. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes entspricht die Gesamtverkehrsfläche einem Anteil von fast fünf Prozent der Bodenfläche Deutschlands. Bei diesen Zahlen sind Parkplätze auf Privatgrundstücken noch nicht einmal erfasst, weil sie statistisch in die Rubrik „Gebäude- und Freifläche“ fallen.
Dies zeigt: Der anhaltende Flächenverbrauch ist ein gravierendes Problem. Der enorme Flächenbedarf vor allem des Straßenverkehrs zerstört nicht nur natürliche Umweltflächen für Pflanzen und Tiere, was deren Artenvielfalt bedroht. Auch Städte und Dörfer verlieren an Lebensqualität. Wohn- und Geschäftsquartiere werden zerschnitten, Fußgänger und Radfahrer buchstäblich an den Rand gedrängt. Darüber hinaus sind Verkehrsflächen in der Regel „versiegelt“, d.h. Regenwasser kann nicht mehr in den Erdboden eindringen und dort versickern. Welche Gefahren daraus resultieren, wurde in der Bundesrepublik in den vergangenen Jahren durch mehrere so genannte Jahrhunderthochwasser deutlich, die große materielle Schäden und menschliches Leid verursachten.
Flächenverbrauch im Vergleich
Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnstrecke versus Autobahn pro Kilometer Streckenlänge
Quelle: eigene Darstellung auf Basis der Regelquerschnitte.
Für eine vergleichende Bewertung der Flächeninanspruchnahme durch Verkehrsmittel gibt es noch keine einhellig anerkannte Methode. Einen Eindruck vermittelt aber die schematische Darstellung der A 9 und der Schnellfahr-Schienenstrecke von Nürnberg nach Ingolstadt – beide Verkehrswege verlaufen weitgehend parallel, beide sind für den Verkehr von Personen und Gütern mit hoher Geschwindigkeit angelegt: hier die Autobahn, dort die Schienenstrecke. Die Regelquerschnitte bilden den aktuellen Standard der Bauverordnungen ab, so dass sich der Flächenverbrauch von Straße und Schiene ausrechnen lässt. Pro Kilometer Streckenlänge ergibt sich für eine solche sechsspurige Autobahn eine Verkehrsfläche von rund 3,6 Hektar. Bei der Schienenstrecke sind es bei einem Kilometer Länge rund 1,2 Hektar Verkehrsfläche, die aufgrund der neuen Bauart mit festen Fahrbahnen ohne ein Schotterbett auch als versiegelt anzusehen ist. Der Flächenverbrauch der Autobahn ist somit in diesem Beispiel dreimal größer als bei der Schiene. Der Vorsprung der Schiene wird sogar noch größer, wenn man für den Vergleich Schiene – Autobahn eine konventionelle Eisenbahnstrecke mit Schotteroberbau zugrunde legt, weil bei dieser weit verbreiteten Bauart die versiegelte Fläche um die Hälfte geringer ist.
Das Forschungsinstitut INFRAS kommt in einer Studie über die externen Kosten des Verkehrs ebenfalls zu drastischen Relationen: Nach den INFRAS-Berechnungen, denen ein Reparaturkostenansatz zugrunde liegt, verursacht die Straße bezogen auf ihre Verkehrsleistung sogar über achtmal mehr externe Kosten durch Landschaftsverbrauch als die Schiene.
Beim Thema Flächenverbrauch muss auch der ruhende Verkehr berücksichtigt werden. Jeder Autofahrer kennt das Problem, besonders in den Städten: Parkplätze sind knapp, weil immer mehr PKW immer mehr Parkraum benötigen. Tatsächlich fährt der durchschnittliche PKW nicht einmal eine Stunde pro Tag – über 23 Stunden steht er still. Der öffentliche Verkehr beansprucht dagegen systembedingt deutlich weniger Stellfläche als der Individualverkehr – auch im Ruhezustand sind Busse und Bahnen im Umweltvorteil.
Mehr zum Umweltvergleich der Verkehrsträger:
Die Bundesregierung hat im April 2002 in ihrer Nachhaltigkeitsstrategie „Perspektiven für Deutschland“ zum ersten Mal auch die Bekämpfung eines weiteren Landschaftsverbrauchs beschlossen.