Glosse: Plakatausstellung in Bern
Die Sprache der Liniennetzpläne ist weltweit verständlich. Ob Hong Kong, Krakau oder Lausanne, wer ein Netz kennt, kennt sie alle. Einheimisch oder fremd, jeder Reisende wird mit dem Plan in der Hand sicher durch den Dschungel labyrinthartiger Untergründe geführt. Wahrscheinlich muss man Schweizer sein, um die hohe Kunst darin zu sehen. Die geniale Vereinfachung hinter dem global gültigen Design würdigt der Schweizer Verband öffentlicher Verkehr (VöV) mit der Plakatausstellung „Liniennetzpläne“, die in Bern noch bis zum April 2010 zu sehen ist.
Natürlich wird der Vater aller Netzpläne bedacht. Der britische Ingenieur und Grafiker Harry Beck erfand in den 30er Jahren den weltberühmten Plan der Londoner „Tube“. Als erster verabschiedete sich Beck von dem realen Landschaftsbild und der maßstabsgetreuen Darstellung. Trotzdem brachte er das Kunststück fertig, Stadtkern, Flusslauf und Vororte mit allen Haltestellen, Umsteigeknoten und Endstationen in eine komplexe Grafik zu bringen. Für diesen großen Wurf findet Ausstellungsmacher Hans Kaspar Schiesser nur Töne des höchsten Lobes: „Wie das einfache Rezept eines Käsefondues kann man es nicht wirklich verbessern sondern höchstens verfeinern.“
Ästhetisch gelungene Nachfolger des Ur-Netzplanes zeigt die Berner Ausstellung in Hülle und Fülle: Unter den Favoriten des VöV finden sich Singapur und Osaka, Moskau und das Leipziger Nachtnetz. Etwas „nüchtern und blutleer“ sei dagegen der Brüsseler U-Bahn-Plan. Keinen Hinweis bringt die Berner Ausstellung allerdings auf den Science-Fiction Film „Moebius“: da ist das Metro-Netz von Buenos Aires durch eine neue Ringbahn so komplex geworden, dass die Zahl der Verbindungen ins Unendliche steigt und ganze Züge einfach verschwinden. Unter den Fahrgästen des verschollenen Zuges ist dann auch der Topologe des Liniennetzplans.
Plakatausstellung «Liniennetzpläne», am Dählhölzliweg 12, Bern