EU-Projekt ECORailS:
Seit Mai 2009 beteiligt sich die Allianz pro Schiene an dem internationalen Projekt ECORailS. ECORailS steht für „Energy efficiency and environmental criteria in the awarding of regional rail transport vehicles and services“ und wird von der EU im Rahmen des Programms „Intelligent Energy for Europe“ gefördert. Das Projekt hat die Aufgabe, den europäischen Aufgabenträgern des Schienenpersonennahverkehrs (SPNV) einen Leitfaden an die Hand zu geben, mit dessen Hilfe sie Umweltkriterien in Ausschreibungen und Verkehrsverträge integrieren können.
Der Schwerpunkt liegt dabei - entsprechend den Zielstellungen des EU-Förderprogramms - auf der Reduktion von Energieverbrauch und CO2-Emissionen. Das ECORailS-Projekt hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, durch den Leitfaden den spezifischen Energieverbrauch und den CO2-Ausstoß im regionalen Bahnverkehr zu senken, und zwar um 5 % im Vergleich zu bisherigen Vorgaben, um 10 % im Vergleich zum gegenwärtig existierenden Fahrzeugpark und um 15 % systemweit (EU-weiter SPNV) bis zum Jahr 2020.
SPNV-Aufgabenträger als Zielgruppe
Warum setzt das Projekt bei den Verkehrsverträgen im regionalen Bahnverkehr an? Welches Interesse haben die Aufgabenträger, Energieeinsparungen zu verlangen? Die zentralen Stichworte dazu lauten Klimapolitik und Energiepreise. Der Klimaschutz, insbesondere die Notwendigkeit, den CO2-Ausstoß in Europa drastisch zu verringern, gewinnt massiv an Bedeutung, auch in der Verkehrspolitik. Gleichzeitig belasten steigende Kosten für Energie, aber auch für CO2-Emissionsrechte den Bahnverkehr betriebswirtschaftlich.
In allen europäischen Ländern bestimmen staatliche Vorgaben die Qualität und die Finanzierungskonditionen im Schienenpersonennahverkehr. Er wird als gemeinwirtschaftliche Leistung von der öffentlichen Hand bestellt und zum großen Teil auch finanziert. In immer mehr Ländern gibt es dafür eigene Behörden oder speziell organisierte Aufgabenträger, die private oder staatliche EVU, oder eigene regionale Bahngesellschaften mit der Verkehrsdurchführung beauftragen.
Die Aufgabenträger haben in Ausschreibungen und Verkehrsverträgen den Hebel in der Hand, Energieeinsparungen im SPNV zu mobilisieren. Damit können sie sowohl Kosten sparen als auch einen Beitrag zum Klimaschutz leisten, denn beim Thema Energieeffizienz ziehen Ökonomie und Ökologie an einem Strang. Was diesen Ansatz für die Aufgabenträger besonders attraktiv macht: Der Eisenbahnverkehr weist große, zum Teil sogar kurz- und mittelfristig zu realisierende Einsparpotenziale auf.
In Deutschland hat der SPNV Energieverbrauch und CO2-Emissionen in den letzten Jahren bereits um 35 % gesenkt. Aber noch mehr ist möglich. Das Projekt ECORailS will eine Reduktion von 15 % in ganz Europa erreichen.
Den öffentlichen Kassen kann die Einbeziehung von Umweltkriterien erhebliche Risiken ersparen – nicht nur bei den künftigen Energiekosten, sondern auch bei den Lärm- und Abgasemissionen. Der Grund: Neues europäisches Recht führt zu Vorgaben für die Lärmaktions- und Luftreinhalteplanung, die die Umweltbehörden zum Handeln zwingen. Durch vorausschauende Umweltanforderungen bei Beschaffung und Vergabe können die Aufgabenträger vermeiden, dass vergleichsweise junge Fahrzeuge ausgemustert oder aufwändig modernisiert werden müssen.
Der Einsatz sparsamer Fahrzeuge ist häufig mit erhöhten Anfangsinvestitionen verbunden, insbesondere wenn neue Technologien angewendet werden sollen, die erst am Beginn ihrer Serienproduktion stehen. Diese Mehrkosten können oft nicht während der ersten Einsatz- bzw. Vergabeperiode durch Einsparungen ausgeglichen werden. Die Aufgabenträger beschleunigen jedoch mit der Nachfrage nach energieeffizienten Fahrzeugen den Innovationsprozess, wodurch die Kostenbelastung in späteren Vergabeperioden sinken kann.
Ein rechtssicherer Leitfaden
Der Leitfaden, der im ECORailS-Projekt erarbeitet wird, muss das europäische Vergaberecht berücksichtigen, damit ihn die Aufgabenträger des SPNV in möglichst vielen europäischen Ländern zur praktischen Anwendung bringen. Dazu wird der Leitfaden rechtlich geprüfte Textbausteine zur Verfügung stellen, mit deren Hilfe Energieeffizienzkriterien in Ausschreibungen und Verkehrsverträgen berücksichtigt werden können.
Die Analyse der rechtlichen Situation in der EU und den sechs an ECORailS beteiligten Ländern zeigt, dass es zulässig ist, Umweltkriterien in Ausschreibungen vorzuschreiben oder hoch zu gewichten. Das gilt selbst dann, wenn diese ambitioniert sind und über das Zulassungsrecht für Fahrzeuge oder die Netzzugangsbedingungen hinausgehen.
Erste positive Erfahrungen mit Umweltkriterien bei SPNV-Vergaben gibt es auch bereits in der Praxis. Zum Beispiel hat die niedersächsische Landesnahverkehrsgesellschaft (LNVG) bei der Ausschreibung von Diesellokomotiven für die Strecke Hamburg-Cuxhaven erfolgreich Lärmwerte für neue Fahrzeuge gefordert, die über das geltende Zulassungsrecht hinausgingen. Andere Verkehrsverträge schreiben vor, die Triebfahrzeugführer in Energie sparender Fahrweise zu trainieren.
Beispiele dafür, dass ein bestimmter maximaler Energieverbrauch pro Sitzplatz- oder Zugkilometer in einem Vertrag zwischen Aufgabenträger und EVU vorgeschrieben worden wäre, sind noch nicht bekannt. Immerhin gibt es in einzelnen Fällen bereits die Vorgabe, den tatsächlichen Energieverbrauch während der Laufzeit des Vertrages überprüfbar zu dokumentieren, so dass für künftige Vergabeverfahren eine bessere Datenbasis existiert.
Wichtig ist, dass die Vorgaben möglichst funktionsbezogen formuliert werden und nicht z.B. das Produkt eines bestimmten Herstellers vorschreiben. Vereinfachte Möglichkeiten für die Anwendung von Umweltkriterien gibt es bei der freihändigen Vergabe oder bei der Direktvergabe an eigene EVU der bestellenden Gebietskörperschaft. Beides sind Vergabeverfahren, die in der neuen EU-Verordnung 1370/2007 vorgesehen sind. Sie haben sowohl Vor- als auch Nachteile, die situationsbezogen beurteilt werden sollten.
SPNV-Vergabepraxis im Fokus
Der ECORailS-Leitfaden für Aufgabenträger wird auch die politischen, rechtlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen behandeln. Aber im Zentrum steht vor allem die SPNV-Vergabepraxis: konkrete Kriterien zur Beurteilung des Energieverbrauchs, Informationen zum Stand der Technik und über Kosten-Nutzen-Verhältnisse, sowie nähere Einzelheiten zu besonders vielversprechenden Technologien und betrieblichen Maßnahmen, all das soll praxisbezogen in dem Leitfaden behandelt werden.
Dass bei ECORailS auch einzelne Technologien näher untersucht werden, dient dazu, den Aufgabenträgern aufzuzeigen, welche Einsparpotenziale zu welchen (ungefähren) Kosten bestehen. Dazu gehört auch die Angabe, welche Technologien sich im Betrieb bereits bewährt haben oder noch eher im Erprobungsstadium sind. Das ist wichtig, um entscheiden zu können, wie stark die Energieeffizienz gewichtet werden sollte und welche Fahrzeugstandards zwingend vorgeschrieben werden können.
Es reicht jedoch nicht, bei der Beurteilung von Angeboten nur den durch die Fahrzeugkonstruktion bedingten spezifischen Traktionsenergieverbrauch zu vergleichen. Zu den Technologien und Maßnahmen, die von ECORailS darüber hinaus mit Priorität behandelt werden, gehören die Energie sparende Fahrweise, die Standby-Funktionen („parked-train mode“), die Energiespeicherung auf dem Fahrzeug (Elektro- und Dieseltraktion) und in stationären Anlagen.
Ein die Energieeffizienz optimierendes Vorgehen bei der SPNV-Vergabe könnte z.B. so aussehen: Die Aufgabenträger schreiben einen maximalen Energieverbrauch, der von marktgängigen Fahrzeugen bereits erreicht wird, zwingend vor. Eine sinnvolle Anlastung und Verteilung der Energiekosten mobilisiert zusätzliche, relativ einfach erreichbare Einsparpotenziale. Darüber hinaus gehende Zusagen der Bieter für einen sparsamen Betrieb werden durch eine entsprechende Gewichtung im Vergabeverfahren berücksichtigt.
Der ECORailS-Leitfaden soll außerdem aufzuzeigen, in welchen Phasen eines Vergabeverfahrens das Thema Energieeffizienz beachtet werden sollte. Auf verschiedenen Informationsebenen wird der Leitfaden ausführliche Beschreibungen, Hintergrundinformationen und Vorschläge für Textbausteine enthalten. Diese Informationen sollen für alle gängigen Vergabeverfahren nutzbar und auch bei der Beschaffung von Fahrzeugen, z.B. für Fahrzeugpools von Aufgabenträgern, anwendbar sein.
ECORails entwickelt einen Leitfaden für Aufgabenträger, um mehr Energieeffizienz im SPNV zu erreichen. Getestet wird er u.a. in der Region Berlin-Brandenburg.
ECORailS: dialog- und praxisorientiert
Das ECORailS-Projekt sucht den Dialog mit allen Interessengruppen: SPNV-Aufgabenträger, Verkehrsunternehmen, Fahrzeughersteller. Um eine möglichst große Resonanz zu erreichen und um sicherzustellen, dass die Projektergebnisse praxisgerecht sind, führt das Projekt-Konsortium mehrere Feedback-Veranstaltungen durch. Dazu gehört die so genannte „User Platform“, die sich bereits zweimal in Berlin getroffen hat. Teil nahmen Aufgabenträger und Eisenbahnen aus Deutschland, Dänemark, Italien, Rumänien und Polen. Das dritte Treffen findet im Herbst 2010 statt.
ECORailS greift auch auf europäische Projekte wie PROSPER und EVENT zurück, sowie auf das aktuell laufende Projekt „Railenergy“ von UIC und UNIFE, in dem Technologien und methodische Fragen zur Verringerung des Energieverbrauchs der Eisenbahnen untersucht werden. ECORailS will die Ergebnisse der genannten Projekte nutzen und daraus Vorschläge für die Vergabepraxis der Aufgabenträger entwickeln.
Ein Entwurf des Leitfadens wird im Laufe des Jahres 2010 in vier europäischen Regionen getestet: in Kopenhagen/Øresund (Dänemark), Berlin/Brandenburg (Deutschland), Timisoara (Rumänien) und in der Lombardei (Italien). Die Aufgabenträger dieser Regionen sind Partner des Projekts, nämlich die dänische Verkehrsbehörde Trafikstyrelsen, die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin, die Region Timisoara der rumänischen Eisenbahnen CFR sowie die Provinz Brescia und die Verkehrsagentur der Region Lombardei, ALOT. Die Erfahrungen aus dieser Testphase fließen in die Endfassung des Leitfadens ein und sichern seine Praxistauglichkeit ab.
Die Allianz pro Schiene setzt auf proaktives Umwelthandeln
Die Energieeffizienz, und damit auch die Klimaverträglichkeit des Eisenbahnverkehrs ist eines der zentralen Argumente für die politische Unterstützung des Schienenpersonennahverkehrs. Es ist für die Allianz pro Schiene daher ein wichtiges strategisches Anliegen, die Energieeffizienz des SPNV weiter zu verbessern – denn auch beim umweltfreundlichsten Verkehrsträger Bahn gibt es noch viel Potenzial, um Energieverbrauch und Schadstoffausstoß zu senken.
Als Verband zur Förderung des Schienenverkehrs setzt die Allianz pro Schiene auf ein proaktives umweltpolitisches Vorgehen: Die Bahnen dürfen sich auf ihrem Umweltvorteil gegenüber den anderen Verkehrsträgern nicht ausruhen, wenn sie auch in Zukunft die Nummer Eins im Umweltschutz bleiben wollen.
Die Allianz pro Schiene verspricht sich von dem ECORailS-Projekt die Weiterentwicklung und europaweite Standardisierung von umweltbezogenen Anforderungen in der SPNV-Vergabe. Das kann einen Innovationsschub für mehr Energieeffizienz im Eisenbahnsektor auslösen, der die Eisenbahnen in ganz Europa stärkt.
Mehr über das EU-Projekt ECORailS
Matthias Pippert
Projektleiter Umweltwirkungen Schienenverkehr
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