100 Jahre Allianz pro Schiene
Juni 2100, das Fest zum 100. Geburtstag der Allianz pro Schiene steht vor der Tür. Der Vorsitzende des inzwischen gereiften Verkehrsbündnisses heißt immer noch Klaus-Dieter Hommel – mit 143 Jahren ist dieser Jahrhunderteisenbahner ein erstes Opfer des demografischen Wandels. Im Vorstand der mächtigen Verkehrsgewerkschaft kämpft er unermüdlich für die Rente ab 160 und findet im Bombardier-Mann Klaus Baur (153) einen ebenbürtigen Mitstreiter für die Interessen der Schiene. Viel zu tun haben die beiden allerdings nicht: Der Anteil der Bahnen am Verkehr liegt bei 80 Prozent. Cabriofahren ist in Deutsch land so gestrig wie Pelzmänteltragen. Doch weil die Allianz pro Schiene auch an ihrem 100. Geburtstag das Lügen noch nicht gelernt hat, schreibt sich Geschäftsführer Dirk Flege (134) diesen Erfolg nicht auf die eigene Rechnung: Der Liter Benzin kostet 500 Euro und die Automobilbranche gilt als so zukunftsfest wie Steinkohle und so sympathisch wie Atomkraft.
100 Jahre alt und fast ein bisschen weise. Allianz pro Schiene-Geschäftsführer Dirk Flege (rechts), Vorstand Klaus Baur (zweiter von rechts) und Vorsitzender Klaus-Dieter Hommel (zweiter von links) haben sich im Jahr 2100 buchstäblich zu Tode gesiegt: Die Bahnen halten einen Anteil von 80 % am Verkehrsaufkommen. »Das war nicht aufzuhalten«, heißt es aus dem Verkehrsministerium. Kein Wunder: Hans Leister (links) und Rüdiger Grube (dritter von links) brillieren als Eisenbahn-Traumpaar.
Umstritten im Bündnis ist allerdings Fleges weiches Herz: Muss die Allianz pro Schiene wirklich jedem Ex-VDA-Mann ein Praktikum anbieten, wenn er nur gut geölt die zehn größten Vorteile der Eisenbahn herunterbeten kann? Flege weist die nachdrängenden Jung-Bahnlobbyisten regelmäßig in die Schranken und betont, dass über einen bekehrten Sünder mehr Freude in der Eisenbahnerfamilie herrsche als über zehn Gerechte. Fleges Kritiker sprechen hinter vorgehaltener Hand von zu großer Nachsicht mit diesen Trittbrettfahrern des Erfolgs. Aber auch in verkehrspolitisch stürmischer Zeit bleibt das oberste Credo der Allianz pro Schiene unangetastet: »Du sollst Verkehrsträger nicht gegeneinander ausspielen«
Während das weltweite Schienennetz inzwischen durch ozeanische High-Tech-Tunnel eine Reise um die Welt in acht Stunden ermöglicht, wächst sich das Internet zur größten Herausforderung für die globale Allianz pro Schiene aus. Simulierte Computer-Mobilität droht die Menschen zu vereinzelten und sozial verarmten Stubenhockern zu machen, und die Angst-Syndrome vor realen Reisen nehmen besorgniserregend zu. Unter dem Schlagwort »Wir sind das Netz« startet die Allianz pro Schiene im Sommer 2100 eine vom Weltverband der Psychologen unterstützte Kampagne, um die Vorteile der Eisenbahn-Mobilität ins rechte Licht zu rücken: Schaffner mit Zweitausbildung DJ lassen die Reiselust explodieren, Sonderzüge mit Flitterwochen-Suite, Geburtsabteil und Unterwegs-Betraum befördern das pralle Leben und mobile Senioren können die rollende Residenz »Silberpfeil« buchen. Die Europäische Bahn AG, deren ICEs inzwischen auf allen Kontinenten verkehren, spielt bei der Rückeroberung der realen Mobilität eine Vorreiterrolle. Die EB-Doppelspitze aus Bahnchef Rüdiger Grube und Bahnchef Hans Leister (zusammen 300) haben deshalb für das Motto »100 Jahre Allianz pro Schiene« einen nachhaltigen Vorschlag: »Der Weg ist das Ziel«.
Bundesverkehrsminister Michael Schumacher (15, parteilos), Urenkel des legendären Formel 1 Piloten, schreibt ein begeistertes Grußwort. »Der Siegeszug der Eisenbahn war nicht aufzuhalten, obwohl wir von politischer Seite alles getan haben, um gegenzusteuern. Seit die Wettbewerbsbedingungen für alle Verkehrsträger die gleichen sind, gibt es kein Halten mehr. Sowas nennt man Schicksal. Total ideologiefrei. Mit Politik hat das gar nichts zu tun. Herzlichen Glückwunsch.«