Wer Bahn fährt, kann lesen. Aber nicht jedes Buch eignet sich für winterkalte Bahnsteige, überheizte Großraum-Abteile oder elegante DB-Lounges. Die Allianz pro Schiene stellt in loser Folge Lesefutter für eine gelungene Bahnreise vor: Nicht zu lang, nicht zu schwer, aber so fesselnd, dass jede Verspätung ein Gewinn ist.
Lew Tolstoi: Kreutzersonate und Sofja Tolstaja: Eine Frage der Schuld
Tolstois berühmte „Kreutzersonate“ spielt in einem Zug, der mehrere Tage durch das weite russische Land fährt. Reisende steigen ein und aus, kochen Tee an den Stationen, kommen auf der Fahrt ins Gespräch. Auf einen Fahrgast wirkt diese Bahnfahrt so aufwühlend, dass er bei einer Plauderei über Liebe und Heirat seinen Mitreisenden plötzlich verkündet, dass er seine Frau umgebracht hat. Erschrocken wechseln viele Fahrgäste den Waggon, aber einer bleibt mutig sitzen. Auch wenn sich das Ehedrama, dessen Zeuge der Reisende wird, im 19. Jahrhundert abspielt, so bleiben Tolstois Thesen doch aktuell, solange es Männer und Frauen gibt. Verbinden Liebe, Lust, Leidenschaft, Hass und Eifersucht die Geschlechter oder sind Gefühle nicht eher das, was Männer und Frauen trennt? Tolstois Sex-feindliche Ansichten dürften den heutigen Leser sicher mehr aufregen als Charlotte Roches „Schoßgebete“.
Trotzdem stellt Tolstoi seine Frage ungleich radikaler als die meisten zeitgenössischen Skandal-Romane: Gibt es wirklich keine andere als nur die sinnliche Liebe und die Macht des Eros, der Mann und Frau gleichermaßen zum Opfer fallen müssen? Die Öffentlichkeit sah in der ermordeten Frau des Protagonisten Tolstois Ehefrau Sofja, die sich durch „Kreutzersonate“ verraten und gekränkt fühlte. Sie hat mit dem Schriftsteller 50 Jahre zusammengelebt, 13 Kinder geboren, war seine erste Leserin und „Reinschreiberin“. Ihre Antwort war ein eigenes Buch, „Eine Frage der Schuld“ folgt in dem vorliegenden Manesse-Bändchen auf Tolstois düstere Sonate und streitet wie eine mahnende Gegenstimme für die weibliche Sache, die allerdings ebenfalls mit der Ermordung der Frau endet. Bezeichnender weise wagte Sofja Tolstaja erst nach Tolstois Tod, ihr Buch zu veröffentlichen. Beide Werke sind in einer wunderbar bildhaften Sprache geschrieben. Wer danach nicht neu über das Thema Liebe und Ehe nachdenkt, ist entweder Internet-Programmierer oder Kardinal. Allen anderen Menschen empfehlen wir die Lektüre auf der nächsten Fahrt mit Eisenbahn. Und wenn dann der Mitreisende etwas auf dem Herzen hat? Dann hören Sie einfach mal zu.
Jolanta Skalska
Lew Tolstoi: Kreutzersonate.
Sofja Tolstaja: Eine Frage der Schuld
Manesse Bibliothek der Weltliteratur
19,95 Euro
Klaus Wanninger: Schwaben-Sommer
Ein Krimi über ‚Stuttgart 21‘ – jau, dachten wir, endlich die wahre Wahrheit über das heiß diskutierte Großprojekt. Endlich ein Genre, das den komplizierten politischen, wirtschaftlichen, psychologischen, technischen und emotionalen Aspekten der Causa ‚Stuttgart 21‘ gerecht werden könnte. Pustekuchen. Krimi-Autor Klaus Wanninger handelt den umstrittenen Bahnhofsneubau in der schwäbischen Hauptstadt auf genau 3 Seiten mit einseitiger Eindeutigkeit ab: Abgehobene Polit- und Managerkaste hat Bezug verloren zu Sorgen und Nöten des kleinen Mannes. ‚Stuttgart 21‘ ist Immobilienprojekt, mit dem sie (die abgehobene Polit- und Managerkaste, s.o.) sich bereichern. Und dann schickt Wanninger seine Kommissare abends auf die Demo. Mehr erfährt man eigentlich nicht über ‚Stuttgart 21‘. Was die Kommissare tagsüber tun, soll aber wohl die Hintergründe auch des Bahnhofsprojektes spiegeln: Sie müssen Mord und Folter aufklären. Der Besitzer einer Maultaschenfabrik wird von der schwäbischen Alb geschubst. Da wir die Lektüre des Buches nicht empfehlen, verraten wir, wer dahinter steckt: korrupte Politiker und gierige Banker. Denn die abgehobene Polit- und Managerkaste hat jeden Bezug verloren usw. Wanninger spricht alles an: Globalisierung, kontraproduktive EU-Verordnungen, von Profitgier getriebene Kapitalisten. Arbeitgeber, die Mitarbeiter wegen Kleinigkeiten entlassen. Männer, die Frauen schlecht behandeln. Sogar ein schwuler katholischer Pfarrer kommt irgendwo irgendwann mal vor. Spannung kommt da nicht auf. Aber, und das tröstet, irgendwie ist die Welt im Schwabenländle doch noch in Ordnung: Die Guten fahren mit dem Zug, und die Bösen morden mit dem Auto. Natürlich ist die Tatwaffe ein aufgemotzter Macho-Angeberschlitten. Und wenn gefoltert wird, dann wenigstens auf schwäbisch – nein, nicht durch den Dialekt (obwohl…), sondern mit Maultaschen. Eindeutig nicht der Beste von den Wanninger-Krimis. Schade.
Frauke Jürgens
Klaus Wanninger: Schwaben-Sommer
KBV
9,90 Euro
Jürgen Lentes und Jürgen Roth: Im Bahnhofsviertel
„Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt“, hat Joseph Beuys einmal gesagt, und Ähnliches mag man sich im Frankfurter B3 Verlag gedacht haben. Das Ergebnis ist „Im Bahnhofsviertel“, ein opulenter Band aus Literatur und Fotografie, ein Kompendium für Bahnfreunde und Bahnhofskenner. Das Werk, das Jürgen Lentes und Jürgen Roth im April 2011 herausgebracht haben, trägt den Untertitel „Expedition in einen legendären Stadtteil“. Und das trifft es.
Alles beginnt selbstverständlich im und mit dem Bahnhof, dieser beeindruckenden „Kathedrale der Moderne“. Aber dann wird der Leser hineingezogen in dieses Viertel, das so häufig in Rotlicht getaucht ist. Die leichte „Nitribit“ erwacht wieder zum Leben, es rockt der legendäre Elvis im Gitarrenladen und vielerorts riecht es nach Döner-rund-um-die-Uhr. Schriftsteller wie Eva Demski, Martin Mosebach, Bodo Kirchhoff oder Matthias Altenburg alias Jan Seghers durchstreifen die Straßen und lassen mit ihren Beiträgen – extra für dieses Buch verfasst – die schillernde Vielfalt des Bahnhofsviertels vor unseren Augen erscheinen. Oder besser gesagt: hinter unseren Augen. Denn hier entsteht - für alle Sinne - Kino im Kopf. Dieses Gesamtkunstwerk, das Erzählungen, Essays, Fotos und sogar Karikaturen vereint, hat natürlich seinen Preis. Aber den ist es allemal wert.
„Im Bahnhofsviertel“ ist so kurzweilig, dass sogar die strenge FAZ entzückt war. Für Bahnfans, die natürlich einen ganz eigenen kritischen Blick auf die Welt haben, bietet das Buch eine historische Rundumsicht auf den Bahnhof. Als Weihnachts-Geschenk für Frankfurt-Versteher taugt es allemal, nur die Patrioten werden es schon haben.
Armin Nagel (Kultur & Bahn)
Jürgen Lentes und Jürgen Roth: Im Bahnhofsviertel. Expeditionen in einen legendären Stadtteil
B3 Verlag
28,00 Euro
Thomas Feldmann: Akkublitz und Zigarre
„Akkublitz und Zigarre“ – den meisten Buchkäufern dürfte dieser Titel Rätsel aufgeben, doch der Kenner ist elektrisiert: Ein Buch über Akkutriebwagen! Wer bei dieser Publikation aus der Reihe „Eisenbahn-Bildarchiv“ ein Werk vermutet, das sich in erster Linie an Eisenbahn-Nostalgiker wendet, liegt sicher nicht ganz falsch. Eine große Zahl stimmungsvoller und kenntnisreich kommentierter Farbfotografien lädt den Betrachter ein auf eine Zeitreise durch die letzten drei Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts, als Fahrzeuge der Baureihen 515 und (seltener) 517 auf fast allen nichtelektrifizierten Nahverkehrsstrecken der alten Bundesrepublik anzutreffen waren. Doch auch für Beobachter der aktuellen verkehrspolitischen Diskussion kann das kleine Bändchen hochinteressant sein, stellt es doch zwei Vertreter einer Antriebsform vor, die im Kontext der Elektromobilitätsdebatte heute alles andere als antiquiert anmutet. Bei den Fahrzeugen der Baureihen 515 und 517 handelte es sich nämlich um elektrisch betriebene Fahrzeuge, die ihre Antriebsenergie nicht aus einer Oberleitung bezogen, sondern aus mitgeführten, wiederaufladbaren Energiespeichern, eben den „Akkus“ bzw. Akkumulatoren. Erste Versuche mit dieser Antriebstechnik gab es bereits um 1900, und bei der Preußischen Staatseisenbahn erreichten die Akkutriebwagen noch vor dem Ersten Weltkrieg Serienreife. Die Entwicklung ging weiter, und die bis Mitte der 1990er Jahre eingesetzten ETA 150 alias 515 der Deutschen Bundesbahn schafften schließlich mit einer Batterieladung Strecken von 400 Kilometern.
Betrachtet man die Fotografien in dem vorliegenden Bildband, so stellt man fest: Einige der vorgestellten Bahnlinien sind aus den Fahrplänen verschwunden. Ein großer Teil aber erfreut sich weiter reger Nachfrage seitens der Fahrgäste. Nur wenige dieser Strecken wurden in der Zwischenzeit elektrifiziert. So bleibt die Frage: Sollte nicht im Rahmen millionenschwerer Programme für Elektromobilität auch die Entwicklung zeitgemäßer Nachfolger von Akkublitz und Zigarre gefördert werden? Der Bahnsektor jedenfalls hat das Thema „oberleitungsloser Elektroantrieb“ bereits auf der Agenda.
Andreas Geißler
Thomas Feldmann: Akkublitz und Zigarre. Die Baureihen 515 und 517
Eisenbahn-Bildarchiv Bd. 48
Eisenbahn Kurier EK-Verlag
19,80 Euro
Toralf Staud: Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen
Immer mehr Unternehmen, Verbände und Politiker hängen sich ein Ökomäntelchen um, um sich oder ihre Produkte besser zu verkaufen. Dass Werbung und Realität auch im Umweltbereich durchaus zwei verschiedene Paar Schuhe sein können, zeigt der Journalist Toralf Staud in 59 Fallbeispielen anschaulich in „Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen“. Ein besonders dreistes Lügen-Beispiel: Der RWE-Elektro-Smart, der von Daimler und RWE als ausgesprochen klimafreundlich angepriesen wird. Staud, Gründer des Internetblogs www.klima-luegendetektor.de, weist ihm 30 Prozent höhere CO2-Emissionen nach als demselben Fahrzeug mit Dieselmotor.
Das im Umweltbereich zunehmend vorkommende „Lügen, bis das Image stimmt“ (Untertitel des Buches) hat aber auch eine positive Seite. Bei Lichte betrachtet ist es Ausdruck eines tiefgreifenden Wertewandels. In den USA enthalten bereits mehr als 10 Prozent aller Werbeaussagen Umweltschutzbehauptungen. Und wie heißt es so schön im Marketingdeutsch? Markenkern und Markenimage dürfen sich nicht zu weit voneinander entfernen, sonst wird man unglaubwürdig. Insofern wünschen wir uns ruhig beides: Immer mehr Greenwashing und noch mehr Aufklärung mit dem Klima-Lügendetektor – auf dass die Welt tatsächlich grüner werde.
Dirk Flege
Toralf Staud: Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen. Lügen, bis das Image stimmt.
KiWi paperback
8,95 Euro
Carsten Otte: Goodbye Auto
Im Grunde beherzigen alle Lebenskünstler seit „Hans im Glück“ eine einfache Regel: Sie erklären die Not zur Tugend, den Mangel zum Erfolg. Der Radiomoderator Carsten Otte ist einer von ihnen. Sein Buch von einem, der auszog, die Welt ohne Auto zu erkunden, liest sich so abenteuerlich wie die Märchen der Gebrüder Grimm. Auch weil Otte radikal ist. Zwar ist er kein Autofeind, aber doch einer, der Zeit seines Lebens die Reifeprüfung Führerschein verweigert hat: Keine Fahrerlaubnis, das ist ein verkehrspolitisches Sit-in erster Güte: „Stell’ dir vor, es ist Stau, und keiner steckt drin.“
Als Fußgänger, Bahnfahrer und Beifahrer legt Otte die berüchtigte Autonation auf die Couch und macht unseren ganz alltäglichen Wahnsinn wieder sichtbar. Wie einst Hans im Glück kommt Otte zum Schluss zu einem lebensklugen Ergebnis: Es geht auch ohne. Das Auto ist ein Auslaufmodell. Kein Zweifel, Carsten Otte ist mobil. Vor allem im Kopf.
Barbara Mauersberg
Carsten Otte: Goodbye Auto. Ein Leben ohne Führerschein.
Goldmann Verlag
8,95 Euro